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Neue jüdische Presse · 1916-08-11 · Heft 31 (11.8.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 31 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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August 1916) Nr. 31 Reelle Politik» In der letzten Nummer (vom 4. August) der „Jüdischen Rundschau" veröffentlicht Herr Julius Berger - eine 'Entgegnung auf unseren Artikel, „Das Verdienst der Untätigkeit", in dem! rvir seinen Aufsatz über „Polnische Juden und deutsche Juden" im Juniheft des „Juden""' besprochen hatten. Wir freuen uns zunächst, daß er sich zu einer Er-- widerung entschlossen und damit die Taktik des' absoluten Sichaüsschwcigens — die allerdings der Politik der absoluten Untätigkeit durchaus entspricht — durchbrochen hat; tviir erblicken varini einen guten Anfang und wollen hoffen, daß M eine eingehende öffentliche Allssprache über äüert gesamten Fragenkoniplex nunmehr die Bahn offen sein wird. ' B. hält es für. notwendig, „apf.das nachfdrücklichste gegen die Unterstellung" zu protestieren,' die wir dadurch begangen haben, daß wir seinen Aufsatz „als ein wenn auch nicht unmittelbares Pronunciament der Zionistischen Leitung" aüffaßten; er erblickt darin „ein bedauerliches Zeichen, von Mangel an politische,» Takt": Wir wollen uns bei der etwas erregten und kraftmeierischen Tonart B's nicht weiter aufhalten und verzichten ge.rne auf das billige Vergnügen, ihm in der gleichen Tonart zu erwidern. Wir können dies umso leichter, als wir uns zu unserer Auffassung durchaus berechtigt halten und in der Erregung B's Nur eine Bestätigung unseres Rechtes erblicken. Es ist in der Tat beinahe so etwas wie eine Komödie, wenn er uns das Recht absprechew will, in seinen Ausführungen J>cn Ausdruck der Meinungen zu sehen, die auch diejenige» den Berliner Zionistischen Leitung sind. Man bedenke: B. wird als Vertrauensmann .der Leitung. nach Warschau eutsandt — als der einzige während der ganzen Okkupationszeit bis Heute von > ihlq entsandte Vertreter'; er berichtet nach seiner Rückkehr in einer Versammlung von- Berliner.Vertrauensleuten; in einer bald..darauf stattfindenden Vertrauensmlänncrkonserenz aus ganz Deutschhält er als Erwiderung, auf verschiedene Anfrage» und kritische Bemerkungen einiger Teilnehmer inbctreff der Haltung der Leitung in der Ostjudenfrage eine lange Rede der Verteidigung des offiziellen ^Standpunktes'; jeder, -der.nur ein töfenigt über die Sache -unterrichtet. ist, weiß, daß seing Ansichten, über diese Frage sich durchaus mit denjenigen der Leitung decken. Undf wir solle» nicht das Recht haben, seinenlAufsatz als Darlegung des offiziell' zionistischen Standpunktes zju betrachte» und zu beurteile»? Sollen uns deswegen einer „Unterstellung"", eines „Mangels.an politischem Takt" und ^Vornehmheit" schuldig gemacht haben? Und Lies' alles nur^ weil B. nicht offizielles . Mitglied des „Geschäftsführenden Aus-? Wusses der Zionistischen Vereinigung für Deutschland" ist? - Das ist doch wirklich ei» formalistischer Standpunkt, der »kehr. als .» bürokratisch ist und /den Eharakter einer, billigen Komödie trggt, die viel zu durchsichtig ist, um noch wenigstens geistreich zu s sein.Man ii»uß es uns doch gestatten, sie nicht mitzumachen, da uns die ganze Frage wirklich viel zu-wichtig und ernst ist, um uns auf solche formalistische Pedanterien einzulassen. Wir sehen darin nichts anderes als ein Mittel der Leitung des deutschen Zionismus, um die Erörterung -und' Darlegung" ihres Standpunktes herumzukommen, weswegen sie sich den .Anschein gibt, als ob B's Ansichten sie nichts, angingen. Wir geben gerne zu, daß sie formal im Rechte ist; aber wir bestreiten ihr das Recht, durch solche formale Mittel einer öffentlichen Auseinandersetzung über ihre —• für viele Zionisten unverständliche —^Haltung aus dem Wege zu gehen. Wir halten darum nach wie Nor .an unserer Aüsfassungsweise fest und nehmen, solange die Leitung sich. Nicht herbeiläßt, eine offizielle Präsizierung ihres Standpunkts! zu geben, ttzen Bischen Aüfsütz, der .Zwar .nicht formell, aber — worauf, es allein ankommlt — sachlich ihre Ansichten 'wiedergibt, als ein wenn auch nicht unmittelbares Pronunciament derselben, maci.B. noch so nachdrücklich dagegen protestieren. Nach dieser etwas langen, aber durchaus notwendigen Einleitung zur Sache selbst! Wir müssen gestehen, von B's Erwiderung mehr erwartet zu haben. Wenn zur Verteidigung .der Haltung der Berliner Leitung nicht mehr als hier gesagt werden kann, dann ist es — fürchten wir — noch! schlechter um sie bestellt, als wir von vornherein angenommen haben. Denn Äia ganze.Entgegnung enthält nur ein positives Argument: die Berufung^auf dig Meinung der polnischen Juden. Wir werden auf dieses durchaus beachtliche, ja wie 'wir .jgerne zugeben, . in gewisser Hinsicht entscheidende Argument bald zurückkommen. Vorerst wollen wir aber ngch die ganze langatmige allgemeine Argumentation zurückweisen, in der B. .darzulegen sucht, daß die /Ostjudenftage einen Teil der Gesamtjudenfrage därstellt. Das ist etwas Selbstverständliches: »ur verstehen wir nicht recht, was es mit unserer Frage zu tun hat. Will B. damit sagen, daß man auf den -Versuch einer Lösung, der Ostjudenftage verzichten soll, sondern nur daran arbeiten darf, die gesamte Judenfrage zu lösen, womit auch all, ihre Teilprobleme beseitigt würden? Das ist ei» Standpunkt, - derjenige, der extremen Palästinisten, die alle Golusarbeit verwerfen. B. aber steht doch nicht auf diestm Standpunkt, die Leitung »och viel weniger. Er muß mithin wissen, daß alle Golusarbeit nur aus die,bedingte Lösung der einzelnen Tcilprobleme der Judenfrage hinauslaufen kann, und..seine ganze theoretische Argumentation mithin völlig nichtssagend jst. > „Dieser Krieg"" — ruft er aus —- „soll über die Jüdenfrage entscheiden und nicht nur über die Ostjudenftage."" Man gestatte uns J6ei -nll unserem .Optimismus einen starken Lweifel an dieser Prophezeiung. Dieser KrieL wird ngch unserer Meinung nicht die Jüdenfrage lösen, weil die Judenfrage überhaupt nicht durch die europäischen Völker und "die „Kulturwelt"" gelöst werde» wird, sondern nur durch den Willen mnd diü Kraft des jüdischen Volkes. . Und es schien uns bis jetzt, als ob. die zionistische Leitung auch auf diesem Standpunkt steht, ja daß sie noch weitaus skeptischer und pessimistischer ist als wir. Wir erinnern daran, daß der Aussatz, den Max Nordau vor. längerer Zeit veröffentlicht hat, und'in dem' er zur Llusrollung der Judenfrage vor dem Friedenskongreß aufforderte, von der Leitung mit Recht verurteilt wurde. Und ^nun? Nun soll man etwa auf alle politische Betätigung in der Ostjudenfrage! verzichten, weil .sie ja nur ein Teil der Jüdenfrage ist und. statt dessen auf eine Lösung dieser selbst hinarbeiten? In Wahrheit ist es doch so, daß dieser Krieg von allen Teilproblemen der Jüdenfrage nur die Ostjudenfrage aufrollt und Lu einer europäisch-politischen erhoben hat. Die Frage der Gleichberechtigung der russischen Juden wird stets eine innerrussische bleiben; die Palästinafrage wird — falls die Türkei erhalten bleibt — stets eine innertürkische bleiben; lediglich die Ostjudenfrage ist eine internationale, allgemeinpolitische geworden, weil infolge der Eroberung der westrussischen Gebiete durch die Zentralmächte hier eben eine allgemeine Milderung der Verhältnisse erfolgen wird. Hier also hätte die Arbeit des Zionismus einsetzen müssen. Politik heißt doch vor allem mit den positiven Tatsachen rechnen. Die Ostjudenfrage ist akut: hier muß man also zugreisen: Was besagen da die Phrasen von der Totalität der Jüdenfrage, von dem Zusammenhang der Ostjudenfrage mit den anderen Teilproblemen der jüdischen Lage u. Lgl.? Was anderes als einen Versuch, die Situation zu verschleiern und durch die großen Redensarten den Eindruck zu erwecken, als ob die Leitung davor stehe, die ganze Jüdenfrage zu lösen und mithin ruhig auf die Arbeit in der nebensächlicheren Ostjudenfrage verzichten dürfe. Man erweckt große, vage Illusionen und Hofft so, die Unzufriedenheit über die Untätigkeit in den aktuellen positiven Fragen zu stillen.' Mein, — wir halten es auch, hier mit jenen, denen ein Spatz in der Hand lieber ist. als die Taube auf dem Dache. Bevor wir nunmehr zu Ms Hauptargument, der Meinung der polnischen Juden, kommen, wollen wir noch kurz auf ein anderes! von ihm gebrauchtes Mittel der Polemik emgehen, um ein für alle Mal gegen die — sehr beliebte — Verwendung desselben in der ganzen Zluseinandersetzung zu protestieren. B. .Hat es in seinem -.Aufsatz im „Juden"" benutzt, er tut es wieder in seinem Artikel in der „Rundschau"", und gleich ihm verwenden es seine Gesinnungsgenossen bei jeder Gegelegenheit. Wir meinen den Vorwurf, der gegen die Aktivisten in der Ostjudenfrage erhoben wird, wonach sie in diesen Aussätzen und Aktionen, durch die sie das Interesse der deutschen öffentlichen Meinung und der deutschen Regierung für die Ostjudenfrage zu erwecken suchten, die polnischen Juden als zuM.Deutschtum gehörig erklärt hätten. Wir stellen mit aller Entschiedenheit fest, daß dsejer Vorwurf — um ganz mild Zu .sein — vollkommen grundlos ist. Niemals ist von einem Zionisten, der sich in Deutschland über die Ostjudenfrage geäußert hat, etwas derartiges gesagt worden. B. möge uns einen Artikel zeigen, in dem einer der „Mtivisten" in der Ostjudenfrage die polnischen Juden als Deutsche bezeichnet hat. Nicht einmal im „Ostjudenheft"", auf dessen Verketzerung die Berliner Leitung den größten Teil ihrer in der Ostjudenftage überhaupt betätigten Energie aufgewandt hat, wird man eine solche Behauptung finden. Wo immer Zionisten über die Ostjudenftage in deutschen Zeitungen geschrieben haben, haben sie überall den nationalen Charakter der polnischen Judenheit mit allem .Nachdruck vorangestellt und die Sicherstellung nationaler Rechte gefordert. Daß sie dabei zu zeigen suchten, daß eine solche Erhaltung der polnischen Judenheit in ihrer nationalen Eigenart im Interesse der deutschen Politik liege, .weil das Jiddische dem Deutschen verwandt sei — kann es B. bestreiten? —, weil die Juden für die Einbeziehung Polens in den mitteleuropäischen Wirtschasts- und Kulturkreis von Nutzen sein können u. dgl. m., das ist doch ein selbstverständliches, elementares Mittel politischer Arbeit.Mit den ewigen Deklamationen von dem „Recht der Nationalität"" usw. wird noch kein

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