Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 43 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurt a. M." Nachdem er einleitssnd die Verdienste des Vorsitzenden um der« Verein und die religiöse Bildung der Frankfurter Jugend gewürdigt hatte, ging er in großen Zützen auf die religiöse Unterweisung in der Schule ein und zog zunächst die Frage, ob ein Moralunterricht den konfessionellen Schulunterricht ersetzen könne, in den'Kreis seiner Betrachtungen Aus inneren und Pädagogischen Gründen und gestützt auf die Meinungen der hervorragendsten Erzieher kam er zu einem ablehnenden Schluß. Sodann widerlegte er die Meinung, als ob die religiöse Unterweisung denk Elternhause überlassen werden könne und beleuchtete die Gründe, aus denen gerade in unserer Gemeinschaft die religiöse Unterweisung der Erziehüngsstättc überlassen bleiben müsse. Dabei wies er uach, wie unbegründet die Besorgnis sei, als ob das Kind durch den Unterricht in einen Gegensatz zu den Anschauungen des Elternhauses gebracht werden, können Ebenso widerlegte er eingehend den Irrtum, als ob ein Religionslehrer nur die Zöglings seiner Parteirichtung unterrichten könne und wies darauf hin, wie eine solche Meinung notwendigerweise zu Spaltungen der Gemeinde fuhren müsse,' die schon im allgemeinen Interesse zu vermeiden seien. Im zweiten Teil seiner Ausführungen gab er einen kurzen Wriß über die Entwickümg, die der isr. Religionsunterricht seit Gründung der Vereinigung in den Frankfurter Schulen genommen hat und erwähnte u. a., daß der Unterricht gegenwärtig trotz der augenblicklich schwierigen Lage des Schulbetriebs immerhin (abgesehen von den mehr als 1600 Kindvcn der israelitischen höheren Lehranstalten und der isr. Volksschule) an 2057 Kinder in 32 Schulen (darunter. 23 höhere, 5 mittlere und 4 Volksschulen) erteilt werde, daß sich von allen isr. Schulkindern zirka 96o/o an dem unter dem Schutze der Gemeinde erteilten Unterricht beteiligen und daß die, wenn auch nicht gesetzliche, so doch faktische Gleichwertigkeit dieses Unterrichts mit dem der anderen Bekenntnisse insbesondere dadurch zum Ausdruck gelangt, daß er zu der gleichen Zeit wie der christliche Religionsunterricht erteilt wird. Auch! auf die Durchführung der Gleichberechtigung aller Bürger habe der isr. Religionsunterricht erfreulich gewirkt; gegenwärtig seien als festangestellte Lehrkräfte an den staatlichen Lehranstalten der verschiedenen Arten 5 Oberlehrer, 1 Oberlehrerin, 4 Lehrer und 13 Lehrerinnen tätig. Außerdem widme» sich! noch im Dienste der 'Gemeinde 12 Rabbiner bezw. Lehrer und 3 Lehrerinnen hingebungsvoll der religiösen Ausbildung der Jugend unserer Stadt. , Nach dem Dank an die Verwaltung der isr. Gemeinde, die sich allzeit bereitwilligst für die Hebung Und Ausbreitung des. Religionsunterrichts zur Verfügung gestellt, schloß der Redner, mit warmen Worten auch der Verdienste gedenkend, welche sich die Lehreck und Lehrerinnen durchs treue Pflichterfüllung für die Ausbreitung und innere weitere Vertiefung des Unterrichts ertvorbe» haben. — — Die würdige Feier endete mit dem von den oben genannten Herren innig vorgetragcnen und begleiteten Emmerichschen religiösen Gesang: „Meine Seele ist stille zu Gott." — Jüdische Frauenvereiuiguug 8- B. Das Programm der jüd. Frauenvercinigung, das auch in diesem Winter nicht durch Zirkulare bekanntgegÄen wird, enthält einen Kursus des Herrn Dr. Joseph Breuer und Einzelvorträge, zu tvelcheu Karten verschickt werden. Der Kursus' „Gesctzeslehre und Prophetenwort" beginnt Sonntag, den 12. November, abends 6 Uhr im Hörfaale Friedberger Anlage 5 und findet alle 14 Tage um die gleiche Zeit statt. Dienstag, den 14. November 4% Uhr im Kaffee Kursaal, Friedbcrgcr Anlage wird das erste gesellige Zusammensein in diesem Winter, veranstaltet, das sich: dreiwöchentlich wiederholen soll. Gesang, Luder zur Laute und Deklamationen werde» eine angenehme Unterhaltung dieser Nachmittage bilden. Der Kurs und die Zusammenkünfte werden künftig nur in dem Kalender der jüd. Fraueiwereinigung' bekanntgegebcn. „Montefiore"°Verein. Anr Dienstag, 14. November findet im Verein Montejwre der erste literarische Leseäbend statt. Die Leitung der Abende liegt. in den Händen des Herrn Dr. Plotke, des bekannten Dramaturgen 'am Neuen Theater hier. Damen und Herren, die sich! an den Abenden beteiligen wellen, können dies an den jeweiligen .Abenden ohne vorherige Anmeldung tun. Der Mttgistdottor. JkiMm. H Eine Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung.) Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ä. Wfere, Optiker, Liebfrauenstr. 1. Brillen, Pincenez, OpernglSser, Feldstecher) in jeder opt.-mechan. Spielwaren I Preislage kimIBiW. Oamptoiasriiinen. Latflrna-Maqica. Kinematooraphan etc „Einen Augenblick noch," bat er. „Sie haben mir neulich Liebes erwiesen, Lottchcn, Sie waren die Einzige, welche mir über meine Mutter Nachricht gab. Ich bin so arm' an Dank." „Lottchen, Lottchcn!" „Großpapa, riefst Du mich-?" „Freilich Kind, ich suchte Dich im Hause überall." Der alte Manu bog sich weit aus dem Fenster und winkte lebhaft: „Komm doch herauf, ich sehe Dich nicht, wo bist Du denn?" „Hier, Großpapa. Ganz in Deiner Nähe." (Das ivar das erste und einzige Mal in ihrem Leben, daß Lotte ihren guten, halbblinden Großvater belog.) „Es ist so dunkel schon," entschuldigte sich der Alte. „Höre, Mädchen, hier ist Herr Scholz, und fragt, merkwürdig genug, ob Doktor Goldmann sich bei uns aufhalte. Ich habe ihm einige Male versichert, der Doktor besuche uns nie, aber Herr Scholz besteht darauf, fein Freund müsse hier sein." „Geh nur wieder hinein, Großpapa, die Abendlust ist diel zu kühl für Dich,, und sage Herrn Scholz, er möge sich nur selbst in den Garten bemühen, ich wolle ihn au Deinen Worten zweifeln lehren." Gehorsam verschwand der Alte vom Fenster. Bald darauf kam Hans mit Riesenschritten in den Garten gerannt. „Hier ist er," flüsterte Lotte und führte Scholz an die Moosbank, auf welcher Max saß. „Finde ich Dich endlich?" keuchte Scholz, „Du niußt fort, Unglücklicher, auf der Stelle. Helfen Sie mir doch, Lotte, stehen Sic mir bei, ihn zu bewege», daß er ohne Sämnen die Stadt verlasse." „Was ist geschehen?" fragte Lotte. „Ich habe den Baron Dallwig getötet." „O mein Gott!" — Sie brach in Tränen aus. „Warum loeinen Sie, Lotte, weinen Sie um den schönen Baron, den Herzcnsieger?" )/Jch' weine um Sie, um Ihr verfehltes zerstörtes Leben. Gehen Sie, tun Sie, >vas Ihr Freund Ihnen rät." „Folge mir," drängte Hans, „unweit von hier wartet der Bauernfritz, sein Wagen bringt Dich sicher zur Bahn. Hier ist Gell», so viel Du^ brauchst. — Was besinnst Du Dich, willst Du gelyncht werden? Die Zernowitzer Bauern schlagen Dich tot, wie sie Dich finden." „Ich werde nicht fliehen," sagte Max fest, „was fürchtet Ihr beiden? Glaubt Ihr, man schleppe mich zum Schaffot? Ein Mörder wie ich, kommt gelinder davon." „Ein Duell ist kein Mord," sprach Hans. „Ein Duell ist ein Mord so schlecht wie jeder andere. Was ich tun muß, weiß ich, und auch Ihr sollt urich daran nicht hindern. Daß ich bestraft werde, fordere ich als mein gutes Rocht. — Ich gehe, Lottchcn, ich werde diese Stadt vielleicht nie wieder betreten. Können Sie sich überwinden, einem Manne, der das Kainszeichen auf seiner Sttruc trägt, ein Lebcivvhl zu bieten?" Da hob Lottchcn ihr träncnüberströmtes Antlitz zu ilM auf: „Was kümmert mich Dein Mord? Was Du verschnüret, uiöge Dir Gott vergeben," sagte sic leise. „Aber mir-— mir hast Du das größte Weh bereitet, das nur ein Mensch den« antun mag, — Du hast mich verschmäht, und! Du wußtest wohl, daß mein Herz Dir gehövc. Aber ich verzeihe Dir, Max Goldmjann, denn ich liebe Dich noch immer." Sic legte ihren Arm um seinen Hals und küßte ihm leidenschaftlich Mund und Wangen. „Lottchen, lebe wohl, mein verlorenes Glück." Er riß sich los und! wankteauf dem Arm des treuen Hans gestützt, davon. ': - 18. Kapitel. „Ich meinte," sagte sie leise, „daß Sic durch dieses Leiden doch auch Ivicdcr zu uns gehörten; doch cs ist gewiß recht konfus, was ijh Jtra spreche, wenn nur der Neine Fingernagel verletzt sei, schmerze ja doch die ganze HaUd." „Liebe Lottes er hatte ihre Hand umfaßt. „Sic haben recht, wir gehören zu einander. Ich hätte das nie vergessen sollen, aber ich büße dafür, büße mit Recht." „Es ist spät, ich muß hinein. . ." Sie machte sich ängstlich los — „der Großvater schläft gewiß schon längst." „Es ist alles Dein, Marie, behalte alles. Das Geld, welches ich Dir sende, ein jedes Ding, das in unserer Wohnung steht und liegt, soll Dir gehören, benutze und verkaufe, schalte damtt nach Deinem Wohlgefallen. Die Police ist auch dabei, nach meinem Tode wird Dir die Gesellschaft anstandslos oie vcrgeschriebene Summe auszahlen. Wenn ich am Lehen bleibe — ich lvünschc es nichts mir und nicht Dir —, sollst Du alljährlich durch die Hände des Herrn Johannes Scholz eine illeine Rente empfangen, denn ich kehre nie wieder zu Dir zurück.- Nr. 43 Das Einzige, was ich als Entgelt dafür von Dir verlange, ja Dir befehle, ist, daß Du meinen Namen ablcgest. Nenne Dich wieder wie Deine Mutter oder mit jenem prunkvollen Adclsprädikat, das Du so oft voll Stolz gegen den jüdischen Abkümniliug auszusprechen liebtest; — aber meinen ehrlichen Namen sollst Du nicht tragen, hörst Du Marie? Vielleicht würde ein Christ Dir verzeihen. Aber selbst Christus hat nicht befohlen, daß man mit der Treubrüchigen weitcrlcbc. Ein Jude vergrebt dem Weibe nie, das ihn entehrt hat. Aber was kannst Du für meine warmherzige Einfalt, jdie an Dich glaubte. Ich will Dich nicht beschimpfen. Lebe, wie Du kannst, ich hübe keinen Wunsch für Dich. Du gabst mir zu locnig des Glückes für so viel Schande. M a x." Mißmutig Ivollte Marie den Brief zerreißen, — da bedachte sic, daß er als eine Art Testament ihr ein unbeschränktes Verfügungsrckcht über ihres Mannes Hab und Gut einräume, — und wer weiß, ob, wenn Max tot war, die Gloldmanns nicht Lust bezeigten, ihr einen Teil der Erbschaft streitig zu. machen? Nein, das war ein Schriftstück für Leben und Sterben. Behutsam faltete sic es wieder zusanucken,und schob es in die vor ihr liegende Brusttasche. Dann begann sie eifrig das Geld zu zählen. Tausend Mark! Nun sage ihr einer, wo hätte der Mann all das Geld verborgen gehabt. Wenn sie-das früher gewußt hätte! Der Geizkragen! Wie oft hatte er ihr ein Kleid, einen Schmuck verweigert .mit der leidigen Ausflucht: er habe nichts, sie möchte sich einschränkcn und sparen. Da blinkte noch etwas Goldiges in einem Winkel der Tasche, sie zog cs hervor: der Trauring ihres Mannes. Aergerlich warf sic ihn beiseite. Was dieser Max für-häßliche, verächtliche Einfälle hatte! Außerdem war der Ring wirklich nicht viel wert. — Der Lehrling des Apothekers trat herein und brachte von seinem Herrn eine Empfehlung: „Die Frau. Dottor möchte auf ein Paar Minuten uach der Apotheke kommen." Der junge Mensch zeigte ein auffallend verstörtes Gesicht, die wenigen Worte seiner Bestellung winselte er mehr denn er sprach, dabei schlotterte er au allen Gliedern. „Was haben Sie, Staß?" fragte Marie. „O Panni Doktor!" stieß er weinerlich hervor, „welches Unglück wird das geben, welches Unglück!" „Woher wissen Sic. denn das?" Marie war ganz bestück. Wie? hatte mä» in der Stadt den Entschluß ihres Mannes, seine Ehe zu trennen, schon erfahre»? Nun wurde sic unfehlbar in aller Leute Mäuler geraten, sie wußte, wie das tat, sie hatte ja selbst ein Züugleiu, das „das tapfer Schmälen" gelegentlich ähnlicher unliebsamer Begebnisse bei dem lieben Nächsten aus dem Grunde verstand. Aber sie wurde sich auch ihrer Haut zu wehren wissen, man sollte ihr nur konimcn. Stirurunzelud fuhr sic den. langen Burschen an: „Wollen Sie endlich sagen, wo Sic den dummen Klatsch aufgeleseu haben?" „Woher? Ja woher! Eben kommen die Leute in die Apotheke, die erzählten..." „Nun, was erzählten sic? So reden Sie doch, und schneiden Sie nicht ein so jämmerliches Gesicht." „Die erzählten, vorgestern abend an de» Mühlen hätten sie den Nebelrciter gesehen." Den Nebelreiter! Marie atmete auf. Man sprach noch nicht von ihr, man wußte also nichts. Sie würde noch Zeit haben, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen und sich als ein verlassenes, schwer beleidigtes Weib hinzustellen. „Der Nebelrciter. Dummer Schnack!" Staß schlug die Hände über den Kopf zusammen. An den Nebelreiter nicht zu glauben, — welche Sünde! Aber das rühre nur davon her, daß die Panni Doktor diesen Unchristen geheiratet habe. Und Staß konnte nicht umhin, diesen Gedanken seiner freigcistigcn Herrin mitzuteilen. Marie wollte ausbrausen, sagte dann aber ziemlich ruhig: „Lassen Sie's gut sein, Staß, wenn mein Mann einmal sterben sollte, einen Juden uchmc ich nie wieder." In einem finstern Zimmerchen, das, hinter den Verkaufsräumen der Apotheke gelegen, seinem Besitzer zugleich als Kontor und verschwiegenes Kneipwinkelchen diente, cnftisiilg Onkel Mucha seine Nichte mit bitterer Miene. „Daß Du's nur weißt, Du unbesonnene Person, eben sind Dein Mann und der Baron Dallwig hinausgcfahren, um sich Deinctivillen die Hälse zu brechen." „Meinetwegen? wieso meinetwegen?" „Trotze Du noch!" rief der Apotheker voller Wut.