Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 33 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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August 1916) Ar» 8$ Zurück zur Politik.*) Von Max Koll en s ff) c r-Posen. Die Politik der zionistischen Leitung in der Ostjudenfrage war bereits in das schlimmste Stadium getreten. Man nahm die systematische Untätigkeit der Organisation, die nur mit dem Schleier einer' gewissen Wohltätigkeit zart überdeckt ist, fast schweigend hin und verzweifelte schon daran, daß die berufenste Vertretung des jüdi-' scheu Volkes in der schwersten Schicksalszeit der Ostjuden handelnd eingreifen würde. Ta ist gerade noch zur rechtest Zeit in diesen Blättern die Frage erneut aufgerollt worden. Wieder steht zur Ditzkussion, ob die zionistische Organisation das Recht und die Pflicht hat, in die Regelung der Ostjudenfrage einzugreifen, oder ob sie ruhig bei Seite stehen soll, wenn über das Schicksal der 2 Millionen Juden entschieden wird, die in Polen und Litauen wohnen. Mir.scheint, daß die Stellring , der Frage schon die Antwort ist, daß es.keiner großen Beweisführung bedarf, um das Recht auf politische Arbeit, die Pflicht zunr schleunigen Handeln festzustellen. Wenn ich trotzdem ,in zwölfter Stunde noch öffentlich das Wort ergreife, nachdem ich zuvor mich in schriftlichen und mündlichen privaten Unterhaltungen vielfach im gleichen Sinne geäußert habe, so will ich nur zu einigen wichtigen Einzelsragen, die in der Debatte aufgeworfen sind, Stellung nehmen. Ich weiß, daß ich viel Altbekanntes wiederholen, Selbstverständliches von ehedenr als Wahrheit von heute sagen werde. Von Anbeginn einer politischen Tätigkeit im Zionismus an war bisher für ihn stets die gesamte Judenheit und das ganze Judentuin Gegenstand ^seiner Interessen und Arbeiten. Das Ziel war die Befreiung der Judenheit, die Erneuerung des Judentums. Jede jüdische Angelegenheit liegt auf .denk LVege zu diesem Ziele, »uiß deshalb in den Kreis der zionistische!: Arbeiten fallen und von der Zionistischen Politik ergriffen werden. Detzhalb haben wir nicht nur eine Palästinapolitik betrieben und uns bemüht, auf geradem Wege das Endziel des Baseler Programms zu erreichen, sondern nur haben auch in allen Staaten eine besondere Landespolitik geführt, haben zu allen Arbeiten der großen und kleinen jüdischen Verstände Stellung genommen, haben.den Kampf um die Herrschaft in den Gemeindestubcn ausgenommen und haben selbst in den kleinsten Vereinen gesucht, das jüdische Leben tn .unsere Bahnen zu lenken. Nichts Jäidisches war uns fremd. Dieser Grundsatz war die Richtlinie unseres Handelns, wenn auch wie immer im Leben das Können nicht mit dem Wollen gleichen Schritt hielt. Mochten die Gegner uns zuweilen als Hans Dampf in allen Massen verspotten, mir hatten das erhebende Bewußtsein und die klare Erkenntnis, daß unser Sammeln von höchster Kraft im kleinsten Punkt, unsere unablässige, eifrige Arbeit in allen jüdischen Angelegenheiten uns überall immer stärkeren Einfluß verschaffte und uns immer mehr die Möglichkeit schuf, im Judentum unsere Anschauungen zum Siege zu bringen. *) Wir freuen uns, diesen Aufsatz eines der eifrigsten und bewährtesten Führer, des deutschen Zionismus veröffentlichen zu können. Er zeigt, wie sehr unsere Kritik der Politik der zionistischen Leitung in der Ostjudenfrage den Empfindungen und Anschauungen weiter Kreise des deutschen Zionismus, als deren Sprecher Herr Dr. Kollenscher angesehen werden darf, entspricht, und wie notwendig es war, nach so langerN Schweigen endlich die ösfentliche Erörterung der Angelegenheit anzubahnen. ■ Die Redaktion. Nun wird plötzlich das O st j u d e n p r o b l c m in seiner Lanzen Größe und Bedeutung aufgerollt. Man sollte glauben, es gäbe nichts Selbstverständlicheres, als daß die nationale Organisation des jüdischen Volkes sofort eingreifen und mit allen Mitteln den ernsten Versuch unternehmen müßte, alle.Fäden in ihrer Hand zu vereinigen. Galt es doch, 2 Millionen Juden — und gerade denjenigen, die am tvenigsten einer fremden Assimilation verfallen sind, die sich in ihrem.Hauptteile bedinguiigslos zum nationalen Judentum bekennen — die Befreiung aus russischer Knechtschaft zu bringen und daran mitzuwrrken, .ihnen ein menschenwürdiges Dasein, ein Leben als freie Juden zu verschaffen; .stand doch zu erwarten, daß es hier zum ersten Male in der Diaspora wieder möglich war, eine jüdische Autonoinie — wenn auch im bescheidenen Umfange — zu verwirklichen. Es galt, eine Aufgabe nationaler Politik -zu lösen, wie sie in gleicher Größe seit Jahrhunderten nicht an das jüdische Volk herängetreten war. Hier konnte einen: Teile des Jüdischen Volkes eine wahre Befteiung bereitet werden, hier konnte die jüdische Nation wiester vor den Völkern und Staaten als bestehend, als lebensfähig und "lebenswürdig anerkannt werden. Die Größe dieser Allfgabe ergriff auch in der ersten Begeisterung der^ ersten Stunde uns alle. .Mer leider hat diese erste Einmütigkeit nicht lange angehalten, Sie hat die Freude ihrer Geburtsstunde nicht überdauert, nicht Bestand gehalten, bis eininütige Entschlüsse und gar eininütige Taten folgen konnten. Die z i o n i st i s ch e L e i t u n g hat sich in der Ostjudenftage selbst zur Tatenlosigkeit verurteilt und danrit fteiwillig die Mitwirkung der einzigem national-jüdischen Organisation bei der Neuregelung der Verhältnisse im Osten ausgeschaltet. Nur wenn die zwingendsten Gründe dazu ftihren mußten, könnte man dieses unendlich große Opfer des Verzichtes versteheit, — zu billigen braucht man es selbst dann noch nicht einmal. Die Grün de . aber, die uns mitgeteilt wurden, sind durchaus nicht geeignet, den Beweis von der Notwendigkeit der Unterlassung jeder politischen Arbeit zu erbringen. Sie sind, leicht zusapunengestcllt und schnell widerlegt. Sollten sie unvollständig fein, so wird um nähere Aufklärung seitens der Leitung gebeten. Es wird am besten, sein, ivenn durch eine solche Aufklärung jeder politische Vertrauensmängel aus unseren Reihen schwindet, und tvenn »vir, .sollten wir.nun doch einmal nicht gemeinschaftlich handeln können, wenigstens die ruhige Ueberzeugung haben könnten, daß nichts getan werden darf. In erster Linie wird von unserer Leitung.das Recht auf Selbstbestimmung für die Poings chen.Juden statuiert^ ein Recht, in das die zionistische Organisation nicht eingreifen dürfe. Dieses Recht aber haben zweifellos alle Menschen. Wollte man nur ihm folgen, so brauchte man nur, das laissez faire als höchsten Grundsatz einer allgemeinen Judenpolitik zu proklamieren' und sich darauf zu beschränken, innerhalb der Landesgrenzen .eine Wwehrpolitik und hn besten Falle auch noch Philanthropie zu treiben. Dann müßte man in vollem Widerspruche zu der nationaljüdischen Auffassung die Staatengrenzen auch als Trennungszeichen der vielen Judenschaften ansehen und letzten Endes auch auf eine einheitliche Lösung der Judenftage verzichten. Dann könnte man mit gleichem Rechte auch auf die politische Arbeit in Palästina verzichten. Der Hinweis auf die Selbstbestimnlung der Einzelnen Befreit durchaus nicht die Gesamtheit des Volkes von der Pflicht der ßationalpolitischen Fürsorge. Wer darüber hinaus kann es wohl mit Recht angezweifelt werden, ob die Ostjuden in der Gegenwart wirklich die Möglichkeit der fteien Rechtsausübung und politischen Betätigung haben. Nach zuverlässigen Berichten sind sie in der großen Masse physisch und psychisch so erschüttert und zermürbt, wirtschaftlich so niedergedrückt und politisch so sehr von einem ungewissen Schicksal abhängig, daß ihnen mindestens rein praktisch die Möglichkeit zur politischen Arbeit fehlt. Darum wäre es keine anmaßende Ueberheblichkeit, sondern nur nationale Pflichterfüllung, wenn die nationalpolitisch orientierte Organisation ihre politische Sachwaltung mit übernähme. Ein Zionismus, der darauf verzichtet, politischen Einfluß auf die Neugestaltung der Dinge in: Osten zu gewinnen, hat m. E. den. gegenwärtig wichtigsten Teil seiner nationalen Aufgaben nicht erfüllt. ttebrigens beweisen die Ausführungen eines erwählten und berufenen Vertreters der polnischen Inden, des Warschauer Ratsmännes S. Hirschhorn, in dieser Zeitung in Nr. 30, daß Man bei unseren Volksgenossen im Osten die politische Hilfe der .Zionisten sehr gern gesehen hätte und Jie schmerzlichft vermißt. Danrit ist dieses Argument gewiß. abgetan. 1 Man beruft sich ferner zum Beweise der Richtigkeit des Gewehr-bei-Fuß-Stehens gern auf die Ungewißheit der Zukunft der okkupierten Gebiete. Unterstellen wir, diese Ungewißheit wäre wirklich vorhanden, worüber sich doch auch noch ernstlicher streiten ließe, so bildet sie doch in keinem Zalle einen Grund, um die Hände in den Schoß zu legen und eine Vogel-Strauß- Politik zu treiben. Wir körrnen unsere Politik in Polen ebenso wenig. einer ungewissen, befürchteten russischen Gegenpolitik weLen aufgeben, wie wir etwaiger osmanffcher oder arabischer Wünsche wegen etwa aufhören können^ unsere nationale Politik in Palästina zu treiben. Aie Schwierigkeit, unter tiefen Umständen politisch zu arbeiten, „soll njcht verkannt werden. Politik ist schon im allgemeinen kein leicht zu treibendes Handwerk, sie ist im Kriege besonders .schwer. Wenn es.sich nun Lar darum handelt, für ein Volk ohne Staat und ohne Macht und gar für das Judenvolk und noch dazu in einem von der Kriegsfurie durchpeitschten Lande von ungewisser Zukunft Politik zu machen, so werden gewiß den Staatsmännern die dornenvollsten Aufgaben gestellt sein. Es werden eine feine Diplomatie, der sorgsamste Takt, bald vorsichtige Reserve, bald entschlossenes Handeln ,dazu gehören, um auf den richtigen Wegen die richtigen Mittel zu finden. Wer vor den Schwierigkeiten die Arbeit aufgeben, die Politik da einstellen, wo sie überhaupt erst notwendig wird, ,das kann und darf nicht geschehen. Auch die Wsflucht kann nicht gelten, daß der Zionismus neutral bleiben müsse und nicht gegen Rußland Stellung nehmen dürfe. Es ist dem Zionismus zu Beginn des Krieges nicht in den Sinn gekommen, neutral zu sein. .Er hat mit aller wünschenswerten Klarheit -die Truppen der verbündeten Zentralmächte als Befteier der Juden in Polen begrüßt. Unsere zionistische Presse hat bis jetzt — wenn es sich nicht gerade um die Rechtsertigung der Unterlassung einer Ostjudenpolitik handelt — kaum jemals die Neutralität ge-' wahrt. Schon das offene Eintreten für die Türkei beweist, wo die Interessen und die Sympathien der