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Neue jüdische Presse · 1916-07-07 · Heft 26 (7.7.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 26 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Rr 26 Insassen bei den guten Trebanobitzern erregten. Schütz entzog sich absolut allen Anfragen und Begrüßungen, mdem^er, obwohl er unter der Botmäßigkeit der edlen Jurisprudenz stehend, einfach kurzen Prozeß machte und den schlanken Doktor schleunigst allen neugierigen Blicken in seine Junggesellenstubc entführte. Hier konnten die Freunde bei behaglichem Mahle' ungestört in Jugenderinnerungcn und Zukunftspläncn chwelgen. Es war eine gute, alte Freundschaft, die da wieder bei einer leidlichen Marke Chabils aufs neue besiegelt wurde. Wohl über ein Vierteljahrhundert hatten die Eltern der jungen Leute Haus bei Haus in freundlicher Gemeinschaft gewohnt. Der Klempnermeister Scholz ivar ein fleißiger, sparsamer Mann; leider starb ihm sein Weib in jungen Jahren weg, und sein Hans >vuchs auf ivie der Baum im Walde, einsam und allein, aber auch imld und kräftig. Die Kantorsfrau dauerte der mutterlose Knabe, und obschon ihö die eigene kleine Schar vollauf Arbeit schuf, fand die Frau doch hin und ivider Zeit, bei dem 'Hansel zum Rechten zu sehen, ihm die Knöpfe anzunähen oder seiner Jacke die ewigschadhaften Ellenbogen neu einzuflicken oder gar — mit Verlaub zu sagen — einen rebellisch gewordenen Hosenboden wieder gehörig einzudämmen. Dafür bedankte sich dann der erkenntliche Vater seinerseits, indem er die nötigen Reparaturen im Kantorhause unentgeltlich besorgte, während der Hansel durch Wiegen und Herumschleppen der kleinen Goldmänner unermüdlich die Schuld seiner Dankbarkeit so recht im eigentlichen Sinne des Wortes „abtrug". Als später einmal Max Goldmann, umgürtet mit dem ganzen Stolze seiner Tertianerwürde, bei einem Ferienausfluge in den Teich fiel und Hans, sein Schulkanierad, ihn wieder herausfischte, wuchs die freundliche Teilnahme der 'Goldmanns für den Nachbarssohn zu herzlichster Zuneignung empor. 'Kein wohlgefülltes Kistlein durfte fortan aus dem Kantorhause nach Kreuzburg abgehen, ohne der wirklich überflüssigen Weisung zu ermangeln, anläßlich der lieben Festtage den Inhalt mit Gesundheit zu verehren und auch ja mit dem guten Hans zu teilen. Und da im selben Jahre Hans Scholz die große Torheit beging, zur Weihnachtszeit sich ein garstiges Fieber mit nach Hause zu schleppen, da ivar es wiederuni Frau Lea, die den alten Jungen uiütterlich pflegte, und die unter den Tauben und Hühnern Kronstadts ein fürchterliches Blutbad anrichten ließ, um deni Genesenden Kraftbrühen zu bereiten. Das Verhältnis unter den beiden Schulkameraden entwickelte sich als die einfachste Schutz- und Trutzbrüderschaft von der Welt. In den Schulstunden unterstützte der Jude heimlich den Gefährten mit seinem Wissen, in den „Freipausen" beschützte der Christ den Freund offen mit seinen Fäusten. (Fortsetzung folgt.) Die Töchter des Rabbi Gerson. Nach einer wahren Begebenheit aus der Zeit des Russeiieinfalls in Galizien. Bon HeinrichBachrach. (Schluß,) „Bringe mir etwas Suppe, Kindt" — Drinnen hätte man sich schweigend zu Tische gesetzt. Schweigend aß man, ohne Freude und ohne Appetit. Nur das Knistern der Sabbatlampe war hörbar. Plötzlich pochte es an die Haustüre. Rauh und herrisch rief eine Stimmen „Oeffnen!" Rabbi Gerson und Esther wechselten einen bedeutungsvollen Blick. Ein Schrecken war^ ihnen in die Glieder gefahren, daß sie nicht aufzustehen vermochten. Da pochte es zum zweiten Male, stärker. Es war ein Gewehrkolben, der an die Türe schlug. Esther erhob sich, wollte hinausgehen. Rabbi Gerson kam ihr zuvor. Stolz und aufiecht ging er zur Türe. Was er befürchtet hatte, war eingetroffen: draußen standen russische Soldaten. Einer herrschte ihn an: ,_' „Warum brennst Du Licht, Jude!" „Es ist heute Sabbat!" „Schweig' Hundeblut, den Oesterreichern hast Du Signale damit gegeben. Du bist verhaftet — marsch!" Mit rauher Hand hatte ihn einer gepackt und zog ihn fort. „Willst Du nicht das Judennest ansräuchern, Sergei?", fragte einer den Korporal. „Und damit den Oesterreichern zeigen, daß wir hier sind! Nein, wir werden warten, bis es Tag ist'" „Laßt mich doch wenigstens von Frau und Kindern Abschied nehmen", bat Rabbi Gerson. :. Da sauste ein schwerer Hieb auf seinen Rücken. Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. In diesem Augenblick kamen die drei Mädchen heraus, es hatte sie in der Sorge um den Vater nicht mehr in der Stube gelitten. Mit schnellen Schritten ging Esther auf die Soldaten zu. Ihre Augen blitzten. „Was wagt ihr es, meinen Vater zu schlagen?" Betroffen wichen die Soldaten etwas zur Seite, aber nur für einen Augenblick, um so ungestümer zogen sie dann Rabbi, Gerson mit sich fort. „Was die Judenkröte für Augen hat!" sagte Sergei. Er verzog sein Gesicht zu einer teuflischen Grimasse. „Wird sich Panjc Michael Alcxandrowitsch freuen!" „Geht nach Hause, Kinder", sagte Rabbi Gerson, „Gott wird mich nicht verlassen!" . „Nein Vater", antwortete Esther, .„wir gehen mit, um Deine Unschuld zu - bezeugen." Weinend gingen sic hinter den Soldaten her. Man Ivar bald ani Ziel. In einer Scheune hatte sich der Stab einquartiert. Dort hinein führte man Rabbi Gerson. Die Mädchen blieben in tausend Aengsten draußen stehen. Nach 'geraumer 'Zeit kam der Korporal zurück. Esther hielt ihn an, fragte mit bebender Stimme: „Was wird mit Vater?" „Erschossen!" versetzte der Russe gleichmütig und ging weiter. Ein Aufschrei aus drei Kehlen folgte, weinend -hielten sich die Schwestern umfangen. Esther meisterte zuerst ihren Schmerz. „Ich werde hincingehen", sagte sic, „wartet hier." Aber die beiden anderen wollten sie nicht allein gehen lassen, so gingen alle drei. Drinnen saßen drei Offiziere beim Kartenspielen. Einige Kerzen erhellten mühsam den Raum; eine Unmenge Weinflaschen standen auf dein primitiven Tische. In einer Ecke auf dem Boden kauerte Rabbi Gerson. Die Mädchen stürzten zu ihm hin. „Vater!"- Erstaunt blickten die Offiziere auf. „Ach", sagte Michael Alcxandrowitsch, „was wollen die Judenweiber da. Verdammt schöne Töchter hat der Jude!" „Merkst Du was?", schrie.Piotrowsky, der Stabsarzt, „merkst Du was, Brüderchen? Der alte Halunke schickt uns seine Brut, damit wir bei einem Schäferstündchen vergessen, daß er ein österreichischer Spion ist. Nicht übel, wahrhaftig, nicht übel! — Was sagst Du, Iwan Jwanvwitsch?" „Ich meine.: Eine Ehre ist der anderen wert. Lassen wir den Juden laufen!" „Gut", sagte Michael Alexaiidrvwitsch, „lassen wir ihn laufen. Du kannst gehen, -Jude", wandte er sich an Rabbi Gerson. Dieser fiel in die Knie. „Macht mit mir, was Ihr wollt, nehmt mir mein Leben, quält, martert mich, — aber nehmt meinen Kindern nicht die Ehre L" „Scher' Dich zum Teufel, aber halte mir keine Predigt, erbärmlicher Seelenverkäufer", rief Piotrowsky, „sonst werde ich Dir die Knute zu kosten geben." Dann zog er Mijiam zu sich heran, drückte ihr ein Glas Wein in die Hand. „Trinke, mein Täubchen, trinke. Heute ist Hochzeit —. trinke, mein Täubchen!" Esther entriß dem Wüstling das Mädchen. „Ich bitt' Euch, schont das Kind", flehte sie, „kaum vierzehn Jahre ist sie alt, was wollt Ihr mit dem Kinde? Laßt sie nach Hause gehen, ihre Mutter liegt krank im Bette, sic ist ihr Ein und Alles. Nehmt mich" — ihre Stimme zitterte — „doch ich bitt' Euch, laßt das Kind!" Bittend, in einer fast wahnsinnigen "Angst, hatte sie die Arme zu den Offizieren erhoben. Rachel und Mirjam schluchzten laut. „Was die Kröten heulen", sagte Piotrowsky. Und wieder zog er Mirjam zu sich heran. „Weine nicht mein Täubchen, ich werde Dir den Mund mit Küssen verschließen!" Rabbi Gerson'streckte die Arme nach Mirjam aus. „Laßt mir mein Kind!" Wütend schlug der Stabsarzt nach ihm, aber der Schlag traf nicht. „Geh' nach Hause", flüsterte Esther ihm zu, „und — grüße die Mutter!" Rabbi Gerson wankte hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen! Vier Männer schoben einen Karren, auf dem ein roh gezimmerter Sarg stand. Geistesabwesend schritt Rabbi Gerson daneben her; sein Gesicht war eingefallen Seite 5. und seine Gestalt gebückt. Den Bart zerzauste der Wind. Man trug Hanna, sein Weib, zur letzten Ruhe. Sie hatte die Schmach ihrer Töchter nicht lange überlebt. Rabbi Gerson, der kluge, scharsiinnige Rabbi Gerson konnte nicht mehr denken. So wirr und leer war es ihm jm Kopfe, und es flimmerte ihm vor den Augen. Ilm Friedhof luden die Männer den Sarg ab und trugen ihn hinein. Nicht iveit von der Tür stutzten sic — drei weibliche Leichen lagen auf dem Wege —, hielten sich im Tode enge umschlungen. Rabbi Gerson sah sie, griff sich nach dem Kopfe und fiel neben den Leichen zu Boden. „Meine Kinder, meine Kinder!" schluchzte er herzzerbrechend. Herschel sah einen kleinen Zettel im Grase liegen. Er hob ihn auf und las: „Liebe Eltern! Verzeiht uns den Kummer, den wir Euch antun, aber Ivir konnten die Schande nicht überleben. Ans Wiedersehen in einer besseren Welt!" Stumm reichte er den Zettel Rabbi Gerson hin. Der stand auf, hielt beim Lesen krampfhaft den Stamm einer Trauerweide umfaßt, während ein gewaltiger Schmerz seinen Körper erschütterte. „Es ist Esthers Schrift", sagte er tonlos. Dann raffte er sich zusannnen. "„Der Herr hat's gegeben, der .Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Herschel streckte ihm die Hand hin. „Ich leide mit Euch, Rabbi!" Rabbi Gerson lehnte sich an den Baum und sah niit leeren Augen in die Ferne, von wo das österreichische Geschützfeuer wieder verstärkt herüberdrang. „Nun ist alles tot, was ich geliebt habe", sagte er tonlos, „der Inhalt mein's Lebens ist erstorben; wo einst mein Herz war, ist ein leerer Fleck, das Blut in meinen Adern ist erfroren. — Das beste wäre, ich würde auch sterben. Aber ich will nicht sterben, Herschel; ich will leben und sehen den Tag des Gerichtes!" Feldpostbrief. Nun ist auch Schowuaus vorbei, und Ihr werdet Euch freuen, wenn ich Euch berichte, in welch' schöner und würdiger Weise ich dieses Fest begehen konnte. Es war in dem großen Tempel, in dem ich das letzte Mal gewesen bin, Militärgottesdienst angesagt worden. Ich erbat mir vom Oberstabsarzt die Erlaubnis, diesen besuchen zu dürfen. Er sagte mir darauf, dast vom Gouvernement aus bestimmt ist, dast sämtliche jüd. Mannschaften die beiden Feiertage von 7 Uhr früh bis 11 Uhr abends zu beurlauben sind. Ihr könnt Euch denken, wie freudig überrascht ich gewesen bin. Der Verband der Deutschen Juden hatte für uns Hirsorglich Pas Fest verschönert, indem er uns beide Feiertage mittags und abends ein sehr reichhaltiges Essen gab. Der Gottesdienst war sehr stimmungsvoll. Was uns allen aber sehr zu Herzen grng, war die Predigt des Herrn Dr. Carlebach aus Berlin.. Er selbst dient hier ebenfalls in Kowno bei einem Telegraphenbätaillon. Dr. C. sprach in Vertretung seines Schwagers des Feldrabbiners Dr. Rosenack. Namentlich wird mir die Predigt zu Maskir stets in Erinnerung bleiben, aber leider blieben aufregende Zwischenfälle oben bei den Frauen nicht ans. Er sprach u. a. von den Wundern und Prüfungen Gottes. Heute vor einem Jahre stand diese heilige Stätte leer, einsam und verlassen, und die tvenigen in K. zurückgebliebenen Juden mußten ihreic Gottesdienst in einsamer Stille in ihren 'Häusern verrichten. Heute sehen wir dagegen'eine stattliche, ansehnliche Gemeinde vereint mit vielen deutschen Brüdern, die als Befreier und Beschützer gekommen sind. Es war eine Glanzleistung des Redners; ich hätte gewünscht, daß eine solche Rede im Druck erschiene. Nach dem Gottesdienste gegen 1 Uhr gingen wir unter Borantritt des Herrn Dr. C. gemeinschaftlich Rach dein Festraum. Dort war schon alles sehr schön und festlich vorbereitet:, es sah aus, als ob wir uns an einer Hochzeitstafel niederlassen sollten. In vier langen Reihnr saßen zu beiden Seiten öO Kameraden und an einem besonderen Tische ca. 3V jüd. rus> gefangene Soldaten. Als erster nahm Dr. C. und ihm zu beiden Seiten einige jüd. Schwestern Platz. Der Raum selbst war nett mit Tannengrün geschmückt, und auf der Tafel standen Weine, Limonaden und Selterswasser. Zur Mauzeh lagen zwei recht ansehnliche Striezel da. Nachdem Dr. C. Kiddnsch gemacht hatte und die Manzes verteilt waren, wurdedas Eisen durch Ehrendamen der Kownoer Gemeinde, welche sich hierfür zur Verfügung stellten, gereicht. Es gab zuerst gefüllte Fische, Fleischbrühe und Mehlspeise, Geflügel und Kompott. Während des Essens hätten wir von Dr.' C. und noch einigen anderen Herren gewürzte Tischreden, und nachher sangen wir Schir Hamaalaus und dann wurde gebenscht. Fast dasselbe Menü hatten wir am selben Abend und auch am zweiten Feiertage. Als um 3 llhr die Mahlzeit zu Ende war, führte mich ein Kamerad bei einer angesehenen jüd. Familie ein. Im Hause ging es sehr nett zu und wir verbrachten dort ein paar sehr angenehme Stunden mit den Töchtern des Hauses. Wir machten mit der Familie noch einen Spaziergang, und abends ging es wieder zur Andacht und zum .Abendessen. Bis iG/r Uhr blieben wir gemütlich zusammen.

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