Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 36 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jü es nicht »»erhört, cnipörend und aufrührerisch, -als Typus eines Spions in dieser entsetzlichen Zeit, in "der es an Judenhetzereien, wahrlich! nicht fehlt, gerade einen polnischen Juden zu wählen und so die Volksseele zu vergiften?! Ausgerechnet der polnische Jude! Llls ob nicht nach dem Urteile der. maßgebendsten Personen gerade die polnischen Inden in Galizien u»b <toigfaitbi ftjfj! bic treuesten Freunde Unseres Vaterlandes erwiesen hatten, wenn auch vielleicht einzelne unter den Hunderttausenden Verrat geübt haben mögen unter dein entsetzlichsten feindlichen Drucke. Das jst der Dank fiir das-« Martyrium, das Millionen Inden erlitten haben und noch erleiden, das ist der „Burgfrieden", von dem gefaselt wird. Und das darf!in Deutschland geschehen, ohne daß, es geahndet .wird. Bei dieser Gelegenheit mag auch auf die vielen gegen Juden aufhetzenden Bilder und Notizen hingewiesen werden, die. in anderen Zeitschriften allwöchentlich veröffentlicht werden, ohne daß die Zensur eingreift. . ." Wie». Was sich befürchten ließ, ist eingetreffen: Der Krieg hat in'Rumänien, dem antisemitischsten (aller Staaten, Judenverfolgungen gebracht. Besonders in Jassy, Botosa ni, Ga latz und B r a i l a mit ihren großen jüdischen Gemeinden ist es zu schlimmen Ausschreitungen gekommen. Zahlreiche jüdische Familien, deren Männer zu den Fahnen berufen sind, wurden cnisgeplündert. Die Behörde schritt nirgends ein: in Botosani beteiligte sich sogar die 'Gendarmerie an> Raube! In Galatz, Braila und Jsnraila, wo -sich idie russischen Soldaten beteiligten, nähinen die Pogrome einen blutigen Charakter an. Hier drangen Soldaten in die Häuser, rissen Frauen und Greise heraus, beschuldigten sie der Deutschfreundlichkeit und Spionage und erschossen sie standrechtlich. Personalien «. Kleine Mitteilungen. BerN». Der 60 Jahre alte. Arzt Professor G'eorg S a l o m o n ließ sich von einem Zuge überfahren. Der 1839 in Worms geborene Komponist Friedrich Gernsheim, Vizepräsident der Akademie der Künste, ist gestorben. ’ Eharlo teilbar«. Helene Hirsch-Emden, eine Nichte Heinrich Heines, die Tochter seiner .Lieblingsschwester Charlotte, ist im 81. Lebensjahre verschieden. Die Heine-Verehrerin Kaiserin Elisabeth von Oesterreich hat Frau Hirsch-Emden mehrere Male besucht. Wulfenliüllel Aus einer ^amtlichen Bekanntmachung über die offentlichchi höheren Schulen in Wolfenbüttel entnehmen wir folgendes über, die S a m so n schn le:. „Die Samfonschnle ist eine Familienstiftung der Familie Samson. Nachdem Gnmpel Moses 1733 eine Stiftung zum Besten der Familienmitglieder hintcrlassen hatte, fügten seine Nachkommen zur Begründung einer talmudisch-n Lehranstalt weitere Vermächtnisse Hinz», so daß die Anstalt 1786 eröffnet tverden konnte. Int Jahre 1796 stiftete Herz Samson eine andere Lehranstalt, die „Samsonsche Freischule", die am 20. September 1796 eingerichtet wurde, also jetzt 120 Jahre besteht. Aus ihr ist die Samsonschule hervorgegangen. Sie befand sich! zuerst in den Gebäuden, in denen einst während des 30 jährigen Krieges General Graf Pappenheim sein Quartier hätte, ist dann aber in einen Neubau übergesiedelt. Sie steht unter Leitung des Professors Dr. Tach!au und jst eine vollberechtigte Realschule. Sie wird durch Stiftungen, der Familie Samson erhalten und beansprucht keinerlei städtische Unterstützung. Die Schüler stamnren nur zum kleinsten Teil aus Wolfenbüttel, mindestens 90 Prozent kommen aus andere» deutschen Bundesstaaten und aus dem Auslände, wohin der Ruf der vorzüglichen Anstalt gedrungen ist. Die auswärtige» Schüler sind ausnahmslos Juden, unter den einheimischen befinden fick, auch christliche. Aehnlich steht es mit der Jaeobsonschiule in Seesen. itzlekinaen. Am 3. S-Vtember starb, inst S5 Jabre alt. unser ältestes Gemeinde"ntalied. Isaak Meinnärt- »c r. Der Verewiate war länger als 40 Jahre Mauhel »nd hat a» mehr als 0000 Kindern die Milos vollzogen. Stets >vnr er zur Kriulluna dieser nrosten MizNwh Nnt Freuden bereit, uaöö d->i entferntesten Orten zu reisen, obiic jemals dafür eine R-zablnna oder auch nnr die Vergütuna seiner Reisekosten anrnnelnnen. Wesinebr teilte er »och Geschenke ans und übte auch sonst ZedokoÜ und Gcmilns Chasodim v'cit über seine Kräfte, wobei ihm seine vor etwa 10 Jahren in den T"d vorangeaangene Gattin stets.iavfer zur Seite stand. Auch! war er stets bereit, den Vorbeter zu vectreten: namentlich pssegte er h!s zu seinem höchsten Greiienaltcr die Selickws am Jomkivpur vor,»trage». Kr wirkte jabrelana segensreich als Vorstand der israelitischen Gemeinde und war auch' Genieinderat bei der Politischen Ge"'einde. Der imbosante Lcichenznq, der sich durch die Straßen unseres Ortes beweate. leate 'Zeugnis davon ab. welch großer Beliebtheit sich! der Vereinigte nicht nur bei seinen Glaubensaenosien. sondern mi(+( bei allen, die ihn kannten, erfreute. An der Bahre dielt Be,irksrabbi»er Dr. Grzhm i s ch-Bruchsal eine tiefdurchdächte und zu Herzen gehende Rede. Im Traiierhänse hielt bann Lehrer R a h i n o w i k» einen ergreifenden H'eS'ved', in welchem' er an der Band der Worte „Ateres tifercs Sev.o. bc de rech zedoko timvze" den Lebenslaus des Dahingefchiedenen schilderte. AleKiuae». AIS Nachfolger des verstorbenen Lehrers Schweizer ist Lehrer Isaak Rab.iiiow.ih ans Odernheim, Solm des' vor einem Jahre in Frankfurt a. M. verstorbenen Reb Schmul Rabinowitz, gewählt worden. Warschau. Das ..Tghl." meldet: Der neuezionistssche orthodore Verein Misrachii.bat in den hiesigen orthodoxen Kreisen lebhafte Aufmerksamkeit hervorgerufeir. W sollen dem Verein auch drei der angesehensten-Rabbiner Warschaus angehören. Recht bemerkenswert ist auch, daß der Blendewer Rebbe einen Schekel gekauft .hat. Warschau. D i e R a b b i n e r des Warschauer Kreises haben sich organisiert. Ein ständiges Komitee von fünf Rabbinern wird die Leitung der Organisation in der Hand haben. Budapest. D as Land esrabb inerseminar hat auf Antrag des Präsidenten des Kuratoriums, Dr. Franz Me z ey, beschlossen, vom nächsten Schuljahre ab die he brätsche Sprache a ls Uuterrich tssprach e ein» zukühren, Diese Neuerung ist umso bezeichnender, als gerade in lliigarn in jenen Kreisen, welchen die Leitung .des Rabbinerseminars angehört, bis vor nicht langer Zeit eine entschiedene Haltung gegen die Anerkennung där hebräischen Sprache notorisch war. Paris. Baronin Lambert, geb. von Rothschild aus Brüssel, die Gattin des ehemaligen Präsidenten des israel. Konsistoriinns von Belgien, ist hier verschieden. Frankfurter Berichte. Zur Fleischversorgung a« den Herkftfeiertage«. Frankftirt a. M. 13. Sept. Ans dem Büro der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, E. V." wird uns geschrieben: > Die Reichsfkeischstelle hat an die Landeszentralbehörden sämtlicher Bundesstaaten, in Preußen an die Regierungspräsidenten, folgendes .Rundschreiben unter B. 1113/16 gerichtet: „Die jüdischen Herbstseiertage fallen in diesem Jahre Ende September und im .Oktober in 3 Wochen aus einen Donnerstag und Freitag und in einer Woche ans Sonnabend (beginnend Freitag Nachmittags. Wenn die rituellen Haushaltungen in den Stand gesetzt werden sollen, in diesen Wachen Fleisch zn erwerben, wäre es notivendig, daß 'die Festsetzung der Schacht- und Fleischverkanfstage wie folgt stattsinden würde: In der Woche: vom .25. dälontag) bis 30. September (Sonnabends Schächttag: 25. Sept., Verkanfstag: 26. Sept. vonr 2. (Montags bis 7. Oktober (Sonnabends Schächttag: 4. Oktober, Verkanfstag: 5. Oktober, vom 9. (Montags bis 14. Oktober (Sonnabends 'Schächttag: 9. Oktober, Verkaufstag: 10. Oktober, vom 16. (Montags bis .21. Oktober (Sonnabends Schächttag: 16. -Oktober, Verkaufstag: 17. Oktober. Wir ersuchen ergebenst, die Kommnnalverbände auf diese Verhältnisse aufmerksam zu machen und sie anzuweisen, diesen Wünschen, wenn irgend möglich, Rechnung zu tragen." Es sei bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß unsere Berliner Versandstelle (H. Freirich, Oranienburgerstrahe 59s fiir ausgesprochene Notfälle und unter bestimmten, von der Behörrde festgesetzten Bedingungen, rituelle Wnrstwaren, die ans dem neutralen Auslände eingeführt wurden, den Interessenten zur Verfügung stellt. Der Mitgiftdoktor. - Eine Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung.) Die Paare hupfen, sich eng umschlungen haltend, acht Takte lang im Polkaschritt umher, stellen sich dann Mann und Weib vor einander auf, klatschen in die' Hände, stampfen mit den Füßen, wohlgcmcrkt alles nach dem Takte der.Musik, heben abwechselnd die rechte und die linke Hand ans Schulterhöhe und winken einander zu (daher auch dieser Tanz gemeiniglich der „Winker" genannt wird) und fallen zum Schluß einander in die Arme. Dann nimmt die erste Figur des Rundtanzes aufs neue ihren Anfang. Das ist' der „Straßek", zn deutsch „das Gespenst". * * * Zwei Bauernweiber standen in ' der Saaltür und blickten dem Feste zu. „Sie sieht gut aus, die Panna Maria," sagte die eine. „Sehr gut," bestätigte die andere, „und erst ihr Bräutigam, welch hübscher Offizier!" „Was Offizier? Dumme Gans, ist denn das der Bräutigam?- Dort, hinten sitzt der Bräutigam, ganz unten, dort der Schwarzkopf mit der Brille bei dem dicken Schreiber ani Tisch," und leiser setzte sie hinzu: „Denke nur ein Jude ist's." „Ein Jude ..." „Ein Jude! Welche Sünde! Heilige Mutter Gottes, ist das ein Liebespaar! Er achtet nicht auf sie, und sie kümmert sich den ganzen Abend nicht um ihn." Der Apotheker, der, wie das so in seiner Natur lag, .Augen und Ohren überall hatte, war eben durch den Eingang des Saales geschritten und lauschte dem Gespräche der beiden Frauen, aber er hörte es mit llnfreude. In wenigen Minuten hatte er seine Nichte erreicht. „Marie, mein Hühnchen, Du mußt augenblicklich zu Deinem Mann gehen." „Fällt mir nicht ein, Onkel, er soll zu mir kommen." Herrn Mucha's feistes Antlitz spielte ins Bläuliche, seine Lippen zitterten vor Zorn. „Unverschämte, Du wirst gehorchen, oder. . ." Mit einem Griff hatte Herr von Dalwig die erhobene Faust des "Apothekers wieder in ihre natürliche Lage herabgebracht. „Sind Sie toll, Herr? Schämen Sie sich nicht, eine Dame zn bedrohen?" Schluchzend fiel ihm Onkel Mucha um den Hals. „Dalwig, Barönchen, mein Goldjunge, Du hättest sie doch nicht genommen, Bruderherz, das hilft jetzt alles nichts, sie muß doch zu ihrem Manne gehen." Während Dalwig sich mühsam aus der Umschlingung des Halbtrunkenen zu befreien suchte, war die schlaue Marie schleunigst zu ihrem Gatten geeilt. „Da bin ich, Schatz," rief sie kichernd und legte ihre Arme um seinen Hals. „Nun bleib' ich den ganzen Merck» nur bei Dir. . ." Max küßte sein Weib und war jetzt von überwallender Zärtlichkeit und toller Lust. Er neckte die hübschen Brautjungfern, die herankamen, foppte seinen Hans und wurde über alle Maßen laut und ausgelassen. Bald bildete sich ein munterer Kreis um ihn, und alles staunte über die ungewöhnliche Heiterkeit des sonst so scheuen, wortkargen Mannes. Als nach einer lleinen Weile Mucha und Dalwig, angezogen von dem Lärm, sich näherten, inachte ihnen der junge Ehemann lustig die Wette, sie unter den Tisch zu trinken. Me Champagnerpfropfen knallten, Flasche um Flasche wurde leer, und währerck» sein Arm das junge Weib umwand, sein Mund scherzte und krauses, närrisches Zeug rein zum Todlachen hervorsprudelte, starrten die Augen des Doktors düster und glanzlos ins Welle. Die lachenden Gesichter verschwanden, der Glanz der Kerzen. erlosch . . . alles das verschwand nun und verflüchtete und versank um ihn her, weit, immer weiter, nur eins lebte vor seinem Blick. Er ist in seiner Vaterstadt... ein kleines Zimmer tauchte vor ihm auf, bescheiden, fast ärmlich, der einzige halbblinde Spiegel mit einem schwanen Tuche verhangen, eine alte, messingne Lampe mit müde brennendem Licht auf der Erde. — Und daneben auf einem ganz Niedrigen Schemel sitzt eine Frau, die langen schwarzgrauen Flechten aufgelöst, schwarz gelleidet, die Füße der Schuhe baar, und diese Frau ringt die Hände und murmelte ein Totengebet — — sie trauert um ein verlorenes Kind, um ihren einzigen, einst heißerflehten Sohn. 10. Kapitel. Ein altes polnisches Sprichwort sagt: „Wer in dem Manne den Bräuttgam sucht, findet in ihm den Teufel." Es dürfte nicht allzuviele junge Frauen geben, welche mir bestätigen werden, den Wortlaut obiger Sentenz zu kennen. Die Macht ihrer Wahrheit haben sicher unzählige der Neuvermählten erfahren. Marie Goldmann empfand es bitter, daß der gefügige sanfte Liebhaber, als welcher Max sich in der allerdings sehr kurz-gewesenen Zeit ihres Brautstandes gezeigt, sich in einen festen, ganz und gar unlenkbaren Ehemann verwandelt hatte, der trotz aller Rücksichten und Zärtlichkeiten für sein junges Weib bald dem Pantoffel die ihm einzig gebührende Stelle antvies, und dieses andern so gefährliche Szepter zn irgend welcher Regierungsakte gelangen zu lassen, einen sehr eillschiedenen Widerwillen kund gab. Ja, er konnte mitunter recht bestimmt befehlen der gute Max, und dann halfen keine Gegenreden, nicht einmal Tränen. Maxie saß am Nähttsch, auf ihrem Schoß lag die Tallle ihres schwarzseidenen Traulleides und allerhand Spitzen und anderer Zierrat, der bestimmt schien, einen ballmäßigen Aufputz zu verleihen. Die junge Frau mochte wohl etwas recht Aergerliches in ihrem Verschönerungswerk unterbrochen haben, denn ihre Hände bedeckten die Augen, die unaufhaltsam und müleiderregend weinten. „Warum soll ich denn nun wieder nicht in die Redoute gehen?" schlüchte sie, „ich darf schon kein Vergnügen haben. Jetzt den letzten Abend absagen zu müssen, das blamiert mich schmählich vor aller Well." „Du hast rneinen ausdrücklichen Wunsch, vom Besuch dieses Kränzchens abzustehen, schon früher gekannt. Es war gestern und vorgestern reichlich Zeit, abzuschreiben." „Hör' auf zn weinen," fuhr der junge Gatte verdrießlich fort, „nichts reizt mehr zur Ungeduld, als wenn eine Frau bei jedem lleinen Wunsch, der ihr verweigert wird, die Tränendrüsen überschwellen läßt."