Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 39 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. I E. T. Bodehan, Herrenschneider Frankfurt a. Main, Friedensstrasje No. 1 ' Telephon: „Römer 3650. FEINSTE NASS-SCHNEIDEREI. Auf Wunsch koschere Verarbeitung. Jetzt können schön vielleicht wirklich keine Proteste helfen. Die deutsche Verwaltung hat den Inden Verhältniswahl eingeränmt, um ihnen entsprechende politische Macht in die Winde.zu Leben. Die bisherigen jüdischen Führer haben aber inr Namen von ^»Frieden und Einheit" diese Rechte verscherzt .und das Schicksal der Inden in solch schwieriger Zeit der Großmütigkeit der polnischen Chanvmisten anvertraut, deren Losungen ihnen seit lange bekannt sein dürften. Jetzt erntet die jüdische Bevölkerung die Früchte, die ihre Führer gesät haben. * Beobachter. Die Berückfichtiguug religiöser Bedenken bei der Reichsverfichernng für Angestellte. Vielfach hatte es sich als schlvere Härte erwiesen, daß orthodox gesinnte Angestellte, die sich einem Heilverfahren in einem nichtrituellen Sanatorium unterziehen sollten, vom Direktorium der Reichsversicherungsanstalt damit vor die -Wahl gestellt würden, entweder auf die ihnen gesetzlich, gewährleisteten Versicherungsvorteile zu verzichten oder sich, .einer schwere,! religiösen Verfehlung schuldig zu machen. Ein rituell geführtes Sanatorium steht der .Reichsversicherungsanstalt bisher nämlich nicht zur Verfügung. Neuerdings hat das Direktorium nunmehr, wie die „Freie Vereinigung für die Interessen des orth. Judentums" mitteilt, eine mildere Praxis eintreten lassen. Es hat einer Versicherten auf ihren Antrag „ausnahmsweise" statt der Sanatoriumsbehandlung einen angemessenen Zuschuß zu den Kosten eines von ihr selbständig durchzuführenden Heilverfahrens in einem Badeorte bewilligt, wobei natürlick)! für ärztliche Kontrolle gesorgt wird. Nachdem somit, die Möglichkeit und gesetzliche Zulässigkeit dieses Entgegenkommens erwiesen ist, darf man hoffen, daß in Zukunft in allen ähnlichen Fällen dieser gerechte Ausweg zur Vermeidung von Gewissensdruck bcschritten werden wird. - Die ReichSfleischkartk Die am 1. Oktober eingeführte Reichsfleischkarte bringt die Freizügigkeit der Fleischkarte insofern, als auf Reisen überall Fleisch auf die Abschnitte der Karte entnommen werden JFann Unberührt bleibt jedoch an und für sich, das Recht der Gemeindeverwaltungen, in ihrem Bezirke die Fleischverteilung zu reLeln undsich gegen Störungen dieser Regelung durch Verbote der Fleisch-Einfuhr und -Ausfuhr nach und aus dem Kommunalbtzirk zu schützen. Denjenigen ritürll geführten jüdischen Haushaltungen, die an ihrem Wohnorte kein Koscherfleisch haben können und auf den Bezug von Auswärts iMmer angewiesen waren, ist also durch! dieReichsfleischkarte noch nicht geholfen. Unter diesen Umständen ist mit großer Befriedigung eine soeben ergangene Verfügung der preußischen Landes fleischstelle zu begrüßen, durch welche die Provinzial (Bezirks)-Fleischstellen angewiesen iverdcn, den berechtigten Wünschen rituell geführter Haushaltungen, die ihr Fleisch) mangels eigener ritueller Schächteinrichtungen am Orte immer von auswärts bezogen haben, Rechnung tragen. Diese Haushaltungen Müssen sich an dem Orte, von dem sie ihr Fleisch zu beziehen wünschen, in Kundenlisten eintragen lassen und scheiden beim Fleischbezug an ihrem Wohnorte aus. Die Ueberweisung muß natürlich bei der zuständigen Provinzial (Bezirkss-Steile ausdrücklich beantragt werden, wobei auf die Verfügung der Landesfleischstelle vom 30. September AjJ. 128/16 Bezug zu nehmen ist. Hoffentlich werden in den anderen Bundesstaaten ähnliche Verfügungen ergehen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Karlsruhe. Der 28. Bericht des „Landes v er ein zur Erziehung isr. W aisen im Großherzogtum Baden" (Vorsitzender: Jakob Oppenheimer-Bruchsals verweist vor allem auf die neue Aufgabe der Fürsorge für Kriegswaisen. Auch die Notwendigkeit, wegen der Verteuerung der Lebensmittel höhere Verpflegungskosten zu bewilligen, stellt größere Anforderungen an den Verein, der am Jahresanfang 106 Kindern, am Jahresende 112 Kindern Fürsorge angedeihen ließ. Davon sind 98 in Familienpflege (meist im Hause der Eltern oder Verwandten), 2 im isr. Kinderheim in Köln, 1 im bad. Landeskrüppelheim, 8 in der Lehre (davon 1 auf dem landw. Lehrgüt Steinhörst), 3 in der isr. Präparandenschule in Höchberg. Die Verwaltungs- und Verpflegungskosten beliefen sich auf 16 827 Mk., die Mitgliederbeiträge auf 5897 Mk., (gegen 10011 Mk. im Jahre 1888 und 5 935 Mk. im Jahre 1913), die Schenkungen auf 10043 Mk. (gegen 18159 M. im Jahre 1913), die frankfurter Sdelnetallverwcrtnng Garlaoh A Walas Gold-u ilberschelde anatal t .Metallurg.Laboratorium Tauasstr. US. Frankfurt a. H. Tel. JtSmer 0748. Ankauf aller Edelmetall-Rückstände, Brucbgeld u. Silber. Barren — Fellnng — Behriliin — AlBlle». Kapitalzinsen auf 12226 Mk. Das iBereinsvermögen stellte sich Ende 1915 auf 361620 Mk. (gegen 310 879 Mk. Ende 1914). Gailingen Nach dem Berichte des „Friedrichsheinres" (Vorsitzender: Rechtsanw. Kassewitz-Freiburg) betrug die Zahl der Pfleglinge 49 (21 männlnhe und 28 weibliche), worunter 5 außerbadische. Da die höchste Belegungsfähigkeit der Anstalt 50 beträgt, .zieht der Vorstand eine Erweiterung in Betracht Die Mitgliederbeiträge und Spenden sind infolge des Krieges weiter zurückgegangen, erstere auf 12002 Mk. (gegen 13 344 Mark im Jahre 1913), letztere auf 4197 Mk. (gegen 9 807 Mk. im Jahre 1913). Die Zuwendungen an den Grundstock betrugen 14 277 Mk., meist Jahrzeitstiftungen. Die Haushaltungskosten hetrugen 29 424 Mk.- die Verwaltungskosten 2 567 Mk. Unter dem Gesamtvermögen von 313917 Mk. befinden sich 164 373 Mk. Uktivkapitalien, darunter Frau Hofrat Sofie Moos-Schenkung mit 40500 Mk. und der Pensionsfonds mit 7 396 Mk. Schweiz. Luzern. Der Bericht der jÜd. kaufmänn. Stellenvermittlung in der Schweiz beklagt sich darüber, daß in den gesctzestreuen Kreisen nicht genug Interesse fiir diese Institution gezeigt werde. Wohl habe der Krieg viele Hindernisse bereitet, aber dennoch sei die Möglichkeit vorhanden, auch in dieser Zeit für alle diejenigen, die den Sabbat feiern. Ersprießliches zu leisten. Die Bewerbungen von schweizerischen und deutschen Stellensuchenden sind bedeutend zurückgegangen, dagegen sind die Meldungen von solchen jungen Leuten, die aus den Kriegsgebieten geflohen sind, zahlreichjer geworden. Nur ein kleiner Teil derselben besitzt gute kaufmännische Bildung, aber es ist Pflicht der Geschäftsinhaber, sich auch dieser jungen Leute anzunehmen. Der Bericht legt entschieden Protest ein gegen ein Vorurteil, das sich gegen die Anstellung von osteuropäischen Gehilfen bemerkbar macht, selbst gegen Lehrlinge, die in der Schweiz aufgewachsen find und hier die Schulen besucht haben. Wohl entschuldigt man sich durch schlechte Erfahrungen, die man mit diesen Angestellten gemacht hat, aber schließlich, in welchen Kreisen gibt es nicht minderwertige Personen? Deshalb sollte im Interesse des Solidaritätsgefühles etwas mehr Rücksicht genommen werden auf die schwer ringenden jungen Leute, die arbeiten und verdienen wollen. __ Die jüdische Stellenvermittlung hat ihren sitz in Luzern (Sekretär und Leiter: Louis Braun, Frankenstraße 12). Sie hat im Jahr 1915 im ganzen 18 Handelsangestellte unterbringen können. Im 1. Halbjahr 1916 haben sich 49 Bewerber einschreiben lassen und konnte 22 Gesuchen entsprochen werden. Von den ausgegebenen Vakanzen konnten von 35 freien Stellen 18 erledigt und im 1. Semester 1916 von 29 Vakanzen 22 durch 22 Bewerber besetzt werden. Der Krieg und die Jude«. Berlin. Georg Pick erhielt dasEiserne Kreuz. Frankfurta.M. Unteroffizier WilhelmHerzfeld, Sohn, des Shnagogcnvorstehers in der Börneplatz-Synagoge, erhielt das Eiserne Kreniz. München. StabsarztDr. Ludwig Kaumheimer erhielt das Eiserne Kreuz.1. Kl. Nürnberg. Alfred Bamberger wurde zum Rittmeister, Rechtsanw. Arthur Aal zum Leutnant befördert und Leutnant Dr. Otto Rosenthal erhielt das Eiserne Kreuz 1. Kl. Hamburg. Oberstabsarzt Dr. Julius Adam erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Posen. Frau Rabbiner Jacobson, geb. Hirsch- Gnesen, Frau Fanny Lißner-Wronke, Frau Sanitätsrat Rosa Meyer-Gnesen erhielten die Rote Krenzmedaille 3. Kl. und Vizewachtmstr. Walter Jaffe-Sorau und Unteroffizier I. Kiwi-Oboruck erhielten das Eiserne Kreüz. Wien. .Bloch's „Oesterr. Wochenschr." verzeichnet folgende Auszeichnungen au Juden: 2 Ritterkreuze des Franz Fosef-Ordens, 3 Militärverdienstkreuze 3. Klasse, 18 silberne Signum! laudis,?2 bronzene Signum laudis, 12 .goldene Verdienstkreuze mit der Krone 5 goldene Berdienstkreuze, 9 silberne Verdienstkreuze mit der Krone, 14 silberne Tapstrkeitsmedaillen 1. Klasse. 49 .silberne Tapferkeitsmedaillen 2. Klasse, 40 bronzene Tapserkeitsmedaillen, zusammen 174 Auszeichnungen; hiervon 74 an Offiziere des 'Soldatenstandes, 22 an Militärärzte und Militärbeamte und 18 an Mannschafts- Personen. _ Personelle» «. Kleine Witteiluuge«. Berlin. Dr. Albert Masse, Stadtrat. Professor und Geh. Justizrat, beging den 70. Geburtstag. Frankfurt n. M. Max und Gustav Kauf« ann, Inhaber der Lederfabrik Leopold H. Kaufmann in Reu Aserchurg, stifteten 100 000 Mk. für.erholungsbedürftige arme Kinder, 20000 Mk. fiir ihre Arbeiter und 30000 Mk. der Gemeinde Ren Psenburg. ' München. Prof. Dr. Leo Graetz, der bekannte Physiker, der älteste Sohn des Geschichtsschreibers der Juden, Prof. Dr. Heinr. Graetz ff. Zu beging feinen 60. Geburtstag. Nürnberg. Gey. Kommerzienrat Ludwig Ritter von Gerngroß, Ehrenbürger der Stadt Nürnberg, ist p er - schieden. G. wurde 1839 in Baiersdorf geboren. Im März dieses Jahres feierte er noch mit feiner Frau Julie geb. Tnchmann ans Dessau die goldene Hochzeit. Er hat fick um Nürnberg in künstlerischer und sozialer Hinsicht groß? Verdienste erworben. V, fM ai* Erlanger laebf. B **■ gramer uaisemorsir.it ■ Waachen, Fänhen und FaQonnlanen allen Art Hennen- und Oamanhüto. -Abholung und Lieferung frei ins Hans. -Bf Lemberg. Emil Parnas. Präsident der Bne Brith» Loge, ist von der Regierung zum Leiter dev Kultnsgemeinde ernannt worden. Jfls seine Stellvertreter werden Dr. Hermann Feldstein und Tempelpräses De. Ofias Wasser füngieren. Dem Beirate gehören neun Mitglieder qn, unter denen ■ sich u. a. als Repräsentanten der zionistischen Organisation der bisherige Kultusrar Simon Oransz und der Dizepräfes des galrzischen zion. Zentralkomitees Dr. Michael Ringel befinden. Die Orthodoxie ist — vielleicht dank dem ungestillten Mandatenhünger anderer Bewerber — nahezu oh ne Vertretung geblieben, was gewiß nicht dazu beitragen wird, dem neuen Regime das Vertrauen der weiteren jüdischen Volksschichten zu > sichern. Mgemeines Bedauern erregt auch der Umstand, daß der Universitätsprofessor Dr. Moriz Allerhand die Beiratsnürde zurückgelegt hat. Wie verlautet, aus dem Grunde, weil er bei der Besetzung des Präsidiums' übergangen wurde. Lebhafte Befriedigung findet die gleichzeitig erfolgte Ernennung des NniversttätsprofessorS Dr. Moses Schorr znm Bizepräses der Tempelverwaltung. Kopenhagen. In Odessa starb am 20. September, Dichter F r n g im Alter von 57 Jahren an einer Nierenkrankheit. Die jüdische Geineinde veranstaltete die Beisetzung^__ „VICTORIA“ ~ Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Hanta Tel. 2002. t| GutlCUtStraSSG 18. Hansa Tel 2002. Spezialität: Kragen, Manschetten und Hemden. Feuilleton, m Der Mttgistdottor. Eine Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung.) 12. Kapitel. Der Wagen war kaum in den Stadtwald eingefahren, da brach der Sturm los, tobte und brüllte, daß die- Pferde sich bäumten und der Kutscher die wild dahinrasenden kaum zu bändigen verstand. Dieser fluchte denn auch in seinem elenden Wasserpolnisch ganz gottesjämmerlich auf den Sturm, die krachenden Aeste und die tollgewordenen Gäule, besonders aber auf den verdammten Juden, den er heute am Freitag fahren müsse, und dessenwegen sicherlich einzig und allein der Teufel diese schrecklichen gelben Blitze und diesen, sündhaften Regen niedersausen ließ. Zn anderer Zeit hätte Max über all die Liebenswürdigkeiten, die er hier halb inkognito einheimsen mußte, wahrscheinlich gelacht, heute gebot er mit einem zornigen „Psche krem" dem Unhold Ruhe. Der Mrl zuckte zusammen jund schwieg. An einer Lichtung kreuzte sich der Weg, der Wagen fuhr links ab. Max, welcher glaubte, daß der Kutscher in seiner Trunkenhett sich in der Richtung irre, berührte ihm mit dem Stock die Schulter und schrie ihm mehrmals zu; denn der Sturm übertobte seine Stimme. „Halt, rechts, rechts. Du fährst falsch". Der Kutscher hielt einen Augenblick an, drehte sich um und brummte: „Schon gut, ich fahre über Ellerndorf." „Ueber Ellerndorf? Du hist verrückt» mich diesen Umweg von drei Stunden nehmen zu lassen? Ueber das Vorwerk und die Mühlen mußt Du fahren." „Nein, nein," schrie der Kerl trotzig. „Der Weg ist dort tzu schlecht. Es geht über Ellerndorf," und er ließ die Pferde wieder lausen. Der Doktor,, der zu seinem Schrecken sehen mußte, wie sich der Wagen mehr und mehr von seinem Ziele entfernte, wurde so wütend, daß er dem Polen die Zügel uns der Hanü riß. Abermals hielt der Wagen. „Infamer Lügner, Du machst alle Tage den Weg. Willst Du fahren wie ich will, Halunke?" „Selbst Halunke." Er stieß den Doktor vom Wagen herunter; der aber hatte.ihn umllammert und riß ihn mit. Beide wälzten sich aus dem Waldboden und rangen miteinander auf Tod und Leben. „Zu Hilfe.'" schrie Max mit letzter Kraft. „Wart' Jud', ich null Dich still machen." Der Pole krallte seine knochige Riesenfanst um den Hals des Doktors, .ihm die Kehle zuzuschnüren, da traf ihn ein wuchtiger Peitschenhieb ins Genick, er ließ ab, laut ausheulend kehrte er sich um und sah sich entsetzt einem stärkeren, wie aus der Erde entstiegenen Feinde gegen-- über.