Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 33 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692975-2693007--09573-2704806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 33. Heik 2. . FrankMrter Israelitisches Familienblatt. A«8«vüd«r ckom V«»si-Ll-Lo2vi8«r Vomvtim8l68 familien-Kaiiee Lröttnung Ssmstsg, den 2. September. Zionfften liegen.*) Wollte man aber selbst neutral bleiben) jo brauchte Man deshalb doch nicht in Untätigkeit zu verharren. Auch für eine neutrale Wische VolksorMnisation bestand.das Gebot des Handelns; das wird die Regierung jedes der kriegführenden Staaten anerkennen. Verhandlungen mit den feindlichen Regierungen zur Wahrung der nationalen Rechte der Juden brauchten die Neutralität nicht zu verletzen. Daß die polnischen Juden, soweit sie russische Reichsangehörige sind, in keinem Falle zum Wertzeug einer antirussischxn Bestrebung gemacht werden Dürfen, ist .so ^selbstverständlich, daß darüber kein Wort zu verlieren ist. Das ist aber nur ein Grund. mehr, um ^sic nicht auf ihre Selbstbestimmung %u verweisen, sondern um für sie und..in ihrem Interesse, das zugleich das allgemeine nationale Interesse ist, zu arbeiten. Da diie Lionistifche Leitung die Führung der Politik in der jOjstjudenfrage nicht Wernehmen wollte, bildete sich das .Komitee für den Osten. Die Tätigkeit des Komitees braucht jetzt und hier nicht ^würdigt zu werden. Politische Leistungen können, ihre Würdigung erst nach dem Erfolge finden. Fest aber steht 'jetzt .schon, dgß die Schaffung des 'Komitees eure dringende Notwendigkeit war. Nachdem! die zunächst berufene zionistische Organisation die Uebernahme der Arbeiten abgelehnt hatte, mußte eine Stelle gebildet werden, die sie übernahm. Das Komitee füllte eine notwendige Lücke aus und.hat schon durch seine Gründung den Dank des jüdischen Volkes veMent. Seine Führung liegt in durchaus zuverlässigen Händen, seine Arbeiten sind von nationalem Geiste erfüllt. Die zionistische Leitung hätte alle Ursache, mit ruhiger Befriedigung anzuerkennen, daß wenigstens eine Stelle geschaffen ist, von der aus die notwendigen Maßnahmen getroffen werden Wunen. Sie hätte, wenn sie auf eigene Arbeit verzichtete, ihre Erfahrungen und.Kenntnisse diesem Komitee übermitteln, chm Anregungen geben können. Statt dessen aber bekämpft sie dieses Komitee und wünscht offeWar, daß auch, von anderer jüdischer Seite nichts in.der Ostjudenfrage geschieht. Man nimmt jede Aeußerung eines führenden Mitgliedes des Komitees unter eine starke - 'Lupe, um Verrat an der zionistischen und jüdischen Sache darin Lu.suchen. Man sitzt .zu Gericht Wer harmlose. Preßerzengniffe und erläßt dagegen papierene Resolutionen. Man nimmt den Zionisten die Mitarbeit am Komitee Mel und droht versteckt oder offen mit dem ^Ausschluß aus der Organisation. Diese Methoden sind leider nicht mehr. Yen im Lionismus. Wir sind es gewohnt, daß gegen diejenigen, die die Grenzen Mr die zionistische Tätigkeit weiter ziehen wollen, der Verdacht des Abfalles sich erhebt, daß man selbstständige Meinungen als Ketzereien verschreit. Etwas mehr Freiheit in Gedanken, Aeußerungen und Handlungen sollte hier genührt werden. Die Leitung, selbst wenn sie von der Mehrheit getragen ist, sollle sich stets sagen, daß guter Wille und Liebe zum Volle auch, bei denen vorhanden ist, die nicht in <cklen Punkten ihrer Meinung sind. Man sollle den Grundsatz divide et impera, der Uns schon viele gute Mitarbeiter gekostet hat, endlich aufgeben und nach innen eine Politik der nationalen Sammlung treiben, neue Kreise gewinnen und nicht alte abstoßen. Etwas mehr Bnrgfrieden auch im inneren Zionismus! *) Wir können in diesem Punkte dem geschj/ Autor nicht beistinrmew Hallen vielmehr die Neutralität der zionistischen Gesamtorganisation für unbedingt notwendig. Das hindert sie aber mcht — tzme der Artikel selbst, weiter ausführt —, aktiv sich in der ßDMudenfrage zu betätigen, hindert aber vor allem nicht die deutsch^ zionistische Lmrdesorganisation, e§ zu tun, für die diese Pflicht zur unbedingten Neutralität ja nicht besteht. Die Jargonfrage werden wir noch behandeln. ~ . Die Web'. Geht man den Vorwürfen nach, die gegen das Komitee erhoben werden, so findet man den Kern aller Angriffe därin, daß das Komitee die jiddische (Jargon) Sprache fördere und betone, daß sie dem Deutschtum nahe stehe. Daß das Komitee für 'Erhaltung und Förderung der Wischen Sprache in der Schule und als Amtssprache eintritt, ist aber in Wahrheit ein Verdienst und kein Fehler. Ein Verstoß gegen das nationaljüdische Prinzip hätte darin nur gefunden werden können, wenn diese Förderung des Jüdischen auf Kosten der hebräischen Sprache gegangen wäre. So liegt die Sache doch aber keineswegs. Nicht jiddisch oder hebräisch sind die prallischen Gegensätze — sondern jiddisch oder polnisch. Wo in Schule und Amtsverkehr das Jüdische beseitigt wird, wird nicht das Hebrä- .ische, sondern das Polnische an seine Stelle treten. Man braucht diese Tatsache nur zu beachten, um zu dem richtigen Ergebnis .zu 'gelangen : die polnische Spräche 'bedeutet vollkommene Assimilation — und bekanntlich ist die polnische.Assimilation viel radikaler als jemals eine deutsche war —, das Jiddische als Sprache dagegen bedeutet die nationale Erhaltung des Judentums in Polen. Jeder Verlust an jiddischer Sprache ist eine Niederlage des nationalen Judentums. Darum ist in Polen die Arbeit um Erhaltung, der jiddischen Sprache, ein Kampf gegen die Assimilation, eine nationaljüdische Tat. Die zionistische Organisation sollte diese freiwillige Hilfe, die das Komitee leistet, mit freudiger Anerkennung hinnehmen, — selbst wenn die theoretische Begründung der Hilfeleistung .nicht gerade in das' zionistische System paßte. Man braucht übrigens nur mit unbefangenem Urteil — und nicht in Jnquifitionsstimmung — die Komitieeäußerungen zur ^»rachenfrage zu prüfen, und .män wird zugeben müssen, daß in ihnen, die ja zumeist von . guten Zionisten herrühren, ohne jede Verletzung^ nationaljüdischer Grundsätze lediglich aus die unzweifelhaft richtige Tatsache hingewiesen ist, daß den deutschen Regierungen die zahlreichen deutschen Sprachelemente willkommen sein muffen. Diese Empfehlung kann dem Judentum nichts schaden. Das Komitee Hat sich freilich i-j- und auch das ist Gegenstand der Angriffe — aus Männern ergänzt, die wir in anderen jüdischen Fragen als mrsere Gegner kennen gelernt haben. Mich ich hätte es viel lieber gesehen, und es wäre wohl auch besser gewesen, wenn die Ostjudenpolitik ynf Wischer Seite von Nationaljuden betrieben wäre. Daß es nicht so geworden ist, kann aber dem Komitee und seinen Mitarbeitern gewiß nicht zur Last gelegt werden. Nach den bisherigen praktischen Erfahrungen hat sich jedoch zumMück auch die Mitarbeit unserer Gegner ausgezeichnet bewährt. Diese Männer haben — vielleicht mehr als mancher Zionist — eingesehen, daß in Polen bedeutende Wische Werte zu erhalten find, ,daß von dort die Ergänzung, Erhaltung und Erneuerung des Judentums in Europa, Amerika und sogar im Orient erfolgen kann und exfolgt. Sie haben, indem sie die Polonisiernng der Juden entschieden ablehnen, den jüdischen Nationalismus 'wenigstens Mr die Ostjuden anerkannt. Sie haben, dcpnit das Nationaljudentum begriffen!; per Weg zum Bekenntnis ist dann nicht mehr so weit. Schon jetzt ist jckenfalls än Deutschland' eine Nationalisiernngsarbeit geleistet, die weit größere Erfolge hat als manche urtserer Versammlungen. Es kann uns immerhin dtzch mit Zuversicht erfüllen, daß die erste Gelegenheit, praktisch - an der nationalen Befreiung eines großen Teiles der Judenheit zu arbeiten, uns unserem Gegner erheblich näher gebracht hat. Nicht als Anllage ist dieser Auffatz geschrieben, sondern nur als Antrag zur Wiedererwägnng und Erörterung der in Frage stehenden Probleme. Die politische Uhr ist weit vorgerückt, aber rwch nicht abgelaufen. Noch, kann eine zielsichere, nationale Politik, würdig Theodor Herzls, Güoßes leisten, Vifleant conaules. Bon der Neuorientierung der deutschen Jndenheit. Es darf schon jetzt als .sicher betrachtet werden, daß der Krieg , auch im inneren Leben des deutschen Judentums' tiefgreifende Wandlungen und I Umgestaltungen Hervorrufen wird. Die "Neu orien'j'ierung", von der gegenwärtig in d>rl deutschen Presse so viel und in teilivcise so er-1 regier Weise die Rede ist, -und deren Notwendigkeit für die innere deutsche Politik nach beritt Krieg? von keiner Partei mehr bestritten wird, wird auch für das deutsche Judentum erfolgen müssen. Nicht nur, daß die gewaltigen Ereignisse dieser Kriegsjahre naturgemäß auch auf die Judenheit aller Länder ihre Wirkung ausgeWt haben, nicht nur, daß von den Verschiebungen und Veränderungen des inneren Lebens in Deutschland auch die deutsche Judenheit betroffen werden wird, auch ganz unabhängig von diesen allgemeinen Ursachen wird der Krieg. für sie folgenschwere Wirkungen nach sich ziehen. Unter der Wucht der Erlebnisse dieser Monate ist Tausenden deutscher Juden ihr Judentum zu einem neuen Erlebnis' geworden., beglückend und begeisternd für die einen, iin ersten Augenblick noch iknklar und. quälend für die anderen, für die meisten aber unvergeßlich und im Tiefsten entscheidend für ihr ganzes Leben. Vor allem die jungen jüdischen Soldaten, die seit zwei Jahren, den Atem des Todes uni' ihr Antlitz verspürend, herausgerissen sind aus den gewohnheitsmäßigen, festgclegten und traditionellen! Regeln und Anschauungen ihres Lebens und .so zugänglich geworden find neuen Erlebnissen und neue» Ahnungen—, sie haben in dieser Zeit zum großen Teile ein neues Verhältnis zu »ihrem' Judentum gewonnen und werden, nicht nur menschlich, sonder» auch jüdisch neugewandelt in die Heimat zurückkehren. UNd gerade sie werden die stärksten Träger der „Neuorientierung" des ,innerjüdischen Lebens 'in Deutschland werden. Wir freuen uns, schon jetzt vielsagende Aeußerungen und Vorboten dieser „Neuorientierung" wahrnehmen zu können. Auf eine der bezeichnendsten und bedeutsamsten derselben aus letzter Zeit sei hier besonders hingewiesen. Der „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschl ands" hat seit dem 15. Juni wieder mit der Herausgabe seiner „Mitteilungen" begonnen, deren letzte Nummer im Juli 1914 erschienen war. Im Leitauffatz des neuen Heftes, den .der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Alfred Apfel geschrieben hat, finden wir folgende interessanten Satze: „Es ist noch nicht die Zeit, in scharf nmrissenen Worten darzulegen, ob und worin wir unser Programm ändern müssen. Ich weiß, daß ich unser aller Dolmetsch bin, wenn ich sage: So wie früher wollen wir den innerjüdischen Kanrpf nicht. Es darf .als absolut sicher angesehen werden, daß die jWische Jugend Deutschlands unter den äußeren und seelischen Einwirkungen der Zeitgeschehnisse in höherem Maße als bisher bewußt jüdisch geworden ist. Sie wartet mit Sehnsucht auf die, die diesem Bewußtsein den befreienden, lebendigen Inhalt zu geben'haben. Wir sind, die »letzten, dir in Zukunft entwicklungssördernde Geistestzimpfe meiden wollen, — ob aber die Gegner von gestern in gleichem Maße auch die Gegner von heute und morgen sein müssen, erscheint uns umso fraglicher, als doch die eine Tatsache nicht zu -verleugnen ist, daß die jungen Juden aller Richtungen sich mit ihrem ganzen Ich der Sache des Vaterlandes gewidmet haben." Das sind Worte, dir Mr die Entwicklung der jüdischen Jugendvereine nach dem Kriege programmatische Bedeutung gewinnen können, und daß der Verbandsvorsitzende sich veranlaßt sieht, sie jetzt in aller Deutlichkeit auszusprechen, erscheint uns als ein bedeutsames Symptom der sich! vorbereitenden „Neuorientierung". Denn gerade die Entwicklung des „Verbandes der jüdischen Jugendvereine" in den letzten Jahren .vor dem Kriege war charakteristisch gewesen für die Zustände innerhM des, deutschen Judentums, deren gründliche Wandlung wir von Nr „Neuorientierung" erhoffen. Wir wollen heute .diese ganze, in ihren Wirkungen und vielfachen Erscheinungsformen oft unerfreuliche Eittwicklung, die mit dem Kampf gegen die. zionistischen Mitglieder begonnen und mit .dem völligen Ausscheiden derselben aus denr Verbände, .geendet, hatte, heute nicht wieder wiederholen. Sie ist noch in aller Erinnerung. Und o>ieser Kamps innerhalb des Jngendverbandes war nur ein Spiegelbild der Gesamtentwicklung des deutschen Judentums, .für die der Kampf der offiziellen.Gemeindeführer und gr bei sie fr, in, K* I'a> in or de m IUI A jei bc B E rc i» iv in I hir di?1 (S \l di 01 0