Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 33 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 Nr 33 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ¥_ Ifwa m Aw Erlingtr Hacbf. I JUaiUOr Kaiserbofstr. 14 ■ Weecben, Färben und Fagonnleren I eilen Art Herren- und Damenhüta. -Abholung und Lieferung frei ins Haus. großen Organisationen gegen den Zionismus das »'herrschende Kennzeichen war. Es war — wer iejjt es heute nicht ein? — ein verderblicher, unnichtbarer, rein negativer Kanrpf, der dem Zionism:w vielleicht .manchen Schaden zugefügt, auf eden Fall aber weitaus mehr Schaden der Geanitheit des . deutschen Judentums gebracht hat. Diese Einstellung aus den Kanrpf gegen die Zionisten vor allen: ist es', was die kommende „Neuorientierung" beseitigen muß. Das Hauptargument der Antizionisten in diesem Kampf, das dumme Zchlagwort. von der Vaterlandslosigkeit der Zionisten, hat sich im Kriege in seiner ganzen Umwahrheit und Haltlosigkeit erwiesen. Und demgegenüber hat die Stärkung des jüdischen Bewußtseins für viele deutsche Juden, die der Krieg bewirkt hat, sie wohl gelehrt, die unerschöpfliche Bedeutung des ZioniÄups als der Betvegung zur Erneuerung des Judentums zu erkennen und zu r erstehen. Und darum darf man es mit Freude vermerken, daß Dr. Älpfel es deutlich ausspricht: „So wie früher wollen wir den innerjüdischen Kmnpf nicht", daß er es verkündet, daß '„die jüdische Jugend Deutschlands in höherem Maße als bisher bewußt jüdisch geworden ist", daß er es in Frage stellt, „ob die Gegner von gestern auch die Gegner von heute und.morgen sein müssen". All diese Bekenntnisse sind Aeußerungen jener neuen Erkenntnisse und Lehren, die der Krieg weiten Kreisen des ^deutschen Judentums, vor allem aber der jüdischen Jugend, gebracht hat; und wir hoffen zuversichtlich, daß aus diesen Erkenntnissen und Lehren nach dem Kriege die erforderlichen Konsequenzen werden gezogen werden. Auf Einzelnes Konkretes w.ollcn wir setzt nicht eingehen. Hierfür ist die Zeit noch nicht da. Llber was schon jetzt Not tut* ist dies: sich auf die kommende „Neuorientierung" vorzubereiten. Jede einzelne Richtung muß prüfen und überlegen, ivelche Aendernngen sie an - ihrer Politik und ihrer Betätigung in Berücksichtigung der durch den Krieg hervorgerufenen Wandlungen wird vornehmen «Een. Wenn das geschieht, so sind wir überzeugt, daß der Zersetzende,. unfruchtbare Kampf, der vor dem Kriege das deutsche Judentum gelähmt hat, in seiner alten, rein negativen Form aufhören und eine neue Zeit fruchtbarer positiver jüdischer Gesinnung und Betätigung fiir weiteste Kreise des deutschen Judentums beginnen wird. Gegen die Ertötung des deutschen Judentums! Der Rheinische Rabbinerverband tagte jüngst in Köln unter .Anwesenheit fast sämtlicher Rabbiner des Rheinlands und Westfalens. Die Tagung offenbarte die wahre Stimmung, die unter den Rabbinern Deutschlands herrscht; sie offenbarte, daß unsere Rabbiner die Zwangs- Herrschaft einer assimilationssüchtigen in jüdischen Dingen nnwi.ssendenPlutokratie sehr wohl als eine Ertötung des deutschen Judentums empfindet und sich dagegen aufbäurnt. Die März-Tagung chatte durch die Beschwichtigungstaktik gewisser Rabbiner scheinbar eine 'Einigung mit dieser Plutokratie, die in der Leitung des Vevbandes der deutschen Juden ihre Spitze hat, herbeigeführt. Doch glücklicherweise war diese Einigung pur ein Werk der Stunde und nicht der Dauer. Ist es doch diese Plutokratie, die in unseren Gemeinden das demokratische Wahlrecht und damit eine Beteiligung der Mitglieder an den Interessen der Gemeinde von .jeher zu verhindern bemüht ist, ebenso wie sie in dem.Deutschland der konfessionellen Volksschule die Errichtung.jüdischer Volksschulen verhiiwert, die jüdischen Kinder so zwingt, den im christlichen Geiste erteilten Unterricht der allgemeinen Volksschulen zu besuchen und Hunderten jüdischen Lehrern die Möglichkeit nimmt, ihre jArbeitsfreMgkeit und Stellung hütende Mellen als Bolksschullehrer zu erlangen! Den Anlaß, die Stimmung Unserer Rabbiner qviederzuspiegeln,.bot die, Frage der Gef an genen- und Militärseelsorge. Rabb. Dr. Jacob- Dortmund erstattete den Bericht. Er habe sich in dieser Angelegenheit unter Zurückweisung einer unerbetenen Einmischung, des Verbandes der deutschen Juden an das Generalkommando und dann, von diesem über einen gleichen Schritt des Verbandes der deutschen Juden und.seiner untergeordneten Organe(des Verbandes der Synagogengemeinden in Westfalen) unterrichtet, an das Kricgsministerium gewandt. Eine Antwort erfolgte nichk; aber in einer Verfügung vom 5. Februar erklärte das Kriegsministeriiun: „Sollten sich aus der von dem Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden beabsichtigten Regelung Uneinigkeiten ztvischen den ausgewählten Seelsorgern und anderen über die Zuständigkeit zur Ausübung der Seelsorge ergeben, so würden die Militärbehörden jede Einmischung i abzulehnen haben." Sollten demnach die politischen Verbände mit ihrem Anspruch, diese seelsorgerische Frage zu regeln abgewiesen . werden, so würde der Sache jedenfalls nicht der geringste Schaden erwachsen. Kein Gefangener oder Verwundeter wurde darum weniger seelsorgerisch bedacht werden, da ja die Herren der Verbände nicht die eigentliche Arbeit tun, sondern nur bureaukratisch verwalten wollten. Referent habe sich strikte an sein Mandat gehalten und lediglich mit offiziellen Organen verhandelt. Insbesondere habe er alle Treibiereien und Machenschaften hinter den Ku lissen, 'womit man grade ihn ausschalten wollte., ignoriert. Die Tagung .faßte folgende von den: Berichterstatter beantragte Entschließungen: 1. Ter Rheinische Rabbinerverbani» erklärt sich Mit einem Beitritt des Rabbinerverbandes in Deutschland zn den Beschlüssen des Verbandes derDontschen Inden vom 18. Juni d. I. nicht einverstanden und protestiert ans das entschiedenste dagegen. Jene Beschlüsse werden in keiner Weise der Resolution der Generalversammlung - vom 9. ünd 10. Mai gerecht und gewährleisten nicht die dem Rabbiner als dem bernsenen Vertreter zustehende Führung in seelsorgerischen Angelegenheiten, zu denen auch die Regelung der Militär- und Gefangenenfürsorge während des Krieges gehört. Sie wollen den Rabbiner, dem sie die Seelsorge auszuüben allerdings überlassen, nach wie vor der Zulassung und Kontrolle des hierzu als einer politisch-juristischen Körperschaft nicht berufenen Verbandes der Deutschen Juden als aufsichtführende Instanz unterstellen. Bei der Beharrlichkeit, mit per der Verband der Deutschen Juden an diesem Bestreben festhält, erklärt die Konferenz es nunmehr fiir einen unbedingt gebotenen Schritt, daß der Rabbinerverb.and in Deutschland als solcher aus dem Verband der Deutschen Juden au stritt, um die Fiktion zu zerstören, daß der Verband mit seinen Beschlüssen u:ü» Maßnahmen zugleich den Rabbinerverband und mit diesem die religiösen Angelegenheiten der deutschen Judenheit vertritt. Der Verkehr mit den Zentralbehörden ist unmittelbar von den Rabbinern und ihrer Vertretung zn führen. , 2. Der Rheimsche Rabbinerverband ersucht den geschäftsfützrenden Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland, hiernach zu verfahren. Eine noch ferner andauerudeAbh'äugigkeitderRabbinervon dem Berbsand'e der Deutschen Juden würde den Rheinischen Rabbinerverband nötigen seinen eigenen Austritt ans dem Rabbinerverband in Deutschland in Erwägung zu ziehen. 3. Der Rheinische Rabbinerverband beauftragt seinen Vorstand, sich mit den andren Provinzialverbänden ünd preußischen Kollegen zwecks Gründung eines Verbandes der Rabbiner Preußens zur nachdrücklichen Vertretung unseres Standes und zur Hebung seiner Rechtsstellung in Verbindung zu setzen. Man kann die Rabbiner Rheinlands und Westfalens zu ihren: nmnnesbewußten Auftreten nur beglückwünschen! Möge aber die Frage der Gefangenen- und Militärseelsorge nur der erste Schritt gewesen sein. Mögen unsere Rabbiner überall dort, wo es jüdisches Leben zu erhalten und zu fördern gilt, die Führer sein. Die schon erwähnte Heranziehung der Mitglieder Zu den Angelegenheiten der Gemeinde, die Errichtung jüdischer Volksschulen, ferner die Erweiterung und Vertiefimg des jüdischen Jugcndunterrichtes sind solche Mittel. Was der einzelne Rabbiner nicht vermag, da ihn sonst die Gemeindegewaltigen unmöglich machen ipürden, ist der Gesamtheit der Rabbiner ein sicher zu erreichendes Ziel. Lomler & Laitsch I Tel. Hansa 3148. Frankfurt a.M., Liebfrauenberg(33. I Specialhaus für Unterkleider und Strümpfe. ■ Niederlage echter Dr. Lahmann-Wäsche. | . Wlere, Optiker, Liebfrauenstr. 1. Brillen, Fincenez, Operngläser, Feldstecher! in jeder opt.-mechan. Spielwaren i Preislage Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Laterna-Iagica, Kinenatograpban ete. Einigung in der Frage des Amerika«.- Jüd. Kongresses. Am 16. Juli fand in New Zork eine von den: Amerikan.-Jüd. Komitee.unter dem Namen „Konferenz national - jüd. Organisationen" einberufene Tagung statt, an der 70 Delegierte als Vertreter von 27 Organisationen teilnahmen. Louis Marsch all wurde zum Vorsitzenden, Jacob Pankin zum stellvertr. Vorsitzenden gewählt. Es fanden drei mitunter sehr erregte Sitzungen statt. Auf der zweiten Sitzung erschienen vom * Amerikan.-Jüd. Kongreßkomitee Louis D. Brandeis, Hugo Pam und Leon Sanders. Brau- ' deis ergriff das Wort und zeichnete die Unterschiede zwischen den Absichten des Amerikan.-Jüd. Komitees und dessen Anhängern und den Vertretern des Kongreßjudentums. Das schließliche Ergebnis der Verhandlungen . war die Wahl eines Friedenskomitees. Dieses tagte sofort. Sowohl die Vertreter der Konferenz wie auch die des Kongreßkomitees waren für die Abhaltung eines jüdischen Kongresses in Washington in der Leit zwischen 1. Sept. und 31. Dez. ds. Js. ' Nicht nur für die amerikanische Judenheit, sondern für die Ji:denheit der ganzen Welt ist es von höchster Bedeutung, daß auf diese Weise eine Einigung in der Kongreßstage zustande gekommen ist. * Wie sehr die Genrüter in Amerika nach den mehrtägigen, zum Teil mit großer Schärfe geführten Verhandlungen erregt waren, und n:it welcher Spannung das Ergebnis der Sitzung des Friedenskomitees erwartet wurde, zeigte folgendes kleines Stimmungsbild, das wir der New-Iorker jüdischen Tageszeitung „Die Wahrheit" entnehmen: „In der Zeit, als das Friedenskomitee seine Sitzung hinter verschlossenen Türen abhielt, versammelten sich in anderen Räumen der Aeolian- Hall die Mitglieder des „Kongreß-Exekutid-Komitee" und der „Konferenz der amerikanisch-jüdischen nationalen Organisationen". Jedes Komitee saß in einem besonderen Raume, und durch eine Wand waren die Vertreter verschiedener Weltanschauungen und Richtungen im Judentume getrennt, die doch zusammengekommen waren mit dem tiefen Wunsche, sich in einer Zeit des nationalen Unglücks zu vereinigen. Die Stimmung unter den Delegierten in beiden Zimmern war eine ernste. Es wurde wenig gesprochen. Man schwieg und blickte immer wieder nach dem Zimmer, in welchem sich das Friedenskomitee eingeschlossen hatte. In aller Augen lag die Frage: Wird von dort Frieden für uns stimmen, oder werden wir auch jetzt Weggehen als Angehörige zweier feindlicher Lager, und wird die Wand, die uns jetzt trennt, niemals fallen? Die Stunden rückten vor. Es war schon 11 Uhr, mnd viele waren unruhig, weil sie annahmen, daß das Friedenskomitee nicht zu einer Einigung kom- - men würde. Plötzlich hört man Schritte. Die Tür öffnet sich, und herein treten Colonel Cutler, der Vorsitzende des Friedenskomitees, und dessen Mitglieder. Mle .stehen auf. Jeder ist gespannt. Man versucht, in den Gesichtern der Komiteemitglieder zu lesen. Und noch ehe der Vorsitzende seinen Bericht erstattet, . sieht man schon 'an ihren abgespannten, aber freudigen Gesichtern und .ihren glücklich strahlenden Äugen, daß die Einigung erzielt ist. Das Komitee erklärt, daß beide.Parteien zu riner Verständigung gekommen sind, und daß, obschon die Einzelheiten der Einigung und die Einzelpunkte, auf denen das Kompromiß beruht, noch nicht bekanntgegeben werden sollen, die angenommene Einigungsbasis eine derartige ist, daß beide Parteien sie als Sieg für ihre Grundsätze betrachten können. „Das ist der glücklichste Tag unseres Lebens", hörte man von den Vertretern beider Richtungen, „der heutige Tag ist ein geschichtlicher!" Und Männer, d:e zuvor mit Erbitterung gegen einan-