Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 30 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. Seite 3. Handeln auch die patriotisch, gestimmten polnischen Politiker, indem sie nicht nur an das Gerechtigkeitsgefühl des deutschen Volkes appellieren, sondern auch an die Vernunft, die sie belehren soll, daß die Wiederherstellung des polnischen Staates im Interesse der Deutschen liegt. .Einen etwas seltsamen Eindruck macht B., wenn er die 'Sache so darstellt, als ob die Polen erst von den deutschen Juden (lies: von den Vertretern des Ostkomitees) erfahren hätten, daß die jiddische Sprache mit der deutschen verwandt sei. Die ganze antisemitische Politik der Russophilen zu der Russenzeit war jedoch, äußerlich damit begründet, daß die Juden, die einen „deutschen Dialekt" gebrauchen, in Polen „Vorkämpfer des Deutschtums" seien. Die deutschen Broschüren — mit denen das Ostkomitee übrigens nichts zu tun hat — haben deshalb den Polen kein Geheimnis verraten. Es muß deshalb sehr wundersam anmuten, wenn sich ein Jude, dazu noch ein Zionist, solche Worte gestattet: „Wer aber wird für die eingeworsenen Fensterscheiben aufkommen und >oie! so . freigebig ausgestellten Wechsel einlösen, wenn nicht die Holnischen Juden"? Eine solche Argumentation kannten wir bisher nur von den russischen reaktionären Zeitungen, die stets gedroht hatten, jedes Recht, das die russische Regierung den Juden zugestehen werde, könnte nur mit Pogromen seitens der russischen Bevölkerung beantwortet werden. Ich bin ganz fern davon, in dieser Aeußerung eine Provokation zu erblicken, sie beruht noch viel mehr auf einer völligen Unkenntnis der Verhältnisse in Polen. Den Polen kommt es am wenigsten darauf an, ob die Juden jiddisch oder polnisch und noch weniger, ob das Jiddische ein deutscher Dialekt ist. Diese quasi-germanisatorischen Bestrebungen der Juden hat man nur zu der Russenzeit als Argument angewendet, jetzt sagt man gerade umgekehrt, die jiddische Sprache habe mit der deutschen nichts zu tun, sie enthalte vielmehr russische Elemente. Ueberhäupt sind die polnischen Antisemiten um Beweisgründe nicht verlegen. Sie wollen den Juden ganz einfach die Bürgerrechte absprechen, — und wenn einer nur um die Ganzheit der jüdischen Fensterscheiben sich kümmert da wäre es am besten, auf alle Fordederungen zu verzichten. Wer nicht nur die Politik des Dstkonritees betreffs der jiddischen Sprache findet in B. einen sehr gestrengen Kritiker. Er bezieht sich auch zum Problem der jüdischen „Volkseinheit" mit stolzer Verachtung. ,Lür jede noch so komplizierte Frage" — schreibt er — „hatte man eine fertige Lösung auf Lager. Für die Sicherung der jüdischen Volkseinheit — die politische Autonomie der jüdischen Nation in Polen, nationale Kurie und Matrik. Sollten aber die Polen die politische Autonomie der Juden ablehnen,, so begnügte man sich mit dem Postulat einer entgegengesetzten Auffassung, mit der kulturellen Autonomie". Ich lasse hier die Frage beiseite, ob für die Juden in Polen eine politische oder eine nationalkulturelle Autonomie notwendig ist. Aber selbst „nur" eine kulturelle Autonomie kann lediglich der gering schätzen, der Palästina bereits in der Tasche hat, und wer sich garnicht kümmern braucht, was die „paar" Juden, die im Golus zurückbleiben, hier tun werden. Ein ernsthafter Mann jedoch — ob Zionist oder nicht — muß danach trachten, die zwei Millionen Juden, die in Polen leben und noch lange leben werden, in ihren Rechten sicher zu stellen, und deshalb muß er eben die von B. so verschmähte „Politik" betreiben. Solche Realpolitiker sind eben die Vertreter des Ostkomitees, und sie verdienen für ihre selbstlose Mühe die größte Anerkennung, Sie sind ganz entfernt davon, die Juden gegen die Polen auszuspielen; — sie bemühen sich im Gegenteil, eine Verständigung zwischen den Polen und den Juden herbeizuführen. Und ihre Mühe hat schon beträchtliche Früchte gezeitigt. Sie haben eine Konferenz veranstaltet, auf der sich Assimilanten und sogar manche grundpolnische Politiker zugunsten der kulturellen Rechte der Juden geäußert haben. In diesem wichtigen geschichtlichen Moment hat dies' eine beträchtliche Bedeutung. Das „Komitee für den Osten" hat auch manches, andere getan, um die Lage der tzolnffchen Juden zu bessern, worWer aus¬ Franksurter Israelitisches Familienblatt. führlicher zu sprechen, die Zeit noch, nicht gekommen ist und ist im Begriff, viel anderes zu unternehmen. Es ist unbegründet, wenn B. fragt: „Wer hat diesen Befreiern der Ostjuden ein Mandat gegeben?" Erstens ist es mit Mandaten? in einem Lande schwierig bestellt, wo es bisher kein Wahlrecht gab. Ztveitens haben die so ungerecht verspotteten- Befreier niemals im Namen der polnischen- Jllden gesprochen. Sie haben blos ihre eigene Meinung geäußert. Was B. recht ist, ist auch dem Ostkomitee billig. Der Unterschied ist nur der, daß 18. nur kritisiert, und das Ostkomitee -handelt. Schließlich hat das Ostkomitee die Verständigung nur derart angebahnt, daß seine Vertreter in der genannten Konferenz Vorsteher verschiedener polnisch-jüvischen Richtungen, darunter auch der Zionisten, eingeladen haben, die unter Leitung der Herren aus Berlin das Weitere schon selbst getan haben. Daß solche Anregung und Vermittlung uns sehr nötig sind, versteht jeder denkende Jude, der die hiesigen Verhältnisse etwas kennt. Schließlich findet sich im Bergerschen Artikel ein Passus, der seine ganze Beweisführung krönt und glänzend zeigt, wo es' ihm weh tut. „Sollte aber diese Lösung den .Streit und die Parteiung im jüdischen Lager vermehren und vertiefen, gibt es auch dafür ein einfaches Mittel: die Gründ ung einer^neuen jüdischen Volkspart ei. Da ist eben der Hund begraben. Die paar zionistischen.Herren, die in zeitweiliger Abwesenheit der wirklichen Anführer, den Warschauer Zionismus jetzt leiten und deren Sprachrohr Herr Berger ist, wollen keineswegs, daß außer der zionistischen Partei eine Volkspartei entsteht, die als wahre Wortführer der breiten jüdischen Massen gelten sollte. Sie haben wirklich alles getan, um die Entstehung einer solchen Partei zu verhindern. Bei den Wahlen in den Warschauer Stadtrat hat sich die zionistische Verwaltung (zur großen Unzufriedenheit der zionistischen Mitgliederschaft) mit den Assimilanten vereinigt, und als die Nationaljuden selbständig Vorgehen wollten, haben die Zionistenführer ihre neuen Bundesgenossen nicht gestört, den Juden mit „eingeworfenen Fensterscheiben" zu drohen. Es half aber nichts. Die Volkspartei ist entstanden, und ihre Vertreter waren die einzigen, hie von der jüdischen Bevölkerung gewählt wurden. Die restlichen Rats- 'männer, darunter auch die zionistischen, haben sich selbst ernannt. Noch schlimmer, — als sie sich in der '6. Kurie einer Wahl unterziehen mutzten, konnten sie kein einziges Mandat erlangen, und auf diese Weise haben sie ein Votum des Mißtrauens erhalten. Natürlich war es nicht das Ostkomitee, welches diese Partei „geschaffen" hat; sie existierte als politische Richtung bereits seit lange und hat sich jetzt nur formell'organisiert. Aber wenn Herr Berger - recht hätte, daß die Volkspartei vom Komitee für den Osten geschaffen wurde, dann wäre es umso peinlicher für seine Behauptungen. Denn wenn dem so wäre, dann hätte das Ostkomitee das größte Recht, im Namen der polnischen Judenheit zu sprechen. ^Marri^PhiUppsoh«^ Von Berlin trifft die Nachricht ein, daß Prof. Martin Philippsohn verschieden ist. Vor zwei Wochen noch war es ihm vergönnt gewesen, seinen 70. Geburtstag unter allgemeiner Beteiligung zu feiern, und nun ist er der Krankheit, die ihn schon seit längerer Zeit darniedergeworfen hatte, erlegen. In Martin Philippsohn verliert das deMsche Judentum einen seiner führenden Männer. Als Historiker von anerkanntem Ruf und hangjähriger Professor der Berliner Universität weit über jüdische Vereine hinaus bekannt, hat er von jeher sich durchaus als Jude gefühlt und lebhaft an allen jiidischen Fragen Anteil genommen. Es war dies bei ihm, dem Sohne eines LudwigPhilipps o h n, nur natürlich, und so trat er denn, auf den Traditionen seines Vaterhauses fußend, ins öffentliche jüd. Leben ein. Und diesen Traditionen ist. er zeitlebens treu geblieben. Es waren dies die Traditionen eines — um ein Schlagwort zu gebrauchen — gemäßigten Assimilationsjudentums, das zwar stiel jüd. ...Gefühl und eine starke Dosis von Pietät vor den Werken und Taten der jüd. Vergangenheit besaß, aber doch im letzten Ende negativ gerichtet war, und sein wichtigstes Interesse in der Erringung und Wahrung der bürgerlichen Gleichberechtigung sah. Dem positiven, Aktiven, eine eigene jüdische Zukunft bejahenden Judentum in seiner traditionellen wie in seiner nationalen Äusdruckssorm stand Philippsohn ablehnend gegenüber. Als Gelehrter förderte er noch besonders die jüd. Wissenschaft und hat gerade auf diesem Gebiete, vor allem als Beisitzer der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", Bedeutsames geleistet. Durch seine Neuere Geschichte des jüd. Volkes hat er selbst an der Fortentwicklung der" jüd. wissenschaftlichen Forschung mitgewirkt. Mles in allem erscheint er in seiner gesamten Persönlichkeit und Wirksamkeit als der Repräsentant jener Epoche und Richtung im Deutschen Judentum, die um die Mitte und das Ende des vorigen Jahrhunderts ihre Höchsts Entfaltung hatte, und die durch die moderne nationaljüdische Bewegung ihre innere lleberwindung gefunden hat. Ms Repräsentant und -Wortfiihrer dieses liberalen Assimilationsjudentums war Martin Philippsohn gewiß einer der vornehinsten, gemäßigten und im jüdischen Sinne positivsten von allen. Auch seine Gegner konnten ihm Achtung und Verehrung nicht versagen, und seine warme Liebe zum Judentum, wie br es verstand, durfte nicht bezweifelt werden. Daß er dennoch in der Grundtendenz seiner jüd. Wirksamkeit geirrt und neben vielem Verdienst reichem und Fruchtbaren auch manches Schädigende bewirkt hat, liegt in dem Wesen der Richtung begründet, die er vertrat. Ms Mensch von lauterem und vornehmen Charakter, als Jude von aufrichtigem, warmem jüd.' Empfinden, als erfolgreicher Förderer der ^süd. Wissenschaft und als Führer eines großen Teilender deutschen Judenheit wird er jn der Geschichte derselben allezeit fortleben. Bei all seinen irrigen theoretischen Anschauungen über das Wesen und die Zukunft des Judentums war er doch ein treuer, bedeutender Sohn des jüd. Volkes, in dessen Dienst er einen großen Teil seines Wirkens gestellt hat, und dem es darum stets ein ehrendes, segnendes Andenken bewahren wird.*) Der Pogrom. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts von M. Riwkeß. (Fortsetzung.) Jn Kellern, auf Böden finden wir Opfer des Pogroms. Jn einem Zimmer liegt wieder eine Frau tot; von allem beraubt, ,nur eine Schiffskarte ist ihr geblieben; ihre sämtlichen Angehörigen befinden sich in Amerika, sie selbst war schon im Begriff» nach Amerika zu fahren. Weiter in einem großen dunklen Zinnner, nur durch eine kleine Kerze beleuchtet, sitzen Vater und Sohn mit dem Gebetbuch in der Hand: Auf dem Boden, mit einer schwarzen Decke belegt, liegt die tote Mutter. Der Vater fängt an, die Psalmen zu sagen. Doch imnrer wieder denkt er an das kurz vorher Geschehene, immer wieder blickt er auf die Leiche, nickt mit dem Kopfe, — und mit Tränen in den Augen sagt er dann weiter. Am nächsten Tage herrscht wieder Ruhe in der Stadt. Das jüdische Volk hat wieder einen Pogrom hinter sich, ein dunkler Punkt mehr, den es in seiner Geschichte zu verzeichnen hat. Die Pebörde widmet jetzt der jüdischen Bevölkerung eine ganz''besondere Lkufmerksamkeit. Die Straßen werden ab ge sperrt, und die Polizei sorgt dafiir, daß Ruhe in der Stadt herrscht. Lange Reihen von Leichenwagen durchziehen ungestört die Straßen. Jeder Wagen hat seinen Sarg, jeder Sarg seine Leiche, und jede Leiche kann eine Gesuchte aus einem Pogromerlebnis erzählen. Die Frau, welche noch gestern mit ihren zwei Kindern Rettung suchte, liegen jetzt in einem von den Särgen. Der jüdische Vorsteher, der bei den Behörden für sein Volk Hilfe suchen wollte, zählt ebenfalls zu denjenigen. . . Die Chuligans hatten ihn in der Droschke erfaßt und fortgeschleppt. Fremde Juden, die zufällig eben in der Stockt angekommen waren, wurden ihres Geldes beraubt und befinden sich auch unter den Toten. Auch jüdische Reisende, welche direkt vom Bahnhof heruntergeschleppt wurden. Jn einem von den Särgen liegt auch der Schames (Tempeldiener) zusannnen mit den zerrissenen und geschändeten Thorarollen. Dieser Schuldiener hatte im Tempel mit den Chuligans gekämpft, um die Thora aus ihren Händen zu retten. Und der arme, schwache Jude kämpft«! wie ein Löwe gegen die Chuligans. (Dir Schuldiener, du großer Kämpfer, von der Stadt Kischenew widme ich zum Gedenken diese Zeilen.) So ziehen Wagen auf Wagen langsam, alle nach einer Richtung, nach dem Friedhof. Grab jür Grab wird gegraben, für jeden einzelnen wird ein Grabstein gesetzt. Eine Totenstille herrscht überall. Man ist in Erwartung, — und mächtig erschallt die Stimme des Kantors über den ganzen Friedhof mit der allbekannten traurigen Melodie „Eil molei rachamim!" Während der Kantor das Gebet sagt, durchlebt das weinende, llagende Volk innerlich nochmals den fürchterlichen Pogrom. * * *' PH. wurde am 26. Juni 1846 in Magdeburg geboren. 1862 übersiedelte sein Vater nach Bonn. Hier und später in Berlin studierte er Geschichte. Jn Bonn hatte Heinrich v. Sybel Einfluß auf seine wissenschaftliche Entwicklung und sein politisches Denken, in Berlin hörte er besonders bei Ranke. Bon .1868 bis 1870 wirkte er als Lehrer an der jüdischen Normalschule in Berlin, machte als Freiwilliger den deutsch-französischen Krieg mit und habilitierte sich 1871 in Bonn,!wv er 1875 zum a. v.- Professor! ernannt wurde; 1878 folgte er einem Ruf an die Universität Brüssel als Ordinarius, legte aber im Jahre 1890 infolge eines Zusammenstoßes mit den deutsch-feindlichen und radikälsozialistischen Elementen der Brüsseler Studentenschaft sein Lehramt nieder und wirkte seitdem als Privatgelehrter in Berlin. '