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Neue jüdische Presse · 1916-10-27 · Heft 41 (27.10.1916) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 41 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. K. Wfere, Optiker, Liebfrauenstr. 1. Brillen, Pincenez, Opern jflfiser, Feldstecher! in jeder opt.-mechan. Spielwaren I Preislage -fiswfataM. flaaptaasehinM, Laterna-Maaica, KinamatDgrapBBn etc. Die Jüdische Fra neu vereinigen g bittet-nm Kleidnngsstncke aller Art, um an der Schwelle i deZ Winters den Anforderungen für unsere Glaubensgenossen im Osten und für hiesi ge Arme j einigermaßen entsprechen zu können. Zusendungen! erbitten an unser Kleiderdepot Fahrgasse 126. .. -Der Minchah- Gottesdienst in der Unterlindau-Synagogc findet am SamZtag von jetzt an um 1 Uhr statt. > Der „Talmud T h o r a"-Verein beginnt seine Freitag-Abend-Vorträge wieder. Der Verein für jüd. Geschichte und Literatur versendet nächster Tage sein Winterprogramm. Cs weist eine Anzahl hervorragender Redner auf. ZionMsche Jugendgruppe. In der „Zionistischen Jugendgruppe" sprach Nachm» . Goldmann am Dienstag über „die theoretischen Grundlagen des Herzl'scheü Zionismus". Der Redner entwickelte die wichtigsten Prinzipien der' zionistischen Theorie und wies nach> wie in manchen? wesentlichen Punkten innerhalb der zionistischen Bcs wegung eine gewisse Trübung dieser Prinzipien einj getreten sei, weshalb in verschiedenen Hinsichten ein t „Zurück zu Herzl" not tue. Am Schlüsse seiner Aus- A. snhrungen bespracht der Redner die Aussichten des i- Zionismus nach dem Kriege und die Richtlinien der küns- « tigen zionistischen Politik. An den Bortrag schloß, sich eine Diskussion, in der die Herren Feigin, Grünstein und Stichel sprachen. Persoualte«. , Es sind erst wenige MoNate her, daß Hermann Zünz, der bekannte Mohel und im echt jüdischen Sinne lebende Jude, seinen 70. Geburtstag feierte, — und heute ist er bereits ins Jenseits gerufen worden. Der Hesped, den Herr Lehrer Schswab in der Chas Chevro halten tvird, wird uns Gelegenheit gebrii. die Person dieses prächtigen Jehudi zu würdigen. Dir Ostjudenfrage. Mittwoch abend sprach im überfüllten Saale der "Frankfurt-Loge auf Einladung des „Vereins für Statistik und Demographie der Juden" Herr Nachüm Gold mann über ,,d« Ostju den frage." An den - anderthalbstündigen Vortrag, der das Problem in all seinen Seiten behandelte, schloß sich eine lebhafte Dis- -' tussivn. Wir werden in der nächsten Nummer einen entsprechenden Bericht über die sehr interessante Versammlung bringen. ' femffeton. - Der Mttgistdottor. Eine Etzählung von Clemens Berg. (Fwtsetzung.) Frau Schmidt hatte mit echter Evaschlauhcit längst gemerkt, daß der Doktor etwas besonderes plane; lose . alle Frauen drängte sie, sich dazu, die Rolle einer Vertrauten zu übernehmen. „Ich wjll selbst gehen, Herr - Doktor." Nach Verlauf von zehn Minuten kam sie zurück, ejn großes Laken auf dem Arm, in welchem die gewünschten Klridungsstücke verborgen waren. „Ich Habe mir alles allein heransnehmen müssen." sagte sie, „Ihre Frau schläft fest, die Brieftasche habe I ich ihr ans das Bett gelegt." Der Doktor hatte mft außerordentlicher Sorgfalt Toilette gemacht, dann einen zweiten Brief geschrieben, , den an „meinen lieben Hans" adressiert und darauf /das Haus verlassen. Vor der Haustür traf er Frau Schmidt und deren Tochter. Frieda ttug einen großen 5 Blumenstrauß. Max mußte stehen blriben und den beiden r. rin paar freundliche Worte sagen. | - „Woher die' hübschen Rosen, Fräulein Frieda?" | „Lottchen Jacob hat sie mir geschenkt." Frieda | reichte ihm eine halberschlossene gelbe Rose, welche der z Doktor anscheinend sehr erfreut nahm und in sein Ktiopfr loch steckte. [- „Tausend! Herr Davor!" lachte das Mädchen, „Sic! sehen wzc ein Hochzeitsbitter aus." < „Ganz recht. Ich. gehe auch, mir einen guten Freund zum Tanze zu laden." 7/' 14. Kapitel.!Krähwinkel hatte sein Ereignis. - - . Die Vesper war vorüber. Das schmucke Kirchlein hatte srine Gläubigen entlassen, die Trebanobitzer standen i>r dichten Gruppen beisammen. Alt und Jung, Reich nhd Arm drängten sich vor und in den Laden 'des Er. Kaufuiann Striiunenger (oder Wcinmrnger, wie er im §t' Volksmund hieß, denn der Mann betrieb äußer seinem Handel mft Spezereien auch noch die sehr enfträgliche Lieferung der Weine für das Kasino.) - Steinmengcr - hätte heute einen glänzenden Geschäftstag. Sämtliche alten Leute beiderlei Geschlechts hatten cs unglaublich eilig, sich mft Kaffee, Zucker und anderen Genußmitteln zu versehen, um immer und immer wieder die schaurige Mordsgeschichte von dem jungen Herrn Baron von Dallwig zu hören und dem. Dollar Goldmann, dem man freilich von jeher dergleichen wilde Sachen Angetrant hätte. Eben hatte sogar Hochwürden der Herr Pfarrer picht verschmäht, in den Stcinmenger'schen Laden zu treten und ob des absonderlichen Gerüchtes Nachfrage zu hätten. Das war der Glanzpunll des bcdeutungsrrichen Tages. Und das Vergnügen wird zur Pflicht, nun hieß es für Herrn von Steinmengcr eine gebieterische Ehrenschuld, das fanjofe Begebnis (sicher zum zwanzigsten Male am heutigen Nachmittag unter atemloser Spannung der gesamten Zuhörerschaft) ab ovo zu erzählen. „Also: Wir sitzen, Ivic jeden Morgen, der Herr Bürgermeister, der Herr Sanftätsrat, der Apotheker Mucha, der Stadtrat Binder und ich um zehn Uhr gemütlich im Kasino beim Frühschoppen und wundern uns, daß der Herr von Dallwig noch immer ausbleibt, demi er kommt jeden Sonntag vom Vorwerk nach der Stadt gefahren und verfehlt dann nie, sich an unserem Stammttsch ein Stündchen einzustellen. — Da geht mit einem Maledie Tür auf, und wir glauben Miseren Angen nicht, der Doktor Goldmann, gewichst und geschpiegett, wie ich ihn noch niemals gesehen habe, spaziert herein. „Nun?" frage ich deii Apotheker leise, „wie verläuft sich der mal hierher?" Seit sechs viertel Jahren lebt er jn unserer Stadt-nnd hat das Lokal noch "mit keinem Fuße betreten. Obendrein plaziert er sich leicht ins Bereinzimmcr, obwohl er gar nicht zu den Kasinonritgttedern gehört. Na, Mucha ist schließlich sein Verwandter, er geht daher auf ihn zn und fordert ihn aus, an unserem Stammttsch Platz zu nehmen. Der Dollar aber tut auffallend formell, spricht, er müsse für die große Ehre allcrvcrbindlichst danken, und schneidet Onkel Mucha e.in ganz verteufelt tiefes Kompliment mit so 'ncr vertrackten, verzwickten Artigkeit, daß ich gleich merke, er will den Alten zum Besten haben, setzt sich darauf ganz sans genc an einen extra Tisch uns gegenüber und bestellt sich eine Flasche Wein. Mir schwante nichts Gutes, der Doktor rührte von dem prachtvollen Wrine keinen Tropfen an, sondern gaffte ununterbrochen nach der Tür. Er brauchte auch nicht lange zu warten. Nun waren sie frellich schon rin bissel angerissen, der Dallwig und die beiden bürgcrmcisterlichcn Studenten, da sie hercinpolterten und von uns mit großem Hasloh bewillkommt sich an unseren Tisch niederließcn. Einen Heidenspellakel haben sie auch vollführt, das laßt sich nicht leugnen, aber wir sind eine geschlossene Gesellschaft, unser Trribcn geht keinen was an, am' allerwenigsten den Dollar, der .mit bitterbösem Blick zu uns hinübcrstartte, grad' dem Herrn von Dallwig unverwandt ins Gesicht. Das war schier unheimlich, der Büro» kriegte cs auch ball» satt und schlug auf den Tisch, daß cs krachte, der Wirt solle heraufkommen. „Hören Sie, Bunke," schreit der Baron ihn an, „wie dürfen Sie sich erlauben, hier Juden einzulassen?" Wir schwiegen alle ganz verblüfft, eine so hochfahrende Taktlosigkeit hatte doch uieniand bei dem feinen Baron vermutet. Der Wirt steht auch ganz verdutzt mll» muckst und rührt sich nicht. Da erhebt sich der Dollar von seinem Tisch, tritt ganz dicht vor den Baron und sagt mft einer Stimme, so ruhig, wie ein anderer um rin Glas Wasser bittet: „Herr von Dallwig, Sie siird c»m Schuft!" Was nun folgte, iveiß ich nicht mehr, denn in rincm Hui ging alles drunter. Mucha und ich hielten den Baron, der titulierte uns ein Rhinozeros ums andere, denn er wollte durchaus „dem verfluchten Judcnbcngel" an den-Kragen. Der Dollar, anstatt sich klüglich aus dem Staube zu machen, bsieb wie festgenagelt stehe». Die Studcnteir brüllten im Takte: „Hcpp, hcpp, Jude, hcpp!" Und der Wirt jammerte, daß cs nicht Abend Iväre, dann könnte er doch durch einfaches Gasabdrchcn die ganze Gesellschaft zur Ruhe zwingen. Schließlich raunte des Bürgermeisters Bodo dem Baron ein paar Worte zu, da wurdeer ans einmal ganz ruhig, sodaß wir ihn ohne Sorge vor weiteren Gewalttaten frrigebcn konnten. Er und die beiden Studenten, verschwanden in ein Nebenzimmer, ist sah sie dort alle drei sehr lebhaft mit einander diskutieren. Nachher kam . der Bodo allein heraus und überreichte dem Doktor yne Karte, die' dieser ebenso katzbuckelnd Nr. 41. F. SAINT-DEN IS. r'Er'SSSEtV ALLE REPARATUREN an UHREN Gold und Silberwaran, Brillen und Zwicker. entgegennahm, worauf er endlich seiner Wege ging. Mit rinem Male entdeckte ich, daß ich nur ganz allein noch »sich in dem 'Lokal befmrd, denn die anderen Herren hatten sich alle schon vorher einer nach dem anderen sachte gedrückt. 15. Kapitel. Um dieselbe Zeit, da Herr Steinmengcr in seinem Laden vorstehende Sensationsnachricht dem versammelten Volke auffrischte, saß in der Zcrnowitzer Lichtung, einem ziemlich entlegenen Teile des Stadtforstes, Herr von Dallipig auf einem Baumstumpf und wartete auf seinen Gegner, bei welcher hoffnungsreichen Beschäftigung ihm Bodo und Waldemar, oie beiden Söhne des Bürgermeisters, ebenso ungeduldig als tatlustig Gesellschaft leisteten. Herrn von Dalltvig gegenüber, an einen Buchenstamm gelehnt, stand der Sanftätsrat Bär aus Treüanobitz, ein jovialer, sehr geistvoll aussehender, älterer Herr, der sich mit nur großem Widcrstrebeic und auf allerinständigstes Zureden beider Parteien — „nur aus Kollegialität für Goldmann", wie er halb im Scherz sagte, — hatte bereftfinden lassen, dem Duell zu assistieren. „Er wird nicht kommen," sprach Bodo nnmuttg. „Fi donc, Hellor! Waldemar nimm Deinen Hund in Ache, der Kerl schnüffelt beständig an dem Pistolenkästchen herum." „Er wittert Judenblut," lachte Waldemar. „Welch', llugcs Bich," versetzte der Sanitätsrat; „man ist nicht umsonst Jahre lang Parädehnnd einer antisemitischen Studentenverbindung, nicht wahr, Hellor? Sage doch, treibst Du prakttschen Antisemitismus?" Er hatte den prächtigen Leonbergcr bei den Ohren gefaßt, der wurde darob böse und bellte laut. „Ach so! Du bist Radauantiscmit!" sagte der Sanitätsrat und ließ den Huno laufen. „Ich glaube gar, Sie nehmen für diesen Goldmann Partei," rief Dallwig ärgerlich. „Im Gegenteil, Berehrtcster," lachte Bär. und. schnupfte in aller Behaglichkeit ein Prieschen. „Sie schassen mir vielleicht einen tüchttgen Konkurrenten aus dem Wege; ei» Schelm, der angesichts solch edler Wohltat imdankbar bliebe." „Hat sich was aus dem Wege schassen," brummte Waldemar, des Rates silberne Döse ziemlich unartig ablehnend, „er kommt erst garnicht." Dallwig zog seine Uhr. „Es fehlen noch zwanzig Minuten zu sechs. Er hat noch Zeit. Wahrscheinlich wartet er auf Scholz." „Auf Scholz? Lieber Bodo lassen Sie sich sagen, wenn Scholz heute, in Trebanobitz iväec, hätten Sie. sich wohl umsonst auf das ganze Rekontre gefreut. Den hat' Goldmann heute in aller Frühe fortzuschickcn verstünden." „Wahrhaftig, Herr-Sanitätsrat,!ver Sie reden hört, möchte mrinen, Goldmann habe absichtlich den Skandal hervorgerufen." „Allerdings, mein bester Waldemar, das eben war es, was ich bemerll haben wollte. Aber — aber — ,,Dft- Begründung dieses Aber wird Ihnen Herr von Dallwig besser geben können als ich." Herr von Dallwig schob unmutig den Hut zurück, sein hübsches gebräuntes Gesicht mit der . abstechcnd weißen Stirn verfinsterte sich, heftig cntgegnete er dem Rat: - . „Ich habe die Absicht wohl gemerkt. Und ich in meiner Trunkenheit tat ihm den Gefallen, ihn heraus- . zufordcrn. Er hat von Jugend auf eine Abneigung gegen , »sich gehabt und sic all die Jahre hindurch nicht vergessen mögen. Selbst zum Beginn seines Hierseins, da . wir noch scheinbar freundlich einander uns gegenüberstandcn, habe ich seinen Knabenhaß wohl herausgefühlt. Schließlich kann ich dafür, daß mir die kleine Frau Avancen machte?" „Im Grunde hat Dallwig recht," bestätigte Waldemar. „Warum hat ihm Goldmann Marien wcggefischt!" „Dummes Zeug! Ich hätte Marien nie geheiratet." - „Davon bin ich überzeugt," sagte der Sanitätsrat mft spotttschcm Lächeln. „Eigentlich ividcrstrebt es mir/ mich mit diesem. Goldmann zu schießen," nahm Dallwig wieder das Wort. „Warum, wrii er. ein Jude ist?" fragte der Sanitätsrat. „Gcpieren Sie sich nicht, Herr.Baron, mein . Großvater war schon getauft." „Unsinn," fuhr Dallwig auf. „Weil ich cs einfach - für unritterlich halft, einen schwächlichen, waffenimknn- . d.igen Mann zu bekämpfen, gegen den ich obendrein ein Unrecht begangen habe." .

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