Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 27 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite 2. MrarlitischeS KamiltoMM. Nr. 27. gedrungen zil leisten sich bemühen. Man sage, was man wolle, wir können diese Haltung nicht als iHeanschen, die sich der Aufgabe der gewaltigen Stunde, ihrer Größe und Bedeutung würdig gezeigt hat. Es tut uns sehr leid, dies sagen zu müssen. Vielleicht hätten wir auch weiter geschwiegen, trotzdem mit uns weite zionistische Kreise der Ansicht sind, daß es notwendig ist, einmal über die Dinge in aller Offenheit zu sprechen und zu versuchen, gut zu machen, was noch gut zu machen ist. Aber nachdem Herr Berger es für nötig gefunden hat, öffentlich in der schärfsten Weise den Stab zu brechen über alle bisher in der polnisch-jüdischen Frage geleistete politische Arbeit, wäre es unverzeihlich, wollten diejenigen, die mit der Haltung der Leitung nicht einverstanden sind, auch weiterhin stumm bleiben. Wir wollen heute auf Einzelheiten nicht näher eingehen. Wir hoffen, daß in offener Aussprache nunmehr eingehend über diese Dinge gesprochen werden wird; es kam uns heute nur darauf an, im Anschluß an die Bergerscheu Ausführungen endlich einmal zu der Haltung der Leitung des deutschen Zionismus Stellung zu nehmen und auf Fehler und Unterlassungen hinzuweisen, die--dauernd fortgesetzt und zum Prinzip, zum Verdienst erhoben — dem deutschen Zionismus und dem Zionismus überhaupt schwersten, unberechenbaren Schaden zufügen müssen. Eine Rede Jacob H. Schiffs. Jacob H. Schiff hielt bei der Einweihung des Jüdischen Zentralgeüäudcs die folgende Rede: . „Hunderttausende der drei Millionen Juden Amerikas meinen, - daß ein Jude keine andere Pflicht habe, als Jude zu sein; — nicht Jude durch die Religion, sondern durch Führung eines besonderen Lebens und durch Ausschluß von der amerikanischen Nation. Das ist ganz falsch, — und wenn darauf beharrt wird, so werden ungezählte Leiden über uns kommen. Ich meine nicht die körperlichen Leiden, die unser Volk in Rußland und in Polen betroffen haben, sondern seelische Leiden, die ärger sind. Wenn wir unser Judentum nur als Religion und als nichts anderes auffassen, dann werden unsere Nachkommen — glaube ich — große Leiden erdulden. Hätten die russischen und die polnischen Juden sich nicht abgesondert und beiseite gehalten und nicht eine besondere Sprache gesprochen, — dann hätten die Leiden, denen sie ausgesetzt waren, keinen solchen Grad erreicht. 'So auch hier. Wenn Hunderttausende der Juden in Amerika nicht von ihrer jiddischen Sprache lassen und sie nicht nur in ihren Häusern sondern auch in Volksversammlungen und in Schulen sprechen, wird schweres Unglück über unser Volk kommen. Wir werden tatsächlich ein eigenes Volk bleiben. Das darf nicht sein. Wir müssen erkennen, Laß wir Amerikaner sind, wir müssen wollen, daß unsere Kinder Amerikaner sein müssen. Wohl sollen unsere Kinder ihre Religion lieben; aber sie müssen englisch sprechen und lesen und sich den amerikanischen Sitten anpassen." Die New Porter „Wahrheit" bemerkt zu dieser Rede: „Jacob H. Schiff macht mächtige Fortschritte. Er ist bereits soweit, daß ec eine klare Rechtfertigung für die russische Pogrompolitik gefunden hat. Und wer weiß, wie weit er noch kommt, wenn er es weiter als seine Aufgabe ansehen wird, alles Jüdische im jüdischen Volke mit Ausnahme der - Barmizwah zu unterdrücken. In seiner gestrigen Ansprache ging Schiff weiter als in allen seinen vorhergegangenen Reden. Jeder amerikanische Jude wird diese Rede als ein Verbrechen empfinden. Wir sehen nicht ein, warum die wütendsten russischen Regierungsblätter diese Ansprüche nicht abdrucken und recht weit verbreiten sollten. Und gewiß ist auch kein anderer Grund vorhanden, warum Burnett und andere amerikanische Feinde der Einwanderung diese Rede nicht auswendig lernen und in alle Teile des Landes verbreiten sollten. Keine besseren und gewichtigeren Argumente gegen die Einwanderung und besonders gegen die jüdische Einwanderung, hätten sie sich wünschen können. Und wenn diese Argumente von einem Manne wie Schiff kommen — einem Philanthropen und einem, der als Vertreter der Juden angesehen wird —, dann sind diese Aeußernngen von ganz unschätzbarem Wert! Jacob H. Schiff ist einer der bedeutendsten Juden Alnerikas. Er hat ohne Zweifel große Verdienste und verdient die-Achtung, die die Juden ihm entgegenbringen. -Aus diesem Grunde'verursachen solche Reden nicht bloß Schmerz, sondern tun gewaltigen Schaven. Es ist bitter genug, jvenn ein dünkelhafter Rabbiner die neu ' angekommenen Juden prüft, ob sie die für die Einwanderung vorgeschriebenen Kenntnisse besitzen, aber wenn ein Jude von der Stellung Jacob Schiffs ejne Rede hält, in welcher die Verleumdung ausgesprochen wird, die Juden Amerikas seien nicht patriotisch, dann wird die Sache tatsächlich ganz gefährlich." DielKougretzbeweguug irr Amerika. Die Konferenz in Philadelphia hätte beschlossen, den jüdischen Kongreß auf Ende dieses Jahres einzuberufen. Das „Jüdisch-Amerikanisches Komitee", dessen Millionär-Mitglieder und deren Leibeigenen der demokratische Llufbau des Kongresses nicht genehm ist, will dem Kongreß den Weg verlegen und hat deshalb die jüdischen Vereinigungen Amerikas zu einer Konferenz im Monat Juli eingeladen. Die Konferenz soll Mittel und Wege finden, den Juden überall die Gleichberechtigung zu erringen. Gezwungenermaßen soll auch die Forderung, daß die Juden dort, wo die einzelnen Völkergruppen besondere Rechte haben, auch für sich die gleichen Rechte verlangen können, vertreten werden. Aus den gleichen Gründen — um den Jüdischen Kongreß unmöglich zu machen — hat das Jüdisch-Amerikanische Komitee die Zahl seiner Mitglieder ganz bedeutend, nämlich auf 200, vermehrt. Mit all' diesen Dingen haben die Selbstherrscher des Jüd.-Amerik. Komitees also nur scheinbar nachgegeben. Sie sehen, daß sie sich der Masse erst einmal fügen müssen.. Selbstverständlich warten sie stets auch den Augenblick, der es ihnen erlaubt, wieder das Rad zurückzuschrauben. Deshalb wäre es auch zu bedauern, wenn der von der Masse gewollte Kongreß durch das Nachgeben des Jüd.-Amerik. Komitees zunichte würde. Die Krisis im Zionismus.*) Wenn ein Volk dazu übergeht, eine wesentliche Aendcrung seiner allgemeinen Lebensbedingnngen herbeizuführen, die weniger den Ausführenden selbst, als erst den nachfolgenden Generationen zu Gute kommen soll; so ist dies ein Zeichen, daß das Volk noch zu den starken, lebenskräftigen Völkern gehört, — und nur in dem Verhältnisse, in welchem die Stärk eine tatsächliche und im Innern wurzelnde, nicht eine nur von seiner Literatur und Journalistik wiedergegebene ist, wird es Erfolg erzielen können. Mn jeder Plan, der die Zukunft eines Volkes zum Gegenstand.hat, geht also von der Voraussetzung aus, daß das Volk stark ist, d. h. daß es den Willen zu seiner Zukunft und den Glauben an sie besitzt. Dies und nichts anderes nennt man die „national« Idee", und dort wo sie fehlt *) Die beachtenswerten Ausführungen unseres gesch. Mitarbeiters betreffen eines der wichtigsten Probleme des Zionismus, das sie allerdings nur unter einen» einzigen bestimmten — wenn auch sehr wichtigen und prinzipiellen — Gesichtspunkt beleuchten. Der Artikel begnügt sich damit, auf das Problem hinzuweisen, eine Lösung will er nicht geben. .Allein es ist klar, daß ihm eine Lösung Legeben werden muß, und wir glauben, daß früher oder später — hoffentlich möglichst bald — der Zionismus sich vor der Notwendigkeit der Entscheidung dieser Frage befinden wird. Wir wollen heute nicht näher darlegen, wie wir uns die uns allein möglich erscheinende Lösung denken, es ist besser, diese Frage im Zusammenhang mit der Prüfung so mancher anderen Grundfragen der zionistischen Politik zu erörtern, die -nach dem Kriege noch not tun wird. Wir begnügen uns denn für jetzt mit der Bemerkung, daß beide Aufgaben, die der Aufsatz als . die grundlegenden, wenn auch, teilweise einander entgegengesetzten, des Zionismus aufweist, von ihm^erfüllt werden müssen, und daß es für ihn eben notwendig sein wird, seine Tätigkeit und Politik so zu gestalten, daß. er beiden Aufgaben gerecht wird. Aus der Erkenntnis dieser Notwendigkeit Und der Anwendung auf die Praxis, ergibt sich dje Kritik der zionistischen Politik von heute, ergeben sich auch die Richüinien, nach denen eine Umgestaltung und teilweise Neuorientierung wird erfolgen müssen. < Die Redaktwn. i st jeder Versuch, die Zukunft zu gest a l t c ii, e i ii B a u e n a u f S a n d. Bei allen starken Völkern, tritt die nationale Idee auf in dem Glauben an eine ganz bestimmte Mission, eine Aufgabe gerade dieses Volkes. „Es ist eigentümiich, aber unleugbar", sagt Rncdorfer in seinem klugen Buch über die „Grundzügc der Weltpolitik", „daß jede Nation, welche stark, stolz und ihrer Eigenart hewußt, also im wahren Sinne des Wortes Nation ist, sich ftir den einzig wahren, dey besten Vertreter der menschlichen Kultur überhaupt, für den Vertreter der Menschheitsidec selbst hält und als aüserwähltc Nation der beste, der einzig richtige Weg zur Menschheit zu sein behauptet". Hierbei ist es völlig ohne Unterschied, ob man, wie „jeder Engländer eine» naiven und unerschütterlichen Glauben an die Mission Englands - zur Beherrschung des Erdkreises" besitzt und „nicht das geringste Verständnis dafür hat, daß irgend eine andere Nation unzufrieden damit ist;" oder ob man, wie der ^Deutsche nach dem Worte des- Kaisers „glaubt, daß die . "Welt am deutschen Wesen genesen wird;" oder schließlich, ob man sich für das anscrwählte Volk Gottes hält und unerschütterlich den Tag erwartet, an welchem nach dem Worte des Propheten die Völker wieder wandeln werden bei dem Lichte, das 'von Zion ausstrahlt. Ganz .gleich, welche besondere Formen dieser Glaube bei den einzelnen Völkern zeitigt: im Wesen ist er hier wie da der gleiche und nichts anderes als die „nationale Idee." Der Zionismus nun ist eine Bewegung, welche in ungleich größerem Ausmaße als je geschehen für ein Volk eine Aenderung der allgemeinen Lebensbedinaungen erstrebt. Während bei einem normal sich entwickelnden Volke die nationale Idee zu einer' normalen Expansion führt, die allmählich und schrittweise um sich greift und lediglich das Bestehende ausgestaltet, die Gegenwart also grundsätzlich bejaht und sie nur erweitert, wird durch den Zionismus die gaiM Gegenwart negiert und bekämpft. Hier gibt es kein Anbahüen, sondern nur ein Neuschaffen. Hier kann nicht jene urgewaltige Kraft entflammen, hie durch das Leben auf eigener Scholle und durch die Arbeit Schulter an Schulter sich selbst stets .ueugebärt, hier soll erst in einer fernen Zukunft die eigene Scholle und das Nebeneinander die grauenhaft arme Gegenwart mit seiner räumlichen, sprachlichen und seelischen Zerrissenheit überwinden. Eine solche Zukunft, eine solche Umkehr und Abkehr zu wollen und an -eine s olchc Weltenneuerschaffung zu glauben, ist etwas Zlngeheuerliches und noch nie Dagewesenes. Die bloße Konzeption an sich ist so gewaltig, ist ein solches Sichaufbaumen gegen die erstarrte Masse des Gewordenen, das man errät: nur ein Volk; das in jahrtausendelangem Kamps seinen Willen zu seiner Zukunft und seinen Glauben an sie sich unerschütterlich und siegreich bewahrt, seine nationale Idee nicht verloren und den Glauben an seine Auserwähltheit. hochgehalten hat, gegen eine Welt von Feinden — nur ein solches Volk kann ihr Träger sein! Aber zweierlei ist es, eine Konzeption zu formen und sie zur.Tat werden zu lassen. Ist der Glaube an die Auserwähltheit hcs 'jüdischen Volkes noch. so ungebrochen, daß er über die Konzeption hinaus zur Wirklichkeit führen kann? Denn imr an dieser mißt sich die Stärke eines Volks, und das vom Zionismus Geschaffene ist stets nur ein getreuer Spiegel der vorhandenen Kräfte im Volke:. Es ist kein.Zweifel, daß wenigstens im Weskn die nationak Idee den Juden.für eine Zeitpause verloren ging. Schon daß man Wer ihr Wesen heute ach so unfruchtbare Debatten führt, zeigt, wie sie jn Frage steht Solange die Juden abgeschlossen von den anderen Völkrn lebten, war ihr Glaube 'an ihre Auserwähltheit nie ins Wankn gekommen. Das allein gab ihnen, wie Achad Haam sagt, „die Fähigkit, die Feindschaft und die äußere Niedrigkeit zu ertragen, ohne dadurch in eine innere inoralische Niedrigkeit zn verfallen, da sie sehr' wohl wußten, wofür sie litten." Das wurde mit einem Schlage anders durch dk Emanzipation, deren Folgewirkung den Bestand des Judentums mehr in Frage stellte, als selbst der Antisemitismus je vermochte. „Unsere Annäherung an dieanderen Völkern und ihre Kultur mußte wider unseren Willen den Glauben in uns untergraben, daß alle Völker außer uns in dk Irre gehen und wir allein die alleinseligmachende Wahrheit in Händen haben." Wir verloren den Glauben an unsere Auserwähltheit und damit unsere nationale Idee überhaupt. Und wenn über das Wort Assimilation geredet wird, so muß dies beachtet werden, denn dies allein gibt von ihr ein klares Bild. Assimilation ist Anähnlichung und Aufgabe der .Mgenart. Aber unsere Eigenart war nicht Sprach; uich Sitk (das war Forin), und daruin ist Assimilation in ihrem Wesen nicht die Nachahmung fremder Aitkn und die Anpassung an die Umgebung. Unsere Eigenart war der heilige Glaube, daß am jüdischen Wesen die Welt genesen werde, imd daß wir diesen Glauben an unsere.Auserwähltheit verloren, daß unsere nationale Idee zusammenbrach, daß wir auf juitfere nationale Zukunft verzichteten, r-;baät»:ar die Assimilation. Darum bedeutet der Zionismus den Kampf gegen die Assimilation: nicht weil er an Stelle deutscher Sitten in Deutschland hebräische Sitten stellen und pie Juden zwingen will, nach dem „Vorbild der Gasse des Ostens jüdisch zu leben", wie die Jüdische Rundschau vom 12. Mai 191(T meint, (das ist Form, nicht Wesen, und überdies schemenhafte Konstruktion, die nie zum Leben erwacht), sondern, weil er die nationale Idee, die Idee der jüdischen Zukunft wieder in den Vordergrund des Mischen Lebens stellt. Es.ist auch iwtwendig, Wer diese Idee selbst noch etwas auszusagen. Es ist has Schicksal aller Ideen, daß sie in dem Bemühen der Menschen, ihnen Form zu geben, entstellt werden und entgleikn. Dies droht auch der nationakn Idee. Auch hier beginnt die Idee nicht unvermittelt, in Urreinheit zu bestehen, ein Tempel