Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5K 24 stzcankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. mar bestürzt. Nicht nur über die wunderbare Aehnlichkeit mit dem Original, sondern über das tiefe Leben, das aus den toten Augen hervorsah, und über das berückende Lächeln, das auf den toten Lippen schwebte. Jede-Falte dieser Statuette, jede Einzelheit lebte, sah, lächelte einen an und redete. Ich blickte zu dem Kischinewer hinüber: er war plötzlich in meinen Augen um einen ganzen Kopf, um zwei Köpfe gewachsen. Ein neuer Antokolsky, dachte ich, und vielleicht noch größer als jener, wer weiß. Am nächsten Tage kam er mit einem Wagen Ton zu mir und begann zu schmieren und zu kneten. Drei, vier Sitzungen waren vorbei, und aus dem Tonberge begann ein Mensch zu erwachsen . . . ein lebender, wirklicher Mensch. In ,den Stunden, da mein Bildhauer mich modellierte, unterhielten wir uns, und ich erfuhr, daß dieser junge Mensch voll Ideen und Sujets ans der jüdischen Geschichte und aus dem jüdischen Leben steckt. Einige davon gab er mir mit künstlerischem - Feuer und echt jüdischem Temperament wieder, und man hatte nur nötig, in seine funkelnden Augen zu-sehen! „Und wozu, denken Sie, arbeite ich jetzt so eifrig? Nur, um ein wenig Geld zu sammeln und einige Jahre ruhig bei mir und nur für mich zu arbeiten, nicht'zum Verkaufe." So sprach er feurig und fügte mit Enthusiasmus hinzu: „Das ist noch nichts! Ich werde noch diesen Winter nach Amerika fahren; die Jankins raten mir dringend dazu. Dort, sagen sie, werde ich mich für drei bis vier Jahre versorgen. Wissen Sie, was drei Jahre der Arbeit nur für sich heißt, nicht für Geld, nur für die Kunst, für die Idee? Und dann eile ich nach Palästina und werde dort lange, lange nur für die „Idee" arbeiten . . ." Als ich den Menschen betrachtete; wie er schlicht gekleidet war und einfach lebte, frug ich ihn einmal, ob er schon viel „Geld" für die „Idee" gesammelt habe? „Was sprechen Sie?! Es ist im ganzen ein Jahr, daß ich arbeite, und dazu muß man solch eine Familie unterstützen! Brüder, Schwesterchen. Der eine malt, der andere Modelliert. Der ältere Bruder, sagte ich Ihnen schon, studiert in Paris, llnd der unglückliche Vater ist . . . blind." Als ich das Martyrium dieses neuen Antokolsky zu Ende gehört hatte, taten mir die Kischincwer Pogromhcldcn sehr leid: Verflucht seien eure S'churkcnköpfe! Ihr fandet einen Juden, der mit Zement handelt, nahmt ihin das Augenlicht und überließt ihm eine Anzahl befähigter, von Gott gesegneter Kinder, von denen jeder ein Antokolsky werden kann, vielleicht noch mehr! Was habt ihr gewonnen? Unter solchen Gesprächen und Gedanken bemerkte ich nicht, ivie die Zeit verstrich, und ehe ich mich dessen versah, war schon mein ztveitcs ^jJch" aus dem Ton geknetet —, und ich kann beschwören, daß es dahin blickte, wo auch ich hinsah, und dasselbe dachte, Ivas ich gedacht habe ... Die Töchter -es Rabbi Gerson. Nach einer wahren Begebenheit aus der Zeit des Russeneinfalls in Galizien. Bon Heinrich Bachra ch. Eine quälende Unruhe lag auf allen. Das ganze Dörfchen fieberte. Man sprang zum Nachbarn, tuschelte ein wenig, Gerüchte schwirrten umher, wurden durch neue verdrängt, man seufzte bei dem einen, atmete Uneder freier bei dem anderen, und keiner ivolltc glauben, daß das Schreckliche je wahr werden würde. „Gott kann das nicht zugeben", meinte man, „ist er nicht ein großer und gerechter Gott? Warum sollte er uns so hart strafen?" — Am Freitag morgen waren die Männer wie immer im 'Bethaus. „Was meint Ihr, Rebbe; konunt Euch der Kanonendonner nicht näher vor?" fragte beim Nachhausegehen der dicke Eierhändler Simche Naut den Rabbiner. Der schüttelte den Kopf. „Es ist Ostwind, der Wind jagt den Schall!" Aber er glaubte nicht an das, was er sagte. Zuhause ließ er sich schwer und müde, wie einer, der eine große Last zu tragen hat, in einen Sessel fallen, stützte den Kopf in die Hände und dachte nach, lange, lange. Esther, seine älteste Tochter, brachte den Tee herein. Er sah sie nicht. Sie ging zu ihm hin, leise und zärtlich legte sie ihn: die Hand auf die ioeißen Haare. „Was quält Dich, Vater? „Laß mich allein, Kind!" „Sage es mir doch, Vater! Warum soll ich yicht an Deinem Schmerze tcilnehmcn, der Tu doch auch immer Deine Freude mit mir geteilt hast? Hast Du nicht, wemi Du in der heiligen Schrift eine neue Schönheit entdecktest, mir diese' gleich anvertraut? Haben wir nicht wie zwei gute Kaineradcn Nächte hindurch an den Büchern des Talmuds -gesessen und uns an der erhabenen Weisheit Salomos berauscht? Ich will Dir Deine Sorgen tragen helfen, Vater! — Hast Du mich nicht immer Deine große, starke Tochter genannt? — Sollte ich auf einmal so schwach geworden sein?" Von der Straße drang Pferdegetrappel und Wagengcrassel herein. Rabbi Gerson sprang auf und eilte ans Fenster. Esther folgte. Draußen zogen Munitionswagcn, Kanonen und Reiter vorbei; dahinter folgten endlose Kolonnen Fußsoldaten. „Das ist mein Schmerz", sagte Rabbi Gerson, „ich habe es vorausgesehcn! Die Oesterreicher ziehen sich zurück, und die Russen werden wohl bald hier sein!" Esther erbleichte. Sie preßte die Stirne an die Fensterscheiben. Gleich Schemen wälzte die graue Masse sich vorbei. „Wie müde sie aussehen!" dachte Esther, und unwillkürlich verglich sie die von Schmutz strotzenden, bärtigen Krieger mit den frischen, fröhlichen Gesellen, die vor wenigen Wochen kampfcsmutig "gegen den Feind gezogen waren. Rabbi Gerson schien ihre Gedanken zu erraten. „Das Zurückgehcn zcrniürbt, lähnit", sagte er. „Ich weiß nicht, ob diese" — er deutete auf die vorbciziehenden Soldaten — „jetzt zu denken imstande sind. Sie glaubten ihren Führern zu folgen, und doch ist cs nur ihr Instinkt, 'der sie alle leitet. Für uns ist dieses Zurückgehen ein körperlicher Schmerz fast, vielleicht ein Vorgefühl des Kommenden! Mit dem .Hauche ihres Mundes suggerieren sie uns ihre Qual; es liegt etwas in der Luft, das unser Denken und Tun beeinflußt!" Er zog Esther weg vom Fenster. „Niemand weiß, was uns die nächsten Stunden bringen werden. Wäre ich nicht das Haupt dieser Gemeinde und läge Eure Mutter nicht krank zu Bette, so gäbe cs für mich nur eines: fliehen! Aber so muß ich hier aushalten; ich erkenne den Willen Gottes und beuge mich ihm. Du aber, Esther, sorge dafür, daß Deine Mutter und Deine beiden Schwestern noch nichts von dem erfahren, was uns bevorsteht. Sic werden klagen und jammern, wenn man von Gefahr spricht; aber das Unglück zu beweinen, ist Zeit genug, wenn cs gekommen ist!" ' Die Türe ging, und Herschel der Schneider trat herein. „Was sagt Ihr, Rebbe?" „Gott wird uns nicht verlassen!" „Sagt Ihr, Rebbe — sagt Ihr! Aber soll mail sich so gairz und gar auf unseren Herrgott verlassen und nicht selbst etwas tun, um zu helfen? — Ich weiß, Ihr gebt mir recht, Rebbe. — Nun sagt, was soll ich tun? Meine Töchter sitzen in der Stube, schluchzen und trauen sich nicht mehr ans Fenster —, mein Weib geht mit verweinten Augen im Hause umher; die ganze Gemeinde trauert und ängstigt sich; nun frag' ich Euch: Was soll ich tun, Rebbe?" „Wenn Ihr fliehen wollt, ist es höchste Zeit!" „.Hab' ich auch schon daran gedacht! — Aber mein Haus, meine Sachen, was soll damit werden? „Man wählt von zwei liebeln das kleinere!" „Das ist es ja eben, Rebbe, iveiß ich, welches das kleinere Uebel ist? Vielleicht sind die Russen gar nicht so schlimm, als man befürchtet. Was meint Ihr, Rebbe?" „Folgt meinem Rate und flüchtet!" „Ihr sagt das leicht hin, Rebbe: flüchtet. Wißt Ihr noch, wie ich hierhergekommen bin? Nichts habe ich besessen, als meine Nadel. Ich habe gearbeitet Tag und Nacht, habe gespart und gehungert, und heute habe ich mein Häuschen und mein Gärtchen — Ihr wißt es Rebbe, mit meiner Nadel habe ich es verdient! — Nun soll ich auf einmal das alles aufgeben, soll als Schnorrer niit Frau und Kind in die Welt hinausziehen — vielleicht um ein Stückchen Brot betteln gehn — ich bring's nicht übers Herz — Rebbe — es geht nicht!" „So bleibt in Gottes Namen". Rabbi Gerson reichte ihm die Hand. „Es wird eine schwere Zeit werden, aber wir wollen stark sein!" — Herschel ging. (Fortsetzung folgt.) , . Mein Enkel. Mein .Enkel spricht zu niir: „Großnmtter sag. Warum man „bimschen" muß an jedenr Tag." „Mein Kind, wenn Menschen Dir 'ne Gabe spenden. Wirst Du Dich freundlich! "nicht zu ihnen wenden. Reichst Du Dein Händchen nicht und sprichst: „Schön' fDank?" Nu» sieh', der liebe Gott gibt Speis' und Trank, Wir können ihm dafür kein Händchen reichen Und möchten nns're Schuld doch gern begleichen. D'rum haben wir uns ein Gebet erdacht Und darin unser» Dank ihm dargebracht." DaS Bübchen sinnt, gar ernst ist sein Gesicht, Dann flammt sein An!g', es blickt mich an nnd spricht: „Großmutter, weißt Du, wie man danken kann?" Verbeugt sich tief und sieht dann himmelan, „So kann man's machen ja an allen Tagen Und, dank' schön lieber Gott, dazu noch sagen." R. M. Bunte Chronik. Die französische» Inden und der Krieg. Nach einer Aufstellung des „American Hebrew" haben von den im französischen Heere känrpfenden Juden 1058 den Heldentod erlitten und 1159 Auszeichnungen Erhalten (1 Großoffizier, 1 Kommandeurs 15 Offiziere, 126 Ritter der Ehrenlegion, 115 Mlitärmedaillen, 251 Kriegskreuze, 617 Erwähnungen inr Tagesbefehle). Von den j ü d ische n R ech ts an w ä lten in Par i s sind gefallen: Robert Levy-Fleur, Louis Helbronner, Robert Lewis, Maurice Ernst, Oscar Kiese, Rens Cahen, Andre May, Oskar Frank und Alphonse Benvinifti. Alfred Dreyfuß, der Märtyrer der Teufelsinsel, befehligt als Major einen Artillerie-Abschnitt von Paris. Baron Edmund Rothschild hat nach Petersburg eine Viertel Million Rubel für die durch den Krieg in Not geratenen Juden überweisen lassen. Profeffar Barany. Professor Barany ist über Schweden nach Oesterreich zurückgekehrt. Sein Austausch aus der russischen Gefangenschaft geschah nicht auf Grund seines Nobel-Preises, sondern als Invalide.. Ein Zcitnngsvertreter hatte mit ihm in Schweden eine Unterredung, in der er u. a. folgendes erzählte: „Da ich in Rußland sehr viel freie Zeit hätte, konnte ich mich dank der vortrefflichen Kasaner Universitätsbibliothek auf einem neuen Gebiete betätigen. Schon vor zwanzig Jahren war ich durch Sicgmund Exner's physiologische Erklärungen psychologischer Erscheinungen lebhaft angeregt. Nun hatte ich Zeit, mich in die Theorie des Bewußtseins zu vertiefen. Bei meinen Arbeiten über das Zentralnervensystem war ich ohnehin der von Exner eingeschlagenen Denkrichtung gefolgt, indem ich bestrebt war, den anatomisch-histologisch gegebenen Ban desHirnes in tieserer Weise, als es bisher geschah, funktionell zu erfassen. Ich verdanke -dieser Arbeitsmethode bereits einen Teil meiner Entdeckungen auf dem Gebiete des Kleinhirns. In Kasan, wo ich voranssah, daß, ich mich unter Umständen auch fruchtlos einem schwierigen Thema widmen könnte, versuchte ich auf Grund anatomisch-histologischer Arbeiten des Nobel-Preisträgers Cajal, Bewußtseinsvorgänge anatomisch zu befassen, namentlich den so enorm komplizierten Bau der Hirnrinde zu verstehen. Ich glaube, daß es mir bis zu einem gewissen Grade gelungen ist, so daß meine Zeit nicht nmsonst verging." El» jüdischer Erfinder. Privatdozeilt Dr. M a x H e r z in Wien hat eine Klangschrift für Blinde und Schwachsichtige erfunden. Zwei elektrische Unterbrecher, welche durch einen Morsetaster betätigt werden, erzeugen Schwingilngen von verschiedener Geschwindigkeit. Diese Schwingungen werden auf eine Telephonmembran übertragen, deren Bewegungen mittels eines MegerchenS in die, Oberfläche einer sehr langsam rotierenden Wachsplatte eingegraben werden. Ei» dritter Taster dient dazu, um die Schwingungen nach Bedarf zu verstärken. Auf diese Art werden lange, kurze, rasch oder langsam unterbrochene, leisere und lautere Zeichen von fast mikroskopischen .Dimensionen ans der Wachsplatte ausgezeichnet. Hierauf wird galvanoplatifch ein Negativ in Kupfer angefertigt, und von diesem durch Pressung beliebig viele Kopien der Schrift 'auf Papier übertragen, das mit einer dünnen plastischen Schicht (Wachs. Leim, Eiweiß n. dgl.) überzogen ist. Zum Lesen der Schrift ist ein kleiner Hilfsapparat notwendig, der das Papier langsam unter einer Spitze fortbewegt, dir über die eingepreßten Wellen gleitend ihre Bewegungen aus eine Membran überträgt, von welcher sie sowohl abgetastct wie abgehört werden können. 1. Bücher dieser Art sind weniger umfangreich als sogar gedruckte, geschweige denn in Blindenschrift hergestellte Werke. Das Verfahren ist iiberdies rasch und billig. Es steht nunmehr nichts inr Wege, alle- Erzeugnisse der Weltliteratur sowie wissenschaftliche Werke größeren Umfanges den Schwachsichtigen und Blinden zugänglich zu machen, in größeren Städten Leihbibliotheken zu gründen, die sich gegenseitig ergänzen, periodische Druckschriften dieser Art erscheinen zu lassen u. dgl. Die gelehrten Berufe werden den Schwachsichtigen und Blinden, wemr sich die Hoffnungen erfüllen, nicht mehr verschlopen bleiben. Technisch ist Pas Verfahren bereits ganz durchgebildet. Ei« hygienisch-talmuüischer Hausmittel. Dr. med. Ratner-Wiesbaden beschäftigt sich in der „Hygien. Rundschau" mit dem Knoblauch nnd schreibt u. a.: „Vom Knoblauch behauptet der Talmud (Tr. Baba Kama 82a), er habe fünf Eigenschaften: er sättige, er-