Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 30 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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k" - ' '■ - ---r Erscheint wöchentlich am Freitag. Keprgspreis pro Nirrtrljatzr: 'In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei in# Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— || Einzel - Nummern kosten 1ü Pfg. Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Eangeftr. 7< Fernsprecher Amt Hansa 2903. HemuSgeSer: Kaltz chels. =—7-=” ~— \ Insertionspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annonceu-15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a-Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. - — ■■ ■■ ■ >. ■< Freitag, Den 5. Aw »676 (4. Annust 1916, 14. Jahrgang. Zum nennten Aw. Zum dritten Male nun erleben wir in diesem Krieg den Tischo-b'Aw; erleben wir ihn in jenem besonderen konkreten Sinne, den dieser Tag im Krieg für uns gewonnen hat: daß er uns.nicht nur Erinnerung an ferne Zeiten der Vergangenheit, .sondern Symbol der unmittelbaren Gegenw a r t ist, daß er nicht Künder einstigen nationalen Unglücks, sondern Bote gegenwärtigen furchtbaren Leidens ist. Wieder, wenn wir nun das gewaltig ergreifende und aufrüttelude „Eicho" der Propheten lesen, wenn wir die mannigfaltigen und in ihren: Grundton doch so einheitlichen, fast monotonen „Knroth" sagen werden, werden sie uns wie leben-' dige Schilderungen aus unseren Tagen erscheinen, die uns von Dingen erzählen, die gestern und vorgestern geschahen. Uird mit Schaudern werden wir uns dann wieder. dessen entsinnen, daß wir bereits Zwei volle Jahre inmitten dieser Dinge leben, daß unser neuer „Churban", die neue Katastrophe, die über unser Volk hereingebrochen ist. nunmehr zwei volle Jahre schon währt. . Zwei volle Jahre leben wir in einem ununterbrochenen Tischo-b'Aw, in einem unaufhörlichen „Churban". Große Zentren jüdischen Lebens werden vernichtet, alte, ehrwürdige jüdische Gemeinden über Nacht zerstört, zahllose nationale Heiligtümer, Lchrhäuser, Jesch'ibahs, Pflegestätten des Geistes der Thora, der unserem Volke in der Diaspora Säule und Pfeiler seines Daseins ist, künden heute nur durch den Schutt ihrer Trümmer vön ihrer früheren Existenz. Hunderttausende Juden haben in diesen Jahren ihre Heimstätten verlassen müssen, in denen sie seit vielen Generationen lebten und schafften; viele Tausende sind unschuldige Opfer der entfesselten tierischen Instinkte einer ungezügelten Soldateska geworden und sind ihrem Judentum treu bis zum letzten Atemzuge, zur „Heiligung des göttlichen Namens" gestorben. Keine einzige der grausigsten und erhabensten Einzelheiten jenes großen „Churbau", dessen Andenken der Tischo-b'Aw geweiht ist, fehlt im Bilde des heutigen neuen „Churban". Es. ist. furchtbar, dies erkennen zu müssen, sich der Entsetzlichkeit dieser Tatsache, des neuen Churban unserer Tage ganz bewußt zu werden, all die Unsumme von Leid, Qual und Elend, von Schädigung und Verwundung unseres Völksorganisniüs, die in dieser Tatsache beschlössen liegt, zu überdenken.; Und doch ist es gut und fruchtbringend, es zu tun, sich an dem Tischo-b'Aw-Tage mutig und stark in den Gedanken der in all ihren Wirkungen iroch unabsehbaren nationalen Katastrophe, die uns diese Kriegsjahre gebracht haben, zu versenken und den Vergleich vom heutigen und jenem ersten Churban vor zwei Jahrtausenden bis zu Ende zu ziehen. Denn so beklemmend und niederdrückend dieser Gedanke und dieser Vergleich ist, Jo sehr ist er doch im letzten Ende stärkend und tröstend: Furchtbar und. niederschmetternd ist eigentlich nur das völlig Neue, Ungekannte, Beispiellose, dem man wie einem Rätsel gegcnübersteht, hilflos und ohnmächtig,', weil ungewappnet durch, die Zauberkraft der Erfahrung und der Erkenntnis. Ein Unglück in seiner Wesensart erkennen, verstehen, daß es schon einmal eingetroffen war, schön einmal durchlebt,' durchlitten und überwunden worden war, heißt es des wahrhaft tätlichen Giftes, das es enthält, berauben. Es gibt vielleicht keinen tröstlicheren, beruhigenderen und uns in unserem seelischen Gleichgewicht in erhöhterem Maße sicherstellenden GDanken als jene erhabene Lehre höchster Weisheit unseres Koheleth: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne". Wäre die gegenwärtige Katastrophe, die über unser Volk hereingestürzt ist, durchaus neu und etwas Erstmaliges in unserer Geschichte, wir dürften, wir müßten in der Tat voll quälendster Sorge der Zukunft entgegenschauen, zweifelnd und sinnend, wie wir die Kraft haben werden, diese Katastrophe zu überstehen. Aber indem wir uns dessen bewußt werden, daß sie die Wiederholung von schon Gewesenem ist, werden wir gewiß, daß wir sie wie die früheren Male so auch diesmal überwinden werden. Wenn unser Volk den ersten größten Churban überstanden hat, wird es auch diesen überstehen; und ebenso wie unserem Volk das einzigartige Schicksal zuteil geworden ist, daß die Enkel nach zweitausend Jahren noch den Bericht und die Klage über die Zerstörung des Staates und des Tempels, also der beiden Grundsäulen der nationalen Existenz ihrer Ahnen, lesen, so dürfen wir dessen sicher sein, daß in weiteren zwei Jahrtausenden noch jüdische Männer und Frauen sich in die Erzählungen von dem Churban unserer Tage versenken werden. So wird Tischo-b'Aw bei all seiner schmerzerfüllten Trauer doch im letzten Ende zu einem Tage der Stärkung und Erhebung; indem wir unseres Leids uns bewußt werden, tun wir den ersten Schritt zu seiner Uebcrwindung, und wir scheiden von diesem erhabenen Tage, geläutert durch jene reinigende Kraft, die dem Leiden, und den: Erleben des Leids iunewohnt, gestärkt durch das Bewußtsein, daß kein Leid und kein Unglück der Welt stark genug ist, die innere Lebenskraft unseres Volkes zu brechen, durchdrungen und exhoben durch die Idee, ,daß wir ein „Am aulom", ein ewiges Volk sind, und so gestählt mit» gepanzert durch den felsenfesten Willen, uns durch das Leid der Zeit nicht Niederdrücken und entmutigen zu lassen, sondern mit aller Energie daran zu schreiten, die Wirkungen der Katastrophe zu beseitigen, die Wunden zu heilen, das Zertrümmerte wieder aufzubauen und die Grundlagen zu einer Zukunft zu errichten, in der wir vor solchen Katastrophen geschützt und bewahrt sein werden. Vom Geist des Judentums. Von Gr. Elias Auerbach, Haifa.(z. Zt. i. Feld). (Schluß) Wie Buber zu dieser Auffassung kam, ist leicht zu verstehen. Seine ganze Liebe ist seit Jahren der Erforschung der mystischen Strömungen im Judentum zugewandt, und sein auf diese Dinge eingestellter Blick sieht nun in ihnen das Wesentliche des Judentums überhaupt. So bewahrheitet sich auch an ihm wieder das Faust-Wort: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln." Ist denn Mystik jüdisch? Ganz gewiß, denn sie ist menschlich, Mystiker und mystische Kulte und Vereinigungen Hat es gewiß auch jederzeit im Judentum gegeben, und es bedürfte nicht der berühmten Schilderung Ezechiels (Kap. 8), um uns das auch für die vorexilische Epoche wahrscheinlich zu machen. Aber ist Mystik spezifisch jüdisch? Diese These, die Buber aus der Struktur des „orientalischen" und insbesondere des jüdischen Geistes ableitet, müssen wir bestreiten. Sie trägt an sich den gleichen Fehler voreiliger rassenpsychologischer Wertung, den auf. der Gegenseite Chamberlain begeht, indem er den Juden jede Fähigkeit zu mystischer Konzeption abspricht. Wir Rr. 30 glauben sogar, daß die mystische Geistesrichtung .im klassischen Judentum nur einen unwesentlichen Unterfaden des lebendigen Stromes darstellt. Keinesfalls können wir zugeben, daß die Propheten, wie Buber es will, als die ältesten Vertreter dieses „unterirdischen" Judentums angesprochen werden. Hier muß ich, obwohl ich nicht die Wsicht hübe, eine Mhandlung iiber das Wesen des Judentums zu schreiben und mich bisher auf die Kritik der Methode beschränkt habe, doch eine kurze Auseinandersetzung darüber einschalten, . was als „Wesen" des jüdischen Geistes sich in der Geschichte darstellt. Buber sieht dieses Zentralfeuer der jüdischen Welt in der Lehre von der „U mkehr" (Teschuba), der Entscheidung — mitten heraus aus Unschlüssigkeit und Selbstsucht — für eine göttliche Heiligung des Lebens, für eine einheitliche Richtung aller Gefühle auf Gott, für die Herstellung einer Einheit zwischen der Menschenseele und dem Absoluten. Diese „Umkehr" soll aber nicht etwa die sittliche Umkehr vom Bösen zum Guten varstellen; ja Buber sagt, (S. 56) man fälsche den Sinn des Aktes der Entscheidung .im Judentum, wenn man ihn als einen „bloß ethischen" behandelt. Es ist ein religiöser, ein mystischer Akt. Man stutzt beim Lesen dieser Worte; und erinnert sich, daß Haruack iw seinem „Wesen des Christentums" eben diesen Mt; der Umkehr, in der gleichen mystischen Bedeutung, unter gleicher Wlehnung der „bloß ethischen" Bedeutung, als das Wesentliche des Christentums darstellt. Nun gehöre ich durchaus zu denen, die das Urchristentum als geniale jüdische Kulturtat mit Stolz für das Judentum in Anspruch nehmen. Aber ich sehe in ihm und seiner Lehre vom „unendlichen Wert der einzelnen Menschenscele" (Harnack) doch nur eine und zwar etwasabwegige Musterung jüdischen Geistes, die zum Prophetismus des klastischen Judentums in einem erheblichen Gegensatz steht. Hier aber, bei Buber, ist dieses Zusanrmentreffen gewiß kein zufälliges, denn seine Anschauung steht in der Tat dem Urchristentum weit.näher als der der Propheten. Denn in den Büchern der Propheten ist von dieser mystischen Bedeutung der „Umkehr" keine Spur zu finden. Es dürfte an der Zeit sein, selbst auf die Gefahr hin, der Verflachung beschuldigt zu werden, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß das „bloß Ethische" wirklich der Inhalt der prophetischen Predigt ist. Wohl hat Buber recht, wenn er im Eingang seines Buches feststellt, daß der jüdische Geist auf das Werten der Dinge und auf die Tat eingestellt ist; aber dieses Werten ist ein sittliches Werten. Das Ungeheure und geschichtlich Wirkende des Prophetismus ist eben, daß er sittliches Werten' als oberste Maxime der Wcltbetrachtung einführt. Der Satz, mit dem Jesaias seine erste Rede einleitet: Wehe, sündiges Volk!, ist bei keinem anderen Volke jener Zeit denkbar. Kein Solon, Demosthenes oder Cato konnte die .Konzeption erfassen, .sein ganzes Volk in dieser Weise unter die sittliche Dreschwalze zu werfen. Hierin fühlen wir Eigenartiges und Eigenes des jüdischeil' Geistes in der Weltgeschichte. Ist das nicht genug? Und die Tat, die die Propheten fordern, ist die sittliche Tat, die Umkehr vom Bösen zum Guten, ganz einfach. Vollkommen fremd ist ihnen die Vorstellung einer mystischen „Tat", die innerhalb der Seele die „Weltentzweiung" zur Einheit führt. Und