Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 30 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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ckeite ä. Franffnrter Israelitisches Famllienblatt. f i i i 1: t 7 wenn Buber als Zeugnis für 'die Empfindung dieser inneren Entzweiung das Wort des Saul von Tarsos anführt (der allerdings kein „repräsentativer Jude", sondern aufs stärkste von griechisch-kleinasiatischer Mystik beeinflußt war): „Das Gute, das ich. will, Vas tue ich nicht, sondern das Böse, das ich. nicht will, das tue ich" — so weisen wir darauf hin, daß zwei Menschenalter vor ihm ein repräsentativer Römer, Ovid, genau dasselbe mit den Worten ausdrückte: Video meliora proboque, deteriora sequor. Freilich kennt auch die Bibel ein „Leben in ®ott" („Ganz sollst Du sein mit Gott, Deinem Gott"), aber nur als oberstes Mittel zu sittlichem Handeln, als stärkstes stets gleichgerichtetes Motiv des Guten, das alle anderen zwiespältigen schwankenden Motive unter seine Herrschaft zwingt, genau' so, wie dies Spinoza mit seinem amor bei intellectualis tut. Die Ethik aber, das Verhalten des Menschen zum Menschen, ist ein irdisch Ding, auch in der Bibel trotz aller metaphysischer Begründung. Und Vieser Kamps um irdische Menschen- und Seclennöte, dem zur Zeit der Propheten noch jeder Gedanke an ein „Seelenhell" im christlichen Sinne vollkommen fern liegt, ist die tiefste Ursache dafür, daß eine Mystik in dieser Zeit kaum Raum finden konnte. Mit beiden Füßen steht der Mische Mensch auf der Erde, die er mit glühendem Eifer einer glücklicheren Vollendung entgegenzujuhren strebt, sein. Ideal richtet sich auf die menschliche Gemeinschaft. Sein Reich Gottes' ist von dieser Welt. * Wir lehren - zum Schluß an den Ausgangspunkt der Buber'schen Untersuchung zurück, .seine Gegenüberstellung von Orientalen und Okzidentalen. Und damll auch zu unseren einleitenden Betrachtungen: Menschen und Völker sind zu verwickelte Gebilde, als daß. sie sich, in Schema und Formel pressen ließen. Der Morgenländer ist der motorische Mensch, der Abendländer der sensorische, sagt Buber. Das Denken des Orientalen meint Wirken, das Denken des Okzidentalen meint Form. Diese Gegensätze, die in engerem Rahwen Richtiges enthalten, sind zu allgemein und zu weit gespannt, um noch zuzutreffen. Was gibt es, das mehr auf die Tat gerichtet ist als die Römer des Altertums? Oder als die Westeuropäer der neuen Zeit, die den ganzen Erdball, mll geringen Ausnahmen, ihrem Geiste untertan gemacht haben? Und auf der anderen Seite: Euren „Geist des Orients", der von China bis Judäa alles umfaßt, vermögen wir nicht anzuerkenncn. In dieser „motorischen" Sphäre sitzt ein Volk, das die reine Kontemplation uird Spekulation, die nicht imr die Tat, sondern das Leben selbst negiert, bis zur höchsten Stufe entwickelt hat. Vieles, was Buber vom Morgenländer sagt, wäre zutreffender, wenn es vom Juden gesagt wäre. Für den Juden aber, von dem unzweifehast Buber gedanklich ausgegangen ist, bietet seine Kennzeichnung als eines motorisch veranlagten Menschen viel Werkvolles und dunlle Tiefen Beleuchtendes. Gerade wir, die wir das Wesentliche am Juden in seiner Richtung auf das Sittliche, auf das Gemeinschaftsleben, auf die Weltverbesserung sehen, können .dieses Bild Bubers freudig übernehmen. Mer Buber selbst? Er verinnerlicht in seinem „Geist des Judentums" die Motilität zu einem Spannungszustand, die Tat zu einem ' Seelen-Erlübnis, das Empordrängen ins Licht zu einem Tasten in die Unendlichkeit des Unsagbarem Und so wird schließlich der vom „Geist des Judentums," wie ihn Büber verstanden wissen will. Erfüllte zu einem Gefäß reinster Kontemplation, entrücktester Ekstase — ein Inder, nicht ein Jude, ein Buddha, nicht ein Moses. . . Wir bekennen: Das Buch, vom wahren Geist ' des Judentums scheint uns noch nicht geschrieben zu seim Und doch, trotz mancher Ausstellung, möchten wir Buber's Buch, nicht wieder missen. Es. ist eine wundervolle, zarte Dichtung, — aber eine Dichtung. Wir freuen uns des edlen Lichterspiels am feingeschliffenen Kristall, — aber wir werden nicht versuchen können, durchs ihn ein unverzerrtes Bild des Judentums zu schauem Uns wäre eine rciire, unvermischte Freude zutell geworden, wenn dieses Buch, nicht hieße: „Vom Geist des Judeirtums," sondern vielleicht: „Verborgene Blüten -am Baume des' Judentums." Eine ungerechte Kritik.*) Von S. Hirschhorn, Ratsmann der Regierungsstadt Warschau. Nach der Besetzung Polens durch das deutsche Heer hat sich die Notwendigkeit erwiesen, sowohl den Polen als auch den Juden seitens ihrer Volksgenossen in Deutschland Hilfe zu leisten. Die Polen der Provinz Posen haben es reichlich getan. Es erschien nicht nur eine große Menge von Büchern und Broschüren, uni den Deutschen und den Polen zu beweisen, daß sie gemeinschaftliche Interessen haben, sondern cs kamen auch nach Warschau viele polnische Politiker aus' Deutschland und Oesterreich, um die deutsch-polnische Verständigung anzubahnen. Diese Politiker erfreuten sich seitens' der polnischen Bevölkerung der größten Dankbarkeit, obwohl wie immer in der Politik nicht von Sentimentalitäten, sondern von reellen Interessen gesprochen und die Verständigung unter Voraussetzung gegenseitiger Zugeständnisse geplant wurde. Anders war es mit den Juden. Im großen und ganzen haben die deutschen Juden nicht genügend verstanden, daß ihre polnischen Brüder eher politischer als materieller Hilfe benötigen, und deshalb haben sie sich vorzüglich auf Geldunterstützungen beschränk. Die materielle Hilfe kann natürlich nicht >geringgeschätzt werden, sie steht aber'weit hinter der politischen Hilfe zurück; noch mehr, .sie.entbehrt jede wesentliche Bedeutung ohne diese letztere. Das Elend der polnischen Juden besteht nicht darin, daß sie an sich arm, sondern, daß sie rechtlos sind. Die öffentlichen Mittel, die für die ganze Bevölkerung bestimmt sind, kommen den ' Juden nicht zugute oder bestenfalls in einem dürftig Keinen Teil. Um somit den Juden tatsächlich zu helfen, genügt es nicht, ihnen die reichlichsten Spenden zu schenken — die man ihnen nebenbei gesagt, auch von der dürftigen Hilfe aus öffentlichen Fonds in Abzug bringt —t sondern man muß ihnen behilflich sein, bürgerliche Rechte zu erlangen. Und um bürgerliche Rechte nicht auf dem Papier, sondern in Wirklichkeit zu genießen, müssen die Juden nationale Rechte besitzen; dies ist schon in der jüdischen und deutsch-jüdischen Öffentlichkeit genügend besprochen worden und kann als Selbstverständlichkeit betrachtet werden. Die!deutschen Assimilanten sind den polnischen Jiwen in Bezug auf materielle Hilfe einigermaßen entgegengekonnnen, Ich will hier nickst die Frage berühren, ob es aus eigenen Mitteln geschah oder ob sie mit fremdes (amerikanisches) Geld gegeben haben, sowie auch, ' die andere Frage, ob die Verteilung der Spenden gut eingerichtet war. In politischer Hinsicht haben die deutsch-jüdischen Assimilanten den Ostjuden nicht nur *) Wir erhalten die folgende Abwehr der Kritik des Komitees für den Osten durch Herrn Berger in seinem vor zwei Wochen .von uns ausführlich besprochenen 'Aufsatz An „Indens von Herrn S. Hirschhorn in Warschau, der unseren Lesern als jüdischer Publizist und eifriger Vorkämpfer der jüdischen Rechte durch Aufsätze in unserer Zeitung schon bekannt ist; bei den Stadtratswahlen wurde er in der 6. Kurie als Ratsmann gewählt. Er erscheint ialso durchaus legitimiert, als polnischer Jude zu der Kritik des Herrn Berger das Wort zu ergreifen, .und es freut uns, stststellen zu können, daß er in den prinzipiellen Fragen mit unserer Stellungnahine zum Aufsatz des Herrn Berger "und darüber hinaus zur Haltung der Leitung der Zionist, Vereinigung für Deutschlmid LLereinstimmt. Mt allen Einzelheiten in den Ausführungen des Herrn Hirschhorn, vor allem mit seiner Ansicht über die Politik der Warschauer zionistischen Führer bei den Stadtratswahlen sind wir jedoch! nicht einverstanden. Allein wir halten auch seine Anklage gegen die Leiter des Warschauer Monismus deswegen für beachtenswert, weil sie darauf hindeuten, daß diese, indem sie die passive Politik der Untätigkeit seitens der Berliner Leitung unterstützen, den Zionismus in Gefahr bringen könnten, die Sympathien der breiten Massen des polnischen'Judentums zu verlieren, eine Befürchtung, die durch die Gründung der Volkspartei und ihren unbestreitbaren Erfolg bei den Wahlen litt der 6. 'Kurie sehr gestärkt werden muß, L Zur Tätigkeit des Ostkomitees selbst wollen wir durch den Abdruck dieses Artikels keinerlei Stellung nehmen, da uns nach wie vor die Unterlagen dazu fehlen. Aber es ist interessant zu sehen, wie polnische Juden, an deren jüdischnationaler Gesinnung kein Zweifel zu hegen ist, das Wirken des Komitees beurteilen. Uns interessieren — offen gesagt — mehr noch als dies und in erster Reihe die Gefahren, die dem deutschen Zionismus' aus der Stellungnahme seiner Berliner Leitung erwachsen können; und wir würden es daher für sehr angebracht halten, wenn diese zu dem ganzen Fragenkomplex demnächst. Stellung nehmen und die Haltung begründen wollte. Die Redaktion!! Nr. 36 nichts , geholfen, sondern beträchtlich t geschadet. Sie waren es, die für die Juden die Polonisierung gutgeheißen haben, sie waren es, die sogar die Grenzsperre befürwortet und somit indirekt die L antisemitischen .Verleumdungen unterstützt haben, durch die die Grenzsperre begründet wird. Es haben sich jedoch auch deutsche Judeir gesunden, die verstanden haben, daß den polnischen Juden nickst Geld sondern Reckst nötig ist und haben nach ihren. Kräften und! nach Möglichkeit in der gegenwärtig schwierigen Zeit vieles unternommen, um dieses Recht zu erkämpfen. Es dünkt Ms, daß dieser einzig und allein richtige Standpunkt wenigstens bei den Zionisten den wärmsten Beifall finden sollte. Zu unserem Erstaunen sehen wir aber das Gegenteil. Das Mitglied des zionistischen '.Zentralbüros in Berlin, Julius Berger, hat letztens in der Zeitschrift „Der Jude" gerade diejenigen Herren angegriffen, die sich (seitens d.er politisch denkenden polnischen Juden der größten Anerkennung erfreuen. Berger scheint nicht zu verkennen, daß.den polnischen Juden politische Hilfe unentbehrlich ist und! daß die Polen deshalb die Uebermacht über die Juden erworben haben, .weil sie in dieser Hinsicht Unterstützung seitens ihrer deutschen Volksgenossen erfahren haben. „Dutzende von Beamten, der polnischen Sprache mächtig, sind aus den Reihen der deutschen Polen in die Verwaltung des besetzten Gebietes gekommen, und nur ein einziger Jude... Niemand sonst ist da, dessen Erfahrung in jüdischen Dingen, dessen Kenntnis der jüdischen Verhältnisse in Polen ausgenutzt werden könnte. In allen die Juden betreffenden Dingen .tappt die Verwaltung vollständig im Dunkeln, ist sie ans Intuition und guten Glauben angewiesen..." So schreibt B. selbst, wobei noch hinzufügen ist,, daß die Polen nickst nur Beamte, sondern auch private Politiker haben, die ihre Sache wahrnehmen. Was den genannten einzigen Juden anlangt, so bin ich allerdings, nicht geneigt, ihnr «inen Vorwurf zu machen, weil er jedenfalls es mit unserer Sache gut meint, alles gern ernst nehmen wlll und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln sucht; allein es liegt jedem klar auf der Hand, daß ein Mann keinesfalls imstande ist, diese große Arbeit auch nur inl geringsten Maße zu bewältigen. Es ninnnt uns nur Wunder, daß die Verwaltung diesem Herrn eine solch große, verantwortliche Arbeit übertragen hat, ohne daß sie ihm 'einige kompetente Mitarbeiter zur Seite stellte. Vermutlich sind die zuständigen Stellen darauf nicht hingewiescn worden. Wenn sich indessen deutsch« Juden finden und gerade Nationaljuden, die den polnischen Juden in privater Form politisch, helfen wollen, findet B. für sie nichts außer Kritik. Natürlich ist nichts leichter als zu kritisieren, besonders in der Judcnfrage in Polen, welche zur vollen Zuftiedenheit sowohl der Juden wie der Polen wirklich nicht' so leicht lösbar ist. Ihmgefällt vor allem nicht die Taftik der Persönlichkeiten, wie er durchsichtig zu erkennen gibt, die Vertreter des „Komitee für den Osten" sind. Er wirft ihnen vor, sie hätten, um die Gunst der Deutschen für die Juden zu gewinnen,- den Beweisgrund hervorgeholt, die jüdisch« Sprach« sei mit der deutschen verwandt. Um seinen Angriff gegen das Ostkomitee wirksamer zu gestalten, bucht er zu Lasten des Komitees alles, was in Deutschland über die Sprachverwandtschaft zwischen der jiddischen und. > deutschen Sprache geschrieben worden ish In Wirklichkeit ist dies aber durchaus unbegründet. Gerade die Herren vom Ostkomitee sind , in dieser Hinsicht sehr vorsichtig und betonen stets, daß man keinesfalls die Juden als Deutsch« betrachten dürfe, sondern als eine Nationalität mit einer ausgesprochenen, gesonderten Eigenart. Selbst im „Ostjudenheft", .welches, eine deutsche Redaktion zur Aufklärung des echt-deutschen Publikums heraüsgegeben hat, ist dieses Moment in den Vordergrund gerückt. Das dort bewiesen ist, daß es auch im deutschen Interesse liegt, die Eigenart der polnischen Juden zu bewahren, — kann man den Verfassern nicht verargen. In der Politik darf man nicht um Gnade und! Almosen bitten, sondern muß das Wohlwollen mit realen Faktoren begründen,' treu der Devise „dö ut des". So