Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 34 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Seite 5 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Die Hexe von Askalon. v v n Peter U j v ä r i. küßte er alle drei recht zärtlich, ohne sich im mindesten vor dem Gast zu zieren und sagte nur, als Mutter und Kinder im Schlafzimnier verschwunden waren: „Mau lvird recht närrisch, wenn man verheiratet ist. Aber sie hät niitnnter ihre schönen und gemütvollen Augenblicke, diese Narretei." Max schwieg. Er wußte nicht, was er antworten sollte. Bor seinen Augen saß ein fröhlicher, sorgloser Mann, den er im Geist mit dem trüben, melancholischen Gesellen verglich, der ihm an jenem Skatabcnd bei Hans so verzweiflungsvoll sein Herz ansgeschüttet hatte. Und jenen Unglücklichen hatte er doch eigentlich heute aufsuchen wollen, um ihm, der selbst als Opfer gesellschaftlicher Mißstände litt) zu erzählen, wie er sich losgerjssen und hinweggesetzt hatte über alle Vorurteile und Abhängigkeit. Der Amtsrichter würde jubeln über diese Tat, würde ihm raten, sein Beistand sein . . . „Darf ich erfahren, was Sie in so tiefes Nachdenken versetzt, lieber Herr Doktor?" Max fuhr auf. Und während er seine Gedanken sammelte, sagte er sich, daß er mit diesem Verbündeten seht bald ins Reine kommen werde. „Gewiß, Herr Amtsrichter, ich erinnerte mich eben der eigentlichen Ursache meines Besuches. Ich komme, - um Ihnen eine Einladung zu überbringen." „Und die lautete?" „Sich heute in drei Wochen, also am 3. Januar, bei meinem Hochzeitsdiner gefälligst ein finden zu wollen." „War' auch nicht schlecht. Wird man über dies interessante Ereignis keine näheren Einzelheiten zu hören bekommen?" Den Gcsichtsansdruck des Fragenden zeigte Nerigier und große Spannung; wenn Max einige Teilnahme für sich vorausgesetzt hatte, so hielt sie der Herr Amtsrichter noch ganz vorzüglich verborgen. „Natürlich heirate ich nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit," antwortete der Doktor ein ivenig spöttisch, „ich bin seit Wochen mit Fräulein Marie von Mühlenfeld verlobt." „Aber lieber Goldmann, solche Verlobungen nimmt doch kein vernünftiger Mensch ernst." „Herr Amtsrichter..." „Seien Sie kein Kind, Doktor, ich kenne solche Affären und habe mehr als einmal Hals oder Kopf darin gesteckt. Jeder junge Mann knüpft mehr oder weniger in seinem Leben Beziehungen an, die zu reali- , sieren ihm durch die Verhältnisse einfach unmöglich ist. Ich bitte Sie, diesen Einfall, die blonde Marie zu heiraten? Eine leidliche Figur ja,ja, aber s'ist zu lächerlich! Was beabsichtigen Sie denn damit? Corriger la race? Unsinn? Sie täten klüger, Ihre Kasse zu verbessern. Was glauben Sie wohl, wieviel heute zu einem Hausstande gehört? Geld, Geld und noch einmal.Geld, und alsdann reicht es zuweilen auch noch nicht. Wie weit werden Sie kommen mit Ihrer Vraxis und der Liebe in der Hütte? Ach, das ist ja überspannt." Max stand sprachlos. Aber der Amtsrickiter. der sich des Doktors Schweigen durchaus nicht als eine verächtliche Kritik der eigenen manteldreherischen Anschauungen auslcgte, sondern nur Max für geschlagen und entmutigt hielt, fuhr gutmütig fort: „Folgen Sie mir, mein Bester, rcdressieren Sie die Geschichte so schnell wie möglich. Ich fühle mich aUerdings ein Ivc.nig schuldig Ihnen gegenüber, ich fürchte, sch habe Sie durch meine Klagen in Ihrer Uebereilung bestärkt. Das sollte mir leid sein. Aber Sie haben zu schwarz gesehen, wenn Sie eine flüchtige Verstimmung meinerseits so tragisch genommen haben. Meine Frau und ich leben ganz glücklich mit cinaiider. Und wenn wir uns auch von Zeit zu Zeit ein wenig zanken, dergleichen ereignet sich in jeder Ehe, im Gegenteil, mein Weibel und ich, ivir vertragen uns nur allzuschncll. Wirklich Goldniann, ich meine cs sehr gut mit Ihnen, lösen Sie das Verhältnis auf, es finden sich tausend Vorwände für einen — ich spreche ganz offen. . . meine Frau hat eine Kusine . . . ein sehr, reiches Mädel . . wir hatten an Sie gedacht." Max hatte genug, er konnte dieses Geschwätz nicht mehr ertragen. Er war kein Diplomat; die schwere Kunst, seinen Aerger hinabznwürgen, ist einem dreiundzwanzigjährigcn Brausekopf selten gegeben. Er stand auf mib verabschiedete sich mit dürren Worten, sogar ohne sich der gnädigen Frau zu empfehlen. * * * Es sah bös aus in des Doktors Kopf. Trotz mannigfacher Verkehrtheiten und eigensinniger Schrullen hatte Max ein grundehrliches .Herz; es trieb ihn zu Hans, er fühlte, daß er den:' Treuen etwas abznb.itten habe, ,in einer Art Galgenhumor wollte er dem dicken Menschenkenner sein Kompliment machen. Der Amtsrichter war wirklich samt seiner rührseligen Empfindelei nichts wie ein charakterloser Heuchler. Leider traf er Hans nicht zu Haus. „Der Herr Sekretär wären in den Wald gegangen," sagte Frau Schmidt. „Schön, Frau Schmidt, ich werde ihir erwarten." „Ob der Herr Doktor die Lampe ivünschen?" Wer der Doktor dankte, er wollte im Dunkeln bleiben, und wie Frau Schmidt schnell begriff, allein sein. Das grüne Ledersofa tvar ein guter Platz zum Ausruhen und zum Nachgrübeln. Hier faßte Max den löblichen Entschluß, sich mit seinem schmollenden Freunde wieder zu verständigen. Er verzieh cs Hans, daß er' Recht behalten hatte; wenn nun jener aber für diese ein ivenig fragliche Großmut kein Verständnis zeigte und trotzdeni ihm fern blieb, ja vielleicht absichtlich fernbleiben ivollte! Es wurde Max ganz heiß bei diesem Gedanken, er sprang auf und schritt in der Stube umher. Daß er einzig Mal dem Wille» dieses pedantischen Dickkopfs zuwidergehandelt hatte, ja handeln mußte, ivar doch kein Grund, eine langjährige Freundschaft aufzugeben, er wollte Hans überzeugen, ausschelten, versöhnen,, und vor allem andern wollte er sich eine Zigarre anzünden. Er schritt zuni Schreibtisch und nahm von dessen reichgeschnitzter Holzgallerie eine Zigarrenkiste herab. Ta er aber dabei eine ungeschickte Bewegung machte, was Dank seiner Kurzsichtigkeit und der Dezembersinsternis in dem tief gelegenen Zimmer wohl zu verzeihen war, warf er zugleich einen ganzen Stoß Bücher und Schriften herunter und verbreitete so auf dem kleinen Schreibtisch eine gräuliche Unordnung. „Der Kerl ist ein schändlicher Intrigant, der seine elenden Hawansennros mit Fleiß so verbarrikadiert hat," brummte er ärgerlich, zündete aber doch die Lampe an und legte fein säuberlich Bücher und Blätter an ihre alte Stelle. Auch. ein Paket Briefe mußte eingereiht werden, leider war der Faden, der es nmspaimte, gerissen und der Doktor bemühte sich sogar cifrigst, ihn wieder zusammenznknupfen. Das oberste Blatt lag ohne Kuvert, und seine geraden starken Schriftzeichen fielen ihm zicuilich bekannt in die Augen. Merkwürdig auch sein Name fand sich hier erwähnt; kein Zweifel, der Brief stammte von seiner Schwester Johanna. Max dachte für den Augenblick nicht daran, daß er eine schauderhafte Indiskretion begehe, er vergaß alles um sich her und . las wie folgt:*) „.Einwilligung geben, trotz Deiner so beredten Verteidigung und meiner eigenen Vorstellungen und Bitten. Und ich muß Dir sagen, Hans, ich kämpfe noch obendrein gegen «meine lleberzeugung, die Mutter hat es sehr Wohl herausgefühlt. Mir fiel ein, >vie jüngst der Herr von . . . ., der aus unserer Stadt eine Enkelin des reichen Werthhe.im heiratet, feinen Abschied nehmen mußte, da es ja in Offizierskreisen für eine Schande gilt, ein jüdisches Weib zu haben. Begreifst Dü nun, daß bei solchen Anschauungen sich mein Gefühl der Mißbilligung für meines Bruders Vorgehen noch erhöhen muß? Dü hast gut meinen, lieber Hans. Das Aufheben aller jener Unterschiede sei eine schöne Tat. Sie wird noch Jahrhunderte lang eine schöne Phrase bleiben. Auf das Entgegenkommen der Mächtigen ist nicht zu hoffen. . . Und jede freundliche Annäherung, die von der christlichen Majorität - ausfließend ein Akt der geistesreifen Großnnit wäre, wird sich, sobald der Einzeljude sie erringen will, als armseligste Eitelkeit und abstoßende Kriecherei bekunden." „Sie ist schier unheimlich diese Superklugheit meiner Schwester," lachte er bitter vor sich hin und zerriß das Blatt in tausend kleine Stücke. Die Lust, ans Hans zu warten, war ihm gründlich vergangen, er eilte in fürchterlichster Laune nach Hans. Ws am nächsten Morgen der Sekretär bei dem Doktor vorsprach, traf er Herrn Mncha anwesend, der ihn mit strahlendem Lächeln auf dem rötlichen Biedermannsangesicht empfing. „Sic müssen mit mir vorlieb nehmen, mein bester Herr Scholz," schmunzelte.er, sich vergnügt die Hände reibend, „soeben hat ßch' hss Mur Doktor mit meiner Nichte auf das Rathaus verfügt, das Aufgebot zu bestellen." (Fartleduna folgt.) *) Das Blatt war durch ngend ein Vorkommnis von der anderen Bogenhälfte losgetrennt; der Anfang des Briefes schien verloren. Einzig berechtigte Ucbersctzung aus dem Magyarischen von Tr. Adolf Kohut. (Nachdruck Verb.) Groß war die Trauer in den Tälern Jeschuruns; sechsmal schon hatte der Mond sein Angesicht gelecchselt, und dennoch ioar kein Tropfen vom Himmel gefallen. Weder Regen noch Tau näßten die durstigen Gräser, und die dürre Erüe barst infolge der großen Trockenheit. Da kam das Volk zu dem wundertätigen Abu Hilkia, daß er Gott um Gnade anflehc. Hilkia aber blieb taub gegen alle Bitten und'sagte: „Bevor nicht in Askalon roter Tau fällt, lvird dieser Schlag von Judäa nicht abgewcndet werden." Die Leute kleideten sich in Sack und Asche und gingen 10 000 Seelen stark zum Statthalter, der die Untertvürfigen hochmütig empfing- „Herr und Gebieter," begann der älteste Wortführer, „wenn Du nicht andere Anstalten triffst, wird man's in Rom erfahren, daß Du den Kaiser nicht richtig vertrittst." „Sklave!" schrie ihn der mächtige Mann an. „empöre Dich nicht, sonst mußt Du elend sterben!" „Herr und Gebieter, ich bin kein Empörer, sondern sage Dir nur die Wahrheit. Siehe, der Kaiser har Dir ein Land reich an Flüssen und Bächen übergeben, und Du nimmst garnicht gewahr, daß diejenigen, welche Dir untergeben sind, die Flüsse und Bäche, vor Dir fliehen? Begreife nur, was ich sage! Alle Flüsse sind schon wegen der großen Dürre ausgctrvcknet. Unsere Kornkammern sind leer, und unsere Lebensmittel werden immer geringer. Bist Du ein guter Statthalter des Kaisers, gieb uns Regen!" „Ich bin kein Gott, daß ich Regen spenden könnte!" „Dann gieb uns wenigstens Tau." „Auch der kommt vom Himmel." „Run, gieb uns eine Flüssigkeit, die, ans der Erde emporsteigt!" „Eine solche giebt es nicht." „O doch, hoher Herr. Wir hätten Regen, nur hätten auch Tau in diesem Lande, aher solange in 'Askalon nicht roter Tan fällt, wird das Schicksal vom Haupte Israels nicht abgewendct werden. Dies hat Abu Hilkia, der Wundertäter, prophezeit." Mn Hilkia wurde sofort vor den Statthalter befohlen, damit er sich über die dunklen Andeutungen, die er gemacht hatte, äußere. „Herr und Gebieter," sagte der Wundertäter, „in der heiligen Schrift heißt es: „Mahasefu lo tehajn" (eine Hexe sollt ihr nicht am Leben lassen), rmd dennoch hast Du gestattet, daß die Frauen Askalons Zaubereien tteiben. Es tmrb solange nicht regnen, bis in Askalon kein blutiger Tau herniederfällt." Nun verstand der Statthalter den Orakelspruch, und" er gab Befehl, daß man in Askalon alle Hexen verhaften solle. Es waren 70 an der Zahl. Am 17. Tainuß wurde das Urteil über sie gefällt; der Statthalter selbst saß zu Gericht. Nun fiel roter Tan in Askalon, und die Wolken versammelten sich grollend hinter den Bergen. Jetzt sollte auch die letzte Hexe gerichtet werden, nämlich die schönste Jungfrau von Askalon, Bcruria. „Hier kommt Bernria, die Kräutersammlerin!" johlte die Menge. „Die in den Höhen wohnende Bernria, die Braut von Asmodai!" Anmutig wie eine Gemse schritt Bernria an der Seite der Büttel. Ihr Antlitz zeigte keine Furcht, und ihr Herz empfand keine Feigheit. In ihren Augen blitzte kriegerischer Trotz. ' „Ich bin keine Teufelsbraut, sondern die Verlobte von Hanfna! Er befindet sich jetzt zwischen den Bergen, damit er für seine greife Mutter Kräuter sammle, denn die Erde ist gut, und sic versagt denen, die sich an sie um Hilfe lvenden, kerne Nahrung." Hinter den Bergen öffneten sich die Schleusen des Himurels. Am Firmament zuckten Blitze, und es donnerte mächtig in den Wolken. „Seht!" riefen schadenfreudig die Einfältigen, „seht, die Hexen führen Krieg, sie känipfen für Bernria; — auch sie muß ans Kreuz." Die Büttel gehorchtcu dem Befehl des Pöbels und schleppten Bernria, die Kräuter sammelnde Jungfrau,- unter das Kreuz. In diesem Augenblicke erwachte im Herzen des Statthalters, als er daS Mädchen in ihrer makellosen Schönheit erblickte, die Liebe, und er gebot den Gerirhtsdienern Einhalt. '1$ %