Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 29 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Helle 2. 8rmiyurLer J»r»elitffch«>S FamllienDlaR- 5K. 29. nach der historischen als nach der, rein geistigen Seite herauszuarbciten. Es sei vorweg gesagt, -daß dieses Buch durch seine edle, tiefe, den Wortwert oft vis zur äußersten Grenze erschöpfende Sprache, durch weite und an das Innerste von Welt und Menschensecle rührende Gedanken, durch das Fehlen jeder Polemik, durch liebevolles Versenken in dasüjm teuere Judentum, durch das Leben und Aufgehen des Verfassers in seinem Stoff zu einer Quelle reinsten Genusses wird. Hier versucht ein Mann, Unsagbares zu sagen; die. Buntheit und Mangelhaftigkeit der Dinge schwindet, die Schwere des Körpers versinkt, der Geist schwingt sich in die höchsten Höhen und sucht in den unergründlichsten Tiefen. Es ist eine Weltbetrachtung, wie sie Spinoza will: sab specie' aeternitatis. Versuchen wir zunächst eine kurze Uebersicht über Buber's Werk zu geben, so schwierig das auch gerade bei einem solchen Buche ist, dessen Wert und Schönheit vor allem in der künstlerischen Gestaltung liegt, die eine Zergliederung verbietet. Buber stellt zwei große Kulturgebiete gegensätzlich einander gegenüber: den Menschen /des Orients, von China bis Judäa, den motorischen Menschen, dem Willensantrieb und Handlung, Werden und Werten die Grundelemente von Seele und Welt bilden, der seine Seele in alles hineinträgt — und den Menschen, dem Bild und Empfindung, Sein und Genießen die naturgemäßen Formen geistigen Lebens sind, der zu einer außerhalb des Ich liegenden Einheit der Welt durch philosophische und künstlerische Abstraktion vorzudringen sucht. Dem Orientalen und hier im höchsten Grade dem Juden, ist . die Einheit des .Ich primär; die Einheit der zersplitterten Welt ist von hier aus zu schaffen. Aber in sich selbst findet er Zwiespalt und Henmiung. So wird die Vereinheitlichung der Welt bedingt durch die Schaffung einer Einheit in ihm selbst. Indem er den „Weg Gottes" für sich wählt, alle Hemmungen und abwegigen Antriebe in sich ausschaltet, schafft er die Einheit und Vollendung der Welt. Die Vollkommenheit der Well ist dem Griechen etwas Seiendes, ihm etwas Werdendes, dem Griechen Grund, ihm Zweck. Hier liegt die religiöse Wurzel des Juden. -Die Wahl der unbedingten Gotteskindschast, die aus allen Hemmungen sich losreißende Umkehr (Teschuba) ist für den Juden die entscheidcirde religiöse Tat. — Dieses religiöse Grundempfinden kehrt beim Juden in allen Zellen wiSer, nur in verschiedenen Formen. Der Mensch wirs göttlich, indem er die göttliche Einheit in sich verwirklicht. Die Kabbala steigert diesen Gedanken dahin, daß erst durch die Tat des Menschen Gott zur Wirklichkeit wird. Die Menschentat hat absoluten Wert: Auf mir steht die Welt, soll jeder denken. Gegenüber einer festen, dogmatischen Volksreligion werden diese religiösen Triebkräfte im alten jüdischen Reich von den Propheten vertreten, im zweiten ' jüdischen Staat von . der Hagada, den Essäern und dem Urchristentum vor Paulus, im Diaspora-Judentum von der "Kabbala und dem Chassidismus. Sehr Wahres sagt Buber über den Mythos im Judentum. Mythos ist „ein Gericht von göttlichem Geschehen als sinnlicher Wirklichkeit," und wer die Bibel unbefangen und mll Verständnis liest, wird tausendfache Ansätze des Mythos finden. Das Märchen von der Mythenlosigkcit des Judentums war durch Goldziher („Der Mythos bei den Hebräern, Leipzig 1876) längst widerlegt, als' es durch Chamberlain wieder aufgefrischt wurde Der Mythos ist eine so - notwendige Entwicklungsstufe jedes religiösen Lebens, daß er bei keinem Volke, am wenigsten bei einem so stark religiösen wie den Juden,, fehlen kann. Nach der Sublimierung der Gottesidee und der Kanonisierung der Bibel flüchtete er sich in die Hagada und die Midraschin und ging später in die mystische Lehre der Kabbala und des Chassidismus, ein, wie Buber im folgenden Kapitel seines Buches zeigt. In diesen unterirdischen mystisch-mythischen Strömungen im G^ensatz zur rationalen rabbinischen Lehre, in 'diesem geheimnisvollen Jn- Beziehung-Setzen der Einzelseele zum Gottesgeist des -Ms sicht Bicher fern wahren „Geist des. Judentums." Wir müssen es uns hier versagen, auf den zweiten Teil seines Buches, der beit Gestalten und -Lehren des Chassidismus gewidmet ist, einzugehen; über wir möchten jeden Leser mit Nachdruck gerade auf diese von Buber neu gehobenen Schätze einer dichterisch inbrünstigen, Welt und Menschensecle pantheistisch verknüpfenden Religiosität Hinweisen. Dieser lose angchängte zweite Tjeil der Schrift gibt in vi.lem erst die Erläillerung der allgemein gefaßten, weitgespannten Thesen, die Buber aus Eigenem im ersten Teil des Buchus zusammenstellt. Uno nun die Frage: Ist uns durch den großzügigen Versuch Buber's der „Geist des Judentums" llarer, zuverlässiger, wahrer, überzeugender aufgezeigt worben als in den bisherigen Versuchen, die ihn in anderer Richtung suchte»:? Wir sagtet: schon im Eingang: Der Geist eines Volkes ist schwer, sehr schwer zu fassen. Mcht mit Unrecht sagt Buber (S. 76) von der modernen rassenpsychologischen Behandlung des Judentums: „Solche — zumeist recht wirksame — Versuche, das Wesen von Völkern zu bewerten, statt es zu erkennen, sind intmcr töricht und unnütz; am meisten dann, wenn sie wie hier auf Unkenntnis oder Entstellung der geschichtlichen Realität gegründet sind." Um diesen Fehler zu vermeiden, gibt es nur einen Weg: Vor der Synthese, die den „Volksgeist" darstellen will, muß die ausreichende Analyse seiner Erscheinungs- und Ausdrucksformen stehen, wie sie in Litteratur und Geschichte niedcrgelcgt sind. Wer aber über Geist des Judentums schreibt, wird vor allem anderen — fast klingt es banal, das zn betonen — seine Meinungen auf die Bibel gründen und aus ihr erweisen müssen. Es kann jedoch Buber der Vorwurf nicht erspart werden, daß er dieser Forderung nicht gerecht geworden ist. Gerade wer so eindringlich wie Buber davon überzeugt ist, daß' der Verlust der nattonalen Selbständigkeit das Judentum auch in seinem geistigen Schaffen aufs schwerste erschüttert und beeinträchttgt Hat, muß dem Judentum des Altertums, dem klassischen Judentum in erster Linie Rechnung tragen.' Und darüber kann doch wohl - kein Streit sein, daß die weltgeschichtliche Wirkung des Judentums auf dieses klassische Judentum und auf seine Bibel zurückgcht. Wird aber dieses zu wenig berücksichtigt (in Buber's Buch ist erstaunlicherweise kaum ein einziges Bibelwort zu finden!) nick» dafür vorwiegend die späte Hagaocr, der Midrasch, die Kabbala und die chassidische Literatur, herangezogen, so besteht die Gefahr, daß der so aufgezeigte Geist des Judeivtums in Wahrheit nur Geist des Exils-Judentums ist; nur abnorme, verzerrte Reaktion auf abnorme, verzerrte nationale und geistige Lebensbedingungen ist. Buber selbst ist die enge ursächliche Beziehung zwischen dem Aufflammen mystischen Feuers und den Zuckungen messianisch.er Bewegungen durchaus nicht entgangen. Ich bin aber tief überzeugt, daß in der Tat nicht nur einzelne Erscheinungen jüdischer Mystik nur als Produkte des Galuth zu verstehen sind. Es liegt mir durchaus fern, die große Bedeutung dieser Mystik innerhalb des jüdischen Geistes leugnen zu wollen, und cs wird stets! ein hohes Verdienst Buber's bleiben, sie wieder ans Licht gezogen zu haben. Wohlverstanden: als eine von vielen Kräften im „Geist des Judentums." Wer in diese Richtung gradezu den Geist des Judentums zu setzen, — das muß jedem, der sich den unbeirrten Blick für das historisch gegegebene ganze Judentum . und sein klassisches Schrifttum -bewahrt hat, alseineun ge heuere Einseitigkeit erscheinen! (Schluß folgt.) Der Progrom. Eitt Beitrag zur Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts von M. Riwkeß. Ein Pogrom ist in Rußland eine fast alltägliche Erscheinung für die jüdische Bevölkerung. Der Pogromteufel schwebt in der Luft, läßt sich' auf die jüdischen Bewohner ab und zu herab und erfüllt seine Mission. Mimmt er aber selber nicht, so sucht er die Einwohner mit einem Pogromschrecken heim. Systematisch wird im russischen Bolle von der Regierung - der Haß gegen die Juden groß-gezogen, und sie bedient sich dazu aller Mittel: Presse, Agitation,- Flugblätter. Es werden dem Volke Märchen über Ritualmord und mittelalterliche Greuelgeschichten erzählt; jeder unaufgeklärte Todesfall wird dem Juden in die Schuhe geschoben. Verläuft sich z. B. ein Kind oder xs rückt den Eltern aus, gleich wird.die Polizei in Bewegung gesetzt und der Verdacht auf den einen oder J anderen Juden gelenkt. Ohne weitere Untersuchung wird der verdächtige Juden ins Verhör geirommen und unter Drohungen aufgefordert, das Kind herauszugeben. Um einen Juden zu beschuldigen, genügt eine Anzeige von irgend einem xbeliebigen Einwohner. Solche Fälle werden sofort durch die Presse unterstützt, und diese gibt nur gar zn gern ihre „eigenen Erklärungen" dazu. Kommt das g. B. verloren geglaubte Kind wieder zum Vorschein, dann wird darüber seitens der Polizei und der Presse nicht mehr gesprochen. Mll jemand einem Juden einen Schabernack spielen oder möchte er aus Ehrgeiz in der Presse genannt sein, so schickt er heimlich' sein Kind nach der benachbarten Stadt oder zu entfernten Verwandten und meldet sofort das angeblich verschwundene Kind der Polizei. Solche Fälle wiederholen sich' des öfteren, denn der Behörde sind derartige Fälle sehr willkommen, und eine Bestrafting ist nicht zu befürchten. . Besonders 'vor dem jüdischen Osterfest entfaltet die antisenntische Presse eine lebhafte Agitation, sie ist auf dem Posten — und versteht den Wink von oben. . . . Leitartikel mit großen Ueberschriften erscheinen in.den Zeitungen. „Hütet Eure Kinder, das jüdische Osterfest ist nahe", solcher Art Agitation erscheint wiederholt in den Spalten der Presse. Dies 'bringt innner wieder neue Aufregungen der Masse. Daher kommt es, daß Pogrome in der jüdischen Bevölkerung Unvermeidlich sind. ' Den ersten Wink auf eine Stadt, welche siir einen Pogrom ausersehen ist, gibt meistenteils die Zeitung „Nowoje Wremja". In krassen Farben wird die jüdische Bevölkerung von einer oder der anderen Stadt geschildert. Sie schließt ihre Artikel oft mit dem Satz: „Es wird die Zeit kommen, wo das Volk selbst mit den Inden abrechnen wird; der Zorn des Volkes wird so groß sein, daß die Regierung selbst nicht imstande sein wird, die Juden zu beschützen." Und daraufhin setzt auch die Lokalpresse ein, und alle kommen zu dem BeMuß, daß nur Pogrome das Land retten »könnten. Die Zensur läßt alles stillschweigend durch. Die Regierung verhält sich ganz passiv. Tausende Proklamationen werden im Volke verbreitet; in Restaurants, in Teehallen werden Versammlungen über Pogrome abgehalten; Agitatoren verhetzen die Massen; aufreizende Bilder über Ritualmorde werden im Volke verteilt. Die Behörden schließen die Augen, — denn überall herrscht „Ruhe". . ' Der Tag des Pogroms rückt Immer näher heran. Agitatoren beginnen in Droschken ihre Rundfahrt durch die Stadt zu machen. Mit gierigen Blicken werden die jüdischen Schilder und Geschäfte studiert; zuweilen wird auch Halt gemacht vor den Türen einiger höherer Beamten. Dies alles kann nicht unbemerkt an der jüdischen Bevölkerung Vorbeigehen. Der Jude, der in seinem Leben schon so viel „Erfahrungen" gemacht hat, merkt und fühlt das nahende Verhängnis. Er sieht den Pogromtcufel immer näher kommen und sucht sich zu retten. Die jüdische Bevölkerung fängt an, nach Hilfe zu schreien. Die .Vorsteher der jüdischen Gemeinde mit dem Rabbiner' an der Spitze fangen an, Ln Droschken herumzufahren, der Behörde Vorstellung zu machen und um Hilfe zu bitten, klopfen an alle Türen, aber leider ohne Erfolg, überall die gleiche Antwort: „Der Gouverneur ist verreist, der Polizeimeister ist nicht anfzufindcn, oder man ist mit einer jvichtigen Konferenz beschäftigt". Ueberall werden sie mit derartigen Ausflüchten abgewiesen. Man versucht auch nach Petersburg zu telegraphieren, um von dort Hilfe zu erlangen, aber die Telegrammabnahme wird Verweigert oder nicht rechtzeitig abgeschickt. Da wird es der jüdischst Bevölkerung klar, was ihr bevorsteht. - Die Straßen, besonders in denen die jüdische Bevölkerung wohnt, bekommen ein ganz anderes Bild. ES zeigen sich unbekannte Gesichter, Chuligans, (dies sind Leute aus der niedrigsten Schicht der Bevölkerung, Nichtstuer und Amhertreiber), sie sind mit Knütteln bewaffnet. Die jüdische Bevölkerung fängt sich an vorzubereiten. Jeder einzelne sucht sich mit.seiner Familie zu vereinigen. Der Vater rennt nach Hause, um bei hen Seinen zu sein. Die jüdischen Knaben suchen schnell nach' Hause zu kommen, um den Eltern zu berichten, was' auf den Straßen vorgeht, daß „Kapazen, Chuligans auf den Straßen herumgehen und singen". Es jucht sich zu retten, wer kann, um das Schlimmste tzu vermeiden. Man flüchtet auf den Boden, in die Keller, in die Schornsteine. Die Mutter sucht vor allem ihre Kinder zu schützen. Inzwischen wird das Gejohle der Chuligans stärker und stärker. Die Geschäfte und Wohnhäuser sind, wenn es möglich war, unter Riegel gebracht worden. Angsterfüllt sitzen die Juden beisamwen und lauschen angespannt, was draußen vorgeht. Es ertönen Hurrarufen, Bravos, zynische Gelächter, Nei Schidow („Schlagt den Juden") lauter und lauter durch die Straßen.' . Krach) trrr, die Scheiben klirren. Jammergeschreie von Niedergehauenen, die Ruse „Schwa Israel", ertönen. Der Ruf „SchMa Israel", dieser letzte Ausruf des Juden vor seinem Tode, ist das Signal für die jüdische Bevölkerung, daß der Pogrom begonnen hat. Die Luft ist erfüllt mit Jammern, Geschreien, Bravorufen, zynischen Gelächtern, Hilferufen, Rettet, Scheibenklirren, Schlagt den' Inden, Schwa Israel, im wüsten Durcheinander. Mn hpllen Sommertage fitst» 5>ie Straßen mit Schnee bedeckt; das sind die Federn aus den Betten, die von den CHNligans zerschnitten worden sind. Zerbrochene Möbelstücke liegen umher, auch ein Werk der Chuligans. Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern auf den Armen sieht wie eine Tigerin verstört um sich, weiß nicht wohin, ob sie aus dem Boden; oder im Keller Rettung suchen soll. Eine andere Mutter, auf dew Boden.versteckt. K’l \K-i