Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1916-10-06 · Heft 39 (6.10.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 39 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692975-2693013--09628-2704867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- Erscheint wöchentlich am Freitag. N«iw»pr«is pro Uirrtrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei mS Haus. Bei. der Post abonniert 90 Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion nnd Expedition: Frankfurt a. M. :: Langeflr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Kaks cheis. (f=~ ■ --- — ' III«——; Insertionsprris für die fünfgespaltene P «titzeil« 2» Pf,., stk die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Tesuche, LohnungsinserAte, Heirat s-Annoncen 15 Pfg. die sechsgefpallene Petit,eile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Aerdindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in crAnnoneen-NureauL Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter L». 4R»t. g--< ■———nnn—m— « 14- Jahrgang. Freitag, den 9. Tischri 5676 (6. Oktober 1916) Nr. 39. t. ffer. inst ia mg. ihnli jhanl »len. eltni t, g 5663 erläs on Die nächstwöchentltche Nummer erscheint bereits Mittwoch. Schlntz für Inserate Dienstag früh 9 Uhr. Das Jahr 5676. . i. . Das vergangene Jahr, das zweite Kriegsjahr, brachte auf fast allen Gebieten des jüdischen Lebens die Fortsetzung jener leidensreichen Entwickelung, die das erste Kriegsjahr bereits für das jüdische Volk herbeigeführt hatte. Die allgemeine Signatur der jüdischen Lage im Kriege, jene, die stärker als alle anderen ihre Furchtbarkeit und Tragik kennzeichnet, unsere völlige Ohnmacht und Passivität gegenüber den umwälzenden Geschehnissen, die über uns hinwegstürmen, sie ist auch im vergangenen Jahre gültig geblieben. Und dennoch darf man gerade hierin eine gewisse Besserung konstatieren. Neue Katastrophen von der Art jener, die der Sommer 1915 dem Ostjudentum gebracht hat, sind ■■ int vergangenen Jahre nicht zu verzeichnen infolge der im Osten im allgemeinen stationär gebliebenen Kriegslage. Ja, nach den umwälzenden Ereignissen des vorjährigen Sommers, die Kurland, Litauen- Polen und einen Teil von Wolynien unter die Herrschaft der Zentralmächtc gebracht haben, begann in diesem Jahre bereits eine gewisse Stabilisierung der Verhältnisse eiuzutreten, die damit auch eine Besserung der jüdischen.Lage, vor allen! in politischer Hinsicht, herbeigeführt hat. . Darüber hinaus aber weist die jüdische Lage auch in anderen Ländern, vor allem in Rußland, eine innere Stärkung auf, die darauf hindeutet, daß der Höhepunkt der katastrophalen Krisis, die dieser Krieg für uns Juden bedeutet, doch schon Merschritten ist und in allen Teilen des Volkes bereits die Erholung undallmähliche Gesundung wieder einzusetzen beginnt. Ein Rückblick Wer die wichtigsten Ereignisse d.s jüdischen Lebens des vergangenen Jahres in den verschiedenen Ländern wird dies im einzelnen beweisen. Beginnen wir die Umschau mit unserem deutschen Baterlande, von dessen innerjüdischem Leben in der abgelaufenen Jahresfrist wenig zu melden ist. Der Burgfriede, der auch das jüdische Leben beherrscht, bedingt notwendigerweise eine gewisse starre innere Ruhe und - verhindert den Meinungs- und Parteienkampf. Von wichtigen, die gesamte— deutsche Judenheit interessierenden Ereignissen sei hier nur der Streit erwähnt, der sich im Anschluß an die vom Verband der deutschen Juden angestrebte Vereinheitlichung und Zentralisierung der jüdischen Militärseclsorge entspann, und der mit dem Scheitern.dieser Bemühungen endete. So sehr man dieses Ergebnis vom Gesichtspunkt der Regelung der jüdischen Militärseelsorge bedauern mag, so können wir es doch, von einem höheren Standpunkt betrachtet, nur begrüßen,.' weil damit auch der mit jenen Bestrebungen verknüpfte Versuch einer Zwangsorganisation der deutschen Judenheit, deren Gefahren wir nicht nochmals darzulegen brauchen, gleich von vornherein vereitelt worden ist. Im silbrigen herrscht der Burgfriede auf der ganzen Linie, und der jüdische Chronist kann nicht umhin, so manche der Wirkungen dieses Burgfriedens nur zu bedauern, da er eine zu starke Apathie und Erstarrung des inner- Mifchen. Lehens bedingt. Es steht damit nur im Zusammenhang, wenn man . die betrübende Tatsjache konstatieren muß, daß auch für das Hilfswerk für die in den okkupierten Gebieten lebende osteuropäische Judenheit von Seiten der deutschen Juden viel zu wenig getan tvurde, und diese Überhaupt der gesamten, so überaus wichtigen und aktuellen Ostjudeufrage zu indifferent und passiv gegenAberstehen. Auch vom innerjüdischen Leben der verbündeten habsburgischen Monarchie ist nichts Bedeutsames zu melden. Das Hilfswerk für die galizischen Flüchtlinge, das im vorigen Jahre von solcher Bedeutung war, verlor iir diesem Jahre infolge der Befreiung des größten Teiles Galiziens an Wichtigkeit, und von anderen tvichtigen Vorkommnissen des inuerjüdischen Lebens Oesterreich-Ungarns ist höchstens noch das in letzter Zeit entstandene Projekt einer Gemcindeorganisation der österreichischen jüdischen Gemeinden zu erwähnen, das aber in seinen Grundzügen und Tendenzen zu unklar ist, als daß eine Stellungnahme zu ihin bereits möglich wäre. Die Indifferenz gegenüber den ostjüdischen Dingen, die an der deutscheil Judenheit so sehr zu beklagen ist, trat für die österreichisch-ungarische Judenheit noch viel stärker - in Erscheinung, und vor allem sind es die ungarischen Juden — unter ihnen auch die starke Orthodoxie —, die sich den großen Forderungen der Zeit sehr wenig gewachsen zeigten. Im Zusammenhang mit den Zentralmächten muß diesmal auch die Lage der Judenheit der okkupierten Gebiete im Osten erörtert werden. Wir sagten schon, daß eine gewisse Stabilisierung und Besserung sich da bemerkbar gemacht hat. Nach den furchtbaren Erschütterungen des vorjährigen Sommers blieb der jüdischen Bevölkerung dieser Gebiete wenigstens die äußere Ruhe und Sicherheit in diesem Jahre gewahrt, und so konnte sie daran schreiten, einen Teil der Wunden, die ihr das erste Kriegsjahr geschlagen hat, zu heilen. Daß ihr dies nur in sehr beschränktem Maße möglich war, ist selbstverständlich. Denn in ökonomischer Hinsicht ist eine Besserung ihrer traurigen, furchtbaren Lage während des Krieges naturgemäß unmöglich, und die Hilfsgelder, die aus Amerika kommen, vermögen wohl in vielen Einzelfällen die Not zu lindern; eine durchgreifende Besserung können aber auch sie nicht bewirken. Und so mußte sich der Hauptteil ihrer Arbeit auf ihre politische Lage beziehen, und hier sind allerdings bedeutsame Ereignisse zu verzeichnen. Dies gilt in erster Reihe vom Kongreß-Polen, denn in Litauen ist eine intensive politische Tätigkeit aus allgemein politischen Gründen nicht möglich. In Polen jedoch, wo die deutschen Behörden selbst auf eine innere Ordnung der politischen Verhältnisse hinarbeiten, war den Juden' reiche Möglichkeit zur politischnationalen Betätigung gegeben, und überblickt man das Maß des von ihnen in diesem Jahre Geleisteten und Erreichten, so tvird man darüber im großen ganzen nur berechtigte Genugtuung empfinden dürfen. Ueberall kann man die Bestrebungen wahrnehmen, sich zu organisieren und die eigenen Rechte zu wahren, überall eine intensive Betonung der kulturellen Forderungen und eine energische Vertretung des nationalen Gedankens. Und daß diese entschlossene und selbstbewußte Haltung der polnischen Judenheit auch von Erfolg begleitet ist, bewies am besten das Ergebnis der Warschauer Stadtratswahlen, das den Juden auf Grund eines Kompromisses mit den Polen eine eigene 'Vertretung brachte, die als solche von den Polen anerkannt wurde. Hand in Hand mit dieser politischen Tätigkeit nach außen hin geht eine intensive innere nationalkulturelle Arbeit, die immer größeren Umfang annimmt. Wenn man die ganze unbeschreiblich traurige ökonomische Lage bedenkt, in der die Judenheit der okkupierten Gebiete sich befindet, wenn man die außerordentlichen Schwierigkeiten berücksichtigt, mit denen sie in dieser Kriegs-, zeit auf Schritt und Tritt zu tämpfen hat, wird, man den ganzen Wert und die volle Bedeutung ihrer jüdischen Arbeit verstehen und mit Ehrfurcht und Bewunderung vor dem unerschütterlichen, geradezu grandiosen nationalen Daseinswillen sich beugen, der in dieser Arbeit zum Ausdruck kommt. Das Verhalten der deutschen Verwaltung der jüdischen Bevölkerung gegenüber darf man iin allgemeinen als befriedigend bezeichnen. _ Wenn auch vielfach in Einzelfällen nicht immer den berechtigten Wünschen und Forderungen der Juden Rechnung getragen wird, so darf man doch im großen ganzen die Tendenz feststellen, die Sonderart der Judenheit zu berücksichtigen und - sie vor den Angriffen der Polen zu schützen. Die Gestaltung des Wahlrechts bei den Wahlen in Warschau, die Anerkennung des Jiddischen als Unterrichtssprache und manches andere spricht von diesem wohlwollenden und gerechten Standpunkt der ' Behörden. Leider sind die Verhältnisse in dem von Oesterreich verwalteten Teil Polens weniger erfreulich, da dort die Behörden ganz unter dem Einfluß der Polen stehen und den Juden gegenüber " eine ähnliche Polonisierungspolitik betreiben, wie man es von Galizien her gewohnt ist. Allein die selbstbeioußte Vertretung ihrer Rechte seitens der jüdischen Bevölkerung wird, wie man hoffen darf, auch dort jegliche gewaltsame Polonisierung verhindern und früher oder später ihre berechtigten Ansprüche. durchsetzen. ' Unmittelbar nach der Eroberung der westruffischen Gebiete hat bekanntlich in der deutschen Oeffentlichkeit eine eifrige und ausgedehnte Erörterung der Ostjudenfrage eingesetzt, über die wir heute nicht mehr viel Worte verlieren wollen. Das eine Gute hat diese öffentliche Behandlung des Problems gehabt, daß die Judenfrage in diesem ihrem Teilaspekt wiederum in ihrer ganzen Aktualität und Bedeutung der nichtjüdischen Oeffentlichkeit aufgewiesen wurde, was vom jüdischen Standpunkt stets begrüßenswert und erfreulich ist. Wie die Zukunft der jüdischen Bevölkerung der okkupierten Gebiete sich gestalten wird, läßt sich jetzt noch nicht absehen, da ja über das politische Schicksal dieser Gebiete selbst sich noch nichts Bestimmtes sagen läßt. Jedenfalls aber — und das läßt sich heute bereits mit Gewißheit behaupten — haben die umwälzenden Geschehnisse, die der Krieg über die Ostjudenheit hinwegbrausen ließ, diese in ihrer vitalen Daseinskraft keinesfalls geschwächt, sie vielmehr nur. gestärkt und gefestigt. Und so traurig und furchtbar auch die materiellen Schäden sein mögen, die der Krieg ihr angefügt hat, die Erkenntnis ihrer inneren moralischen jüdischen Kraft, ihres ungebrochenen und unbrechbaren Mischen Selbsterhaltungstriebes ist ein beglückendes und.erhebendes Erlebnis, das über die namenlosen Leiden, die sie auch im letzten Jahr hat erdulden müssen, trösten kann, und das die Gewißheit gibt,, daß die osteuropäische Judenheit ' auch aus der - Katastrophe der beiden Kriegsjahre in ihrer inneren Kraft ungebrochen und fast unversehrt hervorgehen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.