Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 39 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Seite 2. Der Versuch einer BerstS«-isu«g. . Zum Neuerscheinen der „Neuen. Jüdischen Monatshefte". Vom 1. Oktober beginnt in Berlin eine neue jüdische Zeitschrift zu erscheinen: „Neue Jüdische Monatshefte". Wenn in diesen schweren und ernsten Tagen, da alle Kraft und Sorge der Erhaltung des Bestehenden zugewandt werden muß, ein neues Unternehmen ins Leben gerufen wird, so bedarf dies besonders gewichtiger Begründung!; Handelt es sich aber gar um eine,Neugründung auf jüdischem Gebiet, da. die Verhältnisse doppelt schwer und kritisch sind, so darf man Don den Gründern eine ganz besonders gewichtige Rechtfertigung ihres Unternehmens fordern. . - Liest man den Prospekt 8er neuen Zeitschrift durch, überblickt man den Inhalt der ersten Nummer, so versteht man allerdings sehr bald das Motiv, das.Anlaß war zu ihrer Gründung. Schon die Liste der H erausgeber sagt dem Eingeweihten genug. Die Zeitschrift erscheint Unter Mitwirkung von Professor Dr. Hermann Cohen, Alexander Eliasberg, Dr. Wolf.Friedemann, Geh- Justizrat Dr. Eugen Fuchs und Dr. Franz Oppenheimer. Diese Liste muß auf den ersten Blick hin Erstaunen, ja Befremden erregen. Dr. Friedemann und Dr. Franz Oppenheimer sind als Zionisten bekannt, Professor Hermann Cohen und Geh.' Justizrat DL Eugen Fuchs sind anerkannte Ulhrer des liberalen Judentums, und mit Staunen wird man sich zunächst ftagen, was wohl diese beiden Paare dazu geführt haben mag, gemeinsam eine Mische Zeitschrift zu begründen. Der Prospekt gibt darüber Auskunft. „Die Zeitschrift" — erklärt er f— „ist dazu bestimmt, das Organ aller deutschen Indien zu werden, die treu an ihrem Judentum hallen. Mer — nicht einiger! Sie will keiner politischen oder religiösen Richtung einseitig dienen, sondern Men denen offen stehen, die mit Ernst und Sachlichkeit sich um die großen Probleme mühen, die das Judentum in Ost und West bewegend ' Und weiter: „Wer als Jude hier spricht, mag^Jude sein nach seiner Art, aber er sei's! Er vergesse Wer dem Einzelnen nicht das Ganze, Wer der Gruppe nicht die Gesamtheit, Wer dem Trennenden wicht däs Einende: die Men gemeinsame Idee des Judentums. Er bedenke, daß man im Jwnern einer allen Gemeinschaft nicht kämpft mn zu kämpfen, sondern um zu klären und zu nützen." UW schließlich: „Wenn das deutsche JWentum nicht einmal jetzt die Kraft fiWen sollte, die natürlicherweise in chm bestehenden Gegensätze zu wahrhafter -Harmonie zu versöhnen, so würden wir uns in dieser auch Wer unser eigenes Schicksal entscheidenden Zell als Faktor eigener Kraft ausschallen, und die Entwicklung würde über uns hinwegschreiten." Was die Zeitschrift will, ist mithin klar: sie will eine Verstäudigungszeitschrist sein, wlll den Versuch därstollen. Wer Me Gegensätze uW.Kämpfe innerhalb des deutschen JWentums hinweg eine Tribüne zu schassen, in der Me Richtungen und Parteien zu Worte kommen sollen, um so die Basis für eine gemeinsame politische Arbeit in den großen Mgemein Mischen Ftagen, die der Krieg tells neu aufgeworfen, teils sehr verschärft hat. zu errichten. Wir brauchen kaum zu sagen, daß dieses Ziel an sich uns sehr schön und wichllg erscheint, daß wir es fteüdig begrüßen würden, wenn wirllich die Möglichkeit gegeben wäre, Me Gruppen uW Richtungen des deutschen Judentums zu gemeinsamer, geschlossener Betätigung in gewissen großen Mischen Angelegenhellen zu vereinen. Niemand müßte solches lebhafter herbeiwünschen als gerade das national gesinnte JWentum; denn wem wäre der Gedanke der Mischen Solidarllät, der Mischen Vvlkseinhell heiliger und teurer 'als ihm? Und was so Mgemein gilt, hat naturgemäß in der gegenwärtigen Zell ganz besondere Geltung. Denn wann hat es eine Zeit gegeben, da die Einheit und Geschlossenhell unseres Volkes notwendiger war als heute? In dieser furchtbaren Krisis, in der wir alle leben,- da alle großen imd starken Völker den inneren Burgfrieden prollamiert haben uW Wer Me GegensWe Hinweg einig und geschloffen dastehen, bedeutet tne Fortdauer der Zerklüftung und ' Spaltung innerhalb des Mischen Volkes, das schwächer imd bedrohter ist als alle anderen, mehr als Nur-einen Fehler, ist sie nahezu ein Verbrechen an Frarckfurter Wraelitisches FamilieWlM. der Zukunft der Nation. UW so ist es nur selbstrerständlich, daß man jeden Versuch begrüßen muß, der diesem Zustand ein Ende bereiten und die Möglichkeit einer Verständigung der verschiedenen Richtungen zur gemeinsamen Arbeit in den großen, alle bewegenden Fragen des Tages herbeiführen will. Trotz all dieser Momente, die uns -die Tendenz der neuen Zellschrift sympathisch macht, wollen wir gleich von vornherein nicht die großen Schwierigkeiten verhehlen, die ihrer weiteren Entwicklung im Wege stehen, wollen wir auch, nicht die Bedenken unterdrücken, die wir in dieser Hinsicht hegen. Zunächst: wie für Me Verständigungstendenzen besteht auch hier die Gefahr einer verschwommenen, nnllaren Kompromispolitik. Wir haben gerade im Mischen Leben dies schon so manchmal erlebt und HWen die großen Gefahren einer solchen prinzipienlosen Koinpromispolitik zur Genüge' kvnstatieren können. Der hier unternommene Versuch einer VerstäWigung wäre von vornherein verfehlt, ja schädlich und gefährlich, wenn er zu solcher Kompromislerei führen sollte, wenn er die Klarheit und Reinheit der Prinzipien, die das nationale Judentum vom affimllatorischen, das traditionelle vom reformerischen trennen, irgeWwietrüben uW den Typus eines verschwommenen, unklaren, vagen sogenannten „guten Juden" großziehen wollte. Wir haben genügend Erfahrung bereits, was es mit diesem „guten Juden" auf sich hat, und wir wissen, daß er gewöhnlich nichts von einem wahrhaft guten Juden besitzt als den Namen, den er sich zudem unberechtigterweise zulegt. Gerade für ein Volk, das vor der Entscheidung Wer seine nationale Zukunft steht wie das jüdische, ist dieser laue, undefinierbare Typus doppelt schädlich. Mle Verständigung innerhalb des JWentums kann nur auf einer klaren Betonung der Gegensätze und Differenzen beruhen, die die verschiedenen Richtungen von einaWer scheiden und muß in der Erkenntnis wurzeln, daß es trotz dieser Gegensätze und Wer sie hinaus gewisse Fragen und Aufgaben gibt, in denen ein einiges und geschlossenes Vorgehen not tut. Ob es der neuen Zeitschrift gelingen wird, diese Erkenntnis auch in den Kreisen wachzurufen, die sie bislang nicht besaßen, wir wollen es gerne hoffen; Mein es sei ganz offen gesagt: -wir siW nicht recht davon Werzeugt. Die Namen der Herausgeber geben uns bei aller Würdigung ihrer - Bedeutung noch keine rechte Gewähr dafür. Uns will es scheinen, als ob die Vertreter beider Richtungen des nationalen und liberalen Judentums, die sich hier zusammengefunden haben, gerade auf die einer Verständigung abgeneigten Gruppen ihrer Richtungen nicht den bestimmenden Einfluß haben, den sie besitzen müßten, um die Widerstände, die in beiden Lagern gegen jegliche VerstäWigung bestehen, zu Werwinden. Aber wir wollen nicht gleich beim?Erscheinen der ersten Nummer allzu pessimistisch sein, wenn wir auch der Ansicht siW, daß es hier wie Werall besser ist, sich keinen Illusionen hinzngeben, sondern Nie Dinge zu sehen, wie sie siW. Doch ob unsere Bedenken zurecht bestehen, die Zukunft wird es lehren. In der Hoffnung, daß die Zeitschrift die VerstäWigung, die sie anstrebt, so versteht, wie/wir es kurz angedeutet haben, wünschen wir ihr den Erfolg, den sie HWen muß, damit ihre Gründung in so ernster, krillscher Zeit vollauf gerechtfertigt erscheint. Sollte ihr dieser Erfolg beschicken fein, dann wird sie sich rühmen dürfen, zur rechten Zeit an die Erfüllung einer Aufgabe geschritten zu sein, deren außerordentliche Schwierigkeiten nicht unterschätzt werden sollen, deren Bedeutung nicht hoch genug bewertet werden kann und deren Bewältigung für diejenigen, die sie vollbracht hätten, ein bleibendes Verdienst um das Judentum bedeuten würde. Brief aus Warschau. Die Etavtämter und die Jude». Zur Russenzeit waren die öffentlichen Aemter auch in Polenden Juden nicht zugänglich, obwohl sie durch das Statut von Alexander Ü. vom 5. Juni 1862 gleichberechtigt worden waren. Aber auch die Polen haben tatsächlich nur in Ausnahmefällen ein öffentliches Amt bekleiden dürfen. Die höheren Aemter waren durch Russen besetzt, wobei sich die russische Regierung immer bemüht HÄ, die Polen allmählich auch von den niedrigeren auszusperren. Sä nicht nur die russische Regierung hat die Alben eingeschpärckt; bei den stellen, die von den Polen «chhängrg waren, wurden die Juden gleichfalls boykottiert: pt den Md tischen Unternehmungen - Nr. 39 wie Tramwagen, Gasbeleuchtung. Kanalisation nsw. war kein einziger Jude angestellt. . Im Lause der Zeit dehnte - sich diese Behandlung der Juden ans Me anderen Einrichtungen aus, die in irgend einer Weise bie Gemeinschaft bedienen: also aus Kreditgesellschaften, Zusnhrbahnen n. dgl. Mrk den Vorwurf, daß die Polen dergestalt den Juden gegenüber dieselbe Unterdrückungspolitik betreiben, die sie in bezug aus die Russen als .Barbarei brandmarken, hieß .es, den Polen > sei keine andere Wahl, als die ihnen gebliebenen Posten ausschließlich sür sich zu behalten. Irrwischen Haben sich die Verhältnisse durchaus geändert. Die jetzige deutsche Behörde besaßt sich nur mit einem beschränkten Teil der Verwaltung, wobei sie auch Polen und' Juden -sich betätigen! läßt. Als reelle Verdienstquelle hat die neue Verordnung für die Juden allerdings eine geringe Bedeutung, doch als Prinzip ist.es eine namhaft« Errungenschaft, denn von nun ab ist den Juden das Rocht zricrkannt, öffentliche Posten zu bekleiden. Doch den polnischen Machthabern fällt es garnicht ein, dieser Neugestaltung gerecht zu werden; sie ziehen es vor, die bisherige asiatische Taktik sortzusetzen. Und die Inden; — ungeachtet der altbekannten judcnfeindlichen Tendenzen des gewesenen Bürgerkomitees hat es der assimilatorisch-orthodoxe Gemeinde-Vorstand (der damals allein als Vertreter der hiesigen Judenschast gelten durfte), unterlassen, die deutsch Verwaltung um Gründung eines besonderen jüdischen Komitees oder um Einräumung einer gehörigen Zahl von jüdischen Vertretern tm Dürgerlomktee zu ersuchen, wie es z. B. in der . österreichischen OKupation der Fall tvar. Infolge dieser Vernachlässigung Hat das polnische Bürgerkomitee die .russischen Grundsätze in bezug auf die Inden auch fernerhin gelten lassen, wonach u. a. nahezu kein einziges städtichs Amt den Juden gewährt wurde. Am krassesten - Hat sich diese Boykott- Politik in der Bürgermiliz .offenbart. Solange die Milizianten ihren Dienst umsonst geleistet Hätten, waren in der Miliz viele Juden tätig; mit Einführung der Besoldung .wurden die Juden meistenteils entfernt, und jetzt gibt es deren sehr wenig, und auch! diese .sind vorwiegend mit denniedrigsten Posten betraut. Die städtischen Aemter Haben jetzt eine ganz andere Bedeutung als zur Friedenszeit. Der Händel und die Industrie sind in vollständiger Stockung, und das einzige, was dem' Mittelstände und der Intelligenz häufig übrig bleibt, ist, als. Angestellte in dm Stadtverwaltung zu verdienen. Die volnischpjn. leitenden Kreise Haben eine zahlreichje gut besoldete Bnreaukratie geschaffen, deren' Entlohnung gewissexnräßen als Unterstützung der arbeitslosen Intelligenzler gilt. Es genügt, darauf Hinzuweisen, daß .die Stadtbeamten etwa eine Mllion (gegen eine Hälbe Million in 1915) und die Miliz 1,772,675 Rubel (gegen 893,284 in 1915) jetzt Gage beziehen. Anders gesagt: Die AnsHältnng der polnischen „freien" Verwaltung nbertrifst um das Doppelte die Kosten der „TstGnownikerei" Rußlands, das sich doch als Bnreaukratie- und Polizeistaat unrühmlichen Rufs erfreut. Und von .diesem' riesigen Gelbe genießen die Juden so gut wie garnichts. Damit nicht genug. Um das kolossale Defizit von etwa 12 Millionen zu Lecken, platten bie polnischen Ratsmänner, manche bisher private Unternehmungen städtisch zu machen. Das würde zur Folge .haben, den Juden auch Handel und Industrie.zu entziehen, ohne ihnen Ersatz in der Form von Beamtengehält zn gewähren. . Noch schlimmere Folgen führt die -Beeinträchtigung der Juden bei Besetzung der Stadtäinter in direkter Weise Herbei. Wie' gesagt, sind im Prinzip die polnischen Juden den Grnndpolen ^gleichgestellt, doch die Verwirklichung dieser Gleichberechtigung .Hängt hauptsächlich von der allmächtigen Beamtenschaft ab, die judenfeindlich ist. In der Mtäglichjen Praxis' bedientet dies, daß mannigfache Lieferungen nur an Polen vergeben werden, daß der Jude unter Vorwand von ,HHgienisiernng" verfilzt wird, daß jüdischer Kranke .kein; Spital, jüdische Kinder keine Schple, jüdische Notleidende keine Unterstützung bekommen, daß sich immer Juden als „Spekulanten" erweisen, und daß der Jude sonst ungerecht und grob behandelt wird. Unter solchen .Umständen ist die Lage der Juden wahrlich nicht rosig.' Der jüdische KomMisverein Hat gegen , die Zurücksetzung der Juden in den Stadtämtcrn eine Protestverscmrmlnng einberufen und eine Bittschrift an den Stadtrat eingereicht. Die Unterstützung dieser Bitte Hat der Verein (selbstv erständlich!) den beiden Sozialisten als einzigen Vertretern des Proletariats anvcrtrant. Die grelle Tatsache, dilß Uran die Juden boykottiert, hat man versuch^ .mit sozialdemokratischen Redensarten zu bemänteln und sie als Folgerung des Protektionsshstems hinzustellen. Als Mittel Hat man vorgeschlagen, fernerhin (&. H. nachdem! alle Stellen bereits besetzt sind) Beamten nur durch Vermittlung professioneller Vereine .zu engagieren. Denn für .die Juden proportionale Rechte bei Bekleidung -der öffentlichen Aemter zU fordern. Hieße „jüdischen Nationalismus" betreiben! " Uebrigens ist es schon jetzt überhaupt zu spät, noch etwas Wirksames vorzUnehmen. Die „Jüdische Volksgruppe" Hat gegen die vorgeschlägene neue Anleihe in Höhe vvn 20 Millionen gestimmt, zu deren Zinsen 60% an3 jüdischen <Steuern genommen würden, indessen das Geld den Juden., nicht nur nichts nützen, sondern als neues Werkzeug, pm! gegen sie zu kämpfen, dienen würde. Die „.Volksgruppe" Hüt dabei in «ntgebenen Worten -betont, was die Juden vom städtiirt Budget erHLlten. Die „vereinigten jüdischen Ratsmantier" .haben natürlich geschwiegen und die neue Anleihe gutgcheißen: .