Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 32 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familicnblatt. Nr. 32 Schillerstrasse 28 — Vornehmstes Familien-KaÜee. — Eröffnung demnächst. Telefon für Gäste: Hansa 7630. Telefon ffir Bestellung: Hansa 7811. beschaulicher würde, um 'literarisch uns all .das geben zu können, was wir aus.Grund seiner bisherigen Schöpfungen noch erwarten dürfen. Zn der hebräischen Literatur erscheint er .wie ein exotisches Wesen beinahe; in einer Welt, da alles redet, deklamiert und Resolutionen faßt, ßiner, der nur ungern redet, meist schweigt und rastlos handelt; in einer Welt von Phantasten, „Batlomm", Theoretikern und ewigen Kritikastern ein ungebrochener, starker Tatmcnsch. Man versteht,, was ein solcher Mensch gerade in einer.solchen Sphäre schaffen konnte, und begreift, daß er notwendigerweise »zu einer Art von zentralen Persönlichkeit dieser Sphäre, zum Träger und Organisator des Gerippes des neuhebräischen Literaturbaus werden mußte. Wer seinen Entwicklungsgang, die einzelnen Phasen seiner Tätigkeit und Leistung verfolgt, gewinnt damit einen gedrängten Ueberblick, eine Art von Repetitorium der Entwicklungsgeschichte der letzten Woche der neuhebräischen Literatur. Und nun feiert er das' Jubiläum oder was man so nennt. Menschen seiner Art kennen eigentlich keine Jubiläen, denn Jubiläum bedeutet stets so etwas wie Abschluß, Krönung, Rückblick, Bilanzziehung. All diese Dinge sind über Beu-Aivigdor fremd. Er steht noch mitten ffr.seiner Bahn, ganz im Zuge seiner einheitlichen, pausenlosen Tätigkeit und hält die Augen stark, fest nach vorn, in die Zukunft gerichtet, für einen Jubilar die unpyssenvstc Blickrichtung. Allerdings: beinahe nröchte man sagen, die Zeit sei seinem Jubiläum zur Hilfe gekommen. Denn sic hat seine Tätigkeit gewaltsam unterbrochen; wie fast allen großen Fricdenswerken hat der Krieg auch der Entwicklung der hebräischen Literatur Stillstand geboten. Und in dieser künstlichen, ihm . aufgedrängten Pause mag Ben-Awigdor die Zeit und die Stimmung finden, sein Jubiläum zu feiern. Der eigentliche Jubilar über ist eigentlich nicht, er, sondern die hebräische Literatur und das ganze jüdische Volk. Denn die Leistungen und die Erfolge Ben-Awigdors sind schon historische geworden und werden heute .schon objektiv als Fortschritte und Ereignisse innerhalb der Entwicklungsgeschichte der hebräischen Literatur betrachtet und beurteilt; nichts spricht stärker für die Tragweite dieser Leistungen als dies eben, daß sie schon zu seinen Lebzeiten allen persönlichen Charakter abstrcifen und §ls. objektive historische Geschehnisse zu erscheinen beginnen. In nichts aber tritt die Bedeutung Ben-Awigdors machtvoller zutage als in ders Tatsache, daß sein Jübiläumstag in Wahrheit ein solcher des gesamten jüdischen Volkes Und seiner Literatur ist. Die Unentwegte«. An der Politik der Untätigkeit, welche die zionistische Leitung in Deutschland seit Kriegsausbruch befolgt, ist in diesenr Blatte offene Kritik geübt worden. Aber bei dieser Kritik allein dürfen wir nicht stehen bleiben. Es genügt nicht zu wissen, daß ein Organ versagt, man muß auch feststellcn, warum es versagt. Was ist die Ursache jener rätselhaften und für jeden realdenkenden Zionisten so betrübenden, ja . gradezu deprimierenden Untätigkeit? Ist sic in den Persönlichkeiten zu suchen, die die Verantwortung tragen, fehlt es ihnen an Tatkraft uüd (Energie, an politischem Verständnis und am Blick für die Wirklichkeit? Mangelt der politischen Organisation der polittschc Führer? Oder aber.: 'Ist es,eine Frage des Programms, des Systems?. Oder zum dritten: ist beides gleichermaßen der Fall? Da wir die Stunde nicht für gekommen erachten, über die persönlichen Träger der zionistischen Leitung und ihre politische Qualifikation das Wort zur Kritik zu erheben, wollen wir umso schärfer tws System beleuchten, welches von der jetzt maßgebenden Leitung zum Programm erhoben wurde. Dieses System ist in seiner .Erscheinung, rasch gekennzeichnet: es bedeutet eine schroffe Abkehr von allen Richtungen, die sich der zionistischen Leitung nicht uutcrordiie», eine maßlos heftige Bekämpfung all derjenigen — und dies ohne Unterschied der Partcirichtung —, welche in irgend einer nicht von der Leitung selbst vcranlaßten Weise jüdisch tätig sind. Diese radikale, zunächst negative Abkehr von anderen Ströninmngen mag zu einer Zeit ihre Berechtigung haben, in der dev zionistischen Organisation die Möglichkeit gegeben ist (und in'der sie diese Möglichkeit verwirklicht —, ihrerseits aus eigene Faust all die jüdische Arbeit zu leisten, die zu leisten erforderlich ist. In dem Augenblick aber, da . dies nicht der Fall ift und wo die Bekämpfung in;b Lähmung der Arbeit anderer von eigener Untätigkeit begleitet wird, in diesem Äligenblick verliert die Organisation jeden Anspruch darauf, die positive Betätigung des einzelnen Zionisten als undiszipliniert zu kritisieren und j$u bekämpfen. Die hauptsächlichste Möglichkeit, jüdische Politik zu treiben,, bot der zionistischen Organisation die Ost ju den frage. Die in ähnlicher Situation befindlichen, aber politisch reiferen Polen Oesterreich- Ungarns und Deutschlands haben ihre Aufgabe rasch erkannt, die zionistische Leitung..dagegen hat eine politische Betätigung unterlassen und abgelehnt. Diejenigen aber, die in die Lücke sprangen und. diese Arbeit auf sich nahmen — zu der niemand so berufen tvar wie die zionistische Organisation —, wurden in der schärfsten Form angegriffen. Warum? Darunt: weil cs Männer waren, mit denen die zionistische LcituW schon vorher nicht zusannnenarbciten wollte. Der gegenwärtige Kampf gegen die .Aktivisten in der Ostjudcnfragc ist zum Teil die Fortsetzung der Debatte Blumenfcld contra Oppenheimer auf dem Leipziger Delegiertcutag. Diese Debatte stand im Zeichen der „Uube- .diugtheit" und des „Radikalismus", und das, was diese Unentwegten in Leipzig wie auch bei anderen Gelegenheiten verpönten, war die gemeinschaftliche Arbeit von Ziouistcu und Nichtzionisten. Will man also den Bergerschcn Auffatz, wie Überhaupt alle Angriffe gegen die Aktivisten der Ostjudenftage richtig verstehen, so muß man..sich daran erinnern: hier stehen die „Unbedingten," gegen die anderen. Dieses Wort Unbedingthcit — es ist etwas Erstaunliches, wieviel Unheil ein mißverstandenes Wort anrichten kann — stammt von Buber. Er gebrauchte cs in religiösem Sinne. In der zionistischen Organisation taucht cs in demselben Augenblicke auf, in tvclchcnt 'politische Führer (Redakteure, Sekretäre) aus den Jüngerkreisen Pubers gewählt wurden. Da geschah das Unglaubliche, daß man dachte, piit diesem Begriff in der Politik so uimgehcn zu können wie aus dem 'Gebiete der Religiosität. . Für diese politische — Widers Innigkeit ist Buber selbst nur wenig verantwortlich zu Mächen, denn er ist sich ja wohl bewußt, daß er mit Politik wenig zu tun hat. Für die Organisation aber wurde dieses — Mißverständnis zu einem Unheil von tveittragenden Folgen. In der Politik ist — welcher Politiker wüßte das nicht — Unbedingtheit stets das ANntclchcn für Radaupolitik gewesen. Liebknecht nennt .sich den Unbedingten, — und was er .tut. tut er im Namen des Radikalismus. Oder wenn man eine zweite Version haben will: Buber ins Politische übersetzt ist der ihm .nahestehende, ganz auf sich selbst beschränkte und sich isolierende Gustav Landauer. Das ist konsequent — gewiß; aber kann Ulan damit eine politische Organisation machen, kann man damit Realpolitik treiben? Die Liebknecht-Gruppe lehnt um des Dogma, um des radikalen Programms willen alle Zusammenarbeit mit Nicht-Sozialdemokraten ab. Lftür die Mehrheit der Sozialdemokraten hat erkannt, daß es in einer Zeit wie der heutigen nur eins gibt: zugreifcn und. Mitarbeiten! Nur wer sich außerhalb der Arbeit, der Tätigkeit, ..der Aktivität stellt, nur wer unfruchtbar und unfähig »abseits steht, nur diese Kräfte sind es, die sich heute noch um "die „Unentwegten" scharen. Dürfen wir Zionisten uns aber.den Luxus einer solchen Gruppe, einer solchen Isolierung gestatten? Wenn der Zionismus — eine nationale, eine Volksbewegung — zur Liebknecht- Gruppe .innerhalb der Judenheit werden sollte, so wäre dies gleichbedeutend mit dem Zusanimenbruch aller zionistischen Berwirklichungsmögtich - keilen. Heute heißt cs auch für uns: sainmeln, nicht isolieren; zusammenfassen, nicht zersprengen. Es muß die Möglichkeit geschaffen werden, die ge sammten positiv jüdischen Kräfte zusammenznreißeii und zu organisieren. Das ist unsere Aufgabe. Wenn nicht wir, wer denn? Und wenn nicht jetzt, wann dann? Eine Fortsetzung der radikalen Tradition wird bei uns nicht mindere innere Kämpfe Hervorrufen wie die Politik Liebknecht in der Sozialdemokratie. Was uns. not tut. und.was wir fordern, ist ein .Kabinett, eine Parteileitung, die die Sammlung, nicht die Zersplitterung der jüdischen Kräfte zum Ziele hat, und J>ic den ehrlichen Willen zur gemeinschaftlichen Arbeit, » zur Arbeit überhaupt hat, sich nicht aber untätig in den Schmollwinkel stellt. Die Männer, die wir brauchen, müssen Politiker sein und nicht sich direkt als Propheten . gebärden. Zwischen Weltanschauung und Politik muß man nntcxsch.eideii können und dies als 'Lcbcnslehre mit .sich nehmen, In der Religion zu keinem, in der Politik aber zu jedem Kompromiß — sofern xr dem Ziele näher bringt — bereit; denn Politik istdie Kunst des Möglichen. Heinrich Margulics. Brief ans Warschau. Die Mitglieder der „Jüdischen Volksgruppe" im Warschauer S t a d 1 r a t haben eine überaus schwierige Aufgabd, nicht nur infolge ihrer geringen Zahl, sondern hauptsächlich infolge des Widerstands, den sie seitens der judenfeindlick! gestiinintcn polnischen Mehrheit auf jedem Schritt und Tritt begegnen. . > ' Der Kamps fing sogleich! msi der ersten Sitzung an. Die polnischen Parteien wollten unbedingt eine gemein samc nutz einzige Erklärung abgebe», in der hie poli tischen Bestrebungen des polnischen Volkes ausgesprochen sein sollen. Die „Jüdische Wähler-Vereinigung", in der die Assimilantcn und Opportunisten die erste Fiedel spielen, ging ohne weiteres darauf ein, ohne zic fordern, in die Erklärung auch die Rechte der Juden einzuschließen. Dir Erklärung enthielt dabei eine Stelle, wo gesagt ßst, die Polen (würden ihre Kräfte und Fähigkeiten anstrengen, um „die Wirtschaft und. Kultur Warschaus im nationalen Geiste und ans Grund bürgerlicher Gleichberechtigung" zu heben. Was die Führung der Wirtschaft „im polnisch nationalen Geist" bedeutet, wissen die Juden zu gut ans den Zeiten des Boykotts. Die Kultur im polnisch-nationale» Geiste führen, bedeutet wiederum die »ichtpolnische Kultur, also die jüdisch-nationale unterdrücken. Die versprochene „bürgerliche Gleichberechtigung" kann sich, da wir Juden nicht deutlich dabei erwähnt sind, auf uns Nicht beziehe»; sind wir es doch in Polen allzu gut gewohnt, daßchei allen Rechten der Begriff „außer Juden" selbstverständlich ist. Eine solche. Erklärung konnte freilich von einem bewußten Juden nicht unterzeichnet werden, mag er sogar Assimilant sein. Aber unsere Warschauer Assimilanten stellen ja einen «ganz besonderen Typus von Leuten dar. Die paar Zionisten, die in den Stadtrat eingctretc» sind, haben sich damit begnügt, daß der Vorsitzende ihre Hofsnung zum Ausdruck gebracht hat, daß im -künftigen freien Polen auch die nationalen Rechte der Juden berück sichtigt werden. Die Mitglieder der Volksgruppe wollten sich mit einer solchen opportunistischen Stellungnahme nichl zufrieden geben und erließen eine besondere Erklärung, daß sic wohl politisch Uni den Polen einig gehen, aber gleichzeitig ihre nationalen Forderungen zum Ausdruck bringen. - , Außer der Volksgruppe haben auch die Sozialisten eine besondere Erklärung abgegeben und zwar sowohl dir polnischen wie auch die jüdischen (Bnndisten) durch.Vermiti lnng ihres Vertreters des christlichen Polen Ciszewski, der vom polnisch-jüdischen Block gewählt wurde. Auf der ztveiten und dritten Sitzung haben auch andere Polnische Parteien eigene Erklärungen vorgelescn. Der Umstand, daß sich Inden erdreistct lickben, eine besondere Erklärring abzugeben und dabei noch nationale Forderungen zu stellen, hat die polnischen Machthaber nngcinein erzürnt. Cs war ihnen überhaupt sehr ringe legen, daß in den „polnischen" Stadtrat.Jrldcn »nit Akni ciiigetreten sind, die mich von der polnischen Unterdrückung öffentlich sprechen. Cs war selbstverständlich; daß die Erklärung der „konsolidierten" Parteieir die Volksgruppe nicht für ihre Aeußcrrmg halten rlnd deshalb an den Manifestationen, die damit verbunden waren, keinen Anteil nehmen kann. Mne Hochzeit für die Polen zusammen mit einem -Begräbnis für die Juden kann man noch dulden sdie Inden haben ja bekanntlich vzcl Geduld), aber nicht darauf tanzen, .llm jedoch; deutlich zn betonen, däß sie wohl die politischen Rechte des Landes begrüßen, nicht aber die boykottistischeu jndenfeindlichen Tendenzen gniheißen, haben die Mitglieder der Volksgruppe den Aufruf „Es lebe Polen!" durch Ans stehen begrüßt. Die Sozialisten sind hingegen bei der ganzen Demonstration sitzen geblieben. Das zurückhaltende, aber gnständige Benehmen der Volksgruppe wurde von manchen polnischen Gruppen durchaus nicht nachgcahmk. Während der Verlesung der jüdischen Erklärung;haben viele polnische Ratsmänner bei den (stellen gezischt, wo vvn den jüdischen Rechten hie Rede war. Mit gleich,n) Zischelt wivrde die sozialistische Erklärungen eiitgegengenoinmen. - Es scheint uns, daß, wenn jemandem ein Unrecht geschehen ist, so war es jedenfalls nicht Iden Polen. Aber die polnischen Chäiiviiiisten schwören der Volksgruppe Rache