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Neue jüdische Presse · 1916-09-22 · Heft 37 (22.9.1916) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 37 (22.9.1916)
Date
1916-09-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. I L. V. Bodeliau, Herrenschneider Frankfurt a. Main, Fried ensstrasae No. 1 Telephon: Römer 3650 FfiUrSTE inASS'SCBiri'IOEBEI. Auf Wunsch koschere Verarbeitung. I d.iese Redeweise überspannt und überstudiert. Da sie sehr schnell gemerkt -hatte, daß .ihn ein gewöhnlicher Ausdruck ungemgin verletzen konnte und ein rohes Wort empfindlich traf, fast wie andere ein Schlag, war sie grausam genug, ihre ohnehin, fehlerhafte Sprache noch mehr nyt Platten Redensarten und häßlichen Verwünschungen zu verunzieren. Mit diesen Angriffen schoß sie nun gewaltig über ihr Ziel hinaus, denn ihre Absicht blieb freilich nur, ihm einen tüchtigen Aerger zu bereiten, und die Wirkung, welche eintraf, war, daß er ihr sich allmählich entfremdete. Am bittersten jedoch kränkte es ihn, daß sie für seinen Beruf nicht die mindeste Teilnahme erwies. Er hätte sich gern beschieden, sofern sie ein klein wenig Interesse daran nur geheuchelt hätte. Wenn er zum Mittagsmahl oder des Abends bei ihr saß und recht aus seinem Herzen heraus von seinen Aengsten und Sorgen um seine Kranken sich ihr mitteilen wollte, wenn er aus tiefster Seele betrübt über einen vereinzelten Fall, oder freudig erregt über eine glücklich vollbrachte Kur sich aussprechen wollte, hätte sie ihn gleichgiltig an oder wehtte wohl gar hefttg: „Laß mich mit Deinen greulichen Krankheitsgeschichten in Frieden." Demnach fanden die vertraulichen Mitteilungen natürlich ein jähes Ende. Dafür erösfntte Matte ihrem Manne recht häufig^ mit überwältigendem Wortschwall, wie unzufrieden sie sei, einen Arzt gehttratet zu haben. Schon, daß er so und so oft die Tischordnung durchbreche, genüge, eine ordentliche Hausfrau zum Kochen zu bringen. Dann hatte Max für dergleichen Albernheiten wohl eine auffahrende Antwort auf der Zunge, aber die Rücksicht auf Mattens Zustand hieß ihn verstummen. Er gewöhnte sich jetzt, ihre Ausfälle schweigend zu ettragen und flüchtete zu dem, den er während seiner Bräuttgamstage genau so ängstlich gemieden, als er ihn jetzt in der wenigen frtten Zttt, die ihm blieb, eifttg aufznsuchen eilte. Hans sah scharf. Obwohl sich der Dollar niemals mit einer Silbe bei ihm Über sein häusliches Ungemach beklagte, tröstete er ihn mü größter Zartheit und Freundlichkeit, machte ihm sanfte Vorwürfe, daß er es an Geduld fehlen lasse Und hatte obendrein die Max außerordentlich wohltuende Delikatesse, Matte ihm gegenüber in Schutz zu nehmen. „Das wird sich alles anders gestalten, wenn Matte erst Mutter sein wird", war der stete Schluß seiner Ermahnungen, ttne Prophezttung, die Max mit solchem Entzücken erfüllte, daß er voll befriedigt nach Hause ging und seiner schmollenden Frau mit der alten Liebe und Zärtlichkeit entgegenkam. Wohl den 'Gatten, an deren heimlichen Eintracht niemals der Unfriede Hand gelegt hatte. Sähet ihr je den Fluß, wie er das blühende Tal überschwemmte? Jahr um Jahr kehrt er wieder, der verderbliche, wohl gelingt es den Menschen, mit der Zeit seine Macht zu brechen, aber Scholle um Scholle hat die Flut hinweg- und fottgespült. An den tiefen Rissen und Furchen des Landes merll der Kundige aus lange den Schaden. Ein Riß in einem liebenden Herzen wird niemals heil; erschüttettes Vettrauen, verlorene Achtung, sie kehren nie zurück. Das gute 'Einvernehmen zwischen Max und Marie war wie Dezembersonnenschein. Er kann mitunter leidlich warm sttn, aber immer weilt er recht kurz. So vergingen Wochen und Monate, und mit einem Male war es Mai geworden, obwohl die Leute es gar nicht glauben wollten. Denn der Wonnemonat machte diesmal seinem uralten Kosenamen die allererdenklichste Schande. Die Bäume, deren Knospen sich, auf seinen alten guten Ruf vertrauend. Hoffnungsvoll entfalten wollten, warf er voll eisiger Hagelstücke und Schnee, so daß "die arme Blütenpracht jämmerlich erfror und zu Grunde ging. Den Menschen malte er blaue Rasen, den Poeten ließ er die Tinte einftteren, wahrschttnlich aus Rache über die vielen schlechten Gedichte, an denen sie ihm irr früheren Jahren meuchlerisch eine Mitschuld aufbür- Cafe Kaisergarten am Opernplatz Erstklassiges Ifamillen-Cafä Jeden Nachmittag von 4 bis 7 Uhr und Abend von. 8V« Uhr. ab , Lünstl deten, und die Pfandltthinstitutsbesitzer warteten vergeblich aus die wohlbekannten akademischen Winterüberzieher, aber sie kamen nicht, die Herren Studenten froren zu sehr und konnten sie noch nicht entbehren. Doktor Goldmann war am Spätabend zu einem Patienten auf ein entferntes Dorf gerufen worden, müde und fröstelnd fuhr er heim. Als der Wagen endlich vor seinem Hause hielt, raste eine Kutsche im Galopp an ihm vorüber.. Max erkannte mit Erstaunen Herrn Ezechiels alte Karäte und^bemerlle im Fluge noch, daß Lotte Jacob deinen saß; es schien, als ob sie ein Tuch vor die Augen halte und weine. Er sprang sofort ab und eilte zu Hans. „Was gibt es für böse Neuigkeiten?" fragte er diesen. - . „Es sind schlimme Nachrichten aus unserer Heimat", antwottete der Sekretär sorgenvoll. „Dein Onkel Ezechiel ist. heute früh plötzlich gestorben. Der Schlag hat ihn gerührt, als er den Verlust sttnes gesamten Vermögens erfuhr. Ein Großkaufmann in Gleiwitz oder Oppeln, ich kann Dir beim besten Willen keine näheren Einzelhttten und 'Namen nennen, hat ihn in Spekulationen verwickelt und ruiniert. Man spricht von ttner Menge lleiuer Leute, die von diesem Bankerott mitbetroffen werden; natürlich ist auch das Geld seiner Stieftochter Lotte Jacob mit bei dem verlorenen Spiel." -,W.ie ist das möglich," ttef Max, „Lottens Vermögen muß doch noch in den Händen ihrer Vormünder sein." „Leider nein. Sie wurde vor einem Jahre großjährig und übergab, ob freiwillig oder bettnslußt weiß ich nicht, ihr Geld ihrem Stiefvater zur Verwaltung. Jetzt ist das niedliche Goldfischchen so arm wie eine Kirchenmaus.» Uebermorgen wird Deiner Mutter Bruder beerdigt. Wirst Du nicht hinübersahren, Max?" „Wie, kann ich das?" antwortete der Doktor. „Du weißt ja, die Familie hat den großen Bann über mich ausgesprochen, ich lebe nicht mehr für sie. Sie sind dattn recht konsequent, die lieben Meinigen. Höre, welche Erfahrungen mich bereits gewitzigt haben, mich ihnen nochmals zu nähern. Als ich mich verheiratete, wußte ich recht gut, daß Eltern und Geschwister gewisse Hoffnungen auf meine Hilfe begruben. Aber ich schwur mir zu, sie sollten trotzdem nichts entbehren, ich wollte mttne finanziellen Pflichten gewissenhaft gegen sie abtragen; ich konnte das recht gut, meine Frau und ich, wir brauchten uns deshalb nicht allzusehr einzuschränken. Willst Du glauben, daß sie mir mein Geld ebenso beharrlich zurückschickten als alle meine Bttefe? Jetzt ist mit Onkel Ezechiel ihre letzte Stutze gefallen. Aber sie werden lieber hungern, ehe mir verztthen. Daran erkenn' ich meine Mutter." Hans schwieg. Was er zu des Freundes Klage noch hinzuzufügen wußte, hätte diesen noch schwerer betrübt. Der Bauernftttz, der seinem ehemaligen Feldwebel zuerst die Nachttcht von Ezechiel's Tode mitteiltehatte auch aus Kronstadt manches Uerfreuliche bettchtet. Bor allem, daß Frau Goldmann in ihrer Betrübnis und Selbstpeinigung über des Sohnes Ehe ihren Mann bestimmt hatte, sein Amt niederzulegen. Wer ein so ungeratenes Kind erzogen habe, sei nicht würdig, den Gottesdienst, mitzuleiten, behauptete sie, und sie schämte sich vor der ganzen Gemttnde. Zum Glück war der Gcmeindcvorstand nicht päpstlicher als der Papst und wohlwollend und verständig genug, die Abdaullmg seines Kantors, den er seit einem Pietteljahrhundett als einen Mann von lauter Frömmigkett und tadellosem Lebenswandel kannte, nicht, anzunehmen. Da Hans beharrlich schwieg, sagte der Doktor nicht ohne Ucberwindung: „Ich könnte ihnen noch so viele Beweise meiner Bersöhnlichkttt geben, sie werden'mich dennoch en canaille behandeln und alles was ich tun oder unterlassen mag, mir zum Bösen auslegen. Einerlei! ich will keinen Versuch scheuen, ihre verlorene Zuneigung zurückzugewinnen, ich werde hinüberfahren und der Beerdigung beiwohnen." „Ist der Doktor hier? Um Gottcswillen —" „Was gibt's?" Frau Schmidt hatte die Tür ausgerissen, und der Lehrling des Apothekers stürzte herttn, keuchend: „Herr Doktor schnell, Ihre Frau siegt im Sterben." Der Doktor hatte seiner Frau den Genuß ttner bestimmten Sötte schweren spanischen Weines, welchen Matte außerordentlich liebte, streng untersagt und sie sehr gebeten, sich im Interesse ihrer Gesundhttt dieses aufreizenden und gefährlichen Getränkes zu enthalten. Matte, die diesen Befehl ihres Mannes, loie nebenbei gesagt jedes andere Verbot, wo sie nur irgend konnte, fast jeden Tag heimlich umging, hatte die Abwesenheit I T. ITitQ m at» Erlange' Haebf. j «- Äranier faiserhofsir.14 Waschart, Färben und Faponnferoa»| allen Art Hennen- und DamenbOtem —— Abholung und Lieferung frei ins Haus. —— des Doktors benutzt, um Onkel Mucha den Kellerschlüssel zu entwenden und selbst jn den Keller hinabzustttgen, wo einige Flaschen des von ihr eigensinnig begehrten Tinto Aragans, für den Verbrauch der Apotheke bestimmt, wohl versteH lagerten- Wohl versteH, lMN der gleichfalls sehr weinkundige Lehrling stattete dem Keller auch ziemlich eigenmächttge Besuche ab; er war es auch, welcher die auf den finstern, unebenen Treppenstufen ausgeglittene Frau leblos liegen fand, darauf Lärm schlug und im Verein mit Mucha die Ohnmächtige nach oben schaffte. Das war ein böser Abend für den Doktor. Mattens Kind war ein Knabe und kam tot zur Welt. Wochenlang schwebte die junge Fran in Lebensgefahr. Als sie den Höhepunkt ihrer Krankheit überwunden hatte und so weit hergcstellt war, daß man ihr, wenn auch mit größter Schonung, das Nichtlebenkönnen ihres Kindes nicht mehr verhehlen durfte, schien ihr Schmerz grenzenlos; ein wilder, unedler Schmerz, der sich in hefttgen Anklagen und Verwünschungen gegen ihren Mann und merkwürdig genug auch gegen dessen Familie Luft machte. „O, ich wußte es wohl, damals schon, damals," schrie sie auf, „der Blick Dttner Mutter hat mein. Kind getötet." Diese Aeußerung schmerzte Max so unendlich ttef, daß er sich's nicht versagen konnte, er mußte Hans sein Leid llagen. Der gute, treue Junge schalt ihn in seiner liebevollen Art, wie er, ein Arzt, auf das Wort, einer Fieberllanken nur Gewicht legen möge. Aber Max schüttelte sein Haupt: „Das ist nicht Krankheit, die aus diesem entsetzlichen Vorwurf spttcht", und mit einem Lächeln, das dem Sekretär in's Herz schnitt, setzte er hinzu, „wenn ich's nicht anders wüßte, würde ich sagen, sie hat recht." Endlich siegten die zwanzig Jahre und die llästige Natur Mariens über ihre Krankheit, und sie erholte sich von Tag zu Tage zur größten Freude des Doktors, der sie mit unendlicher Hingebung gepflegt hatte. Und abermals erlebte Max eine bittere Enttäuschung. Er hatte heimlich gehofft, das Leiden nnd die schwere Prüfung würden sein Wttb auch seelisch läutern und sie ihm geistig näher führen. Nichts von alledchn traf ein. In demselben Maße,- in welchem ihr Körper seine ehemalige Fttsche wiederfand, brachen die alten Schäden ihres Geistes wieder hervor. „Das wächst nach wie vor wie der Hausschwamm," sagte Hans mit verbissenem Jngttmm zu sich selbst, als er sah, wie Wax vergeblich gegen den Leichtsinn, die zügellose ^Vergnügungssucht seiner Frau ankämpste. lFortsetzuug folgt.) Tie Hexr von Askalon. von Peter Ujväri. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Magyarischen von Dr. Adolf Kohut. (Nachdruck Verb.) (Schluß.) „Ich weiß," sagte er in seiner Wut, „Deine Seele hängt an Hanina, und ihm weihst Du Dein Andenken; — aber seine Tage sind gezählt, er wird bald zum Fräße wilder Löwen werden!" Die tapfere Seele des Mädchens erbebte, als sie diese Worte hörte. Sie flehte zu Gott, daß er sie. aus dieser entsetzlichen Gefangenschaft befrtte. Das Gebet der Jungfrau gefiel dem Herrn, und er errettete sie aus ihrer Schande. Die Wachen hörten nicht ihre Schritte, und sie sahen ihren Schatten nicht, wie sie, hinter den Säulen schleichend, ins Freie flüchtete. Sie suchte den Weg der Felder zu Askalon. Zwei Tage und zwei Nächte wanderte sie, bis sie dahin gelangte. Ueberall, wohin sie blickte, sah sie nur Zerstörung und Vernichtung. Selbst die Hnnde kläfften nicht mehr, und alle Mühlen standen still. Auf den Gipfeln der Felsen lagerte Schnee, und auf den Bäumen von Askalon wuchsen Blutrosen. ILomler Lait»ch | Tel.Hanaa3148» Frankfurt a.M, Liebfrauenberg33. B Special baos für Unterkleider und Strümpfe. 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