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Neue jüdische Presse · 1916-07-21 · Heft 28 (21.7.1916) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 28 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 ßwmffortet MraeWtscheS NamtlienMatr. Nr. 28. Dann zuckte er zusamtncn uud blickte iu die Wolke», als wollte er den Herr» fragen: „Na, was sagst du dazu? Hast du schon je meine Stimme gehört." Und da er keine Antwort erhielt, schüttelte er mit dem Kopf und betete weiter. Nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, lud er den Kasten rviedcr auf seine Schulter und ging langsamen Schrittes nach Hause. Er wurde immer trauriger. Wähmmd seine Füße ihn vorwärts trugen, irrten seine Gedanken in, die Bertzangeicheit. Einst tvar er jung und kerzengerade, — und jetzt jetzt ist er gebeugt und eisgrau geworden. „Gewiß hast du recht, himmlischer Vater", sagte er, „aber warum wolltest du, daß cs gerade so geschehen soll? Wavuni mußte die Sache sich so abivickelu? War ich der Schuldige, hätte ich mir das Bein brechen können. So ein Beinbruch ist keine Kleinigkeit, und du hättest damit zufrieden sein können. Oder du hättest mich des Lichtes des einen Auges berauben sollen. Das ist auch kein Spaß. Warum wolltest du aber gerade, daß ich für immer schweigen soll?" Das tat ihm weh. Seit 20 Jahrxn brannte cs in seiner Seele und er mußte verstummen, doch war sein Inneres voll von Musik, und zurückgchaltcne Töne drängten in ihm wie unterirdisches Feuer, das nicht hcrvorbrechcn kann. Vor 20 Jahren war er in der Umgegend der bcrsühmtestc Sänger. Weim er damals Ivährend der Arbeit sang, blieben die Menschen vor seinem Fenster stehen, um ihm zuzuhöriui, und tvcnn er abends sein Kind mit Wiegenliedern cinlulltc, öffneten die Nachbarn ihre Fenster, damit von den süßen Tönen aüch ihre Kleinen in den Schlaf gewiegt wurden. Am meisten bezauberte sein Gesang Gitclc Hildcr. Sic war damals 20 Jahre alt, frisch wie der Frühling. Mit großen, unschuldigen Augen blickte sic in die Welt und wußte nichts von Schlechtigkeit. . Plötzlsch flüsterten die Menschen, daß Gitele Hildcr in der Nacht sich auf der Straße herumtriebc. Auch ihre .Mutter überraschte sie einmal. .„Gitele", so sagte die,Alte, „bereite mir keine Schande". Gitele faltete ihre Hände und versicherte treuherzig: „Ich kann nichts dafür. Seine Stimme. lockt mich am Ist es beim eine Sünde, wenn ich zuhövc? Als ich klein war, gab es in unserem Garten eine Nachtigall, uttb yt der Nacht kroch ich aus meinem Bette, begab mich nach dem GaLten und hörte dem süßen Gesang zu? War das ein Verbrechen?" - „Die Nachtigall ist etwas ganz anderes, Sic hatte keinen Mann." Gsiele erblaßte. Jawohl die Nachtigall hatte keinen Mann,, während Mendele Kvetsch verheiratet tvar. Gitclc schwor hoch nick» hellig, daß sie der nmgischcn Stimme Mendeles nicht mehr nächgehen wolle. Aber ihr Schtvur war vergebens. Wenn die Melodien zu ihr herausklangcn, goß sich eine bis dahin nicht gekannte Wärme in ihr . Herz, und sie mußte sich von ihrem Lager erheben und auf Fußspitzen sich auf die Straße begeben, uni die Töne einzusaugen. Die süße, schwerblütige Melodie püeßtc ihr Herz zusammen. Sic sang dieselbe Melodie nach: — Wie is es bitter Meine liebe Witter, A Schiffele of'n grinem Gruz Ajoz iI bitter Meine liebe Witter, M' Hut noch mir chappcn Wie a Hus Nit wein un nit schrei. Meine liebe Witter, Njt ich bin dos allein, Nemmt mix üb von mei' Herzen Setz ich mich aniedcr un wein. Die. Gattin Mendeles wurde eifersüchtig. „Hörjc doch mit dem Singen auf," schrie sic ihren Mann an. „Wieder ist die Närrin da!" Er seufzte nur, denn er wußte, wen sie damit meinte. Vergebens gelobte ihr Mendele, das Singen einzustcllen. Doch weim ihn die Lust anivandclte, konnte er sich nicht helfen, und er mußte singen. Er liebte . seine Frstu, pber die Neigung zur Kunst war doch noch gchößcr in ihm. NanrenÜich am Abend öffnete sich seine ' Seele, und Harmonien erfüllten sie. Eines Tages ließ sich bei chm Frau Hildcr melden. „O, lieber Herr Mendele", flehte sic, „bringen Sie keine'Schande auf mein altes Haupt!" Er war erstaunt. Was lvill man voir ihm? Gegen tuen hat er sich etwas zu Schulden kommen lassen? Was hat er denn getan? Er schwieg einige Zeit. Wortlos und traurig verrichtete er sein Geschäft, und selbst den Wunsch seiner Kinder, ihüen Wiegenlieder zu singen, erfüllte er nicht. Düster blickte er in die Nacht durch das Fenster. Einmal sah er einen Schatten vorübergleitcn und vernahm zitternde Seufzer, — und dann brach aus ihm unwillkürlich heraus: — Wie is es bitter Meine liebe Witter . . „Gehe zu dem Wundersrabbi", sagte tags darauf seine Fqau. „Dü bist krank und er muß dir ein Mittel geben, damjt du gesund wivst." Er sah ein, daß seine Frau recht hatte, und er. begab sich in der Tat zum Wunderrabbi. Dieser hörte' ihn still an und krBstcte ihn dann mit den Worten: , „Sei ruhig, lieber Mendele. Gott wird ein Wunder dciü'ichten. Du kommst nicht in Schuld. Doch darfst du nicht mehr singen." Als hätte er einen Dolchstoß ins Herz bekommen, so blutete es, als er dem heiligen Mann gelobte, nicht mehr singen zu wollen. Und kehr Ton drang mehr aus seiner Kehle. In der Nachbarschaft öffnete, man nicht mehr die Fenster, und ein zitterstdcs, bleiches Mädchen sang nicht mehr mit ihm um die Wette. Allmählich ließ sich Gitele auch nicht mehr sehen. Doch wurde ihr rosiges Antlitz blaß, ihre schlanke Gestalt siel zusammen, und ein unheimliches Feuer brannte aus ihren unschuldigen Augen. Nach einigen Monaten hieß es allgemein, daß Gitele ihren Vcustand verloren habe. Die Sache verfielt sich leider so, denn sie schwärmte durch die Felder, als >venu sie etwas suchte. Wenn sie Leute erblickte, versteckte sie sich, und wenn sie niemand höre, umarmte sie eine Weide und schluchzte: Wie is cs bitter Meine liebe Witter . . . Dann vergingen die Jahre. Die Aeriuste verfiel immer mehr. Sic wurde eine alte, komische Jungfer, mit der die Straßenjungen ihren Spott trieben. Zuerst bedauerte man sie, dann gewöhnte man sich an ihren -Instand, und schließlich kümmerte man sich garnicht mehr um sie. Die arme Mtelc hatte eine große Sünde begangen. Denn als am langen Tag der Kantor in der Synagoge das „ovinu malkenu" rezitierte, unterbrach das Mädchen den Gesang mit schluchzenden Worten: — Wie is cs bittc.r Meine liebe Witter . . . - Das konnte man ihr nie vergeben. Der böse Geist habe der Seele des Mädchens sich bemächtigt. Sie verdiene daher kein Mitglied. Nyr einer bedauerte sie aus tiefster Seele, und das war Mendele. Wenn er auch nie darüber sprach. Allmählich wurde er ein stiller Mann. Er arbeitete und beklagte sich den Menschen gegenüber rricht. Nur auf dem Felde und der Weide verriet er seinen Kummer, den brennenden, großen Schmerz des verstummten Sängeüs. O, wenn er nur noch einmal singen und die in ihm erstarrten Melodien zum besten geben könnte. Aber er durfte cs nicht, denn er hatte geschworen. Jetzt mußte ex Hühner und Eier verkaufen, ivährend in seiner Seele fürstliche Hymnen schlummerten. „Doch ich will mit dir nicht rechten, Herr des Himmels", murmelte er, als er auf der Landstraße nach Hause trottete. „Gitele ist gestorben." Mit diesen Worten empfing ihn seine Frau, als er ins Zimmer trat. Er schauderte - . zusammen. „Wann begräbt man sie?" fragte er kaum hörbar. „Morlgen." ■; Tags darianf ging er zur Beerdigung, Es war eine avmselige Leichenbestattung, ivie cs einer Geistcsumnachteten zusteht. Leute brachten den schlichten Holzsarg heraus und taten ihü auf einen Baucrüwagcn zum Friedhof. Ein schneidender und brennender Schmerz zuckte durch das Herz Mendeles. . „Also, so wivd! sie zur letzten Ruhe bestattet?" fragte er sich mit erstickter Stimme. „Was willst du noch, Herr der Heerscharen?" Die ganze Welt drehte sich um ihn. In seinem Antlitz prägten sich krampfhaft Zuckungen aus. Seine Brust pochte, und er griff nach dem Sarg uird blickte mit blitzenden Augen gen Himmel. Jetzt muß es sein, jetzt ist's erlaubt! Und dann spiig er ergreifend mit klangvoller Stimme den „Molci rachmim". Kunst und Literatur. I ü d i sch e Monatshefte unter Mitwirkung von Rabbiner Dr. Salomo» Breuer i» Frankfurt a. M. herausgegcbcn von Rabb. Dr. P. K o h it in Ansbach. Die Monatshefte werden zum größten Teile von den Söhnen des Rabbiners Dr. Breuer ansgefüllt. Heute nach 21/-* Jahren des Bestehens der Monatshefte kann man wohl ein Urteil darüber getvonncn haben, >vas lvir als Juden von dieser Generation erwarte» dürfe». Da muß man stnu sagen, daß hier Begabung, jüdisches Wissen sind jüdischer Ernst sich so eng ans sich, zurückgezogen und so fest vor dein jüdischen Leben der Gegenwart cingcsponnen haben, daß sic für dieses unfruchtbar seist müssen. - In bem vorliegenden Hefte beginnt unter dem Titel „Das orthodoxe Judentum in Mitteleuropa" R. B. (Rabb. Dr. Raphael Breuer) eine Abhandlung, die sich daraus anfbant, daß der Schwerpunkt der orthodoxen Judenheit Mitteleuropas in Ungarn liege. Die ungarische Orthodoxie sei richtunggebend, und deshalb wäre es richtiger gewesen, die Leitung der Agudas Jisroel hätte zuerst nach Ungarn und nicht immer mehr nach. Rußland geschaut. Wir meinen: Ei» Bekennen zu den Grundsätzen der ungarischen Orthodoxie heißt ein Zurückziehen ans seinen Kreis und eine Trennung von den anderen Teilen ,der Judenheit, — und daß darin die Rettung der jüdischen Zukunft erhofft iverden dürfe, die ungarische Orthodoxie hat cs wahrlich sticht bewiesen! In einer zweiten Arbeit bringt R. B. sodann Aphörismen über das Schächten; wir greifen ans ihnen das folgende charakteristische heraus: „Nach der bekannten religionsgcsehlichen Entscheidung Rabb. Samson Raphael HirsckM s. 9k. ist die Frankfurter Synagogengcmeinde „Israelitische Gemeinde" wie eine „Awando-Svroh"-Gcineiuschast zu betrachten. Es bedarf darum schön der Erwägung, ob nicht die im Dienste dieser Gemeinschaft stehende Ritual-Kommission rcligionsgesctzlich wie eine unter Hilchaus Schechitoh, 8 4 (Dinei Schcchitoh l'Awandoh Soroh) zu subsumierende Institution zn begreifen ist." Diesen ungeheuerlichen Ausspruch hätte ivahrlich Rabb Hirsch s. |9f. nicht getan. Was er gesagt hatte, geschah unter ganz anderen Voraussetzungen als denen, die heute bestehen. Eine Welt liegt zwischen den inncrjüdischrn Verhältnissen von heute und denen vor fünfzig Jahren. Doch R. B. beachtet all die gewaltigen Umwälzungen dieses Halbjahrhstnderts nicht; er ist in dem Beginn dieser Zeit verankert und beurteilt von dieser Grundlage ans die jüdischen Fragen der Gegenwart. Er ist damit nur treu geblieben der ungarischen Orthodoxie, der er entstammt. Wenn die Leitung der Agudas Jisroel dieser ungarischen Orthodoxie .und den Vertretern ihrer Anschauungen gegenüber eine gewisse Vorsicht bewahrt, so ist dies 'bei einer Organisation, die sich den Tatsachen der Gegenwart und ihren Forderungen nicht verschließen will, nur verständlich. Wochev-Kalertder. (Zeitangaben nach dem lwaed.) Samstag, 22. Juli (— 21. Tamus.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 10 Uhr 15 Min. in Berlin 10 Uhr 07 M'n. Wochenabschnitt: Mattaus. — Gclobnugcn der Ehefrau. Krieg gegen MidjaiN. Die Reinigung von Geräten usw. Das Östjordanland als Erbe der Stämme Rüben, Gab. und Menasche. Aus dem Prophctcnwort des SabMts: „Gehe hin und verkündige es vor den Ohren Jerusalems: Ich gedenke dir der Hingebung deiner Jugend, der Liebe deiner Bräutlichkcit, da du mir ist die Wüste folgtest, in ein nie gesätes Land. — Heiligtum Gottes bleibt Israel, Erstling seines Ertrages. Die Israel. verzehren wollen, werden zugrunde gehen, Unglück wird sie treffen, spricht Gott." Wochengottesdienstc in Frankfurt ü. M. Morgens: 6H4 Uhr in den meisten Synagogen (Bockcuheim, Unterlindau 63/i, Königstcinerstr. 7*/s, Hauptsynagoge 7 Uhr). Tlbcnds 81/4 Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim, Unterlindau 8 Uhr, Köuigsteinerstr. 7 Uhr, Hanptsynagoge 4 Uhr). Spende«. Bei der Nationalfondskommission (I. Hciinann, Zeit 21, Postscheck 7767) gingen ein: Büchseuleerung. I. Blumenthal 4.40 Mk.; S. Tcitelinänn —.73. Mk.; Frau Wohlfarth 3.29 Mk.; A. Dorfzann 6.35 Mk.; Jul. Kroncuberger 3.20 Mk.; Japhet 1.— Mk.; Hcrm. Würzburger 1.30 Mk.; Ferd. Schmidt 2.— Mk.; N. M. 4.86 Mark; Pension Hcincinanu 2.92 Mk/; Ät. R. 1.02 Mk. Zcil 21, Postscheck 1833) gingen ein: Beim Franks. Israelit. Familienblatt gingen ein für: Palästina-Hilfe. Durch Dachauer 5.— Mk. 25almarzt Josepb Wolff Leato. Lilly Wolff geb. Badmann Vermälilto Günzenhausen (Mittelfranken V Araukfurter Fauriliermachrichterr. Geboren. Ein Sohn I. Noßbanm (Mai), R'esenstraße 11. Bar 111i zwo s. Samson Roos, Schöne Aussicht 5, Synagoge Friedb. Anlage. — Jsr. Rosenberg, Rechncistr. 12, Synagoge Börneplatz.

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