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Neue jüdische Presse · 1916-11-03 · Heft 42 (3.11.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 42 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42. „Unmöglich. Dagegen Würde ich Sie bitten, mit mir sofort ninzukuh'ren." - „Weiter nichts? Weräre mich ivohl hüten." . „Herr Amtsrichter, ich habe -Ihnen eine amtliche Mitcilnng. Scligsohn hielt sich die Ohren zu. „Verschonen Sie mich Deute gefälligst mit allen Amtschikanen mein Bester, mir ist der Kopf von anderem Aerger warm genug." Er sprang vom Wagen. „Kvinnren Sie Doktor, gehen rvir ein wenig beiseit," und leise zischelte, er, „ich befürchte, der Kutscher steht auch in ihrem Sold . . . ich meine, in dem meiner Frau. Sie hat ein unerträgliches Spioniersystem bei allen meineir Dienstboten eingeführt, und so ist sie denn auch hinter die ganze Geschichte gekommen." „Hinter welche Geschichte?" „Nun — unsere kleine Gouvernante, ein. bildhübsches Ding — zart — sanft — ein weißes Reh -- kurz, wie das so geht — meine Frau hat etwas aufgefangen, einen Brief, einen Zettel, was weiß ich-? heute früh wurde mein holder Trostcngel mit grausamem Spektakel aus dem Hause gejagt. Jetzt fliege ich zur Bahn, um meine kleine Olga, die mir so zärtlich ergeben wirr, im verschwiegenen Coupce ein Stückchen zu begleiten. Es geht nichts über eine solche Eskapade mit einer süßen kleinen Freundin- . — Sie sehen übel aus, Mann. Ja, die Frauen, die Frauen! Und die schlimmsten unter allen sind die legitimen. Kenne das! Sollten sich auch mal 'ne kleine Erholung verschaffen, Doktor. Was wäre weiter Schlimmes daran? Nicht ohne-hinreichende gute Gründe haben die alten Deutschen den famosen Rechtssatz hingcstellt: Der Mann kann nie die Ehe brechen. Waren Hauptkerle, diese Nrteutonen mit ihrem strotzenden Selbgefühl. Aber Sic, Doktor, Sie sind ein froschblütiger Tugendheld. Verdammen Sie mich meinetwegen, aber" — er lachte über de» eigenen Einfall — „setzen Sie, wenn Sie können, meine sittenstrenge Ehehälfte ins Paradies." „Verzeihung, Herr Amtsrichter, aber das ist eine Dummheit, was Sie da anstellen wollen." „Sie werden sehr deutlich, mein Herr." „Ich will Sie nicht beleidigen, ich will Sie nur —" „Verteidigen?" „Nicht doch, ich tvill Sic nur, nochmals Verzeihung, znr Vernunft bringen. Lassen Sie Fräulein Olga getrost nrit allen süßen Erinnerungen allein ihres Weges zich'en und kehren Sie unverzüglich um." „Sie sind ein langweiliger Sittenprediger, Doktor, Adieu."Er schritt auf den Wagen zu, aber Max hielt ihn unsanft zurück. „Herr Amtsrichter, Sie müssen mich hören!" „Ach, die amtliche Mtteilung," rief Seligsohn verdrießlich, „wahrscheinlich eine Angelegenheit von unheimlichster Wichtigkeit. Was tausend ist vorgekommen? Haben Sie einen Giftmord entdeckt oder einen Räuberhanptmann gefangen?" „Ich habe den Baron von Dalltvig erschossen." Seligsohn fuhr betreten zurück. Der Doktor war wohl nicht bei Verstand. Er versuchte ihn auszulachen und sagte mit erkünstelter Heiterkeit: „Das klingt für einen Spaß sehr ernsthaft." „Sie glauben mir nicht? Wenden Sie sich um. Sehen Sie die Männer, welche eben aus dem Walde treten mit einer Bahre? . . . In wenigere Minuten werden Sie der Leiche begegnen." Der Amtsrichter sah nach der bezeichnet«! Richtung und erschrak fürchterlich. Er vergaß seine Reise, Fräulein Olga und die eigene häusliche Misere über diesen unheimlichen Mann, der starr und trotzig vor ihm stand; er wußte kaum, was er sprach, da er ihn fragte: „Warum sind Sie nicht fort?" „Fort? Wohin? Ansreißen wie ein gewöhnlicher Verbrecher? Wenn ich romanttfch boanlagt wäre, würde ich sagen, ich habe den Ehrgeiz, ein ungewöhnlicher Verbrecher zu /sein. Aber Äh S&m mir ein Durchschnittsmensch, Romantik überlasse ich anderen." Er sah spöttisch auf Seligsohn, der sich für die Eiseilbahnfahrt mit Fräulein Olga mit einem wahren Don Juan-Kostüm heransstafficrt hatte: einen Doppelkragenmantel ä la niuraille und verwogcncn breiten Künstlerhüt, unter dem er in peinlichster Verlegenheit jetzt hervorsah. Er stanrmelte dann auch ganz verwirrt: „Aber, wohin ivollen Sie denn?" „Auf geradeiil Wege wieder nach Trebanobitz." . „Ach, Sie ivollen noch einmal Ihre Frau —" „Nein. Ich will gar nichts. Höchstens eine armselige knappe Stunde Zeit, dann werde ich mich ihrem Verhör unterwerfen." Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Sr Kaffee Knhland ^5 Kaiserstrasse 56 Kaiserstrasse 56 Täglich erstklassige MT Unterhaltungsmusik »MM .— ■■ Gesangs - Einlagen. Er ging. Der Amtsrichter raste in wilder Eile nach der Stadt zurück. Jil hellem Leichtsinn ivar er ausgefahren, Pflicht und Grauen trieben ihn ioieder heim. 17. Kapitel. Das Haus des Rabbiner Jakob prangte als das stattlichste aller Judenhäuser in Trebanobitz. Ehedem war seiil Besitzer ein wohlhabender Mann gewesen, dessen Wohltätigkeit und Gastfreiheit einen weit über Oberschlesien hinausreichendcn, ausgezeichneten Ruf genoß. Nun war es zivar mit der Wohlhabenheit längst vorbei, dieweil das unablässige Wohltun, welches der fromme Mann übte, gewiß seinen Ruhm vor Gott und den Menschen gewalttg vermehrte, sein Hab und Gut aber iu gar bedenklichem Maße zusannnenschrumpfen ließ. Derowcgen ließ sich der Alte aber keine Betrübnis angehen, das allmähliche Verschwinden seines Vermögens bemerkte er kaum, er hätte mäßig, bedürfnißlos Nne die Urmenschen der Bibel zu leben vermocht und dabei immer noch Talent gezeigt, Methusalems Alter zu er- reichen; aber es nmr doch gut für ihn, daß seine Enkelin Lotte sein Hauswesen verwaltete und die spärlichen Reste des ehemaligen. Besitzes ihm energisch zusammenhielt. Nur tvenig war aus dem Glanze früherer Tage unversehrt geblieben. Das Haus — seine Mauern konnte der Alte nicht ohne weiteres verschenken — und der herrliche große Garten, ihn hatte zum Glück die Freigebigkeit des alten Herrn schonend geachtet. Der Garten nmr schön! Schon Anfang April standen die prächtigen Obstbäuine voll weißer Knospen, und der laue Westwind, der seit urdenklichen Zeiten als ein Taugenichts und Mädchenjägcr unter den ernsthaften Winden gilt, trieb lustig sein Spiel mit den tveißen Blättchen, die er zahllos in Lottens dunkle Locken warf, so daß der hübsche Schwarzkopf, der diesen Abend unter den hohen Bäumen lusttvandelte, eher dein Schnecweischen in dem deutschen Märchen glich denn einem kleinen lebendigen Judenmädel. Goldmann stand hinter dem Gartenzaun, nnschlüssig, ob er in den Garten tteten oder noch aus seinem Versteck das junge Mädchen eine Weile betrachten wolle. Er fand Lottchen auffallend verändert. Der kleine Kobold mit „dem großen Mund" war ein bleiches ernstes Mädchen geworden, das müde und traurigen Blickes vor sich niedersah. Da er ein paar Fliedcrzweige beiseite bog, um sie besser sehen zu können, hatte ihn auch ihr Blick entdeckt. Nun schrie, sie leise auf. Ob er so etlvas Fürchterliches vorstelle, fragte Max. Lottchen wurde rot. „Nicht doch. Nur, weil ich heute den ganzen Tag an Sie gedacht habe, erschrak ich jetzt, als ich Sie plötzlich wie meinen Gedanken entsprungen vor mir, stehen sah." „Sie haben meiner gedacht, Lotte? Darf ich hereinkommen und Ihnen für diese Worte danken?" ' „Kommen Sie nur herein, obwohl cs garnichts zu danken gibt." Sie öffnete die Pforte, er folgte ihr in den Garten und ging langsam an ihrer Seite auf und ab. „Wie schön es hier ist! Ein wahres Paradies," sagte er träumerisch. „Seit meiner Kinderzeit habe ich diese herrlichen Laubgänge nicht mehr iviedergesehen. Erinnern Sie sich noch, Lottchen, wie wir einmal, meine Schwestern und ich, aus Kronstadt zu Besuch herüberkarnen? Hier haben wir als Kinder gespielt, hier auf dieser Moosbank war unser Reich, und Sie mußten immer meine kleine Königin sein. Sie gingen stets weiß gekleidet, so wie heute, ich liebe die weiße Farbe vor jeder anderen. Ich hatte niemals ein zarteres und zierlicheres Geschöpferblickt, Sic waren das niedlichste von allen kleinen Mädchen, keine andere mochte ich um mich leiden als Sie." „Ich habe nichts vergessen," antwortete sie leise, „aber wir dürfen nicht mehr davon sprechen." Nein, sie dursten nicht mehr davon sprechen. Er hätte gern ihre Hand gefaßt, aber er wagte es nicht. „Lottchen!" „Was wünschen Sie?" „Sie haben sich heute meiner erinnert —" „Ja. Man hat uns, mir und meinem Großvater von Ihren: Streit mit Herrn vonn Dallwig erzählt, das Ivar recht häßlich," setzte sie voller Abscheu hinzu. „Der Großvater aber meinte, es wäre doch mcrkivürdig, daß Sie, der Sie doch —" Seite 5 Sie stockte und wurde verlegen. „Der ich doch nur ein schlechter Jude sei," ergänzte Max- „Sagen wir, kein eifriger," fuhr sie lächelnd fort, „daß Sie dennoch um Ihrer Abkunft tvillen von den andern so viel Böses erleiden müßten, und da »meinte ich — aber Sie werden mich auslachen." „Ich — Sie!? Lottchen, wüßten Sie, wie ich auf Ihre Worte brenne." (Fortsetzung folgt.) Buute Chronik. Ein vergessenes jüdisches Bolksvermöaen. . „Jewish Chronicle" schreibt: Im Jahre 1776 während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges lieh der Bankier Chaim Salomon der aincrikanischeu Regierung 660 000 Dollar als Kriegsanleihe. Die Schuld ist bis heute nicht zurückbezahlt, und sie beträgt heute mit Zinsen etwa 150 Millionen Dollar. Als Taft Präsident war, machte man ihm von jüdischer Seite den Vorschlag, mit dein Gelde eine jüdische Universität in Washington zu gründen. Die Zeitung „Jewish Tommeut" bringt jetzt die Sache iu Erinnerung und fordert die jüdische Oeffeutlichkeit auf, sich zu bemühen, daß das Geld dem jüdischen Volke nutzbar gemacht werde. Knust und Literatur. Verhandlungen und Beschlüsse der Generalversammlung des Rabbi nerverbau des in Deutschland zu Berlin am 9. und 10. Mai 1916. 256 Seiten. Mk. 2—. Frankfurt a. M„ I. Kausfmann. Inhalt: Eröffnung der Versammlung und Bericht des Vorsitzenden (Prof. Dr. Guttmann-Breslau). — Kassenbericht. .— Referat über die Militärseelsorge (Dr. Kopfstein- Beuthen); Diskussion. — Referat über den Religionsunterricht in den höheren Lehranstalten Preußens (Dr. Roseuberg-Thorn); Diskussion. — Wahl des Zentralausschlusses. — Referat übler die Stellung des Rabbiners zti der -Ostjudenfrage (Dr. Goldmarin-Oppcln). — Referat über die Witwen- und Waisenkasse (Dr. Freudeuthal- Nürnberg): Diskussion. — Anträge; Schlnßansprache. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald, Rabbiner der isr. Kultusgemeinde in Wien. 19. Jhng., 1.—4. Heft. 72 Sfitcn. ffivigtt 1916. ' Inhalt: Rechts und links in der Bibel und Tradition der Juden (A. Löwinger). — Hebräische Worte in der Frickhöfer Krämersprachc (R. M. Nathans. — Bücherschau. Jüdisch es Archiv, Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kttegsarchiv". Heft 6 und 7. 56 Seite». 80 Pfg. Wien, N. Löwit. Wir entnehmen dem reichhaltigen Hefte folgende Liste der jüdischen T r ä g e r d e s E i s e r u e n Kreuzes 1. Kl. (Bis 1. Mai 1916)1: Fliegerleutnant I. Zürndorfer-Rexingcn, Leutnant Gottlieb Sender-Berlin. Fritz Meder-Stettin, Leutnant Reichstagsabg. Ludwig Haas, Leutnant Erich Nathan-Elberfeld, Leutnant Hugo Gutniann-Nürnberg, Oberleutnant Josef Hesselberger. Leutnant Theodor Bissinger, Leutnant Walter Eallrnann-Beuthen, Leutnant Benno Barme, Leutnant Max Lazarus- Mühlhausen. -Oberleutnant Dr. Mauneberg-Oppeln. Leutnant Fr. Arnbach-Metz, Leutnant A. Michclbacher-Erefeld, Veterinär Berthöld Lewin-Königsbcrg, Stabsarzt Dr. Gg. Tavidsohn-Eharlottenburg. Stabsarzt Dr. Max Samuel- Köln, Andreas Ruesf-Mühlhausen, Oskar Bricger-Hohensalza, Mar Thalheimer-Lehrensteinfeld, Fr. Beckhardt-Wallerthcim, Josef Kühuberg-Lieqmtz. Leutnant Kurt Lewinsohn-Königsberg, Stabsarzt Dr. Bornstein-Hamburg, Gg. Herzog-Berlin, slssessor Leo Caro-Berlin, Ludw. Levh- Segebera. Mar Elias-Hannover, Kirrt Hirschfeld-Berlin. Lrrdw. Berger-München, Leutnant Dr. Alfr. Wiener-Bres- Arthrir Wartski, Otto Beer-J»gelheim. Fritz Zeririck-Glerwitz, Fritz Eharig-Brcslau, Franz Freudenthal-Berlin, Hugo Zwing-Breslau, Dr. Herrn. Elias-Berlin, Adolf Mernelsdorff-Samter, Flugzeugführer Moll, Leutnant Marchki- Berlin und Stabsarzt Hallauer-Eharlottcriburg. An Bord. Kriegserlebnisse bei der schwimmenden Und fliegenden Wehrmacht Deutschlands. Bon Anton Fenrich. 140 Seiten. Preis geh. Mk. 1.—. gevd. Mk. 1.60. Stuttgart, Franckh'sche Berlagshaiidlung. Auch dieses Büchlein ist ganz der Fendrich mit seinen Hellen Augen, seinen offenen Worten und seiner lebendige» Schilderungsweise. Sein Büchlein ist eine herzhafte Kräftigung unb reich an Belehrung. Möge es im deutschen Volke die weiteste Verbreitung finden. i A m Weichsel st taub i m Pole » larrd. Kriegsbricfe aus der Etavpe von Unteroffizier Fr. Wi l hel»r. 1. Teil. 88 Seiten. Frankfurt a. M-. Kurnpf & Reis- Ei n ansprechendes Büchlein. Es sind Briese eines Laiidstürmers, der irr -seinem Friedensbcrufe wohl Lehrer — und zwar ein tüchtiger Lehrer — sei» dürfte, an Frau und Kinder. Der furchtbare Ernst des Krieges, Einblicke in das Getriebe der polnischen Bevölkerung und so manches andere Erzieherische und Lehrreiche sprecherr aus den Zeilen. Der Schreiber hat auch den polnischen Juden menschlich uäherzritreten gesucht. Besonders die Sprache der polnischen Juden, das Jiddische, scheint ihn gefesselt zu haben: nrchrcre Proben jiddischer Gedichte teilt er im Original und in eigener Ueberfttzung mit. Die Legende von der Schihiua hätte er sich nickt von einem Pole,?, sondern von einem Inden erzählen lassen solle»:, so gibt "er sie durchaus entstellt wieder. Hier nur eines: „Lametivasf" ist der hebräische Zahlcirivert von 36.

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