Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 30 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Seite 5 Frankfurter Berichte. Personalien. Am 29. Juli starb Frau Heuny Levy-Elkan. Sie gehörte der jüngeren Generation von Frauen an, die ihr ganzes Wollen und Können in den Dienst der disziplinierten Wohlfahrtspflege stellte. Seit der Gründung des Vereins „Weibliche Fürsorge" gehörte sie dessen Vorstand an und hatte ihr besonderes Interesse der Wohnungsfürsorge gewidmet, wobei es 'für ihren Feinsinn charakteristisch ist, daß sie im Zfusannnenhange mit den hygienischen Bestrebungen lebhaft für die Blumenpflege der Schulkinder eintrat. In den Flickschulen arbeitete sie in stiller Gewissenhaftigkeit seit zwei Jahrzehnten, und erst ihre beginnende Krankheit ließ sie auf die Mitarbeit im Nationalen Frauendienst verzichten. Ihr Tot bedeutet einen schweren Verlust weit Wer ihren persönlichen, Freundeskreis hinaus. „VICTORIA“ Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Hans» Tel. 2002. ]g GlltlOUlSträSSB 18. Hansa Tel. 2002 Spezialität: Kragen, Manschetten und Hemden. fßiiiiMon. Simcheles Kuh. Skizze von Heinrich Bach rach (im Felde). Simcheles Kuh ist tot! Gestern nachmittag haben wir sie ans einem Brachacker verscharrt. Wir — vier Soldaten — hatten sie auf keinen Karren geladen, und Simchele, der Schuster ging betrübt daneben her. Ich glaube gar, Simchele hat geweint; er wischte sich zuweilen mit dem Aerinel seines Kaftans so verdächtig über die Augen. Auch uns Soldaten ging Simcheles Unglück nahe. War doch seine Kuh die einzige Vertreterin ihrer Art .in dem kleinen Etappendörfchen und hatte uns schon seit geraumer Zeit ausgiebig mit Milch versorgt. Und welch' eine Milch war das. Wir Ivarcn nns darüber einig, es gab nirgends so süße, fette, wohlschmeckende Milch, als bei Simchele, und dieser war nicht wenig stolz auf seinen Ruhm. Eigentlich war ich der Entdecker der hervorragenden Milchquelle. Wir kamen eines Tages nach langem Marsche mehr hungrig als müde in dem kleinen Orte an, wo wir vorläufig Station.machen sollten, und ich machte mich gleich auf,' irgendwo etwas Genießbares aufzutreiben. So kam ich auch in das kleine Häuschen Simcheles. Der saß auf einem niederen Schusterschemel, hatte den Spannriemen an den Füßen und hämmerte .in rythmischen Schlägen auf einer alten (Schuhsohle herum. Ich frage ihn, was er mache? Er lächelt, ein unbeschreibliches sarkastisches Lächeln. „Ich phantasiere" sagt er.?" „Sie verstehen das nicht. Also, zu. tun habe ich nichts, rein gar nichts. Aber ich kann nicht mit müssigen Härchen dasitzen, muß doch etwas zu tun haben. Ich siebe meinen Beruf und bin unglücklich, wenn ich ihn nicht ausüben kann. Nun hämmere ich auf dem alten Stück Leder herum, das betäubt; — ich phantasiere, 'träume mich in die guten vergangenen Zeiten hinein, wo ich Arbeit in Hülle und Fülle hatte, wo ich nicht am Abend zu befürchten brauchte, am anderen Tage ■ verhungern zu müssen. Nun hämmere ich, wenn mich d.ie Sorgen ubermannen wollen, auf dem alten Zeug herum. — Lachen Sie nur! — Warum lachen Sie picht? — Komisch, Sie sind der einzige Mensch, der nicht darüber lacht!" Er sah mich mit so unsagbar traurigen Augen an und ließ den Hammer in den Schoß sinken. Dann fragte er höflich unvermittelt. „Wollen Sie etwas?" „Ich wollte etwas zu essen kaufen, aber ich sehe schon. Sie haben ja auch nichts!" „Sie haben recht, nichts haben wir, gar nichts! Meine Frau ist weggegangen, um einige Kartoffeln äus- , zugraben; sie sind zwar noch.unreif und kaum größer als eine Nuß, aber der Magen verlangt doch etwas. Brot haben wir auch keines, es ist wohl noch etwas Mehl da, aber wir haben kein Salz, um es backen zu können. Aber wollen Sie etwas Milch haben?" Ich bejahte freudig. Simchele ging mit schlürfenden Schritten hinaus .inck winkte mir, zu folgen. -Ich mußte m«h tief bücken, um durch die niedrige Türe hindurchzukommen. Wir tappten über einen finsteren Gang, dann ging es wieder über eine Schwelle — gesehen habe ich sie nicht, nur gefühlt —, und nun Frankfurter 'Israelitisches Familienblatt. glaube ich, dem Gerüche nach in einem Biehstalle zu sein. Mein Begleiter schob irgendwo eine kleine Luke auf, nun fielen dürftige Sonnenstrahlen in das Dunkel, und ich erkannte die Umrisse eines Tieres in dem engen Raume. Dies sollte eine Kuhsein, wie mir Simchele erklärte. Eine komische Kuh. Nie im Leben habe ich jemals so eine Kuh gesehen. Jedem Maler hätte sie als Vorbild des Abstrakten, des vollendet Häßlichen dienen können. Der ganze Körper keine Spur von Rundung, alles ungelenk und eckig. Auf einem verschwindend schmächtigen Leibsaß ein riesiger, plumper Kopf, die Hörner standen in verschiedenartiger Biegung weit ab, und die faustgroßen Augen stierten blöde ins Leere. Fleisch schien das Tier überhaupt nicht zu besitzen. Ueberall sahen die Knochen hervor, und die Haut schien dazu da zu sein, um unter Wegfall der Muskeln das Knochengerüst zu verbinden. Die Rippen hoben sich so deutlich ab, daß man sie wohl schon auf weite Entfernung zählen konnte. Ich mußte unwillkürlich an die niageren Kühe in Pharaos Träumen denken und bezweifele billig, ob sie der Aegypterköpig damals so magere gesehen hat. Wirklich, es war die wohlgelungene Karrikatur einer Kuh. Simchele streichelte liebkosend das ruppige Fell, „Eine unbezahlbare Kuh. Die einzige in der ganzen Gegend. — Erst waren die Russen da, haben alles Vieh weggeführt, meine Kuh sahen sie auch an, lachten und gingen. Nachher kamen die Deutschen, wollten Vieh kaufen, und die haben noch mehr gelacht. „Simchele", sagte der eine, „die müßt ihr ins Museum schicken." Eine rinbezahlbare Kuh ist es, die wird keiner requirieren, davor bin ich sicher," schloß Simchele stolz. Lange Mben wir nun jeden Tag unsere Milch bei Simchele geholt. Wir hatten Freundschaft mit ihm geschlossen, teilten mit ihm Brot und Zucker, und manchmal erfreute uns sein Weib mit etwas Butter oder Käse. Und nun ist Simcheles Kuh tot. Morgens lag sie im Stalle und rührte sich nicht mehr. Meine Kameraden meinem, sie sei verhungert, ich verstehe nichts davon. Wir trauern mit Simchele. Wohin werden wir jetzt gehen, um Mjlch zu holen? Schade um die Kuh. Simchele „phantasiert" nicht mehr auf seiner Schuhsohle. Er sitzt zusammengeduckt in einer Ecke und läßt den Kopf hängen. Und seine'Frau schleicht mit verweinten Augen im Hause herum. Manchmal, wemr Simchele einen gar so traurigen Blick von ihr auffängt, dann sagt er wohl zum hundertsten Male:. „Es war eine gute Kuh, eine gute Kuh war cs. Aber, wir werden auch so nicht verhungern!" Und die Alte nickte imd wischte sich mit zitternder Hand die Tränen aus den Augen. Der Mitgiftdottor. Eine Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung.) Die anderen lachten. In dieser burschikosen Laune, Ivie er den Schnurrbart vergnügt aufstrich und nachlässig Bein mit Bein deckte, glich Seligsohn eher einem fröhlichen Studenten als einem strengen Anttsrichter in Amt und Würden. „Los Scholz", kommandierte er. „Her mit Teufels Gebetbuch." Der Doktor stand auf, um die Karten zu holen. Er wußte,in des Freundes Zimmer just wie Hans Bescheid,, aber als er an den Schreibtisch schritt, das Spiel herauszunehmen, schien es ihm, als beeile sich der sonst recht phlegmatische Hans ganz ungewöhnlich, ihm dabei zuvorzukommen, denn schon hatte er das Spiel zur Hand und wehrte mit einem heftigen: „Bleib sitzen, bemüh' Dich nicht?', den Freund von der Stelle. „Potz Blitz, Hans, birgst Du falsche Banknoten in Deiner Kommode?" „Nein Liebesbriefe. Und sintemal ich sie Dir vorenthalten werde, übe .ich nur eine wohlverdiente Rache an Dir! — Paß doch auf, Junge, wenn Du Karten gibst; vergib Dich nicht fortwährend." - „Wer Karten vergibt, vergibt auch Menschen, Doktor." . „Rührt daher, daß ich die Karten für den aller langweiligsten Zeitvertreib ansehe." „Sie sprechen noch wie ein Großstädter, lieber Doktor", sagte Seligsohn, „lassen Sie nur ferner zwei trübe Monde in die Dunstkreise von Trebanobitz an sich vorüberschreiten, und Sie werden dem großen Unbekannten, der die Karten erfand, dankbaren Gemütes die schönsten Denksteine aufrichten. Ueberhaupt, was wollen Sie denn in diesem verkommenen Ostwinkel hier sonst beginnen? Wenn Sie über die Zahl der Rebhühner, die der Bürgermeister gestern geschossen und die neue Weinsorte, die der Herr Pfarrer seinem Keller beigelegt, ausführlich unterrichtet sind, wenn Sie die wundersame Kunde, ob.d-e Frau Steuereinnehmer. den Staat wieder mit einem männlichen oder weiblichen Untertänchen vermehrt habe, rechtzeitig erfahren und das Gezänk um den Vortritt des Kronstädter oder Zernowitzer Gesangvereins beim letzten Sedanfeste zum Ueberdruß angehört haben, dann ist der Gesprächsstoff vollständig erschöpft. Wohl Ihnen, vermögen Sie den kommunalen Angelegenheiten Interesse entgegenzubringen, aber der einzigen brennenden Frage, ob die Katholiken oder Protestanten mehr Ackerland zu Beerdigtmgsplätzen erhalten sollen, können Sie als Arzt doch nur in folio abweisend gegenüber stehen. Sich fortbilden? Studieren? Glauben Sie mir, sobald der Anstoß von Außenmangelt, läßt man nach und erschlafft, — ich habe Berge von unaufgeschpittenen Broschüren und Fachschriften bei. mir lagern. Im Kasino, wo allenfalls ein paar erträgliche Köpfe sich einfinden, wird man Ihnen und mir als fremdem semitischen Element mit biderber allgermanischer Gastlichkeit schnell genug den Aufenthalt so ungemütlich als möglich gestalten, bleibt höchstens noch — er blickte tief aufseufzend auf den breiten goldenen Reif an seinem Finger: das glückliche Familienleben." Und rasch das Bierkännchen, welches Hans ihm aufs neue gefüllt hatte, heruntergießend, griff e.r in Wilder Hast nach den Karten. „Spielen wir, meine Herren, damit ich nicht ganz der unausstehlichen Versuchung verfalle. Ihnen den Abend durch meine Trübsalsmusik zu verderben." Eine Welle würde es still im Zimmer. Ganz still, nur das anheimelnde Ticken der großen Schwaizwälderuhr über dem breiten, dunkelgrünen Ledersofa erklang bei dem Geräusch der aufschlagenden Karten, hin und Wieder unterbrochen durch die eintönigen Ausrufe der Spielenden. Der Amtsrichter, sonst ein geschätzter Gegner im edlen Skat, hatte an jenem Abend eine schlechte Hand. Hans rügte, daß er alles verpasse. „Nicht ein Tournez haben Sie angesagt. Sie schnöder Maurer!" „Hören wir auf, Scholz", bat er, „Sie sind im Recht, ich war nicht beim Spiel. Was liegt an meinem Tournez. Könnt' ich nur eines tournieren in meinem Leben, Pier Jahre nur möcht' ich noch einmal zurück. Damals war ich ein armer, verhungerter Teufel, der dreimal in der Woche kein Nachtmahl aß, um Sonntags jn die Oper gehen zu können, und kannte den Plunder hier" — er wies auf seine goldene Nhr und die kleinen, glitzernden Demantknöpfe — „nur aus den Fensterauslagen der Juweliere. Was - galt mir der Kram? Futter fürs Leihhaus. Mein reichster Schatz hieß meine goldene Freiheit. Ich war sehr glücklich gegen heute. Frellich, ich hatte nur mit unsagbaren Kümmernissen und Opfern meine Studiere vollendet; schwere Verpftichtungen lagen mir auf, vornehmlich gegen meine Familie, die gedarbt hatte, um mir die nötigsten Kosten zu verschaffen; die Angst, imeine Schulden nicht mehr tilgen zu können, wuchs mir über den Kopf. Da zeigte sich mir der uns Juden nur zu mißbräuchliche Ausweg: die reiche Heirat. Ein Glück, ein Glück, jauchzten die Meinen, und ich — nach Hilfe ringend — gtiff zu. Ein reicher Mann, der mich großmütig von allen Wirnissen befreite, der mir Heim und einen Hausstand schuf, in welchem mich Wohlleben, Pracht und Bequemlichkeit umschmeichelten, und der mir zu all dem Ueberfluß sein einziges, ein gut eigenes Mädchen, zur Gattin anvertraute. — Hätte ich ahnen können, daß dieses sanfte Geschöpf in eine harte, unbeugsame Tantippe ausarten werde, stetsauf ihren Lippen das grausame Rechenexempel führend: Mein Vater hat Dir so und so viel tausend Taler gegeben, warum gibst Du mir nicht so und so viel Glück dafür? — Warum ich Ihnen das alles erzähle?" Er war aufgestanden und faßte heftig des Doktors Hand: ,Lieber Goldmann, auch Ihnen wird diese hochnotpeinliche Frage sehr bald nahen, ich habe heute etwas läuten hören, daß man sie gar zu gern verschachern will, bleiben Sie daher scheinbar goldenen Brücken fern, wer weiß, welches unbekannte Grauen am andern Ufer auf Sie lauert, lieber hungern mit einem geliebten Weibe, als" — es war, als müsse er an den bösen Worten, die ihm noch in der Kehle blieben, erwürgen, er murmelte