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Neue jüdische Presse · 1916-07-21 · Heft 28 (21.7.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 28 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr 28 Wien. Professor Dr. Adolf Schwarz, 1875—93 Rabbiner ‘tu Karlsruhe und seitdem Rektor der damals cröffiicteit Israelit.-Thevlog. Lehranstalt in Me», feierte am 15. Juki seinen 70. G e b n r t s t a g. Ein Schüler von Jellinek ttnd Weiß-Wien und Frankel- Breslau folgte er in seiner persönlichen Lebensführung wie iu seinen jvissenschaftlichen Arbeiten ganz den Bahnen, seines Lehrers Frankel. Er arbeitete hauptsächlich ans denk Gebiete der Tosefta und der hcrinenenti scheu Regeln der mündlichen Lehre, jener Regeln, auf betten sich die Folgerungen der Talnntdlehrer gründen. Budapest.Das Preisgerichtfür dasKöniainElisabeth- D e n k m a l hat von 45 Entwürfen 22 mit Preisen bedacht. Unter den Preisträgern befinden sich die folgenden jüdischen Künstler: 1. Preis von je 6000 Kronen erhielten die Bildhauer Jose? Rona und Eduard Telcs, ferner Architekt Bcla Lajta; den 4. Preis von je 1500 Kroneit die Architekten Balint und Jantbor, ferner Eugen Erint Körntcitdi. Olten. Das tier tagende Landeskomitee des Sch'w c i z. Z io ui ste n v e r b a n d e s beschäftigte sich mit der Palästina-Hilse und nahm des ferneren tt. a. folgenden Beschlttß an: „Es liegt im Geiste des Zionisintts, den jüdischen Kinder» eine nationaljüdische Erziehung angcdeihen ztt lassen. Darunter ist stt. a. zu verstehen:;i) die Erlertmng des Hebräischen als lebende Sprache, .5) die Kenntnis der jüdischen Geschichte bis auf die letzte Gegenwart, e) die 'Kenntnis der hauptsächlichsteit Erzeugnisse der alten und modernen hebräischen und jüdischen Literatur/' Lodz. Hier fand zu Ehren des jüngst verstorbenen bekannten Misrachisteu Chaj int Schlainowitsch eine größere Gedenkfeier statt. Seitens des deutschen Misrachi war Kgl. Bibliothekar Dr. Hermann Pick anlvesend. Paris. Der bekannte Buchhändler Achille Hey mann ist im Mtcr von 74 Jahren v e r sch i e d e n. Frankfurter Berichte. Personalien. Der int 64. Lcbettsjahrc verschiedene Kommerzienrat Leo Ellinger war ein edler, vornehmer und gütiger Mensch von reiner Gesinnung. Die Bescheidenheit seines Wesens hielt ihn der Oeffentlichkcit gegenüber zurück; doch hat er in mehreren sozialen Körperschaften gclvirkt. So tvar er Jahre hindurch Vorsitzender der beiden hiesigen iSraelit. Waisenanstalten. - Kleine Notizen. Montag abend fand eine Sitzung des «[ u s s ch tt s s e s der israclit. Gemeinde statt. Es lagen nur Gegenstände von nebensächlicher Bedentnng vor. Rituelle Kriegsküche. Die Ortsgruppe des Jüdischen Franenbttndcs hat dem Komitee der vereinigten jüdischen Wohlfahrtspflege 1914/16 die Anregung gegeben, eine rituelle Kriegsküche einzurichten. Das Kontitee hat daraufhin; eine Kommission eingesetzt, die den Auftrag hat, festznstellcn, ob das Bedürfnis für eine solche Kriegsküche vorhanden ist. Die Kriegsküche Hätte nach jeder Richtung hin' aus derselben Grnndlage zu arbeiten und dasselbe zn gleichem Preise z. Z. —.80 Mk. enizeln, wöchentlich '■ 4.—' Mk., ztt leisten, wie 'die allgemeine nette Kriegsküche itt der Fahrgasse. Mtglicder der Kommission sind die Damen Frau Henriette Besthoff, Frau Emma Mainz, Frau Paula Nassauer. Frau Jda Wolf und die Herren Wolfgang Auerbach und Rabbiner Dr. Hprovitz. Jeder der Vorgenannten ist zu näherer Auskunft bereit. MIMon. E Der Mitgiftdoktor. Eine Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung.) Das Haus des Apothekers -stand am Ringe und zwar durch nichts von seinen häßlichen, grauen einstöckigen Nachbarn ausgezeichnet als durch breite, quer über die Mauern laufende Aufschriften, die in deutscher und polnischer Sprache der Bevölkerung ankündigten, welcher Bestimmung dieses Gebäude diene, -lieber den Eingang erhob sich eilt Schild, auf dein ein mächtiger schwarzer Raubvogel, dessen Kopf, Kreuz und Krone zierten, mit gesträubten Flügeln und starken Krallen in sehr bedrohlicher Stellung Miene machte, sich auf den Beschauer zu stürzen. Darunter stand in großen .roten und gelben Buchstaben, daß jedem, der da las, die Augen schmerzten: i Adler-Apotheke in Trcb'auobitz, O.-Schl. . Stanislaus Mucha. " Der Anblick dieser barbarischeit Kunstschüpfnng lockte eilt Lächeln in des Doktors critstes Gesicht. „Schaut das llittier nicht drein,. als habe mein braver Hans es als Strafe für »teilte llnbotmäßigkeit für mich hcr- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. beschworen? Gutes llngeheuer, Du schreckst mich nicht", lachte er im Stillen, als er an der Berkaufsstelle vorbei einen ziemlich lange» Gang durchschritt. ' Das Innere des Hauses schien, entgegengesetzt oberschlesischer Art, äußerst reinlich gehalten, die Fußboden sogar frisch gescheuert und sogar mit blinkend weißem Flußsande bestreut. Im Hofe, in einem ehemaligen Sommerpavillon, befand sich das Laboratorium. Ein langaufgeschossener Bengel, ohne Zweifel ein . Lehrling, spraitg vorüber und schlüpfte hinien. Max sagte sich, daß man wahrscheinlich dem Apotheker seilte Ankunft melde. Bedächtig klomm der Doktor die enge Stiege empor. Bon oben her schallte Gesang, nebenbei vernahm man ein Plätschern und Wasserrauschen, es ivnrde gewaschen. . Es tvar eine frische, klare Mädchenstiiniuc mit sehr deutlicher, ein wenig harter Anssprgche. Max horchte ans, wo hatte er diese Melodie doch schon vernommen? Es breitet ihren Schleier Allüberall die Nacht. Und auf dem Schlachtenfelde Liegt sterbend eilt Soldat, Es kniet an seiner Seite Der treue Kamerad. Halb belustigt, halb erstaunt erkannte er jetzt ein herzlich abgesungcnes Volkslied, das er nach dent Jahre 66 oft genug von nmherziehendcm Volke gehört hatte. Nimm mir den Ring vom Finger Wenn ich gestorben bin llnd alle nieine Briefe; Die int Tornister sind. . llnd bring sie meinem Liebchen . . . Jetzt hatte die Sängerin den fremden Herrn erblickt und schrie auf: „Jesus, der Herr Doktor!" Aber auch Max hatte in dem blonden Mädchen sofort Marie von Mühlenfeld, die Nichte des Apothekers, lvieder erkannt. Offenbar kam er' recht ungelegen, aber zttr Umkehr lvar es zu spät, er mußte grüßen und die Dame dann anreden: „Ich bin so ungeschickt. Sie zu stören, mein gnädiges Fräulein." „Liber nein. Sie stören mich gar nicht." Sie lachte, indeni sie sprach und die fleischigen, ein wenig rötlichen* Arme unbefangen an ihrer Schürze trocken rieb. „Bitte, wollen Sie nicht näher treten? Atein Onkel wird gleich erscheinen. Mit Verlaub." Sie schritt voran und öffnete die Tür der Putzstube. Während nun Max Zeit fand, die zahlreichen Heiligenbilder, welche die Wände bedeckten, zu betrachten, und sich über die in locißc Hüllen tute Leichen eingekleidete Sessel und Stühle ein wenig ztt belustigen, tvar Marie verschtvunden. Nach tvenigen Augenblicken kehrte sie in frischer Bluse und Schürze eine Häkelei in den Händen wieder zurück. Max geivahrte sogar, daß sie in der Eile eine farbige Schleife im Haar befestigt hatte. Daß sic sich eigens für ihn schmückte, schmeichelte ihm ungemein. Er wollte ihr doch als Entgelt für diese Liebenswürdigkeit ein paar verbindliche Worte sagctt: „Wenn auch meine Umgänge itt dieser Stadt ganz und gar nicht den Jrrfahrtett des göttergleichen Odysseus zur Seite zu stellen Ivären", sprach er, „so freue ich mich heute gern des gleichen Geschicks, hier einer anmutsreichen Nausikaa zu begegnen." „Nausikaa?" fragte sie, „tver soll denn das sein?" Jetzt befand sich Max in arger Verlegenheit. Die jungen jüdischen Damen, mit tvekchen er in der Residenz Gelegenheit hatte zu verkehren, und die ihnt alle von Herzensgrund gleichgültig geblieben waren, die hatte er freilich niemals am Waschfaß stehend angetroffen, aber sie hätten doch jede einzelne voit ihnen sein ettvas geschraubtes Koinpliment recht gut verstanden. Sollte er hier gleich zum Anfang sich als Erklärer und Belchrer einführen? Mußte alsdann nicht dem jungen Mädchen die peinliche-Empfindung anfsteigen, daß sie etivas ganz Bekanntes nicht wisse und sie sich vielleicht beschämt hierdurch fühlen? Aus diesen quälenden Sinnen erlöste ihn ihr Heller Ruf: „Ich hab's Nausikaa, — kommt das nicht in der Weltgeschichte vor? Ich Hab eilt altes Lesebuch noch von meiner Schulzeit her, dort steht ettvas davon drin." Und in der dunklen Ahnung, daß diese Bemerkung ihren Geist einer ziemlich gefährlichen Bettrtcilung aussetze, fügte sie mit echt weiblicher Schlauheit lächelnd hinzu: „Ich will's Ihnen nur gleich gestehen, ich habe wenig in der Schule gelernt. Ich tvar eine wilde Humntel." Max tvar entzückt. Hier fand er doch endlich Natürlichkeit und Natur. „ES. wirkt durchaus schädlich, wenn Brite 5. Mädchen zu vielerlei lernen und wissen wollen", sprach er mit einer väterlichen Würde, die dem alten Jungen gar nicht übel anstand. „Wehe der Vermessenen, die in zärtlicher Verkennung ihrer natürlichen Bestimmung im Zeichen des Blaustrumpfes zu siegelt vermeint. Schönheit und Häustichkeit, -— sie sind die bedeutendsten, wenn nicht die einzigen Tugenden, tvelche uns ein Weib wahrhaft begehrenswert erscheinen lassen." Marie sah aufmerksam auf den Sprecher. Sie kanten ihr ein tvenig sonderbar und allzu ivohlgesetzt vor seine Worte. Himmel, der sprach ja wie ein Büch! — Aber sich gewandt den. Anschein gebend, als habe sie ihn recht loohl verstanden, fiel sie ihm schnell mit lebhaft zustinirnender Kopfbewegnng ins Wort: „Sehen Sie, das hat mein Vater auch immer gesagt, ganz so ivie Sic hat er immer gesprochen, ganz so. Wollen Sie ihn cimnal sehen, meinen Vater'?" Sie legte die Häkelarbeit zur Seite, nahm ein großes, in Leder gebundenes Album zur Hand und schlug es vor Max auf. „Dieses Album habe ich noch von meiner Mutter geerbt. Meine Eltern sind beide tot, die Mutter habe ich kaum gekannt. Mein Vater reiste viel in der Welt herum, da war es ein rechtes Glück für mich, daß Onkel Mücha ledig gebliebeit ttnd sich meiner annehmen konnte. Sehen Sie, das ist mein Vater." Max erblickte die Photographie eines stattlichen Kavallerieoffiziers. Marie löste das Bild aus dem Bttche und deutete auf dessen Rückseite: „Schauen Sie mal, hier ist auch sein Namenszng." Sie las mit gcivichtiger Betonung: „Wendclin von Mühlenfeldt". Bon meiner Mutter habe ich leider kein Bild." Das Album enthielt außer einigen Muttergottesbildcrn zitmeist Photographien von Herren. Marie wandte Blatt für Blatt um und nannte dem Doktor deren Namen, Militärs, Landleute und Inspektoren. Ein paarmal kehrte der Kavallerieoffizier lvieder, aber in Zivil. „Den Herrn da kenne ich, ein Schulkamerad, Kürt von Dallwig," rief Max. Er erhob seinen Kopf und sah Marie an. Ihr Blick tauchte in den seinen fest und unerschrocken. „Ja wohl, Herr von Dallwig, ein Freund von meinem Onkel", sprach sie ruhig und blätterte weiter. „Diese Dame ist meine Tante in Zcrnoivitz, zu tvelcher ich morgen fahren werde, ich soll ihr ein wenig in der Wirtschaft, behilflich sein." „Ist Herr von Dallwig nicht aus dent Zernotvitzcr Vorwerk Inspektor?" fragte Max argtvöhnisch. „Freilich ist er dort. Aber waritm tvollett Sie das wissen? Ach?—ich glaube gar." Sie lachte lustig auf und rief scherzend: „Ei, ei, Herr Doktor, wenn Sie mich schön bitten, bleibe ich hier." (Fortsetzung folgt.) . Mendele fingt wieder. Bon P e t e r N j v ä r i. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Magyarischen von Dr. Adolph K o h n t. (Nachdruck verboten.) Mendele Kvetsch blieb auf der Chaussee stehen und setzte feinen Kasten zur Erde. Sich an die schlanke Trauerweide stützend, die am Rande eines Grabens stand, mürmeltc (er: „Du hast es gut. Du Baum. Tn wolltest eine Trpuerweide werden und wurdest es. Dich hat inan nicht erzogen, als Du jung toarst. Die Weisen ließen Dich in Ruhe ttnd sagten Dir nicht, daß du Kienholz werden solltest, weil du dafür Talent hast.. Aber ich'? . Wollte ich das werden, was ich bin? Ich wollte etwas anderes werden! Und Ivas bin ich geworden? Nun weiß ich, was ich bin? Wenn der Bauer mir ein Huhn anbietet, dann bin ich Sachverständiger für Geflügel, wenn Eier, dann bin ich Sachverständiger für Eier." ' Er blickte zum Himmel hinauf. In seinen Auge« schimmerte ein sanfter Vorwurf, als er seine Klage» fortsetzte. , „Was soll ich machen? Ich muß mit dein Himmel prozessieren. Aber beruhige dich, Herr deS Himmels. Ich werde es nicht zum Aeußerstcn komme» lassen. Sag«; mir nur, was du eigentlich von mir wolltest? Wartün hast du aus mir ein Nichts gentacht, da du doch sehr tvohl wußtest, wer und tvas ich bin?" Die Abenddämmerung senkte sich nieder, und nun fiel es Mendele ein, daß er noch nicht sein Abendgebet verrichtet hatte. Er richtete sich gen Osten und murmelte still sein Gebet her. Langsam und schön neigte er sich wie die Trauerweide. Als er im Gebet zu jener Stelle kam, die ihn an seine Armut erinnerte, wurde seine Stimme immer kräftiger, ja er leistete sich sogar verschiedene wohlgclungene Koloraturen.

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