Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 28 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 2. r dU. 4-1 gen Gouvernements zu wohnen' erlaubt — gänzlich abzuschaffen. Der triftige Grund dafür ist nach Stürmer darin zu sehen, daß jetzt wichtigere Angelegenheiten als die jüdischen vorhanden seien. Wenn wir einen Blick auf die ersten Kriegstage werfen, so wird uns erst diese Heuchelei im vollen Umfange klar: Glühende Begeisterung herrschte damals unter den Juden Rußlands, Tausende von ihnen meldeten sich freiwillig zu den Fahnen, denn die Regierung hatte in kluger Berechnung eifrig versichert, die jüdische Gleichberechtigung so schnell als möglich cinzuführen. Nun, jetzt haben dir jüdischen Soldaten, schmerzlich enttäuscht, das Vergebliche ihrer Hoffnungen eingesehen. Ist doch Rußland mit viel wichtigeren Fragen beschäftigt. , Erbarmungslos unterdrückt die Reaktion die Juden. Wir wissen, daß sic nicht nur gegen die Juden und die jüdischen Heimloscn im Innern Rußlands hetzt, sondern selbst gegen die jüdischen Soldaten, die in der Front stehen, kämpfen und für Rußlands Macht und Ehre bluten. Wir haben Beweise, die deutlich zeigen, daß, die Regierung systematisch im Innern Rußlands, dann aber auch an der Front Aufrufe verbreitet, in denen alle Schuld an den bisher erlittenen Mederlagen den Juden, die „deutschfreundlich" und „Spione" seien, zugeschoben wiro. So hat z. B. die Regierung den Gouverneuren ein neues Zirkular zukommen lassen, worin ihnen nahe ans Herz gelegt wird, ein wachsames Auge aus die „verdächtigen" Juden zu hüben: Denn der antisemitische Oberbefehlshaber der Armee A l e x e j e w hatte sich über die Unzuverlässigkeit der jüdischen Soldaten und überhaupt der Juden beklagt. Diese und ähnliche Veröffentlichungen sind sehr dazu geeignet, die Unzufriedenheit des Volkes auf die Juden^zu lenken: Der Jude, mag er Kaufmann, Flüchtling oder Soldat an der Front sein, wird zum großen Tell von dem irregeführten Volke als der Feind Rußlands angesehen. Da noch j^junt Uebersluß die Gouverneure, beeinflußt von gewissen Reaktionären, die Schuld an der Lebensmitteltcuerung den Juden zuschieben und behaupten, .die jüdischen Kaufleute hielten das Kleingeld zurück und trieben Lebensmittelwucher, so kann man sich leicht vorstellen, welche immer noch wachsende Erbittermrg unter dem russischen Pöbel, in den Großstädten besonders, herrscht. Daß sie einmal zum Ausbruch kommen und sich nach einer Seite Lust machen muß, ist sicher. Ob sie teilweise — von ganz ist nicht die Rede — abgewendet werden kann, ist noch nicht zu entscheiden. Indessen arbeiten die „Schwarzen Hundert" mit verdoppelter Kraft. Sie verbreiten überall Pögromaufrufe und rufen geheime Versammlungen ' ein, in denen die Judenfrage behandelt wird. So Haben sie erst neulich über die Frage wegen „der organisierten Industrie und ihrer Beziehungen zu den jüdischen Kapitalisten" beratschlagt. Es ist klar, daß hierbei nur unheilvolle Beschlüsse gefaßt werden könnten. Die Lage der Flüchtlinge hat sich teils gebessert, teils verschlechtert. Wo die Regierung ihnen freien Willen ließ und sich nicht um sie kümmerte, da haben sie sich durch die Unterstützungsgelöer der jüdischen Komiteen und durch eigene Mast geholfen und sich erträglich eingerichtet. Andererseits, wo man den Heimloscn die Erlaubnis zum Wohnen verwehrt hatte, haben sic noch viel "zu leiden, da auch die verblendeten polnischen Flüchtlinge die Bevölkerung gegen sic aufhetzen. Immerhin kann man die Lage als günstiger wie früher bezeichnen. Die jüdischen Flüchtlinge sind jetzt schon daran, eigene Schulen zu eröffnen. Der Wilnaer Rabbiner G r o d z e n s k i, jetzt in Hvmel anwesend,. hatte kürzlich aus Amerika eine Sendung von 10 000 Rubel zu diesem Zwecke erhalten. Nach einer Beratung beschloß er, mit Hilfe einiger angesehener Rabbiner in zahlreichen Studien und jüdischen Niederlassungen außerhalb des Ansiedlungsräyons Schulen zu gründen. Es werden darin die Kinder der Heimlosen religiös erzogen werden, wobei natürlich Hebräisch eine wichtige Rolle einnehmen wird. Auch die russische Sprache wird voraussichtlich gelernt werden. Sollte dieser. Plan verwirklicht werden, so wäre dies von kulturellem Wert und für die Geistesbildung der Kinder der jüdischen Flüchtlinge äußerst wichtig. Das allgemeine geistige Leben der Juden im "übrigen Rußland ist stark zurückgegangen. Die mißiM MimAmtÄ DvttWitchsS tzywÜieMM. Iranische Regierung unterdrückt viele Vereine mib Organisationen und verfolgt besonders die Zionisten. Man schreibt uns aus Kiew, daß der auch außerhalb Rußlands bekannte zionistische Führer und Schriftsteller H. Slatopolski, der auch Beziehungen zu hohen russischen Persönlichkeiten unterhält, .zu einem Monat Gefängnis vernrteilt wurde, weil -- jiuni bei ihm zionistische Dokumente gefunden hatte. Es ist daran zu ermessen, wie äußerst inatt das geistige Leben ist, da doch alles der Regierung „verdächtig" vorkonnnt. Zeitungen erscheinen schon seit langem nicht mehr, — einige russisch-jüdische Wochenschriften ausgenommen, — sodaß nur periodische hebräische Sammelbücher den Verkehr zwischen Schriftsteller und gebildeten Kreisen vermitteln. Aus den vorhergehenden Ausführungen ersieht man, daß eine große Gefahr unseren jüd. Brüdern in Rußland droht, daß ein russischer militärischer Erfolg nur die Reaktion stärkt und sie zu einer. Pogrom- und Hetzpolitik führt. Wir können danach mit einent russischen Politiker darin übereinstimmen, wenn er sagt: Das Schicksal des jüdischen Volkes ist an das des russischen fest gekettet, freilich im Gegensatz: Siegt Rußland, dann stehen dem jüdischen Volke ungeahnte, nie dagewesene Prüfungen bevor. Anderenfalls aber werden vielleicht die Juden auch schwere Leiden treffen, dann aber sicher nach und nach eine Besserung eintretcn. aber wird sicher nach und nach eine Besserung eintreten. Der Misrachi iu Amerika. An die zionistische Föderation Misrachi sind jetzt in Amerika 103 Vereine nnd 24 Synagogen angeschlossen. Die Vereine bezahlen eine Abgabe von 75 cents für jedes Mitglied, aber von jetzt an wird die Taxe geniäß' dem Beschluß der im Frühjahr stattgchabten Misrachi-Konferenz einen Dollar betragen, wobei der Schekel inbegriffen ist. Die Synagogen bezahlen entweder eineil Schekel für jedes Mitglied, oder einen Jahresbeitrag von 10 Dollars. Die Anzahl der eingetragenen Mitglieder des Misrachi beträgt jetzt insgesamt 6000. Die Konferenz war ein großer Erfolg. Anwesend tvareir sowohl die leitenden Rabbiner des Landes wie auch sehr viele einflußreiche orthodoxe Persönlichkeiten. In naher Zukunft dürfte der Misrachi noch eine große Anzahl neuer Mitglieder geivinnen wnd so in die Lage kommen, sowohl eiN^intensivere Propaganda zu führen, als auch sich an die Ausführung wichtiger konkreter Arbeiten zu machen. Die Convention hat. hierfür auch borgesorgt. Ein Budget in der Höhe von 21000 Doll, ist aufgestellt worden, wovon 5000 Doll, für den Notfonds bestimmt sind. Der Schekel wird auch in Zukunft an das Provisional Executive Commitee abgeführt werde», wenn diese Körperschaft auch in Zukunft dem Misrachi dieselbe Stellung und Subvention zubilligt wie den anderen zionistischen Organisationen in Amerika. Auf der Convention wurde beschlossen, ein Institut gesetzestreucr nationaler Lehrer zn gründen und bas kürzlich reorganisierte Rabbinercollcge, die einzige orthodoxe Institution dieser Art in diesem Lande, zu unterstützen. An ihrer Spitze steht Dr. R. R c v e l, ein glühender Zionist. Der Misrachi ist die einzige zionistische Organisation in Amerika, die sich mit .Gegenwartsarbeit belaßt und zwar besonders mit den Fragen der jüdischen Jugend, und sie beabsichtigt. Schulen usw. für sic zn gründen. Die Konferenz,hat ferner beschlossen, den amerikanischjüdischen Kongreß zu unterstützen und Schritte zur Verwirklichung dieser Idee zu unternehmen. Ein besonderes Erez-Jsracl-Burcau wurde unter Vorsitz des bekannten Rabbi I. L. F j schm a n n geschaffen mit dem Zweck, den Jüdischen Rational-Fonds, die Tachkemoni-Schule, den Misrachi-Nationalfonds zu fördern. Ferner Ivurde eine Organisation unter dem Namen Achi- SoMach ins Leben gerufen mit dem Zweck, den Verkauf der palästinensischen' Produkte des ’ alten Jischub (Gebetmäntcl, Mesusoth, Gebetbücher, Bibeln) zu fördern. Der Misrachi gibt 2000 Shares zu 5 Dollars heraus; eine beträchtliche Summe darauf ist schon gezeichnet. Ferner ist der Misrachi bestrebt, 1000 Mitglieder anfzutreiben, die als Jahresbeitrag 10 Doll, bezahle». Die Tätigkeit des Misrachi ist jetzt unter Meier B c r l i n' s .Leitung in New. Jork konzentriert.. Die Convention hat ein engeres und ein weiteres Executivkvmitee gewählt. Zu Jacob H. Schiffs Rede. „I. A. K." meldet: Mit Ausnahme weniger im Dienste des Amerika». Jüd. Komitees stehenden Blätter bezcichnetc die Presse aller Richtungen Schiffs Rede als eine Provokation der national gesinnten demokratischen jüdischen Massen Amerikas und als eine unerhörte Denunziation nnd Verleumdung der schwer geprüften russische» und polnischen Judcnheit. Die Erregung war umso größer, als gewiße englische Blätter die Rede Schiffs zu antisemitischer Propaganda auszuimtzen begannen. Der Feldzug der jüdischen Presse veranlaßtc Schiss, auf der Konferenz der New Uorker „Kehilla," eine Erklärung abzugeben, in der er die ihm von der Presse in den Mund gelegten Behauptungen dementierte. Demgegenüber weist fit. 28. die jüdische Presse darauf hi», daß Schiss cs trotz nichrfacher Aufforderung luiterlassen hat, diese Berichtigung der englischen Presse zugehen zu lassen, die doch, zuerst die erwähnte Rede gebracht hatte. Die weitere Erklärung Schiffs, er wolle von nun an dem politischen Leben fernblcibcn und seine öffentliche Tätigkeit ans die Philanthropie beschränken, bedeutet eine Niederlage der amerikanisch-jüdischen Plntokratie, zu deren wichtigste» Wortsührern Schiss gehörte." Verband jüdischer Frone« für Knttnrarbett in Palästina. Der Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina veröfsenlicht seinen Bericht für das Kricgsjahr 1015. ( Wie alle in Palästina arbeitenden Organisationen hat auch der Verband im abgelaufencn Jahre schwer um seine Existenz zu kämpfen gehabt. Der Spitzenverkanf ist von 16 483 Mk. im Jahre 1014 ans 6700 Mk. im Jahre 1915 gesunken. Teils kam. keine Ware aus Palästina, teils war die Nachfrage nach Luxusartikeln gering. Die Mitgliedcrbeiträge brachten in den Jahren 1914 und 1915 zusammen nur soviel, wie das F-riedensjahr 1913 allein. Dazu kommt der schlechte Umwechslungskurs in' Palästina, der enorme Verluste verursacht. Dadurch geriet die landwirtschaftliche Farm des Verbandes, die mit einem ,sehr stark verkleinerten Budget arbeiten mußte, in eine schlimme. Situation, nnd es mußtev Saininlnngcn in die Wege gejettet werden, um das Schließen dieser so segensreich wirkenden Institution zu. vermeiden. Der Verband wandte sich um Hilfe nach Amerika, doch steht die Antwort voir dort noch aus. {Die Summen, die bis jetzt von den Bertrauensdamen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn für den Zweckaufgebracht wurden, hüben glücklicherweise die akute Gefahr abgewendct und die Hoffnung ans ein Dnrchhalten gestärkt. Immerhin sind weitere Anstrengungen dringend notwendig, da die lange Dauer des Krieges erhöhte Anforderungen stellt. / - . Die Spitzenateliers arbeiten gut und wirken in dieser Zeit segensreicher denn je. Auchsind die Spitzenmuster viel schöner und maniiigsaltiger geworden als früher. Das Büro des Verbandes befindet sich nach, wie vor in Berlin, Bürohans Börse, Burgstr.' 27,. Büro 22. Daselbst sind auch dir Spitzen zu haben. Etwaige Geldsendungen sind zu richten an das Bankhaus Heymann & Co., Berlin. Postscheckkonto 7645. Wieder eine jüdische Frage! Was soll man imit den langern Kleidern machen? s Wahrhaftig, die sogenannte Ostjndcnfrage ist nicht leicht! Man steht vor Problemen, wie man.der elenden nnd immer inehr sinkenden Masse neue Lebensmöglichkciten schaffen soll, wie man den materiellen n.nd geisfigen Stand heben soll, wie man' den Juden 311 nationalen Rechten verhelfen soll, wie man vor allem die ungeheueren Schädigungen des Krieges so schnell wie möglich, wieder gut Machen kann nnd noch vor vielen anderen Aufgaben, die wirklich nicht leicht zn lösen sein werden.. Alle .Energie, jede irgend tvie verfügbare Kraft lvird sich! bereit hatten müssen, um, so weit es geht, an der Lösung all dieser Anfgaben initznarbeitc,,. Und nun haben wir noch eine neue Aufgabe bekomme». Was fangen ivir bloß mit den langen jüdischen Kleidern, mit den Kaputten und runden Hütchen an? Fürwahr in der ernstesten Zeit ist immer ein klein wenig für Humor gesorgt, und man sollte denen, die ganz gegen ihren Willen, weil sie es doch ganz ernsthaft meinen, uns ein klein wenig zum Lächeln bringen, in dieser traurigen Zeit dafür dankbar sein. Doch das Lächeln ist in' diesem Fall ein echt jüdisches. Man lächelt, um über den schmerzlichen Gedanken hinwcgzukommen, ans tvelche kölnische Weise doch manchmal die jüdische Ocffcntlichkeit imd ihre berufenen Vertreter, die Herren Journalisten, die Schäden der Zeit zn heilen versuchen. Doch, bevor .wir iveiter von dieser neuen schweren „Frage" sprechen, zur Aufklärung des Lesers zwei Tatsachen, die ungefähr gleichzeitig die jüdische Oefsenflichkeit überrascht haben. Am Eingänge irgend eines Warschauer Parkes soll sich.seit einiger Zeit schwarz aus weiß die kulturpolitisch so wichtige Bekanntmachung finden — ich habe sie selbst nicht gesehen — vielleicht neben einer Bemerkung wie: „Hunde dürfen nur an der Leine geführt werden", die andere ebenso bedeutsame: „Diese Anlagen dürfen nur in enr0püischer Kleidung betreten werden." (Ich'weiß nicht, ob diese Bekanntmachung mich jiddisch dastcht.) Das ist die eine bedeutende Tatsache, Und die zweite: Zwei jüdische Zeitungen und eine wohl gar, die hebräisch schreibt, haben, den Jude n den guten Rat gegeben, bald möglichst v0n ihrer alten Kleidung zu lassen. Die Inschrift an dem Garteneingang würde ich photographieren und in ein Museum .stecken, auch sonst für ihre . weiteste Bekanntmachung sorgen. Die beiden Zritnngsaufsätze, rate ich jedem aufrechten polnischen Juden, der sich, für kultirrelle Dinge interessiert, gleichfalls recht gründlich 511 lesen und sie dann zn den anderen Dokumenten! dieser, großen Zeit zn legen. Sie werden späteren Generationen ein Denkmal sein, in welcher.Art manchmal die Inden ans Angriffe reagiert haben, und auf welch geniale Weise sie den Anschluß an die neue Zeit bekunden wollten. Nun zur Kachle! Wer mir einreden wollte, daß der lange Rock und das nette, pftm'als von jungen jüdischen.