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Neue jüdische Presse · 1916-07-28 · Heft 29 (28.7.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 29 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jnli 1916) Rr. 29 Zukunftsaussichten der palästinensischen Kolonisation. Kon all den bedeutsamen und tiefgreifenden Wirkungen, die der Krieg anf die Lage des jüdischen Volkes ausgeübt hat, ist eine der wichtigsten zweifellos in der Tatsache zu erblicken, daß er die I u d e n f r a g e . zu einer internationalen, allgemeinen, weltpolitischen Frage erhoben hat. Was alle diejenigen unter uns, die das Wesen der Judenfrage wirklich erkannt haben, schon seit langer Zeit zu behaupten nicht müde werden, daß irämlich die - unerhörten, anormalen Existenzbedingungen des Judenvvlkes nicht nur cs selbst, sondern alle Völker, die gesamte Kulturmenschheit in hohem Grade angeht, das hat der - Krieg aller Welt offenbart. Vordem waren es nur wenige'hochstehende Geister .in .der nichtjüoischen Oeffentlichkeit, die die Lösung der Judenfrageals eine Pflicht der Menschheit erklärten; .jetzt, in dieser furchtbaren Krisis, in der alle großen Fragen der Zeit aufgeworfen wurden, hat cs die gesamte europäische und außereuropäische Welt erkannt, daß sie um die Erfassung und Lösung der Judenfrage für die Dauer nicht herumkommen kann. Und so sehen wir denn, wie seit dem Kriegsbeginn die Erörterung der Lage des jüdischen Volkes und die Vorschläge zu einer. Besserung und Gesundung derselben ans der europäischen Presse nicht verschwindet, und wie die angesehensten Organe der öffentlichen Meinung aller Länder immer wieder auf diese Frage zurückkommcn. Und noch ein anderes, nicht minder Bedeutsames und Erfreuliches hat sich dabei gezeigt: daß zugleich mit der Erfassung der Judenfrage seitens der europäischen Oeffentlichkeit sie größtenteils zugleich erkannt hat, daß die Lösung derselben nur die sein kann, die jene große Bewegung im modernen Judentum proklamiert, welche ernster und bewußter als alle anderen dieses Ziel sich zu ihrer großen Aufgabe gestellt hat: des Zionismus. In den meisten Erörterungen des jüdischen Problems in der europäischen Presse - tritt die offenkundige Sympathie für den Zionismus zutage, und die Tatsache, , daß dies ebensosehr in den Ländern der Entente wie in denen der Zentralmächte der Fall ist, daß konservative Organe diese Sympathie ebenso bekunden, wie linksstehende, zeugt deutlicher, als alles von der inneren Kraft und Logik, die dem zionistischen Gedanken inncwohnt. In diesem Sinne haben wir allen Grund, jede Erörterung der Judenfrage in der europäischen Oeffentlichkeit freudig zu begrüßen, und mehr als dieses: wir dürfen auch hoffen, daß diese Erörterung neben ihrem moralischen auch, praktischen, konkreten Gewinn uns bringen wird, weil zweifellos die Beschäftigung mit diesem Fragenkomplex seitens ernster europäischer Publizisten, Politiker und Gelehrter - die s Versuche seiner praktischen Lösung fördern werden. Und wenn wir auch natürlich uns stets dessen bewußt bleiben müssen, .daß die eigentliche Wandlung unserer Lage stets unser eigenes Werk nur wird sein können, weil jedes Volk nur selbst sich sein Schicksal bestimmt, so dürfen wir dennoch wohl hoffen, daß wir von den Acußerungen nichtjüdischer Sachkenner werden lernen und Nutzen ziehen können. .Wieviel wir.• aus solchen Aeußernngen zu lernen vermögen, zeigt ein Aufsatz, den der bekannte Berliner Statistiker und Nationalökonom Professor Ballod. soeben in der „Mitteilungen der Staats- und Wirtschaftsz c i t u n g" über das Problem einer j ü d i - sch en M a ssen a nsiedelnng. in P alästina veröffentlicht hat. Ausgehend von der Ostjudenfrage, die Prof. Ballod mit Recht fiir in Polen und den anderen russischen Westprovinzen selbst nicht ganz lösbar erachtet, untersucht er die Frage, einer starken jüdischen Emigration nach Palästina als' des geeigneten Weges zur Schaffung normaler, freier Lebensbedingungen für die ostjüdischen Massen. In streng wissenschaftlicher Weise, mit jener Sachkenntnis und Gründlichkeit, die beim bedeutenden Gelehrten nur selbstverständlich ist, untersucht er nun die Einzelheiten dieser Frage und gelangt dabei zu Resultaten, die im ersten Augenblick im höchsten Grade frappieren. - Prof. Ballod widerlegt zunächst diese Behauptung, die der Bonner Geograph Professor P h i l i p p s o h u ' aufgestellt hat, wonach in Palästina für alle Ncueinwanderer gar kein Raum sei und weist nach, daß 6 Millionen Menschen im Lande leben und sich ernähren können, ohne daß mehr als 87,000 Arbeitskräfte jährlich für die eigentliche landwirtschaftliche Ernährung dieser Menschenmenge tätig zu sein brauchten. Auch die Kosten der Ansiedlüng dieser Massen prüft Prof. Ballod und hält 600 Mark pro Ansiedler für ausreichend, so daß für die Gcsamtansiedlnng von 6 Millionen etwa,81/2 Milliarden erforderlich wären. Wir können hier nicht die Ausführungen des Aufsatzes auch nur in den Grnndzügen wiedergeben und müssen die Leser auf die Lektüre des hochbedeutsamen und im höchsten Grade instruktiven Artikels verweisen. Aber dies erkennt man wohl schon aus unseren knappen Angaben, daß hier das Problem der jüd. Kolonisation Palästinas unter einem Gesichtspunkt behandelt wird, wie cs seit Hcrzl in dieser Größe und Weite schon lange nicht mehr der Fall war. Wir können nicht entscheiden, ob die Schlüsse, zu denen Prof.Ballod gelangt, alle durchaus zutreffend sind, dies zu prüfen wird Sache der Fachmänner sein. Aber selbst, wenn vieles daran übertrieben sein sollte, wenn nur ein Teil der Vorschläge Prof: Ballods der Kritik Stand hält, so sind hier- Möglichkeiten aufgewiesen, deren Realisierung die palästinensische Kolonisation um ein Ungeheures vorwärts bringen würde. Wie es aber auch mit den Einzelheiten der Ballodschen Ansichten bestellt sein sollte, das eine geht unzweifelhaft aus ihnen hervor, daß die jüd. Kolonisation Palästinas ungeahnte Zuknnftsaussichten vor sich hat, und daß die Verwirklichung des zionistischen Ideals nach dem Kriege mehr denn je vor allem eine Frage der praktischen Arbeit, der notwendigen Energie, Organisationskunst und — vor allem — der Willenskraft des jüd. Volkes, sich die Grundlagen einer freien Zukunft selbst zur errichten, sein wird. Bom Geist des Judentums.*) Von Dr. Elias Auerbach, Haifa (z. Zt. i. Feld). Es ist leicht, eine starke Persönlichkeit in ihrer Eigenart zu erfühlen, ihren Gesamteindruck auf sich wirken zu lassen, sie zu lieben oder zu *) Wir werden auf das in diesem Iknfsatz behandelte äußerst Nächtige Thema noch zurückkommen. . Die Redaktion. hassen. Es ist unsagbar schwer, sie zu kennzeichnen, mit anderen zu vergleichen, ihre Unterschiedlichkeit heranszuarbeiten. Denn hinter uns über aller Verschiedenheit steht das große, vielfältige Gemeinsame der Gattung Mensch, und hinter allem fest Umrissenen der Persönlichkeit der schillernde Wechsel innerer Entwicklung uns äußerer Beeinflussung. Man trete vor zwei verwickelte Werzeugmaschinen: lieber dem Gewirr der Teile fällt vor allem eine weitgehende Gemeinsamkeit ins Auge. Gleiche Triebskraft; ähnliche Uebertragungen, hier wie da Räder, Rädchen, Zähne, Stangen. Kolben, Nieten, Wellen. Will ich die Unterschiede festlegen, so muß ich' ganz ins Einzelne gehen — oder mich einfach ans Erzeugnis halten. Die eine liefert Schrauben, die andere Nägel. Zum Berzweifelri schwierig wird die Aufgabe, wenn Völker miteinander verglichen werden sollen. Denn hier durchflechtcn sich die Eigenarten von abertausend Persönlichkeiten, verteilen sich die Aeußernngen und Leistungen des „Bolksgeistes" auf viele Generationen, auf stark von einander abweichende Stufenfolgen der Kultur, spielen einschneidende Wirkungen der geschichtlichen Schicksale, wirtschaftlicher Wandlungen, benachbarter Kulturen, hinein. Kann man sich demgegenüber überhaupt zu einer einheitlichen Erfassung eines „Bolksgeistes" entschließen, so muß man sich dessen doch klär bewußt bleiben, daß tief eingreifende Blutmischungen fortwährend die Fäden durchcinanderschlingen, und daß überragende Persönlichkeiten immer wieder den Rahmen des Natioafixtdu sprengen chrd sich von Vfglk zhr Volk die Hand im Gemeinsam-Menschlichen reichen. Immerhin geht gerade aus der Vielheit der Erscheinungen leichter als bei der enger und zufälliger bedingten Einzelpersönlichkeit ein umrissenes Bild hervor, wenn wirklich unterirdische Kräste in allem Wechsel der Zeiten, Schicksale, Gestalten doch immer wieder charakteristisch verwandte Wirkungen hervorbringen. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Nur muß man sich streng davor hüten, einerseits belanglose Einzelzüge durch voreilige Verallgemeinerung zu Gesetzmäßigkeiten zu stempeln, andererseits Ueber- Nationales durch den Mangel an vergleichender Betrachtung, durch engsichtige Einstellung des Blickes auf eine Menschengruppe, als ausschließliches Eigentum eines Volkes in Anspruch zu nehmen. In beiden Fehlern hat die nioderne „Rüssentheorie" (die mit Rassen kauur irgend etwas zu tun: ihat.N jn . ihrer Anwendung auf dhe Kulturgeschichte förnilich gewühlt. Zeuge hierfür ist das im: Guten und vor allein im SSjöl'cjtt bedeutendste Buch dieser Richtung, Houston Stuart Chamberlain's „Grundlagen des 19. Jahrhunderts", das trotz seiner glänzenden Sprache, der umfassenden Heranziehung von Material und zahlreicher geistvoller Parallelen doch infolge seiner unklaren Fundanientierung und der wechselnden Einstellung anf das augenblicklich zu Beweisende kaum eine einzige Behauptung enthält, die nicht an anderer Stelle vom Autor selbst in ihr Gegenteil verkehrt wird (man vergleiche die treffliche Kritik von H. M. C., Berlin 1901). ' In seinem neuen Buch „Vom Geist des Judentums"*) versucht nun Martin B u b e r dieses Problem fiir das jüdische Volk weniger *) Bom Geist des Judentums. Reden und Geleitworte von Martin Bubcr. Kurt Wolfs Verlag. Leipzig 1916.

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