Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 40 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2692297-2692975-2693014--09641-2704881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Herat 2× ep/1047496
OCR text
Nr. 40 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5 Lomler & I^aitsclil Tel. Hansa 3148. Frankfurt a.M., Liebfrattenberg[33. I Specialhaus für Unterkleider und Strample. ■ Niederlage achter Pr. Lahmann-Wäsche. W schloß sie, ihn zur Ausführung des gegen Reb Doloid'l geplanten Anschlags als Wertzeug zu benutzen. Auch d.ie älteren Knaben, die sich sonst von. den sogenannten Chederkindern fern hielten und an ihren lustigen Streichen aus Stolz sich nicht beteiligten, wollten diesmal auch die Hand im Spiele haben; ja sie boten aus freiem Antriebe ihre Hilfe an. Gegen neun. Uhr abends, als Reb Dowid'l im Häuschen am Ringplatze bei der dampfenden Suppenschüssel saß und sich gütlich tat, hatte sich die gesamte Schuljugend vollzählig im Hofe des Beth-hamidrasch versammelt. Man wußte, daß Reb Dowid'l auf das Essen stets äußerst wenig Zeit zu verwenden Pflegte und hatte sich zeitlich eingestellt, um nicht den geeigneten Augenblick zu verpassen. Die meisten waren direkt vom Ausflug gekommen. Nun ging's frisch an die Arbeit; alle mußten Hand anlegen. Im Nu war der Bock ergriffen, an Border- und Hinterfüßen gebunden und in das Beth-hamidrasch getragen. Dort >oar .inzwischen für ihn in Reb Dowjd'ls „Schlafbank" ein- Lager hergeri'chtet. Man warf ihn darauf, drückte ihm den Kopf tief in die Kissen, setzte ihm Reb Dowid'ls Sammtkäppchen auf die Stirn, zog ihm die Decke hoch über den Körper, daß nur die untere Hälfte des Kopfes mit dem langen Bart freiblieb, löschte die Lampen aus und verkroch sich hinter die Bänke, der Dinge wartend, die da kommen "würden. Als nach Ablauf von ungefähr einer Viertelstunde Reb Dowjd'l, vom Abendbrot zuriickgekehrt, gewohnheitsmäßig sein Lager aufsuchen wollte, war er ganz erstaunt, die „Schlafbank" offen, zu finden. Sein Staunen wuchs .immer mehr, als er, näher tretend, beinr Scheine des Ner-thomid*) einen Menschen in derselben schlafen sah'. „Eine Hcosa (Unverschämtheit) das" — rief er entrüstet — „in meinen daleth a-moss (vier Ellen) zu schalten und zu walten w.ie im eigenen Heim. Steht auf, Reb Jud!" Es erfolgte keine Antwort. „Aber macht doch, daß Ihr fvrtkoiniut, alter Tropf!" . Wiederum keine Antwort. 4 „Unerhört!" —schrie e^ immer lauter. — „Wer mag das aber auch sein?' Dem Aeußeren nach" — urteilte er — „könnte man ihn für Reb Schajc nehmen . . . das ist. seine platte Nase . . . das ist auch sein Bart. . . Äch, Unsinn" — verbesserte er sich — „der wird doch nicht... der hat doch seine eigene Wohnung und sein Schlafzimmer. ... Gleichviel," — beschloß er nach einigen Nachdenken — „ich muß ihn wecken. . . sonst müßte ich diesmal auf den Schlaf verzichten." „Werdet Ihr endlich aufstehen?!" Und ohne eine Antwort abzuwarten, trat er dicht an den Schlafenden heran und begann ihn zu rütteln, wobei er gleichzeitig die Decke etwas lüftete.' Der Bock fuhr mit einem Ruck in die Höhe, daß er mit den Hörnern Reb Dowid'l vor den Kopf stieß und um ein Haar tödlich verwundet haben würde, wenn dieser nicht zeitlich genug zurückgeprallt wäre. „Herr des Himmels! . . a Sched (Teufel)! . . Rettet, rettet!" Er stürzte rücklings zu Boden und blieb bewußtlos liegen. Erst jetzt krochen die kleinen Wildfänge aus ihren Verstecken hervor, und wie bestürzt. wurdensie, als sie Reb!Dowid'l leblos auf dem Moden liegen sahen, während ihm von einer Stirnwunde das Blut reichlich über das leichenblasse Gesicht und den langen silberweißen Bart rann. Von Gewissensbissen und Reue gequält, fingen die jüngeren zu weinen an, indes die älteren hinauseilten, um Hilfe zu rufen. Bald kam auch der Schames herbeigelaufen, und cs dauerte nicht lange, so wurdeein Arzt geholt, der Reb Dewid'l nach dem Spital hinüberschaffen ließ. Da die Wtmde zum Glück eine leichte war, genas er schon nach wenigen Tagen und konnte zu seinen Studien znrückkehren. „Wie wäre es, wenn Ihr dem Schrecken und Per Wunde erlegen wäret" — frug man ihn, als er bereits im Beth-hamidrasch über der Gemara saß. „Das könnte gar nicht geschehen" — antwortete er mit stolzer Zuversicht, — „bin ich doch Moschiach ben Dawid." ' *) Eine Lampe, die Tag und Macht brennen must. Zehn Jahre waren seit obigen Ereignis vergangen. Von den Helden der so traurig abgelaufcnen Exzesse waren die Knaben längst zu Jünglingen und diese zu Männern herangewachsen. Reb Dowid'l hatte diese ganze Zeit ununterbrochen, -seiner Gewohnheit treu, im stillen Winkel des großen Beth-hamidrasch zugebracht, von niemand gestört und behelligt/ ganz seiner harmlosen Beschäftigung lebend, als eines schönen Tages ein zweiter Bätlon angefahren kam und ,im kleinen Beth-hamidrasch Unterkunft nahin. Der neue Batlon war ein junger, bildschöner Mann von hoher Gestalt und starkem Körperbau, und die abenteuerliche Jugend fand in -ihm auf den ersten Blick das geeignete Wertzeug, seinem;ä(teni Fachgenosscn einen Schabernack zu spielen. Man teilte dem jungen Manne mit, um was es sich hagelte, und nachdem man seine Einwilligung erlangt hatte, ging man sogleich au die Arbeit. Die Rollen wurden verteilt und einstudiert, und man fand bald heraus, daß der junge Taugenichts — was der Name Batlon im eigentlichen Sinne bedeutet — zu der ihm zugedachten Rolle vortrefflich tauge und einen Moschiach par excellence abgcben würde. Der anberaumte Tag— es war wiederum Lag-beomer — kam heran, und der kleine Triumphzug mit dem König Per Juden an der Spitze, im vollen Ornat und auf einem störrigen Gaul, der den traditionellen Esel ersetzte, reitend, setzte sich in Bewegung. „Mokom l'melech hamoschiach! (Platz dem König- Moschiach)" — rief ein mit verschiedenem Flitterwerk geschmückter Herold, indem er die Türen oes großen Beth-hamidrasch weit aufriß. Im nächsten Augenblick erschien unser Quasi-Mcsias mit seinem zahlreichen Gefolge und einer Menge Schaulustiger und schritt geradewegs auf das Almemor zu, wo er sich, von seiner glänzenden Gefolgschaft umringt, aufstellte. „Mi laadonaj elaj! (Wer an Gott glaubt, folge nsir)" — tönte es hell durch das ganze Gebäude. „Es lebe Moschiach ben Dvimd, unser König!" — donnerte es aus hundert Kehlen zurück. Reb Dowid'l saß int ersten Augenblick wie gelähmt da und blickte mit stieren Augen nasch dem Podium hinüber, auf dem sein Nebenbuhler in majestätischer Haltung stand, unfähig ein Laut vott sich zu geben. Nachdem er. sich einigermaßen erholt hatte, sprang er gleich einem aufgescheuchten Lölven empor und rief, wie ein Besessener mit beiden Händen um sich schlagend: „Unverschämter Lügner! Moschiach ben Dowid? h'a, ha, ha, das bin ich. Du aber bist ein Betrüger, ein frecher!" „Wer wagt cs, seinen König zu beschimpfen?" — hallte es abermals dttrch den entstandenen Tumult. Man wies auf den vor Aufregung zitternden Greis. „Ah, dieser da?" — Und ein vernichtender Blick traf den Rasenden, daß er unwillkürlich die - Augen njederschlug. „Ihr habt Euer Leben verwirkt. Unglücklicher, denn Ihr seid ein Mored be-malchus (Staatsverbrecher). Allein ich ehre Euer Alter und will diesmal Gnade walten lassen. Ich hoffe, Ihr werdet im Kerker Zeit haben, Euern Mißgriff zu bereuen. He, Burschen, führt .ihn ab!" Einige handfeste Kerle fielen über Reb Dowid'l her und faßten ihn unter die Arme, um ihn fortzuführen. Er ließ es willenlos geschehen. An der Tür angelangt, machte er sich mit Aufbiettmg seiner ganzen eben nicht athlettschen Muskelkraft los, wandte sich um und sagte: „Was mit mir aitch - geschieht,, ich werde es, am Rande des Grabes stehend, .in alle Welt Hinausrufen, daß Du ein schamloser Betrüger bist." „Fort wft ihm!" ließ sich "von allen Setten hören. „Laßt wich, ich gehe selbst!" Und hoch aufgerichtet, ohne die Anwesenden aitch nur eines Blickes zu würdigen, ging er fort. * Er überlebte den Auftritt tticht lange. Als man ihn in Freiheit setzte, sagte man ihm, der Messias sei nach der Türkei gegangen, um den Sultan zur Rechtsentäußerung auf Palästina zugunsten der Juden zu zwingen, und er begann allmählich, der Sache Glauben zu schenken. Teils das Gefühl gekränkten Stolzes, tells Skrupel und Gewissensbisse, den Gesalbten Gottes ^empfindlich beleidigt zu haben/ bewirkten, daß er langsam dahinsiechte und — ehe man sich's versah — seine Seele aufgab. Bevor er seinen letzten Atem aushauchte, sagte er den Umstehenden mit gebrochener Stimme, die letzten Reste von Mut zusammenraffend: „Und er war dennoch ein Betrüger!" FI. Wlere, Optiker, Liebfrauenstr. 1. Brillen, Pincenez, Opern gl§ser, Feldstecherl in jeder opt,-mechan. Spielwaren J Preislage Eisenbahnen, Bamplmaschinen, Lafarna-Magica, Kinematowaphon ete. Bunte Chronik.! Bs» den Inden in Afghanistan. In New Jork traf nach dreitNonatlicher Reise der 24jährige afghanische Jude Tauchum Kuchenoff aus Herat ein. Er erzählt, daß. sich 'in Herat an 500 jüdische Familien befinden, die ein Leben wie die Marannen in dem Spanien des 15. Jahrhunderts führen müssen. Bor der Außenwelt geben sie sich als Moslems aus, aber im Geheimen sind sie Juden. Sie kommen oft zusammen und verrichten im Verborgenen ihre Gebete in unterirdischen Höhlen. Der Grund seiner Flucht aus Herat, Ivo Kuchenoff seine Eltern und sieben Schwestern zurü.ckgelassen hat, ist nach seinen Angaben die Verfolgung, welcher der Jude Rissim Kazaw aus Herat, ein Verwandter Küchenoffs, ausgesetzt war. Es begann am letzten Peßach <§bt Muselmann, Nachbar des Kazaw, hatte gesehen, daß Kazaw Mazzos aß. Der Moslem zeigte dies dem Emir Kabamutad ait, dem Herrscher von Herat, der befahl den „UngläuglätiLigen" dem Gericht zu überliefern. Das Gericht wurde auf folgende Weise abgehalten: Auf einem öffentlichen Platze in Herat versammelten sich die Einwohner. Dorthin schleppte man nackt und gefesselt den unglücklichen Kazaw, de» man durch verschiedene Torturen zwang, mit lauter Sttmme ausznrufen, daß er ein Sünder upd dem mohammedanischen Glauben untreu sei. Ms er nicht mehr schreien konnte, stieß ihm der Henker ein Messer ins Herz. Kazaw fiel tot zu Boden, der Henker zog das Messer aus seinem Leib und leckte gierig das daranklebende Blut aus. Kazaw starb mit dem Aufschrei „Schma Israel". „Nach diesem Ereignis," erklärte Kucheiwff, „konnte ich nicht länger mehr in meiner Heimat bleiben und beschloß, aus dem finsteren Afghanistan zu entfliehen." lOffeuhaeher Druckluft- 1 nlage I Ittenbach a.M. Telefon 1S3- (Annchlttan mitFrankfhrt). I Bewährteste Tepplehrelnlpuig (100,000 qm jährlich) ■ sowie unübertroffene lettenu. Bettfadernrelnlgung mittelat Druckluft und Wasserdampf. Wocheir-Salevder Mittwoch, 11. Oktober, saibends 51- Uhr (Frankfitrter Zeitt Festesbeginn. - Samstag, 14. Oktober: S chab bos C ha ul-haut aued. Sabbat-Beginn 5 Uhr — Min., Sabbat- Ende 6 Uhr 20 Min. (Frankfurter Zeit). Mittwoch, 18. Oktober:Haschhaanoh-Rabbo.Abends 5 Uhr 20 Min. Beginn Hes Schmini-Azeres- Fesths. Samstag, 21. Oktober: Schabbos Bercischis. Sabbat-Beginn 4 Uhr 55'Min., Sabbat-Ende 6 Uhr 10 Min. (Frankfurter Zeit). Aus den Prophetenworten der Sukkaustage: ~ „Es kommt ein Tag, der ist mir Gott bekannt, nicht Tag und Nacht. Und cs wird geschehen zur Llbendzeit: Da wird Licht. Am ganzen Tage wird lebendiges Wasser ausströmeu (von Jerusalem, seine eine Halste zum östlichen, seine aitdere zum rückwärts gelegenen Meere; «Lommer und Winter wird es andauern. Dann wird Gott König sein über die Lanze Erde Au jenem Tage wird Gott einzig und sein Name einzigsein." „Nur sei stark und fest, zu hüten und zu üben ganz nach der Lehre, die dir mein Diener Moscheh befohlen hat; weiche von ihr weder nach rechts noch nach links ab, damit du weise handelst in allem, was du ersttebst. Nicht weiche dieses Buch. Iwr Lehre Ms deinem! Munde; in ihm sinne bei Tag und bet Nacht, damtt du sorgfälttg erfüllest ganz, wie in ihm! vorgeschrieben ist. Darm wirst du zum Gelingen bringen deine Wege, und dann wirst du weise handeln." Wochengottesdienste in Fraukstirt a. M. Morgens: Um in den meisten Sy -mögen «Bockenhetm, Unterlindau 63/i, Hauptshuagoge 7 Uhr, Königsteinerstraße 7*/2 Uhr). Abends: 5 Uhr (Hauptsynagoge 4 Uhr, Königsteinerstraße 7 Uhr.) Berems-Kaleuver. Donnerstag. Mekor Cbajtm, 4 Uhr: Lulof und Esrvg (B. RachelsShn). Samstag. Mekor Chajim, 4 Uhr: Mikroh-Bortrag (Marcus Hirsch.) Ararttfrrrter Aarnilieimachrichle». Barmizwos. 14. Oktober: Max Grünebanm, Hölderlinstr. 27, Synagoge Königsteinerstr.; Fritz Michael, Schwanenstr. g, Ernst Marburg,. Eiserne Hand 33. Fritz Regenstein, Röderbergweg 34, Synagoge Börneplatz. — 21. Oktober: Alst. Roßmann, Röderbergweg 67, Synagoge Börneplatz. Gestorben. Moses Älumann, 62 I., Palmstr. 11. — Otto Mendelsohn, Reuterweg 69, i. Feld. — Henriette Kahn geb. Gutmann, 80 I., Bockenhennerstr. 35. —4 Auswärtige Famttienuachrichte» Geboren. Ein Sohn Heinr. Oppenheim (Cohn), Eine Tochter Dr. Max Cramer (Hetz), Stuttgart.