Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 31 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Seite 2. Deutscher Politiker für die Sache der' Ostjuden gewonnen werden. Heißt aber ein solches elementares, .nicht im geringsten anfechtbares Mittel Politischer Werbearbeit verwenden, bin nationalen Charakter der politischen Jüdenheit leugnen oder ihre vollständige Lugehörigkeit zum Deutschtum behaupten! Es tut uns leid, es aussprechen zu müssen, aber da auf diesem Argument dauernd herumgeritten wird, muß es einmal laut und -deutlich gesagt werden, daß es nichts weiter als ein demagogisches Mittel der Polemik ist, gegendejsen Anwendung, nicht scharf ^genug protestiert werden kann. Es ist einfach eine sBeleidigung all der Zionisten, die über die Ostjudenfrage geschrieben haben, wenn man ihnen solche völlig grundlose— wenn auch noch' so sehr effektvolle — Vorwürfe ins Gesicht schleudert.. Nun zu Ns Haupttrmnps: die Mieinung der polnischen Juden! B. erklärt es für das entscheidende Kriterium für alle Arbeit in der Ostjudenfrage und wirst uns vor,' daß wir in unserem ersten Artikel an diesem Zentralpunkt Heiner Darlegungen stillschweigend vorübergegangen sind. Nun, er hätte uns vielleicht dankbar sein sollen, daß wir .es getan Laben. Denn pon allen Argumenten, die er Vorbringen könnte, ist das vielleicht das heikelste und zweischneidigste. Wir haben in der vorigen Nummer eine scharfe Entgegnung auf Ms Aussatz im „Juden" veröffenllicht, aus der Feder des Herrn Hirschhorn, einer der eifrigsten Wortführer der jüdisch-nationalen Richtung , in Warschau, den die jüdischen Bolksmassen in den Stadtrat entsandt haben, also eines Mannes, der gewiß berechtigt ist, im Namen der polnischen Jüden zu sprechen. Wir brauchen nicht zu wiederholen, was er gesagt hat; jünenfalls,mag B. daraus ersehen, daß sein Haupttrumpf nicht so stark ist, wie er es glaubt. Es mag sein, daß die vier oder fünf zionistischen Führer" in Warschau mit der Haltung der.Berliner .Leitung einverstanden sind'; einen erschütternden Eindruck kann das auf uns nicht machen. Denn. einmal sind diese „Führer" Männer, deren Legitimation, im Namen aller Warschauer Zionisten zu sprechen, wir — von einem «einzigen abgesehen — ein wenig bezweifeln, da die wirllichen führenden Persönlichkeiten des Warschauer Zionismus, die stets als seine Repräsentanten bekannt waren, leider nicht in Warschau sind. Spdann aber — und das ist die Hauptsache —I: der Standpunkt der Warschauer „zionistischen Führer" in der polnisch-jüdischen Frage bedarf noch dringend der Aufklärung. Diese Herren haben bei der jüngst erfolgten Eröffnungssitzung .des Warschauer Stadtrats eine Haltung eingenommen und eine Erklärung abgegeben, die darauf schließen läßt, daß sie die Lösung .der polnisch-jüdischen Frage als eine innerpolitische Angelegenheit betrachten und' die Sicherstellung .der.jüdischen Rechte allein ins Ermessen der Polen Hüllen. Ein solcher Standpunkt bedeutet aber eine Preisgabe der elementarsten Grundgedanken des Zionismus und zuqleich eine Preisgabe der nationalen Würde und der politischen Grundforderung der polnischen Jüdenheit. Mir jeden nationalen Juden ist die polnische Jüdenheit eine nationale Minderheit neben der . polnischen Majorität prinzipiell durchaus ihr gleichberechtigt; deren nationale und politische Gleichberechtigung darum gleich von vornherein bei der internationalen Regelung der polnisch en Frage sich.ergestelll werden muß. Die ganze Frage aber als eine rem innerpolnische Angelegenheit betrachten, heißt die polnischen Juden zu einem Glied des Polentums erklären, heißt den assimilatorischen Standpunkt akzeptieren, der ja stets sich eigentlich nur darin stußerte, daß eben die Judenstage in Polen eine rem polnische Frage sei. Wenn die Warschauer „zionistischen Führer", wie es den Anschein hat, diesen Standpunkt vertreten, dann allerdings verstehen wir es sehr wohl, daß sie der untätigen Haltung der Berliner Leitung beistimmen: denn dann muH eben jeglicher Versuch, die.polnisch-jüdische Frage außerhalb Polens zir erörtere verworfen werden. Jü diesem Falle aber wäre es die Aufgabe einer zionistischen Leitung, die sich als Leitung Mit, die Direktiven ertellt, die eben leitet und sich nicht in allem nur leiten läßt, die „zionistischen Führer" in Marschau energisch und - eindringlich darauf aufmerksam zu machen, daß ihre Haltung 'rwrchaus antizionistisch und antinational Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sej, sich nicht aber nachträglich damit zu rühmen, daß die Warschauer „Führer" mit ihrer Haltung 'einverstanden seien: Schließlich ist doch die zionistische Leitung dazu da, die Bewegung zu führen und darüber zu wachen, daß alle Vertreter der Bewegung die zionistischen Grundsätze verfechten; und wenn sie in einem Falle, wo eine Abweichung von diesen Grundsätzen erfolgt, energisch dagegen opponiert und dabei sich in Konflikt setzt mit den lokalen Führern, dann ist das ein größeres Verdienst, als das Vertrauen dieser Führer damit zu erwerben, daß man zu allem „Ja" und Amen sagt. Also die Berufung Ms auf die Meinung der .Warschauer „zionistischen Führer", ein Argument, das er nicht genug wiederholen kann, besagt herzlich wenig; die Warschauer „Führer" repräsentieren keinesfalls die Meinung der breiten nationaljüdischen Massen, und ihre Haltung «widerspricht den zionistischen Grundgedanken; ihre Uebereinstimmung mit der Politik der Leitung kann also höchstens gegen sie, keinesfalls für sie sprechen. Damit wären die wesentlichen Argumente der B'schen Entgegnung erledigt. Was sie sonst enthält, ist eine Wiederholung der Kritik des Aufsatzes im „Juden", deren 'teilweise Berechtigung wir gar «nicht bestreiten wollen, die aber keineswegs es erklärt und entschuldigt, warum die Leitung des .deutschen Zionismus selbst nichts Besseres und Possitiveres geleistet hat. Daß andere Fehler begangen haben, ist doch noch keine Entschuldigung dafür, daß man selbst nichts getan hat? Es ist klar, daß man selbst vor Fehlern bewahrt bleibt, wenn man gjar nichts tut. Sich aber nachher ' dessen zu rühmen und hämisch auf die Fehler jener, die etwas getan haben, hinzuwcisen, ist eine Taktik, die ebenso bequem wie ungerecht ist. Man soll sich darum durch diese Kritik nicht irre machen lassen; was immer auch B. gegen die „Aktivisten der Ostjudenstage" vorbringt, man vergesse nie, mit der Frage zu erwidern: Und was tat die Leitung des deutschen Zionismus? Das ist das Entscheidende an der ganzen Frage. Und dies wollen wir uns durch keinerlei billige Spötteleien von „Memoranden, Verhandlungen und Reisen", .durch keinerlei große .Phrasen von der Unteilbarkeit und Totalität der Judenstage, durch keinerlei vage Jllussionen und Hindeutungen auf großzügige Aktionen, die noch kommen' sollen, verschleiern und trüben lassen. Hier liegt die Grundfrage, auf die die deutschen Zionisten von ihrer Leitung klare, unzweideutige Antwort, von auch formell legitimierter Seite, für die sie die Verantwortung nicht ablehnen kann, fordern dürfen. - Die Ostjudenstage ist durch, den Krieg zur aktuellsten imd Wichtigsten Frage, der jüd. Politik geworden; es ist selbstverständlich, daß der deutsche Zionismus. .als der in dieser Frage ‘ nächstbeteiligte und .berufenste Faktor energisch und mit aller Kraft an ihrer Lösung 'arbeiten muß. Die polnischen Juden bedürfen — wie es B. selbst zugibt, wie es Hirschhorn ausdrücklich erklärt hat — dringend ,der Hilfeleistung seitens der deutschen Juden, und zwar nicht nur in punkto Hilfswerk, sondern vor' allem auch, inspolitischer Hinsicht, ebenso wie sie den Polen seitens ihrer Volksgenossen in Preußen uNd Oesterreich zutell wurde. Wer wäre berufener, ihnen diese Hilfeleistung zu gewähren, als die deutschen Zionisten! Die Leitung des österreichischen Zionismus hat diese Pflicht zur aktiven Betätigung durchaus erkannt und sucht ihr eifrig nachzukommen; soeben erst lesen wir wieder von einer erneuten Kundgebung derselben zur polnischjüdischen Frage. Und alledem gegenüber ist die Leitung deutschen Zionismus untätig, passiv geblieben und hat nichts weiter getan, als die Arbeit, die andere Zionisten zu leisten suchten,. zu bekritteln urrd zu verhöhnen. Das ist der Tatbestand, den wir durch nichts verdunkeln lassen wollen. Die Leitung des deutschen Zionismus möge diesen Tatbestand erklären nnd ihre Haltung begründen . oder die Konsequenzen ziehen und das nachzuholen suchen, was sie versäumt hat. Sonst bleibt die Anklage gegen sie zu Recht bestehen, — die von allen, die in . einer Zeit wie -der gegenwärtigen, erhoben ^werden Linnen, Hie schwerste ist —, daß sie die Aufgabe und Forderung dieser in ihrer historischen Bedeutung unabsehbar wich- Nr. 31 tigen und stitischen Monate nicht erkannt hat und damit ein Versäumnis begangen hat, das später Nicht mehr gut zu machen sein wird. B. benennt seine Entgegnung „Reelle Politik" nnd will damit wohl den Charakter der Politik der zionistischen Leitung hervorheben im Gegensatz zu jener der Aktivisten. Das ist eine Konstruktion und eine Verschiebung der wahren Sachlage, die wir eindringlich zurückweiscn müssen. Es handelt sich hier nicht'um die Frage der einzelnen Methoden der politischen Arbeit; sondern cs handelt sich lediglich um die Bejahung oder Ablehnung der politischen Arbeit selbst. Es geht! nicht unr reelle oder irreelle Politik, sondern um die Politik, dieetwas tut, oder die andere, die die Untätigkeit zmn Zeitenden Prinzip erhebt. Eine solche Politik der Untätigkeit aber — wie Herr P. es tut —als He einzig „reelle" betrachten, das heißt die Vorsicht bis zu jenem Grade treiben, den der Volkswitz in der Fabel vom' Manne charatterisiert hat, der nur ins Wasser gehen will, wenn er schon schwimmen kann. Wir verkennen keinesfalls die biederen, ehrwürdigen Qualitäten dieses Typus des Uebervorsichtigen. Nur darf pian mit Recht bezrveifeln, ob ein solcher jemals schwimmen lernen wird, in unfcrem Falle, ob er jemals politisch etwas erreichen wird. Und im Schwimmen wie in der Politik kommt es ja letzten Endes nur auf den Effekt an: ob man oben bleibt oder unterigeht, .ob Man etwas erreicht oder nicht. Wenn für die Leitung -es deutschen Zionismus „reelle Politik" .identisch ist mit der Politik der Untätigkeit, dann wird sie mit ihrer.politischen Arbeit m der Ostjudenfrage eben so viel erreichen, wie der vorsichtige Schwimmcnlernende, der, jvährend alle anderen stoh int Wasser tummely, .zaghaft nndZ'iberllug allein an: Ufer verharrt und, jo, während jene kühn das andere Ufer erreichen, «auf seine Vorsicht und Reellität stolz selbst auf dem Trockenen sitzen bleibt. (35« >vu I»r eilt! uni diu btcj dM Ml fiiii 3>c wei uut voi mil fi'tt it’cr IN bot hm Ilm - 1 bei im (tii i>. fc bei ha England und seine russischen Inden. Das Oberhaus'. — Die jüdischp Dresse.. — Board' ps Deputier. Im Oberhau.se ersuchte Lord Sheffield die Regiennch, die russischen Juden aufzuforderii, freiwillig ins englische Heer einzutreten oder ins neutrale Ausland Zu gehener tadelte das gehässige Borgehen der Polizei (gegen die russischen Jildeu. Lord Loveburu, bekannt durch! seinen Friedensaufruf, nnd Lord Rüssel schlossen sich den Worten des Vorredners an. Ersterer meinte, wenn er. Jude wäre (oder mich mir einen Tropfen jüdischen Blutes in sich hätte, ließe kr sich lieber die Hand ahfchneiden, als das zu tun, was der Minister Samuel getmr hat, indem' br den Leuten sagte: Weim ihr nicht im englischen Heere dienen wollt, werden wir euch! nach Rußland zurückschicken. Für die Regierung antworteten in unbestimmter Fori» Lord Sandhnrst nnd Marquis of Lands down. Die Lords haben gezeigt, daß man unter den führenden christlichen Persönlichkeiten hinsichtlich der russischen Juden Verständnis für die S t i m m e d e r V e r n u n f t und .der Menschlichkeit hat. Anders der jüdische Minister Samuel, anders die führenden jüdischen.Persöiilichkeiteir, >— und anders dementsprechend die diesen dienende untertänige jüdische Presse nnd der Board of Deputies. Ueberall offenbart sich hier der verächtlichste Hurrapatriotismns, so fehr verächtlich, weil er nicht der Begeisterung, sondern feiger Uengstlichkeit entspringt? „Jewish C'yronicle" und „Jewish World" drücken sich, wenn es' gilt, von den Greucltatend.es russischen Bundesgenossen gegen seine jüdischen Untertanen zu berichten. Sie können' aber nicht lmrt genug dafür Eintreten, die russisch-jüdischen Flüchtlinge in England an Rußland auszuliefern und gehen darin so weit, daß sie die englischen Tageszeitungen, Abgeordnete und Lords, die mit diesem barbarischen Vorgehen nicht einverstanden sind, wütend angreifen. Im Board vf Deputies, der Vertretung der jüdischen Gemeinden Englands^ traten Lord Rothschild nyd Henriqnes für die Politik des Ministers-Samuel ein. Eine Anzahl Abgeordneter unter Führung des Zionisten Daiches Protestierten, und so wurde der Dienst der russischen Inden im englischen Heere befürwortet, ihre Verschickung nach Rußland aber verworfen. Wie sich später bei einer Anfrage im Unterhanse heransstellte, haben sich aber die Leiter des Board of Deputies der Unterschlagung schuldig gemacht, den ihnen nicht genehmen zweiten Teil der Resolution der Regierung nicht mitzuteilen. So 'ist es - eben mit unseren jüdischen Führern. Kein jüdisches Leben, kein jüdisches Wissen, keine ehrlichen nnd wirklichen jüdischen Interessen, sondern ihre jüdische Tätigkeit soll ihnen nur zur Verfolgung ihrer politischen Interessen dienen, die häufig den jüdischen Interessen entgegengesetzt sind. Unser Unglück — und wohl nicht nur stn England sind diese entjudeten Führer, deren Judentum eigentlich nur ' die Frage des Antisemitismus ish — ehe wir dies nicht begreifen, ist uns nicht zu helfen. g» vo bc: ge bn ih an ho B, D gr fcj er bfl M IUI A M tii 0$ fco I (;c gr Ui al!r bt bt ti 61 A «I ft bi b< ft kl ha f«