Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 38 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblätt. ' Nr. 38. „Ja", nickte Fritz, „Sie wÜßten's auch nicht, wenn wo .immer eine lustige Gesellschaft zusammentvaf. Wenn Max ihr das Unschickliche solchen Treibens vorhielt, fragte fie spitz, was sie denn allein zu Haus anfangen Jolle, übrigens besuche sie den Kasinogarten immer in ihres, Onlels Gesellschaft und Schutz. Das war richtig, und wenn schon sich Max sehr energisch die Chaperond.ienste von Seiten Onkel Mucha'sverbat, er war nicht der Mann, den hinterlistigen und achselträgerischcn Apotheker zu beaufsichtigen, noch der bis zur Rohheit gesteigerten Unverträglichkeit seines vergnügm'igshüngrigen "Weibes dauernd Widerstand zu leisten. So ließ er denn alles gehen, so schlecht es eben wollte; er kämpfte nicht mehr, er war mürbe, — da hatte er Ruh. Ein Schwan an der Seite einer Ente, er wußte, er würde versinken in ihrem Pfuhl, aber er konnte nicht mehr in die Höhe, immer wieder zog ihn die Gefährtin zu sich herab. Bald, prägten sich die, moralischen Niederlagen auch an seinem äußeren Menschen aus: er verfiel und verwilderte zusehends; wer den kaum Fünfundzwanzigjährigen nicht kannte, hätte ihn getrost für einen Vierziger halten .mögen. Manchmal überkam es.ihn, als sei dieses ganze Jahr des Elends, das er an der Scfte dieses Weibes verlebte, ein wirrer böser Traum. Er sah sich wiÄer in der kleinen, freundlichen -Junggesellenstube bei seinem Hans, der ihn so klug uiü» besorgt gewarnt hatte; er sah sich im hellen Eigensinn und Trotz nach der Apotheke wandeln und klomm jm Geiste wieder die enge. Stiege empor, oben hörte er Männer mft den schwarzen Helmen, mit Eimern und Leitern, mft Spritzen und Kannen, um einen Löschangriff auf das markierte Haus zu unternehmen, eine uralte, wftldschiefe, baufällige Baracke, so feuergefährlich; daß ejn ängstliches Gemüt auf zehn Schritte nicht gewagt Hätte, in ihrer Nähe eine Zigarre anzuzünden, ein aller Welt jm Wege stehendes, llägliches Gerümpel von Haus, das aber leider zum tiefsten Schmerz seines sehr hoch versicherten Besitzers niemals abbrennen wollte, und der daher mft sehr gemischten Gefühlen auf diese platonische Feuersbrunst und ihre lustigen Bekämpfer blickte. Natürlich war ganz Trebanobitz auf den Beinen, nur die Juden saßen zu Hause und ärgerten sich und ließen ihre bösen Untertanenmäuler höchst despektierlich über das Stadtoberhaupt laufen. Sie beschuldigten ihren Bürgermeister gerad' heraus, daß er die famose Feuerwehrübung böswillig auf den anspruchsvollsten aller Vorfesttage, den Erew-Peßach, verlegt habe, um' von ihnen, die durch die Vorbereitungen zum Fest und ihre religiösen Obliegenheften heute ihren Bürgerpflichten entzogen wurden, Strafgelder einzutreiben, und so dem Bäuchlein des. Stadtsäckels bequem eine lleine Rundung zu verschaffen. Das war nicht hübsch von den Verurtellten, daß sie das Finanzgenie ihres Bürgermeisters krumm ansahen, aber die Leute, denen man Sttafgelder abverlangt, rajsonnieren allenthalben, auch wenn sie keine J^»en siiü>. Max Goldmann verhielt sich den geschäfttgcn Festvorkehrungen seiner Stammesgenossen wie den lustigen nicht; — aber hören Sie nur, so geht ihr's." Darauf gab ihm Fritz einen sehr llaren, ausführlichen Krankheitsbericht, durch welchen der Doktor sich ein deutliches Bild von der Krankheit vorzustellen vermochte, daß er trotz aller 'Sorge und Erregung nicht umhin konnte, den Burschen zu fragen, welche der Schwestern ihn so sachverständig unterrichtet habe. „Keines von den Käntormädeln," gestand Fritz treuherzig. „Nur unser Fräulein Lottel war drüben, ich sag' halt noch unser Lottel, obwohl .ich seit dem-Krach, wo anders hin, beim Herrn von Lückow, wissen Sie? —' Also unser Lottel hat mich zu Ihnen geschickt, — Sie müssen mich aber nicht verraten." „Ich fahre sogleich rüber," rief Max, der, die Tasche mft Medikamenten und Instrumenten gefüllt, reisefertig vor dem Burschen stand. „Mär' ''schon recht, wenn Sie nur eineFuhre bekämen. Aber es ist auch nicht eine zu haben, von wegen der FeuerwehrÜbung> wo jfe ja alle mitmachen müssen. Leider kann auch ich Sie nicht einmal fahren," sprach Fritz traurig, „in einer Stunde muß ich nach Kreuzburg 'zur Bahn, meinen neuen Herrn abholen." „Und Hans ist fortgerftten." Der Dollar stampfte zornig den Boden, „was zum Teufel fang ich an?" „Warten Sie, ich schaffe Mt," rief Fritz. Eilig war er hinaus und karü nach zehn Minuten atemlos wjcker. „Der Zernowitzer Müller ist unten, ich habe ihn aus der Kneipe geholt; der wird sie fahren. Er? t f, i Algen, jene Verse, die damals durch ihre naive Plätthyt seinen Studentenhumor so angezogen und belustigt hatten: „Nimm mir den Ring vom Finger Wenn ich. gestorben bin Und alle meine Briese, Dje im ^Tornister firü» —" Einmal fragte er Marien, wer sie das Lied gelehrt habe.... ' „Die Schmidtköchin", antwortete sie kurz. Die Schmidtköchin war ihr Verkehr gewesen. Wo ^halle er nur seine Augen gehabt. Nein, er träumte Schicht. Unlöslich gekettet an diese ungcbftdete, seichte, - aufgedonnerte Frau, deren Reize ihn längst kalt ließen, ja .gegen deren größere Freundlichkeiten ihn jetzt oft ein unerllärlicher Widerwillen beschlich, lebte er ein gcwöhnsiches, erniedrigtes, glückleeres Leben. Das war seine Ehe. 11. Kapitel.; ■ Unter den Trebanobitzer Juden herrschte ungeheure . Aufregung. Der Bürgermeister hatte für den Abend großesFeucrwehrübung hefohlen, und alle streitbare Männer der guten Stadt Trebanobitz waren gehalten, seinem Heerbann Folge zu leisten. Der- Rathausdienerzugleich Gerichtsvollzieher uiü> Oberfcuerwehrmann in einer Person, paradierte in einer Uniform, die ein unbeschreibliches -Mittelding zwischen dem Ornat eines Totengräbers und dem Waffenrock eines Laridwchrmannes - bildete, und schrjü stotz die vier Ecken-des Trebaiwbitzer Ringes ab, jcker Ecke mit aller seiner Lungenkräst ins Horn j^stoßend, das getrost -dem berühmten Söcr von Uri f Konkurrenz bieten konnte. Und -siehe, sie kamen daher 1 von-Ost. uüd WeMaus Süd/-aus .Nord,Ldje wackern Sicherheitsexerzitien seiner christlichen Mitbürger gegenüber gleich tellnahmslos. Seinetwegen mochte man löschen und brennen, solveft es jedem gefiel, und von dem Judenfeste wußte er nichts mehr, nein, wollte sich auch seiner gar nicht mehr erinnern. Er war allein. Marie war zu ihrer Tante nach Zernowjtz gefahren, sie nuichte jetzt öfter kleine Reisen. Sie wußte auch immer tausend Vorwände und Wichtige Grunde anzugeben, welche ihre Anwesenheit bald da und dort unumgänglich notwendig scheinen ließen. Gleichgültig ließ er sie gewähren, so kam und ging sie, wann sie wollte, und zeigte die merkwürdigsten Launen, unerträgliche Schmälsucht, die ganz unvermittelt in die überfließendste Zärtlichkeit umschlug. Er forschte nicht nach der Ursache dieser loechselnden Gcmütstvallungen, stumpfsinnig ließ er alles über sich ergehen. Wenn ihn seine Berufspflicht nicht aufstachelte, 'verfiel er jn starre Apathie, aus der ihn nichts aufzurütteln vermochte. — Uebrigens gab cs, den treuen Hans ausgenommen, niemanden, der sich ernsthaft um den ver- schlossen«», unfreundlichen Mann bekümmerte. Da llopfte es an des Doktors Arbeitszimmer. Bald darauf erschien die breitschultrige Gestalt' des Bauernfrjtzcn in der Tür. „Mahlzeit, Herr Doktor." - „Guten Tag. Was bringen Sie?" „Nicht viel Gutes. Komme eben aus Kronstadt herüber, Herr Doktor. Und .ich will Ihnen sagen, es steht faul drüben. Ihre liebe Mutter liegt seit vielen Wochen fest. Es will nicht mehr werden mit ihr/ und heute geht's ganz und gar auf's Allerschlcchteste." Max war erschrocken aufgesprungen. „Und das läßt ,- -man mich heute arst-erfahrenNk , - . machte zwar Redensarten, da hat er was gehört: — Nein, Herr Doktor, ich nehme nichts/? Fritz ließ sich nur mft Mühe ein Trinkgeld aufnöttgen, trug dem Doktor Tasche und Mäntel.in den Wagen und rief ihm noch leise zu: „Nehmen Sie sich in Acht, es ist ein klubscher Kerl, gebe Gott, daß Sie zurÄht kommen." „Du bekommst für dje Fahrt zehn Mark. Wenn Dü vor Nachtzeit in Kronstadt eintrifst, erhältst-Du das Dreifache." Der Kutscher wandte sich um und sah den Doktor Mit, seinem schnapsgeröteten, von den Blattern zerrissenem Gesicht wie eine Teufelsfratze höhnisch an. „Ich fahre Überhaupt nur für das Dreifache," knurrte er.' „Es Wird ein Unwetter kommen, meine Pferde und'ich werden naß bis' auf die Knochen." Und das Unwetter ließ nicht lange auf sich warten. lFortsetzung folgt.) ' Kunst und Literatur. Nene Graphiiken von Ernst D ppler in der Kunsthandlung H. Trittler. - Es ist eine merkwürdige Erscheinung unserer vielverlästerten. Zeit, daß, sie -aufstrebenden starken Talenten sehr günstig ist. Das trifft freilich! in erster Linie auf die bildenden Künstler zu. Wer gestern noch! völlig unbekannt seine stillen Wege pilgertekann heute schon' der Held des Tages sein und kann, wenn er ganz 'besonderes Glückhat, den großen, vvmStr ah lenkranze des Ruhmes umflossenen Meistern an die Seite gestellt werden. Freilich, nur allein das Glück macht es nicht. Man muß auch etwas können/ muß einen ausgesprochenen künstlerischen Willen haben, um' zunächst wenigstens einmal einen lleinen Kreis von Menschen in seinen Bann zu - zwingen. ■ ' : Das hat der Graphiker Ernst Oppler-fertig gebracht, bessm gesamtes grapWWeS-iSchasfenznr^ Zeit? ln iwn