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Neue jüdische Presse · 1916-07-14 · Heft 27 (14.7.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 27 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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In -er vor kurzem erschienenen dritten Nummer -cs „Juden" veröffentlicht (an leitender Stelle) Herr Julius Berger einen Aufsatz: „Deutsche Juden und polnische Juden." Herr Julius Berger ist Mitglied des Zionistischen Zentralbüros in Berlin; ^er war im /Aufträge desselben in Warschau nnd anderen Städten des okkupierten Gebietes gewesen, er hat nach seiner Rückkehr in zionistischen Bertranensmänucrversammliliigcn über das polnisch-jüdische Problem referiert; man hat also das Recht, seine Ausführungen als für den Standpunkt der Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland maßgebend und repräsentativ zu betrachten. Da aber bis heute andere offizielle oder offiziöse "Aeußcrungen desselben zu der Ostjudenfrage nicht vorliegen, da ferner die Stellungnahme der zionistischen Leitung zu diesem Fragenkomplex uns von höchster Bedeutung erscheint, halten wir es für geboten, aus den Bergerschen "Aufsatz näher einzugehen, wobei wir nochmals betonen, daß wir es nur unter dem Gesichtspunkt tun, daß' er als ein wenn auch nicht unmittelbares Pronuuciament der zionistischen Leitung anznnehmen ist. Der — gut geschriebene und in all seinen Ausführungensehr beachtenswerte — Aufsatz des Herrn Berger ist säst ausschließlich, kritischer Natur. Er übt Kritik an der Tätigkeit, die die deutschen Juden bisher in der Ostjudenfrage entfaltet haben, an dem vielen, was unterlassen wurde, an den Anschauungen über die polnischen Juden, die in weiten ceutsch-jüdischen Kreisen vorherrsche», er kritisiert die philanthropische Arbeit, er kritisiert die politische Arbeit, kurzum: er kritisiert alles. Sehr vieles an dieser Kritik ist durchaus richtig und zutreffend; tvas Herr Berger über die Organisation -cs jüdischen Hilfswerks in Polen sagt,, was er gegen die Legenden von der Unehrlichkeit des jüdischen .Händlers nnd der Unsittlichkeit der jüdischen Mädchen vorbringt, ist sehr berechtigt und zeugt von einem offenen Blick für das Notwendige nnd — was nicht minder ivichtig — von einer tiefen, ehrlichen Liebe zum polnischen Judentum. Hätte Herr Berger sich auf diese Kritik beschränkt, man hätte seinen Worten rückhaltlos beistimmen können. Er aber tat mehr und hielt es für notwendig, in scharfer — beinahe verletzender Art — auch die politische "Arbeit, die von jüdischer Seite in Deutschland in der Ostjudenfrage geleistet wurde, anzugreifen; und 'hier ist der Punkt, an dem wir nicht mehr folgen können. Die Kritik des Herrn Berger richtet sich hier vonehmlich gegen zwei Gruppen: zunächst gegen das unter dem Vorsitz von Herrn Dr. Franz Oppenheimer wirkende „Komitee für den Osten" und sodann gegen all' jene jüdischen Publizisten, die in der deutschen Presse für die Sache der polnischen Inden Sympathien "zu erwecken suchten. Herr Berger. nennt zwar weder das „Komitee für den Osten" noch auch jene Publizisten mit Namen; rtztseres Erachtens hätte er besser getan, sie wohl zu nennen; denn jene beliebte Art der Polemik, die stets nur von „gewissen Leuten" und „bestimmten Herren" spricht und unter der Vorallssetzung, daß alle Welt weiß, iver gemeint sei, sich doch vorsichtig hütet, Namen zu nennen, scheint uns wohl bequem, aber wenig vornehm zu sein. Allein diese Bemerkung.gilt nur der Art der Polemik, sachlich,* ändert ja die Weglassung der Namen wenig, denn solvohl Berger tote die Angegriffenen wissen ja sehr wohl, um was es sich handelt. Nun haben lvir keinesfalls die "Absicht, uns hier zu Verteidigern des „Komitees für den Osten" anszuiverfen oder auch mir der einzelnen Schriftsteller, gegen die sich B. wendet. Denn lvas das „Komitee" betrifft, so sind wir garnicht in der Lage, seine Tätigkeit im einzelneil zu beurteilen, weil uns die genaue Kenntnis all dessen, was es getan und unterlassen hat, fehlt; und beu Schriftstellern können wir getrost ihre Verteidigung gegen B. selbst überlassen. Für uns handelt es sich hier um ein anderes, Wichtigeres, Prinzipielles: um die Feststellung, - aß diese Kritik B's das einzige Positive ist, was er selbst und. — er ist uns ja hier nur Repräsentant -er zionistischen Leitung- — w a s diese s e l b st in p o li ti - sch cr Hin s ich t -a nf - e in Gebiet der O stj ud e »frage n n t e r » o m m e n h a t und — was wichtiger ist zu unternehmen gewillt ist. Als die westrnssischen Gebiete durch die Zentrallnüchtc erobert wurdeit nrid die Ostjudenfrage in ihrer gegenwärtigen Frage akut ward, hat eswohl keinen Zionisten in Deutschland gegeben, der nicht mit Bestimmtheit eine baldige und energische "Aktion oder Stellungnahme der zionistischen Leitung in dieser Frage erivartet hat. Denn schien es nicht ganz selbstverständlich zu sein, daß die zionistische Organisation, -ie einzige, die die natioiralc Solidarität aller Juden der Welt proklamiert, die an einer günstigen, im Sinne der jüdisch-nationalen Forderungen gestalteten Lösung der Ostjudeufrage mehr Interesse hat als jede andere, daß sie sofort mit aller Energie sich dieser Frage znivenden und den Böden für ihre günstige Regelung vorzubereiten Helsen würde? Uns war es von vornherein verständlich, daß die Leitung der G e s a m t o r g a n i s a t i o n als solche aus verschiedenen, allen verständlichen Gründen nicht diese politische "Arbeit würde leisten können. Was aber hinderte die Zionistische Bereinigung für Deutschland, dies zu tun? Wenn Herr Berger seinen Aufsatz mit der Erklärung beginnt, daß der Krieg den deutschen Juden die „große Aufgabe als ihr Recht und ihre Pflicht gestellt hat: an der Lösung der Jndenfrage in Polen mitznwirken", für. wen bestand diese Allfgabe in höherem Maße, wer hat ein größeres Recht und eine größere Pflicht, an ihrer Lösung mitzuwirken, als -er deutsche Zionismus? Was geschah jedoch statt dessen? Monat auf Monat verging- — nnd nichts geschah. Man hörte zwar von einem von Zionisten gegründeten Komitee, das. seine Tätigkeit speziell der Ostjudenfrage widmen sollte, aber schon bald darauf erfuhr man von dem A'nstrilt der meisten zionistischen Gründer; in der deutschen Presse setzte eine eifrige Erörterung der polnisch-jüdischen Frage ein, wer sich nicht im geringsten daran beteiligte — außer durch Artikel in der internen. „Jttd. Rundschau" — war die Zionistische Vereinigung für Deutschland. Man vernahm von-Memoranden, die der Regierung übersandt wurden, von Verhandlungen mit den Polen, von Reisen deutsch-jüdischer Politiker nach-Warschau und anderen Städten der okkupierten^ Gebiete, — immer aber war der deutsche Zionismus unbeteiligt au alledem, stand er untätig zur Seite und — übernahm statt dessen die weniger ehrenvolle und fruchtbare Aufgabe, an allem, was geschah, Kritik zu üben. Das „Komitee für den Osten" wurde in Wort und Schrift,, in Vertrauensmännersitzungen und versteckten Andeutungen der „Rundschau" angegriffen und seine Tätigkeit aufs schärfste verurteilt; -ie in führenden deutschen Zeitungen von jüdischen Publizisten — meist Zionisten — veröffentlichten Artikel zu Gunsten der polnischen Juden wurden kritisiert, was geschah, ward als schlecht erklärt, selbst aber tat man so gut wie nichts. Wir sind keinesfalls gegen die Kritik; aber wir meinen, daß man mit Kritik allein noch nichts erreicht außer allseitigein Unwillen und unfruchtbarem Zank. Wir stimmen gerne so manchen Forderungen der zionistischen Kritik bei, vor allem der, daß alles, was in Deutschland zu Gunsten der polnischen Juden unternommen wird, im Einverständnis mit ihnen und nicht in Form irgendivelcher Bevormundung unternommen werde: aber jvir fragen, warum der deutsche Zionismus nicht mit gutem Beispiele ooraugehe? Warum zeigt er nicht, wie .die "Arbeit geleistet werden soll? Warum begnügt man sich mit der bloßen Kritik? Wenn man all -ie Sticheleien und Angriffe gegen alle die, die etwas überhaupt getan haben, hört, wenn man liest, tote alles, was geschehen ist, sonder Ausnahme — unü sehr viel war doch gewiß in bester "Msicht unteruomnien, so manches auch mit gutem Erfolg durchgesührt worden — in den Staub gezerrt ivird, darin kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, als ob hier die Kritik zum Prinzip, das "Abseitsstehen zur Regel erhoben wird und als ob man jeden, der in der polnisch-jüdischen Frage politisch sich beteiligt, einfach schon deswegen angreift, roeil er sich betätigt. Das aber scheint uns doch eine unhaltbare Stellungnahme zu sein, heißt die eigenen Unterlassungen als Methode zu proklamieren und aus der eigenen Untätigkeit s i ch g a r ei n B e r d i e n st nr a ch e n; uns scheint, keine Haltung könnte für den deutschen Zionismus, falscher und schädlicher sein.. als die jetzt Üon seiner Leitung geübte. Und leider bestätigt der Bergersche Artikel die Befürchtung, daß siegewillt sei, die gegenwärtige Haltung auch weiterhin zu bewahren. Tenn nicht nur, daß B. mit keinem Wort von der positiven Arbeit, die der deutsche Zionismus leisten sollte oder leisten will, spricht, erklärt er am Ende seines Aufsatzes gar, daß politische "Arbeit garnicht not tut. „Es ist ganz unnötig, cs ist wahrscheinlich auch verkehrt" — meint er — „mit den politischen Aufgaben anzufangen. Beginne man mit dem Hilfswerk." Man traut seinen "Augen nicht im ersten Moment, da man dies liest. Ties schreibt ein Zionist, Mitglied des*zionistischcn Zentralbüros? Wenn das der Sekretär des Hilfsvereins oder des Zentralvereins geschrieben hätte, es wäre begreiflich. "Aber während der Hilfsverein neben der philanthropischen Arbeit schon jetzt politisch in der polnisch-jüdischen Frage sich betätigt, erklärt B. politische Arbeit in der aktuellsten, bedeutsamsten, historischsten Frage der jüdischen Politik für oerlehrt. Und dabei rühmt sich doch der Zionismus, die einzige politische Bewegung im Judentum zu sein, ist er doch stolz darauf, an Stelle der philanthropischen Arbeit die politische gesetzt zu haben. Jetzt aber, da die Stunde zur großzügigen politischen Arbeit gekommen ist, wie sie in dieser Bedeutungsschwere und Größe seit der Entstehung des Zionismus noch nie da war, jetzt, da alle Welt gespannt auf die politische Tätigkeit des Zionismus, der doch Repräsentant des Gesamtjudentums sein will, harrt, jetzt erklärt man alle politische Tätigkeit als „verkehrt" und greift alle diejenigen an, die sie, da die Organisation sie nicht leisten will, not- 810444

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