Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 32 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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41.4 414 ♦ Erscheint wöchentlich am Freitag. L««a»preis pro Kirrtrijahr: In Frankfurt a. M. ML 1.— frei mS HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfa., frei ins tauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch treifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— * Einzel. Nummern kosten 10 Psg. Redalrtion und GXpeditron: rrsnkfurt s. IN. rr Lsngeflr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. . '81 3C1 fr- Herausgeber: Karg cheks. — — 1 *1 —? Insertionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. .Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. . -4 Freitag, Den 19. Aw 5676 (18. August 1916) 14. Jahrgang. Ben Awigdor. (Zu seinem 25 jährigeit Jubiläum) Bor 25 Jahren, ans. 20.?lb, erschien in Warschau ein kleines, dünnes chebräisches Büchlein, es ivar — "fthr tvestcuropäische Begriffe — schlecht gedruckt, auf billigem' Papier „und Lab sich sehr bescheiden und unscheinbar in seinem Aussehen. Las in'atl den Titel, so sah man, daß es das erste Heft eitler regelmäßig erscheinenden billigen Bücherei mar, diesich „S i f r e Agora h" (Kopekenbibliothek) nannte, und seinen Inhalt bildete eine kleine Erzählung „Lea, mochereth hadagim" (Lea, die Fischverkäuferin). Das war eine realistische Erzählung aus dem Leben der jüdischen Gasse, die Schilderung, einer jüdischen Marktfrau, tvie es deren tausende im Ansiedlungsrayon gibt; das Ganze scharf gesehen, gut beobachtet, schlicht, -knapp, sachlich dargestellt, kurzum: eine gediegene Leistung eines begabten realistischen Erzählers, wie es deren damals viele in Europa gab, also eine literarische Leistung, die-in jeder europäischen Literatur gelesen, bemerkt, über nicht weiter aufsehenerregend gewirkt hätte. In der neuhebräischen Literatur bildete das Erscheinen dieses Büchleins ein Ereignis, der Tag seinerVeröffentlichung ist ein historisches Datum geblieben, und heute,, da 25 Jahre seit diesem Tag verstrichen sind, darf die hebräische Literatur so etwas wie ein.25 j ä h r i g e s I n b i l ä u m feiern. Es war schon äußerlich eine neue, ungekannte epochale Sache, dies Erscheinen des ersten Heftes des „Sifre -Agorah". Eine Kopekenbibliothek! Das war etwas Unerhörtes in der hebräischen literarischen^ Welt. Bibliothek klang nach Organisation, nach Methodik, nach Verlag; was aber wußte die hebräische Bücherwelt „von Verlagen und ähnlichen „europäischen Dingen". Latte irgendwer ein Buch verfaßt, dann war es Leine Sorge eben, es irgendtvie drucken zu lassen. Vielleicht fand er einen Drucker, der es wagte, andernfalls übernahm er selbst das Wagnis, und dann erschien es, wurde durch reisende Bücherverkäufer verbreitet; einige Exemplare kaufte ^nan, der Rest blieb liegen'; aber Verlag, organisierte Bücherpublikation und Bücherverkauf, das regelmäßige periodische Erscheinen von. einzelnen Heften einer Bücherei, das war ein völliguxues, revolutionäres Unternehmen, an dessen Gelingen niemand recht glauben mochte. Und nun gar eine Kopekenbibliothek, also eine billige, populäre Bücherei, bestimmt zu weitester Verbreitung, gewillt, die hebräische Literatur in die Massen zu tragen, wo sie doch bisher eine Sache der bourgeoisen „Baale-batim" war, der wohlhabenden „Mäzene", die ab und zu sich einen Rubel für ein hebräisches Buch leisten konnten; und nun sollte man für einen luurpigen Groschen. sich solch ein Büchlein kaufen können; das war doppelt neu und doppelt revolutionär. Und den gleichen Charakter trug auch der Inhalt dieses Büchleins. Den bildete ja zwar nur eine einfache, schlichte Erzählung jener realistischen Art, wie sie seit geraumer Zeit in' der europäischen Literatur an der Herrschaft war. Aber, die hebräische.Literatur war damals — es sind erst 25 -Jahre! — ganze 25 Jahre her!— noch nicht „europäisch" oder hielt vielmehr gerade daran, es zu werden. Noch tobte der Kampf der „Atodernen" gegen die „Haskalah", noch war David Frischmann damit beschäftigt, seinen.ganzen galligen Sarkasmus gegen die „Melizah" zu ergießen, noch begann man erst zu empfinden, daß dieser gespreizte, unnatürliche, hochstelzige, grotesk-gravitätische und gewollt ^pathetische Stil ein Ende haben müßte, sollte, die hebräische Literatur eine Sache des Lebens werden, eine Literatur des Alltags, der natürlichen Regungen und Bedürfnisse des Volkes, und nicht das Monopol müßiger, „Batlonim"; heimlich- „aufgeklärter" „Jeschibah-bachuriiu" und hungerleidender Weltverbesserer bleiben. Und mitten in diesein Iampf des neuen, .modernen natürlichen Stils gegen die „Melizah", der realistischen Richtung gegen die „Haskalah" erschien diese „Lea, mochereth hadagim". Das tvar lvie 'eine Erfüllung, eine der ersten positiven Ueberwinduugen der „Haskalah" und der „Melizah". Ein einfaches Marktweib tvar die Heldin der Erzählung, keine Prinzen und Prinzessinnen mehr; Die Darstellung wollte nichts tveiter, als ein Bild aus dem jüdischen Alltagsleben geben, ohne Tendenz, ohne jeglichen Kompf gegen die „Finsterlinge", gegen die ^Orthodoxen", ohne .jede Verherrlichung der „Aufklärung" und „Freigeisterei"; und der Stil tvar einfach, lebendig, leicht, knapp, ohne Tiradcn und gelehrte Reminiszenzen, ohne Zitate aus der Bibel und den Propheten, ohne Sentimentalität und ohne Pathos, sondern nur dazu bestimmt, das zn sagen, was der Erzähler sägen wollte, und dies möglichst kurz, klar ugd allen verständlich. Man versteht, daß .das Erscheinen dieser „Lea" ein Ereignis bildete. Ileußerlich tvie innerlich, in seiner Forin wie in „feinem Inhalt war dieses erste Michlein der „Sifte Agorah" eine Tat von bahnbrechender, richtungweisender Bedeututlg, und der Tag, da sie.vollbracht war, per 20. Ab des Jahres 1891, ist seitdeni ein historisches Datum der neuhebräischen Literatur. Mit ihiu beginnt ihr „mahalasch hachadasch", ihr neirer Kurs. Seitdem sind nun 25 Jahre vergangen, llnd der diese Tat damals vollbrachte, feiert jetzt sein 25jähriges Jubiläum. Es war Ben-Awigdor. Den Namen vernahm man damals zuni ersten Male; denn es tvar seine erste literarische Schöpfung, die 'er selbst publizierte. Denn das tvar das Eigenartige, Besondere an dieser Publikation: daß der Schriftsteller sein eigener Verleger ward. Was sollte er tun? Andere Verleger gab es nicht. Mso ward er es selbst, und seitdem ist er beides in einem geblieben: Schriftsteller und Verleger. In dieser Doppelqualität ruht seine Bedeutung fiix die neuhebräische Literatur; daß er Schriftsteller ist, gab ihm' die Möglichkeit, die innere Entwicklung der hebräischen Literatur luitschaffend und tätig zu erleben und so ihre Bedürfnisse, Mängel und Aufgaben zu erkennen; daß er aber Verleger , ist, befähigte ihn nun, das für. notwendig Erkannte zu verwirklichen und.zn gestalten. Man versteht, welche Riesenausgabe in einer solchen Doppeltätigkeit beschlossen liegt. Die hebräische Literatur, in deren Entwicklung Ben-Awigdor vor 25 'Jahren in so entscheidender Weise eingriff, war dann neu, jung, zart, in der es noch alles zu schaffen galt, in .der die Mängel, die Lücken^ die Bedürfnisse des ’ bereits Vorhandenen um ein vielfaches überstiegen; ja, faßt man den äußeren Rahmen, das organisatorische Gefüge ins Auge, so gab es eigentlich noch kaum so etwas wie eine hebräische Literatur int modernen Sinne dieses Wortes; Verlage, Buchhandlungen, bestimmte Leserkreise, ein geregelter Bücherabsatz, all das fehlte. Und alles das schuf Ben Awigdor. In den . 25 Jahren .seinre Tätigkeit ist er der große Lsrgä- Nisator der neuhebräischen Äiteratur geworden:. er gründete den ersten hebräischen Verlag „Achiassaf", er rief sodann den zweiten Verlag „Tuschijah" ins Leben, er publizierte Bibliootheken, Schriftensammlungeu, gründete Zeitungen, Zeitschriften, schuf eine Jugendliteratur, und man gewinnt ein äußeres. Bildll seiner Tätigkeit und Leistung, wenn man heute die Kataloge seiner Verlage durchliest und dabei feststcllt, daß es kaum einen namhaften hebräischen Dichter und Schriftsteller gibt, der in ihnen nicht vertreten ist. Was ihn zu dieser außerordentlichen Wirksamkeit und diesen großen Erfolgen befähigte, war die außerordentliche Aktivität seiner Persönlichkeit. Seine Natur ist ganz und gar auf die Tat, auf das Reale, Positive, Faktische eingestellt, mit einer Entschiedenheit, die gerade in der Welt derhebräischen Literatur so unerhört und außerordentlich erscheint. In all seinen Aeußerungcn spiegelt sich dies wieder. Als Erzähler ist er ausgesprochener Realist; als Publizist aber von einer außerordentlichen Klarheit, .Folgerichtigkeit und Treffsicherheit der Gedanken und des Stils. Er ist begeisterter Hebraist, trat aber stets für die Pflege des Jiddischen ein, weil es die Sprache des Mltags, der Massen ist,' mithin ein konkreter, realer Wert. Er .ist überzeugter Zionist, hat aber stets die Golusarbeit bejaht, weil sie das Unmittelbare, konkret Gegebene ist; ja er neigte zeitweise zum Territorialismus, weil er darin ein positives, aktuelles Mittel zur Lösung der Jüdenftage sah., Nirgends trat diese seine Einstellung auf .das Positive; Schöpferische stärker zutage als in seinem leidenschaftlichen Aufsatz über Achad-Haam, in dem er in überaus heftiger, stellenweise geradezu ungerechter Weise sich gegen diesen wendet, weil er stets nur ein Kritiker gewesen sei und nur negativ, hemmend und zerstörend gewirkt habe; der Aussatz ist die tief persönliche Kampfschrift des schöpferischen Tatmenschen Legen den nur kritisierendem tbeoretisierenden, alles abwägenden und darum nie zur Tat gelangenden Gedankenmenschen. Zu diesem ausgesprochenen Sinn für das Positive, Realistische kommt nun noch eine ungewöhnliche Energie und Impulsivität seines Wesens hinzu. Seine gesamte Wirksamkeit ist eine ununterbrochene rastlose Tätigkeit. Man merkt es ihnr an, daß er nie mit dem Tag fertig wird, so viel gilt es zu leisten. Eine Neugründung nach der anderen ins Leben rufend, stets eine Unzahl von Projekten, Vorschlägen, Entschlüssen im Kopfe, vor keinem Widerstand zurückschreckend, immer von neuem aufangend, immer nach vorne ausschauend und wuchtig vorwärts schreitend, 'so lebt, tvirkt, schafft Ben-Awigdor all die 25 Jahre hindurch und erscheint am Ende dieser Zeit so jung, frisch, hoffnungsfroh und tatenlustig 'wie an ihrem Beginne. .Es gewährt ästhetisches Vergnügen, diesen Lebensgang zu verfolgen, und man möchte manchmal fast bedauern, daß dieser Mann nicht in einen noch größeren Wirkungskreis hineingestellt ist, in dem er sich noch stärker, machtvoller hätte ausleben können. Dieser rastlose Drang zu rastlosem Schaffen ist so übermächtig in ihm geworden^ dqß er.Leine rein schriftstellerische Entwicklung gehemmt hat und ihn vor lauter positivem Tun nicht die > Muße zn literarischen Arbeiten finden ließ. sodM man beinahe für seine künftige Entwicklung wünschen, möchte, daß er in seiner Energie gedämpfter nutz