Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 28 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Wahlen zum neuen Stadtrat in Warschau haben ihren Abschluß bereits gefunden. Wirkliche Wahlen selbst haben dabei nur in zwei von den 6 Kurien stattgefunden, in der dritten Jnteltigenzkuric und der sechsten Arbeiterkurie. Für die übrigen vier erfolgte eine Einigung zwischen ocn drei Wahlkomitees, den beiden polnischen lind dem jüdischen, und da laut der Wahlordnung im Falle der Aufstellung nur einer Kandidatenliste diese eo ipso als gewählt gilt, wurde die von den drei, Komitees cingereichte Liste einfach bestätigt. Die Grundlage der Einigung zivischeu dem jüdischen und den polnischen Komitees war die Erteilung von 15 Mandaten an das jüdische Komitee. . Man hat unseres Erachtens das Recht, vom jüdischen Gesichtspunkt aus mit der Einigung zufrieden zu sein? Es ist zwar richtig, daß die Zahl der jüdischen Ratsmänncr — 15 — zu klein ist im Verhältnis zum Prozentsatz der jüdischen Wähler, der den Anspruch auf 20 oder sogar 25 Abgeordnete begründet hätte: die Polen stellten sich jedoch auf den Standpunkt, daß der erste Warschauer Stadtrat mehr sei' als nur : die Selbstverwaltungsbehörde dieser Stadt, vielmehr unter den gegenwärtigen Zeitumständen in seiner Bedeutung einer Repräsentation der gesamten Polen gleichkommr, weswegen die Juden nur so viel Ratsmänncr fiir sich beanspruchen dürften, als ihrem Bevölkerungsanteil in Großpolen entspreche, — während er ja in Warschau selbst wesentlich höher ist. Mag sein, daß bei einer energischeren Vertretung des jüdischen Standpunkts, die Zahl der jüdischen Mandate sich um etwas hätte erhöhen lassen; uns scheint jedoch, daß diese Frage durchaus hinter diejenige der allgemeinen politischen Bedeutung der Einigung mit den Polen zurücktritt. Wenn wir auch weit davon entfernt sind, diese Bedeutung ungebührlich zu überschätzen und uns etwa der Selbsttäuschung hinzugeben, von nun an werde es innerhalb der Warschauer Polen keinen Antisemitismus geben, so erblicken wir doch in der Einigung einen Akt, der nichtohne günstigen Einfluß auf die künftige Fortentwicklung der polnischjüdischen Frage bleiben wird. Die Tatsache, daß die Polen diese Einigung vollzogen haben, daß die jüdischen Abgeordneten nicht gegen den Willen der Polen und im Kampf gegen sie, sondern mit ihrer Zustimmung gewählt wurden, als Mitglieder der cillgemeinen, aus dem Vertrauen der gefaulten Bevölkerung Warschaus hervorgegangenen Abordnung, diese Tatsache bedeutet — ob es nun alle Polen zugeben,wollen oder nicht — die Anerkennung der jüdischen Minorität seitens der polnischen Majorität. Dies wird noch durch den Umstand verstärkt, daß durch die Einigung mit dem jüdischen Wahlkomitee die Polen jenes Häuflein der gesinnungslosen, extremen Assimilanten unter der Führung der Nathanson und Dickstein, das ihnen bisher als die alleinige Vertretung der Juden galt, völlig desavouiert haben, denn diese Gruppe hatte ja gleich zu Beginn der Wählen eine Erklärung erlassen, wonach sie die Gründung eines besonderen jüdischen Wahlkomitees mißbillige, es vielmehr als richtig betrachte, .daß die jüdischen Wähler sich nicht absonderten, sondern für eine der polnischen Listen stimmten. Durch die — von polnischer Seite angeregte — .Einigung mit dem separierten jüd. Komitee haben die Polen selbst die Existenz und die Berechtigung desselben anerkannt und so die würdelose radikale Assimilativnspolitik ihrer jüdischen „Moschkos" desavouiert. Und gerade weil tatsächlich dem neuen Warschauer Stadtrat eine Bedeutung zukomnit, die weit über seine eigentlichen Funktionen hinausgeht und er so etwas wie die erste selbstgemählte polnische Repräsentanz, in der neuen Aera, die jetzt für Polen begonnen hat, darstellt, gerade darum ist der Wert dieser durch die Einigung ausgesprochenen Anerkennung der jüdischen Minorität und ihrer Sonderinteressen seitens der Polen ein umso größerer. Man. soll doch nie vergessen, daß die Juden in Polen bei all ihrer Beoeutung und Stärke doch nur eine Minorität bilden, zudem diejenigen sind, die im Falle eines dauernden wirtschaftlichen und politischen Kampfes mit den Polen weitaus stärker zu leiden Hütten als diese, die — zum großen Teil von der Landwirtschaft lebend — viel verwurzelter in ihrer ökonomischen Position sind. Daher muß alles jüdische Streben dahin zielen, sich mit den Polen zu verständigen und die Basis zu eineni friedlichen Zusammenleben mit ihnen zü finden, natürlich unter der Voraussetzung, daß diese das Däseinsrecht der Judenheit, ihr Recht auf Währung ihrer national-kulturellen Sonderheit anerkennen. Weil sie es bisher — unter russischer Herrschaft — nicht taten, sondern schonungslosen Kampf gegen alles Indische predigten, inußten die Juden notgedrungen. den Kampf erwidern und sich zur Wehr setzen. Niemand aber wird freudiger jeden Schritt zur Versöhnung und Verständigung begrüßen als wir Jude,:. Ein solches Anzeichen der Verständigungsbereitschaft darf man aber in der Einigung erblicken, man kann sich nicht heute mit den Juoen verständigen und ihnen 15 Abgeordnete zugestehen mrd morgen wieder erklären, die Juden hätten als Inden nichts in Polen zu suchen und dürften höchstens als Polen mosaischen Glaubens dort existieren. In der vollzogenen Einigung liegt darum für die Polen eine gewisse Bindung für die Zukunft, und da die Wahlen. zum Warschauer Stadtrat den ersten großen politischen Vorgang in Polen seit der deutschen Okkupation darstellen, besitzt die hier befolgte Politik der Verständigung und gegenseitigen Anerkennung symptomatische und richtungweisende Bedeutung. So gesehen, unter dem höheren Gesichtswinkel der großen Interessen der polnischen Judenheit, versteht man, daß die Zahl der zugestandenen Mandate fiir. die Juden weitaus weniger wichtig sein mußte, als die Tatsache der Einigung selbst, und wegen einiger Mandate das Kompromiß scheitern zu lassen, wäre eine Tat von politischer Unreife und Kleinlichkeit gewesen. Und nran ist sehr froh, konstatieren zu dürfen, daß die 'gesamte Haltung der Warschauer Judenheit in den Wahlen, ihr innerer Zusammenschluß zu einem alle Richtungen umfassenden Wahlkomitee — erfreulicherweise haben sich äuch die Chassidim dem Komitee angeschlossen und so die Befürchtung, sie würden wiederum mit den extremen Assimilanten paktieren, als grundlos erwiesen — und schließlich ihr gemäßigter und versöhnlicher Standpunkt in den Verhandlungen mit den Polen, daß all dies von ihrer politischen Reife zeugt und Gewähr gibt, daß sie sehr wohl gewillt und befähigt sind, ihre Interessen mit starker, aber kluger Hand zu vertreten. Leider hat eine im letzten Moment erfolgte .Spaltung das allgemein erfreuliche Bild getrübt: Eine Gruppe jüdischer Nationalisten gründete ein eigenes „Jüdisches Wahlkomitee" und begann einen sehr heftigen, ja maßlosen Kampf gegen das „Vereinigte Jüdische Wahlkomitee", dem es Verrat an den jüdischen Interessen vorwarf. Der Kampf, in dem von den in Warschau erscheinenden jüdischen Zeitungen -- drei jiddische und eine hebräische -— je zwei sich auf den entgegengesetzten Seiten befanden, wurde — und das ist das Unerfreuliche — in einer überaus häßlichen Weise geführt; gegenseitige Beschimpfungen der schlimmsten Art, demagogische Kraftausdrücke, die kein Maß kannten, persönliche Verleumdungen flogen täglich hinüber und herüber, und alle unerfieulichen Iluswüchse eines durch persönliche Leidenschaften getrübten und verzerrten Streites feierten wahre Orgien. Wir sind hier nicht in der Lage, die volle Berechtigung der gegenseitig erhobenen — teilweise sehr schweren — Beschuldigungen zu prüfen, und geben deshalb auch gerne zu, daß manches, was. dem „Vereinigten Jüd. Wahlkomitee" vorgeworfen wird, berechtigt sein mag. Wie dem aber auch sei, rechtfertigen läßt sich die unerhörte Schärfe, und widrige Art des Kampfes auf keinen Fäll, und die gegenseitigen Beschimpfungen und Verleumdungen sind keinesfalls geeignet, das Ansehen'her Warschauer Judenheit bei den Polen sowohl Äs auch bei den deutschen Behörden zu steigern. Es trat in dieser ganzen Episode eine Demagogie zwtage, deren Beseitigung, wie wir glauben,, eine her wichtigsten inneren Aufgaben der polnischen Judenheit wird bilden müssen. Das „Jüdische Volkskomitee", das ursprünglich .für alle Kurien besondere Kandidaten aufstMen wollte — wodurch das Kompromiß mit den Polen in Gefahr gebracht worden wäre —, hat dies schließlich nur für die sechste Kurie getan, und auf ihrer Liste stehen einige Männer, deren Aufrichtigkeit und politische Einsicht uns an einen gewissen Teil von Berechtigung in den Behauptungen des „Volkskomitees" glauben läßt. Das genaue Resultat dm Wahlen in der 6. Kurie kennen wir im Augenblick noch nicht. An dem gesamten Charakter des Stadtrats kann aber das Ergebnis nicht mehr viel ändern, und das wichtigste Resultat der.Wahlen war durch die Einigung mit den Polen, bereits bestimmt. Mes in allem darf man — trotz mancher Fehler und unerfreulichen Erscheinungen — mit dem Llusgang hm Wahlen zum Warschauer Stadtrat zufrieden sein und darin eine Gewähr fiir eine günstige politische Fortentwicklung der polnischen Judenheit für die Zukunft — sowohl nach außen wie nach innen — erblicken. Die jüdische Lage in Nutzland. Von Bcn-Jephune. In der letzten Zeit hat sich die jüdische Läge in Rußland allmählich, aber merklich verschlechtert. Es war vorauszusehen, daß die Reaktion durch die großangelegte Offensive in Wolhynien uno die damit verbundenen Anfangserfolge eine bedeutende Stärkung erfahren werde, die sich auf verschiedenen Gebieten bemerkbar machen würde. Die Rechte hat nun- Pläne gefaßt, die Staatsführung ganz an sich zu reißen und— gemäß ihren würdigen Traditionen — jede liberale Forderung im Keinre zu ersticken. So arbeitet der Führer Stürmer-Pan in geheime Pläne aus, die gegen die schwergeprüften Juden gerichtet sind. Zunächst hat er den Vorsatz, die den jüdischen Heimlosen gewährten Erleichterungen — es ist ihnen in eini- *) Nach eben eingetroffenem Berichte sind 4 Kanich» baten des „Jüd. Bolkskomitee" gewähtt worden,