Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S eite 4. Gemeinde stolz war, auch! alle Frankfurter Fasttage und betete auch an diesen Tagen in der Synagoge ani'Börneplatz, wo diese Fasttage offiziell gehalten werden, vor. Er war ein eifriges, verdientes Mitglied der nralten Schaß-Ehcvro. Nicht nur seine innige Uhävas hatauroh, seine große Liebe zuin Torastndimn, sein scharfer Verstand, sein' schnelles Erfassen, sondern ganz besonders die reiche Fülle des Wissens, das ihm auf allen Gebieten jüdischen „Lernens" zur Verfügung stand, verliehen dem Znswnmenlcrnen .mit ihm einen erhöhten Reiz. — Darauf widmete Jsaac Mainz dem „Geistesuud Gesinnungsgenossen" warme Worte der Erinnerung, dem Manne, der die gute alte Zeit dadurch verkörpert hat, daß er die vielen Jahre in dem einzigen in der alten Judengafse noch erhaltenen Hause, dem Rothschildscheu Stammhaus, gewohnt und' in diesem Hause den Geist altjüdischer Frömmigkeit und echt jüdischen Wohltuns gepflegt hat. In Leopold Zunz ist ein Mann dahingegangen, der das Lebcnsprogramm unseres Stammvaters Abraham verwirklicht hat: „Hishalech lcfonai weheje homim". Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Jehndi. Seteilt des 3üÄ. Frauenbundes Neu-Nseuburg. Haus I ist für' die Erziehung sittlich gefährdeter weiblicher Jugendlicher und Haus ll für den Schutz von Mutter uno Kind bestimmt. . ' - In den Jahren 1914 und 1915 waren 76 Neuaufnahmen zu verzeichnen. 36 Erzichungsfälle, 22 Mütter mit ihren Säuglingen und 18 Kinder, die zum Teil vorübergehend Aufnahme fanden. Die 'Zöglinge im Hanse I werden in allen Zlveigen der täglichen Haus-, Wäsche--, Küchen- und Näharbeit unterwiesen. . «übliche Fürsorge., Dem Berichte für 1915 sei folgendes entnommen: Im Flüchtlings he im , Fahrgasse 146 fanden vom August 1914 bis Mai 1915 28 Familien mit 163 Personen Unterkunft. Am 31. Mai wurde das Heim geschlossen und die Fürsorge gemeinsam vom Fsr. Hilfsverein, dem Oesterr.-Ungar. Konsulat und den Bereinigten Wohlfahrtsstellcn 1914—1916 in offener Armenpflege übernommen. Mit dem Jsr. Hilfsverein, dem Almosenkastcn der Jsr. Gemeinde, der Jüd. Frauenvereinignng und den Bereinigten Wohlfahrtsstellcn 1914—1916 arbeitet die Weibliche Fürsorge eng zusammen. Auch die Zusammenarbeit mit der jüdischen Sammelbormundfchaft und der .1913 gegründeten Kommission für Kinderfürsvrgc hat sich weiter günstig entwickelt. Das Kinderhaus hatte gewöhnlich! 7 Säuglinge und 11 größere Kinder in Pflege, doch es nlußtc Vorsorge getroffen werden, während der Kriegszeit statt für 18 für 30 Kinder Unterkunft zu schaffen. Der Kinderschutz-Kommission unterstehen jetzt 175 Kinder. - Die Stellenvermittlung (Telefon Hansa 3425) wurde täglich von durchschnittlich 30—40 Personen besucht. . Don Oktober 1914 bis Oktober 1915^ meldeten sich. 908 Arbeitgeber und 1724 Arbeitnchiner. 60«'» der angemelde- Stellen und 35«,'o der Arbeitsuchenden fanden eine günstige Erledigung. Bei der Berufsberatung meldeten sich! 28 Mädchen, wovon 12 in geeigneten Stellen rnitergebracht wurden. Gegenwärtig wird versucht, weibliche Lehrlinge bei Tapezierern, Dekorateuren, Konditoren usw. unterzubringen. Im Zimmer für durchreisende Frauen und Mädchen Burgstraße 19 fanden seit Kricgsbeginn 72 Personen Obdach'. Die Bahn Hofs'Hilfe beschäftigte sich seit August 1914 mit 428 jüdischen Fällen. -Die Gefangenen für sorge machte im vergangenen Jahre 30 Besuche bei 20 weiblichen Gefangenen. ' Die Lehrnähpub e mußte mangels genügender Beteiligung nach fünf Monaten wieder eingestellt werden. Die Errichtung eines Heimes für männliche Jugendliche blieb vorläufig in der Finanzierungsfragc steökn. Auch' die Berufsberatung für die m fl » „ - lich'e Jugend soll im Auge behalten werden. Au zahlreiche» interkonfessionellen Organisationeil arbeitete die Weibliche Fürsorge mit. Die Frau Dr. Frank ruiterstehenden W v h » r K u m e hatten 33 Insassen, Kontoristinnen usw. Säuglings! - Milchküchc. Mädchcnklub, Ortsgruppe des Jüdisch'en.Francnb u ndcs und Heim des Jüdischen Frauenbundes schließen sich der Weibl. Fürsorge an. Hinter den flüchtig hingeworfenen Strichen, die wir hier aus dem Bericht der Weiblichen Fürsorge wiedergeben, verbirgt sich eine Fülle selbstloser, aufopferungsvoller Arbeit. „Mo«testore"-Verein. Der Verein „Montefiore" beginnt seine Wintertätigkeit am Mittwoch, den 8. Novemb'er mit einem Vortrags-Abend künstlerische» Inhaltes. Außer diesem erste» , Ilnterhaltiingsabcnd werden wöchentlich allgemein besonders interessierende Fragen an den Mittwochabenden durch eine Reihe bewährter Redner behandelt werden. Die Freitagabende beginnen am 10. 11. Näheres wird durch Bekanntmachungen urrd Programmzuscndungen mitgctcilt. Ostjudenfrage. In dem überfüllten Saale der Frankftirt-Loge sprach am vorigen Mittwoch im Verein fiir jüdische Statistik und Demographie Nach um Gold mann Wer die Ost- „ jWenfrage. -; Frankfurter Israelitisches Familienblatt. IFwa «n #|<m Erlanger Hachf. MMm Jkraiuer Kalserborsfr. 14. Waschen, Fürhon und Faponnleren aller Art Harren- und OamenhütBm -Abholang und Lieferung frei ins Haas. — Die Ostsiiden stehen jetzt — genau wie die Westjndeu vor 100 Jahren — vor der Emanzip ation. Dabei besteht die Gefahr der Assimilation. Denn der Ghettojudc ist wurzellos. Nur in seiner Religion ist er verankert. Eine plötzliche Emanzipation könnte daher seinem seelischen Halt gefährden. Vielmehr muß, den Ostjuden die Möglichkeit gegeben werden, eine organische Autor m a n zipation dnochzuführcii, muß ihnen das Selbstbestiinnmiigsrecht getvährt tvcrdcn. Daraus erwächst die Forderung der Anerkennung der Inden nebeii den Polen und zwar in politischer Hinsicht durch! Einführung des Kuriensystems, in kultureller Hinsicht -durch Anerkennung des Jiddisch. Diese Forderungen sind umsomehr berechtigt, als die Inden in Polen eine starke 'Minorität bilden und besonders in den Städten in großer Zahl vertreten sind, sodaß es sogar einige Städte gibt, in denen 90°/« der Bebölkcrimg Inden sind. Redner geht jetzt zum Verhältnis der Juden z» den Pblen über. Vor der russischen Revolution lvar das Verhältnis gut. Denn die von der russischen Regierung unterdrückten Polen gingen Hand in Hand mit den Juden. Nach, der Revolution Wer gaben die Polen ihren Kampf für Freiheit auf und schlossen sch der herrschenden russischen Reaktion an. Die „Nationaldemokratie" machte Konzessionen <m Rußland und blegann den Kampf gegen die Juden. Sie forderte vor allein die Nationalisierung /der Wirtschaft und arbeitete eifrig an der Durchführung derselben. Es ist daher nur verständlich, daß, als vor einigen Jahren die Dumawahlen stattfanden, die Juden fiir den Sozialdemokraten Jgiello stimmten, der für ihre Rechte eintrat, und ncht für den von der ihnen feindlichen „Rationakdemokratie" anfgestelltcn Kandidaten. Darauf aber proklamierte die Nationaldemokratie den Boykott gegen die Juden, der täglich! immer größeren und gefährlicheren Umfang annahm. Es kam der Krieg. Die Polen arbeiteten jetzt mit furchtbaren Denunziationen gegen die Juden und erklärten das gesamte jüdische Volk für Verräter und Spione. Da besetzten die Deutschen Polen. Sofort wurde die Lage der Juden besser; denn die deutsche Politikin Polen will eine Scheidcmancr gegen Rußland schaffen, und dabei will sie ~ die Minoritäten schützen. Außerdem erkmmtcn die Deutschen sofort, daß die Juden die. heften Vermittler sein würden, für den Anschluß Polens an Mitteleuropa. Es erfolgte daher aus diesen Gründen die Anerkennung der Juden. Das äußerte sich, zunächst in der Anerkennung des Jiddisch. - Dann aber auch in der Einführung der Prvportionalitäts- Wahl für den Warschauer Stadtrat, einer für die Juden überaus günstigen Form der Wahl. Auch! das Verhältnis zu den Polen wurde etwas besser. Die Juden streckten die Hand zur Versöhnung aus, dadurch!, daß sie bei den Wahlen auf' die Hälfte ihrer Mandate verzichteten und auch die Polen mußten einsehen, daß eine gewaltsame. Polonisierung einen bauernden Kampf bedeuten würde. So kam. eine gewisse Verständigung zustande. — Darauf geht der Redner zur viel besprochenen Frage des Grenzschutzes Mer: Die Furcht der Antisemiten ist unbegründet, denn Deutschland ist kein Einwaudernngsland für Juden. Das sieht man daraus, daß in den letzten 10 Jahren nicht einmal 1000 Juden jährlich in Deutschland eingewanbert sind. Im übrigen wird durch die Gleichberechtigung der Juden in Polen die Auswanderung völlig verhindert. Die deutschen Juden müssen natürlich, tnit aller Schärfe gegen den Grenzschutz cintreten. Ucberhäupt ist cs die Pflicht der deutschen Inden, die Solidarität mit den Ostiuden aufrecht zu erhalten und mit ihnen zu kämpfen für ihre Forderungen der Autoemanzipation und der nationalen Autonomie. An den mit großem Beifall aufgenommcnen, glänzenden Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Es sprachen die Herren Red. Kahn, Schloß, Blatt und Dr. Warmbrunn. Letzterer meinte, die Aufgabe der deutschen Inden sei es vornehmlich, die Ostjndeii zu erziehen und zu Menschen zu machen. Darauf erwiderte Redner in seinem Schlußwort, das ans derselben geistigen und rcthorisch'en Höhe stand, wie der Vortrag selbst, daß zwar die Ostjilden sehr erfreut sein werden, wenn die deutschen Inden mit ihnen zusmnmenarbcitcn wollten, daß sic sich aber jegliche Bevormundung verbieten müssen. Denn vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet —- und der kommt ja hauptsächlich in Frage — stehen'die Ostjndeii den deutschen Juden nicht nur gleich, sondern haben in jüdisch-geistiger wie moralischer Hinsicht ein Plus vor ihnen voraus. - f K. D>. 100. Mouatssitzung der Vereinigung israelitischer Lehrer und Lehrerinnen. Mitttroch abend fand in der Aula des Philanthrvpins eine weihevolle und würdige Festsitzung des Vereins israelitischer Lehrer und Lehrerinnen statt, in der die Herren Dr. Höxter und Dir. Dr. Adler sprachen. Wir werden in der nächste» Minimer einen ausführlichen Bericht darüber-bringen. „VICTORIA“ Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Hanta Tel. 2002. || GUtlCütStr&SSG 18. - Hanta Tel. 2002 Spezialit&t: Kragen, Manschetten und Hemden. Nr. 42. HMetml. Der Mttgiftdottor. Eine Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung.) „Verzeihen Sic meine Unpünktlichkeit, ich habe in ganz Trebanobitz und Umgegend keinen Gentleman auftreibeu können, der nur halbwegs über genügende Fähigkeit und guten Willen verfügte, mir Sckundantcndicnste zu leisten, und nun muß ich an die Gefälligkeit des Herrn Baron appellieren, mir einen seiner Assistenten zugesellen zu ivollen." Bodo murrte zwar, das wäre nicht Coinment, lies; sich aber, da jeder der Paukanten eine Verzögerung der Austragung für unmöglich erklärte, von dcnr Unparteiischen, als welcher der Sanitätsrat fungierte, überreden, den: Doktor zu assistieren. Man hatte zwanzig Schritte Distanz mit einmaligeiii Kugclmechsel verabredet; ehe die Sache stieg, machte der Sanitätsrat den üblichen Sühneversuch. Des Doktors überaus feines Gehör hatte Dallwigs Antwort an den Sanitätsrat aufgefangcn: „Geben Sie sich keine Müh«, lieber Rat, ich werde ihm einen Denkzettel'versetzen und damit basta. —" Als sich der Unparteiische nun Goldmaim näherte, sprach der Doktor laut, mit unverkennbarer Absicht drüben verstanden zu werden: „Sagen Sie dem Herrn Baron, er möge sich Hüten zu fehlen, ich habe die ernsthaftesten Vorsätze, ihm das Leben zu nehmen." „Nun, das wird lustig," hatte Dallwig erwidert und dann Waldemar, der mjt Feuereifer die Gleichheit der Waffen prüfte, zngeflüstcrt: „Gicb acht, wie ich den Schwadroneur heimschicken werde." Waldemar kommandierte : „Drei — los!" Beide schossen a tempo. Dallwig's Kugel streifte des Doktors Schulter und sauste vorbei. Der Baron stand eine Sekunde — es war, als ob sein Körper im Stehen erstarre — lautlos —, dann siel er kerzengerade um, wie ein Baum. Djc Andern flogen herbei. „Kurt — Kurt!" schrie Waldemar, „um Gottcswillcn, er ist getroffen. —" Der Sanitätsrat hatte Dallwigs Rock geöffnet und legte sein Ohr an des Gefallenen Herz. „Bemühen Sic sich nicht mehr, er ist tot," sagte eine kalte Stimme. Goldmann schleuderte die Pistole jn den nahen Teich, grüßte die Herrn und ging oavon. „Tot, tot!" jammerten die Studenten, während ihnen die heißen Tränen über die Backen rollten. „So helfen Sie doch," rief Bodo verzweifelt dem Sanitätsrat zu, „es darf nicht wahr sein." Äer Sanitätsrat erhob sich. „Wenn Ihnen Doktor Goldmann sagt, daß er tot sei, können Sic cs ihm aufs Wort glauben, cs gicbt keine Hilfe mehr." „Aber er ist ja noch warm!" stöhnte Bodo. Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. „Er war schon tot, da er noch stand. Meine Herren, ich praksizicre schon dreißig Jahre, ich habe in drei Feldzügen Verwundete und Sterbende unter meinen Händen gehabt, das heutige Duell ist vielleicht das zwanzigste, welchem ich beiwohnte, aber ich habe nie einen ähnlichen, unfehlbaren Schuß gesehen. Armer Junge, vorhin noch so schön und lebensfroh! Aber gestehen Sic, meine Herren, dieser kleine Jude brr~lönntc recht gut für einen Ihres Gleichen gelten, ein ganzer Kavalier. Er spricht, fordert, schießt und mordet, tont connne chcz vous." „Herr Sanitätsrat," rief Bodo empört, „wie können Sie hier noch scherzen?" „Ich scherze nicht," antwortete der Sanitätsrat traurig, „aber welche schöne und ritterliche Phrase ließe sich gegen eine bittere Wahrheit Vorbringen? Es lvar eine wohl vorbercftcte, methodische, scheußliche Metzelei, mit enieiTO Wort, ein — regelrechtes Duell." 16. Kapitel. „Goldmann, Goldman», hören Sic denn nicht?" „Sie sind es, Herr Amtsrichter, ich habe Sie nicht erkannt." „Natürlich! Wie sollten Sie auch vermuten, mich hier ans dieser elendesten aller. Chausseen mit meinem allcrncuesten für schweres Geld erstandenen Gefährt, kutschierend, anzutreffen? Was Teufel hätten Sie denn da unten sin Wälde hcruinznstreifcn? Steigen Sie auf und fahren Sic mit." „Bedaure, ich. nmß mach der Stadt zurück." „Hum," niuchte der Amtsrichter, „die ist cs gerade, welche ich auf tausend Meilen im Rücken haben möchte. Begleiten Sie mich ein Stück, ich ivill nach Kreuzberg, mein Wagen bringt Sie daun wieder nach Haus'."