Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 40 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2692975-2693014--09640-2704880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 40. Nr. hinausgestürmt, schäumend wie ein wildes- Tier, das dahinrast, die entflohene Beute wieder zu erjagen, aber weiter —- immer weiter — entfernte sich das Ziel seinein Wicke und versank unerreichbar, — fcr holte sie nicht mehr ein — die entschwundene Ehre. 13. Kapitel. „Er ist noch immer nicht da?" „Nein, Herr Sekretär." „Meine beste Frau Schmidt, cs wird nichts helfen, wir werden ihn austrommeln müssen." Frau Schmidt trat ans Fenster. „Ich glaube er kommt," ries sie mit spöttischem Lächeln. „Da fährt ja die Frau Doktor mit einem Herrn." Hans' warf einen Mick aus dem Fenster und. stellte sich dann ostentativ mit dem Rücken gegen dasselbe. „Sie sind sehr boshaft, Frau Schmidt", „Und Sie sehr unhöflich, die Frau Doktor nicht zu grüßen urü> Herrn von Dallwig auch nicht." „Hol' den der Teufel", brummte Hans. „Pfui, Herr Sekretär, am heiligen Sonntag zu fluchen". „Sonntag!" brummte Hans. „Und seit Freitag Abend ist er fort. Er hätte schon gestern zurückkommcn müssen. Es ist ihm ein Unglück begegnet. Wahrschcinljch hat der Müller ihm nachgesetzt und ihn —" Er nahm seine Mütze und wollte elligst hinarrs, als plötzlich der Vermißte ganz unerwartet ins Zimmer trat ruck» den Anwesenden den üblichen guten Morgen wünschte. „Jesus," schrie Frau Schmidt — „Jesus, Herr Doktor, wie sehen Sie denn aus?" „Schmutzig." „Wie ein Strolch", sprach Hans kopfschüttelnd, „man sollte Meinen, Du .habest sn her verganegenen Nacht bei Mutter Grün geschlafen." „Erraten! Der frische Waldboden war keine so übles Nachtlager, und da ein Schlänglein zu mir kroch, fühlte ich mich just wie zu Haus." „Max! Was soll die närrische Rede. . .", schrie der Sekretär entsetzt — „Du bist krank," — er führte den Doktor vor den Spiegel und zeigte ihm sein bleiches, verzerrtes Gesicht — „Nein, nein," murmelte der Doktor, „ich bin nur schmutzig." Darauf strich er die Hare, die ihm, tief in die Stirn fallend, ein ganz verwlldertcs Aussehen gaben, hastig mit der Hand zurück, (die alles erspähende Frau SchmAt gewahrte schnell, daß ihm der Trauring fehle, sie behielt aber diese Entdeckung für sich), machte vor Frau Schmcht eine ungemein tiefe Verbeugung und sprach mit übertriebenem höflichen Tone: „Allervcrehrteste Frau, ich bitte Sie dringend, mir im Verein Mit meinem Freunde Scholz einen halben Tag Gastfreundschaft zu gewähren, denn.ich darf unnröglich wagen, mich in diesem verwahrlostem Zustande meiner Gemahlin vorzustellen." „Nrm aber, — freilich, Herr Doktor, machen Sie sjch's gemütlich," sie knixte und wollte schnell das Zttumcr verlassen, der Doktor war ihr nicht geheuer, in der Tür aber kehrte sie noch einmal zurück: „Ihre Kranken haben mir gestern das Haus eingelausen, Herr Doktor, was soll ich sagen, wenn —" „Ich bin für niemand zu sprechen" fiel ihr der Doktor ins Wort. „Ich komme zu Fuß von Kronstadt und bin müde zum Umfallen. Bitte schließen Sie die Tür hinter sich ja recht fest, ich brauche Ruhe." Hans hatte ihn mit immer stärker wachsender Mißbilligung angehört, jetzt aber brach er los: „Zwölf Stunden Weges und drüber zu Fuß. — Bist Du verrückt, — habe ich Dir darum mein bestes und einziges Pferd anvertraut, daß cs Dir durchbrennen durfte?" „Umgekehrt, D.icker, ich war cs, der Deiner Rosivantc durchging. Der Braune befindet sich in vorzüglicher Obhut bei Deinem Vater im Stall." „Nun, so erklär' mir —" „Es gibt nicht viel zu crllären", sagte Max mit untechrücktem Gähnen. — „Eine Familienszene hat csgegeben, und zum Schluß hat man sowohl den Sohn als den Arzt hinausgeworfen, das war des Dramas Schluß. Ich vermag nichts mehr. Es wäre ein letztes, wenn Du noch einmal hinüberwolltesteine Vermittlung anbahnen, aber das kann ich Dir nicht zumuten." „Warum nicht?" Hans sprang auf. „Ich gelte ein Wenig bei Deiner Mutter, vielleicht glückt mir eine Umstimmung. — Gut, ich fahre sogleich! — Aber Du" — in Hausens Kopf entstand blitzartig ein Verdacht — „versprichst Du mir, mittlerweile nicht auf irgend eine besondere Tollheit zu verfallen??' „Fahre .in Frieden. Ich werde mich ja doch nicht ein zweites Mal hinter Deinem Rücken verheiraten." „Sprich rricht so zynisch." „Man kann doch nicht immer medizinisch reden." „Gott segne Kalau", rief Hans vergnügt, „nun darf ich über Deinen Zustand beruhigt sein. Noch eins, Max," das runde Vollmondgesicht des Sekretärs nahm einen härten, herben Ausdruck an, „Deine Frau ist gekommen, vor einer Stunde sah ich sic mit Dallwig vorüberfahren, das gehört sich nicht." „So?" Max gähnte wieder. Halb in> Schlaf gab er id.ie Antwort: „Werde da gelegentlich Wandel schaffen." Hans war gegangen, und der Doktor lag wirklich eine Welle, als ob er schlief. Nachdem er sich aber überzeugt hätte, daß der Sekretär nicht znrückkehrc, sprang er auf, ging. an den Schreibttsch, schrieb in fliegender Elle einen Brief, adressierte ihn „Frau Marie Goldmanu" steckte den Umschlag dann in eine Brieftasche. Nun klopfte er leicht an die Wand: „Frau Schmidt!" „Riefen Sic mich, Herr Doktor?" „Allerdings! Würden Sic mir einen sicheren Boten Boten schaffen, der mir schleunigst ein wenig Wäsche nebst einem Rock aus meiner Wohnung holt und diese Brieftasche meiner Frau überbringt?" (Fortsetzung folgt.) Reb Dowid'l. Skizze von D. C e m a ch. Mir ist's, als stände cs in diesem Augenblick vor mir, das winzige Männchen mit den spindeldürren Beinchen und dem blassen, ausgcmcrgclte» Gcsichtchcn. Jetzt sind diese Bcinchcn längst verwest,rmd vermodert. Und nur die Erinnerung an ihren einstigen Besitzer lebt noch fort jm Gedächttlis der Zeitgenossen, denen er bei Lebzeiten ein Gegenstand ausgelassener Heiterkeit gewesen war. Denn nur selten halle man so einen Besenstiel von Rumpf gesehen, auf dem ein verhältnismäßig vierschrötiger Kopf saß, nicht cinnwl in den Zeitungskarrikaturen, die im Städtchen nirgends zu finden waren. Aber noch seltener sah mau solche tiefe, melancholisch ernst blickenden Augen, in denen die ganze jüdische Leidensgeschichte, das ganze große Martyrologium eines armen, unglücklichen, vielgeprüften Volkes sich abspiegelte. Reb Dowid'l — -so hieß unser mikroskopischer -Held ' — war Batlon von Beruf, d. h. er hatte eigentlich gar keinen Beruf, sondern hockte ganze Tage und halbe Nächte hindurch über den wurmstichigen, moderdustigen Büchern ,inr großen' Beth-hamidrosch, fastete von Sanistag zu Samstag und brächte so sein ganzes Leben unter Studieren, Kasteiungen und Beten zu. .Und er war so herzensgut, so harinlos naiv, so ganz Nattlrmcnsch und dabei so fromm und gläubig, ohne Künstelei und Raisonnemcnt und ohne den leisesten Anflug von Skeptizismus. Wie die Ewigkeit, war auch er ohne Anfang und, wie er selbst über sich öfters sprach, ohne Ende, denn keiner wußte, wer er >var und woher er kam; man war gewohnt,, .ihn täglich an derselben Stelle und auf derselben Bank sitzen zu sehen, als wäre er schon seit Weltentstehcn da. Wenn er so däsaß, den kahlen Kops rn.it der runzligen Stirn in das durchsichtige Händchen gestützt, und in einem der großen Bücher las, hatte das Vorhandensein des Außenwelt für ihn aufgehört, und da er nur einige Stunden nachts schlief und den Rest der Zeit über den Büchern zubrächte, so lvußte er überhaupt nicht, was draußen in der Welt vorging. Nur an Sonnabenden gönnte er sich auch am Tage für kurze Zeit Ruhe, um nach der appetitlichen „Kugel"; von der ihm meine Großmutter, bei welcher er an diesem Tage als Gast zu Tische saß, ein mehr als mundgerechtes Stück voizusetzen Pflegte, — ein kurzes Atittagschläfchcn zu Halten und dänn noch in Gesellschaft einigerMelamd.rm etwas Pvliük zu treiben. Da wurde zunächst Alcxauden von Mazedonien tüchttg durchgchechclt, dann kam der große Napoleon an die Reihe, von dem man wiswissen wollte, daß des crstcrcn Seele in ihn gefahren sei, wodurch sich sein ungewöhnliches Fcldherrntalent erklären lasse, und dann, zu guter Letzt, sprang man unvermfttell zu Metternich über und gelangte so zu den letzten Tagesereignissen, die man nacheinander vorbeiziehen ließ. _ * - Reb Dowid'l hatte eilte fixe Idee: er bildete sich ein, er sei der Messias. Nur sei die Zeit noch nicht gekommen, da er in seinem vollen Glanze als der Erlöser des gesamten jüdischen Volkes aus der langwierigen Knechtschaft erscheinen wurde. Aber diese Zeit werde * kommen, sie sei schon ganz nahe. Diese Idee wurzelte in seinem ganzen Wesen und | gab mitunter auch Veranlassung, sich über ihn lustig zu machen. „Wißt Ihr, Reb Dowid'l, daß Moschiach - bald , kommen wird?" —. sagte man ihm, um ihn zu ärgern. „Ob jch's weiß?" — war die Antwort — „bin ich's doch selber." „Nein, der echte . Moschiach!" „Nun ja frellich, der echte. Einen falschen Moschiach gibt cs überhaupt nicht." „Und Sabbatai Z'tvi?" versilchtc man cinzuwenden. „Deshalb hat ihn die Welt auch nicht anerkannt." „Mer warum tretet Ihr denn nicht öffentlich als Moschiäch auf?" . . „Weil das Dor (Geschlecht) . dessen noch - nicht würdig ist. „Und wenn Ihr früher sterbt, bevor das Dor zum Enrpfang des Erlösers reis sein wird?" „Ich sterbe nie. Zaddikim b'missossom krujim chajim (Die Gerechten leben auch nach dem Tode fort)." *' Jahre waren darüber verstrichen, und Reb Dowid'l saß noch immer hinter dem Ofen im großen Bcthhämidrasch und studierte nach seiner Gewohnheit in den vergilbten und abgegriffenen Büchern. Auch mit seinem Studieren hätte cs eine ganz eigene Bewandtnis. Das war so ei» mechanischer Singsang nach hergebrachter Weise, mit dem der Verstand nichts gemein hatte, ein bewußtloses Hinmurmeln, bei dem das eingeübte Organ seine Schuldigkeit tat mit einer Sicherheit, loie man sie heutzutage nur bei Phonographen findet. Der städtische Janhagel ließ nie eine Gelegenheit vorübergehen, Reb Dowid'l irgend einen schelmischen Streich zu spielen. Auch die bessere Schuljugend nutzte zu diesem Zwecke die schulfreie Zell und insbesondere die Sams- und Festtage aus, obwohl sie den alten Batlon wegen seiner Freundlichkeit gegen jedermann und ivcgen seines frommen Wandels innerlich schätzte. Das junge Blut sucht ja immer nach einem geeigneten Augenblick, sich auszuloben, und zu jener Zeit, in der Reb Dowid'l lebte, zeichnete sich die Jugend — vielleicht war das eine Folge der größer» Freiheit, der die Juden sich unter Alexander H. erfreuten — durch ganz ungewöhnliche Zügellosigkeit aus. Es lvar am Lag-be-omer. Die lauen Strahlen der untergehenden Sonne huschten zum letzten Mal durch die trüben Fensterscheiben des großen Beth-hamidrasch, wo Reb Dowid'l eben, sein Buch zuschlagend, sich von seinem Platze erhob und anschickte, nach einem . der kleinere Häuser am Riugplatzc, lvo er an jenem Tage speiste, zu gehen, um sein Abendbrot einzunehmen. Er zog langsam seinen weilen Atlasmantel, der an vieleir Stellen durchlöchert war, an, setzte die hohe Sammtmütze mit dein breiten Pelzwulst auf und machte sich ebenso gelassen auf den Weg. Unterwegs begegnete er bald hier ball» dort, einer größeren Gruppe Schulsinder, die mit .ihrem Lehrer an der Spitze von ihrem Lag-be-omer-Ausfluge heimkehrten. Ihre hölzernen Schwerter klapperten und die aus Faßreifen hergestellten Bogen hingen quer über den Schultern. „Guten Abend, Reb Dotvid'l," grüßten sie lustig. „Guten Abend, Kinder", — grüßte er in gleichem Tone zurück. — „Habt Ihr euch vergnügt?" „Wir haben exerziert, danttt Ihr kampffähige Soldaten habt, wenn Ihr nächstens als Moschiach erscheinen werdet." Sie gingen an ihm vorbei bis zur Mitte des Platzes, in welchen vier Straßen mündeten. Hier trennten sie sich vonr Lehrer und zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen. * Jm großen, von einem hier, und da durchbrochenen Bretterzaun umgebenen Bcth-hamidrasch-Hofe lustwandelte ein alter Zicgenbock. Seit undenklichen Zeiten hätte er sich jeden Sommer Liesen mit üppigen Gras bewachsenen Platz zur Weide ausgewählt. Niemand wußte, woher er kam, und wo er sich den Winter über aufhielt. Man kümmerte sich auch wenig darum; man war gewohnt, ihn als zum lebenden Inventar des Bethharnid rasch gehörend zu betrachten, ebenso wie die „Schlafbank" — eine ausschicbbare Bank, die außer zum Sitzen für Reb Dowid'l auch noch als Schlafstätte diente —, zü dessen totem Wirtschastsbestand zählte. Für die Schuljugend war das arme Geschöpf ein Gegenstand grenzenloser Ergötzsichkeit. Es verging kein Tag, an dem sie nicht an ihm ihren Mutwillen auf die eine oder die ändere Weise ausließ. Er war der wahre Sündenbock, der alles geduldig über sich ercgehen lassen' mußte, was der erfinderische Geist einer sorglosen, lebenslustigen Jugend nur ausdenken konnte. Diesmal beschloß geplant Ai sogena, lustiger ten die aus fr G> Häusch schussel Schulst sammek stets ü sich zei bsick zr flug gk Ni anleger und H drasch Dowjd' warf i Kissen, die St daß ur Bart 1 sich Hst men tu Al Reb 2 heitsmc erstaun uen tu Scheine schlafen - „6 rüstet schalten auf, R Es , I W mag d urteilte men. . sein Bl „der n Wohuui beschloß wecken, zichten.' „A Un an den wobei f De er mit und um dieser n „s tet, rett Er los sie; Erl Versteck« Reb D° ihm voi leichenbl rann. Bo jüngerer um Hil herbeige ein Arz hinüberj leichte I konnte i „2E Wurstie im Bet er mit ben Da '“T