Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m Seite 4 Anschluß an ein Midraschwort aus dem Wochenabschnitt führte der Redner ans, daß, der Heimgegangene nicht nur ein Edelstein gewesen sei, der Gott und Menschen erfreute, sondern daß er auch dem Bilde entsprochen habe, das Rabbi Aba im Midrasch des Wochenabschnittes entwerfe. Er glich der Mühle, auf welcher Edelsteine zerrieben werden, d. h. er brachte seine Thorakeimtnis in so schlichter, anspruchslosen Form vor, daß auch!-die Kleinen und Ungelehrten den zermahlenen Edelstanb als einen Gewinn von ihm mit hinwegnehmen llmnten. Tief ergriffen verließ mau die Totenstätte. Wehe wegen derer, die von uns gegangen sind und nicht wiedcrgefundcn werden! Pose«. Professor Rabbiner Dr. Bloch feierte den 75. Geburtstag. Pose«. Lehrera. D.Wolfs»Posen, früher in Wreichen, begeht demnächst seinen 75. Geburtstag und Kantor a. D. G. I. Czecherno w icz-Schneidemtihl, früher in Dreschen, seinen 80. Geburtstag. Regierungsbauführer a. D. MartinBrandt wurde vom Fürsten zur Lippe zum Hofbaurat ernannt. Wie«. Im großen Foyer der Hofover ist eine von Frau Karoline v. Gomperz-Bettelheim gewidmete Marmorbüste Karl Goldmarks nach! dem Modell von Viktor Tilgner aufgestellt worden. Der bekannte Tonkünstler Hofmusiker a, D. Sieg fr. Anspitzer, Bruder des Laiserl. Males Johann A., ist ftach langem Leiden der s.chi eben. Bu-apeft. Hofrat Professor Dr. Wilhelm Goldzieh er, einer der-hervorragendsten Gelehrten und Aerzte auf dem Gebiete der Augenheilkunde, ist — 66 Jahre alt — ^verschieden. Zn einer ordentlichen Professor hat er cs rricht bringen können,, weil er sich! nicht taufen ließ Zürich Hier tagte unter erbcenlichlebhaster Beteiligung der Kartellkonvent der südis.chen akademischen Korporationen der Schweiz. Es sprachen Dr. Wein schal als erster Chärgirter, Rechtsanwalt Dr. Rosenblum für den Altherrenverbänd der I. A. B. Nehardea, Basel, Dr. Lehmcier für die Mtiven der Nehardea, Dr. Strauß, Zürich als alter Herr der Kadimah und Oberrichter Dr. M a m e - lock für die jüdische Gemeinde Zürich. New-Aork In Ealveston verschied, 76' Jahre alt Morris Lasker, Bruder des bekannten deutschen Parlamentariers Eduard Lasker. Jaffa. In Palästina sind am T h p h u &, eine Folge des Krieges, eine Airzahl bekannter Persönlichkeiten Hestvr - den, n. a. die Aerzte Dr. Kaisermann, Dr. Bard'asch, Dr. Moscvwrtz, Dr. Krischewsky, Dr. Stein, der Verleger der einzigen gegenwärtig in Palästina erscheinenden jüdischen Tageszeitung ,,Zacheruth" Mosche Asriel und der angesehene Jerusalemer Kaufmann L. Lewy. Bombay (Indien). Der „Morgen David-Verein'' veranstaltete eine Versammlung, auf der G a r Y und Sir Jakob Sassoon hebräische Ansprachen hielten. Frankfurter Berichte. Personalie«. Im 53 Lebensjahre verschied' der Versicherungsagent Moritz Grüne bau m, dessen altfrankfurterisch joviales Wesen, Herzensgute und strenge Rechtlichkeit ihm in weiteren Kreisen Wertschätzung erwarben. Er gehörte zu jenen ideal und treu gesinnten Juden, die trotz anstrengenden Lebenskampf Gottvertranend die Sabbathut wahren. Koscheres Fett. Nicht nur den Metzgern der Israel. Religionsgesellschast, sondern auch den Metzgern der Israel. Gemeinde ist das Mickersett der von ihnen geschachteten Tiere für ihre Kundschaft freigegcken. - ' :ir f fl-, fl’: |i: •s: kl! «r ff fr. tt: II i Ir 'ip. i; „Montestore'-Berein. Der Montefiore-Vevein versandte das folgende Rundschreiben: l „Wir erlauben uns, Sie zu unseren an den Samstag Nachmittagen stattfindenoen Zusammenkünften höslichst cinzuladen. Diese Zusammenkünfte finden während der Sommermonate nachmittags! 5 Uhr statt. — Es werden Vorträge aus allen Gebieten jüdischen Wissens geboten und wird die Reihe dieser Vorträge an: Samstag, 24. Juni durch Herrn Rabbiner Dr. Jacob Horovitz eröffnet, welcher über „Sprüche der Väter" sprechen wird. Zugleich laden wir die in hiesigen Lazaretten sowie in der Garnison oder auf Urlaub sich befindlichen Soldaten herzlichst ein Und stellen diesen auch täglich unsere Bereinslokalitäten zur Verfügung: Saal, Garten. Lesezimmer, Bücherei, Spielzimmer-, Schreibzimmer. , wij, rj u I; . (gilt netter Atttokolsky. Kein Feuilleton von Scholom-Aleichem. 'Aus dem Russischen übertragen von Julius Michaelis. Es war ein herrlicher Morgen, wie er nur in der wundervollen Schweiz vorkommt. Ich wiegte mein Enkelchen auf den Armen, ein reizendes, schönes Mädchen, das selbstredend auch sehr llug ist — sie heißt Bella ü: Btmiffacta MreeMsichW Ka«NaWK. und ist etwas mehr als ein halbes Jahr alt —, und wenn man solch ein Geschöpf auf den Armen hält, inuß man ein Liedchen singen und dabei ein wenig tanzen, well die Kinder das so gerne haben. Ich war tief in diese Arbeit versunken und hatte sogar nicht bemerkt, wie plötzlich ein Kerl von zweidreiundzwanzig Jahren mit schwarzen Augen und einem breiten, schwarzen Hute auf dem Kopfe vor meinen Augen stand. Als er näher an imdj herangetretcn war, begann er ohne irgend eine Vorrede: „Sie sind Scholom-Aleichcnl? Und ich bin Ihr heißer Verehrer, lese alles, was Sie schreiben und möchte Ihnen irgendwie meine Anerkennung äusdrücken. Wenn Sie wollen, das heißt, wenn Sie es erlauben, so würde ich Sie auskneten." Zuerst verstand ich nicht, wovon die Rede war. Was heißt das: er wird mich kneten? Auf welche Weise, womit wird er mich denn kneten? Als er sah, daß seine Worte mir nicht ganz klar sind, erklärte er mir lächelnd: . „Ich bin Bildhauer und knete Büsten aus Ton. Ich möchte Ihre Büste modellieren, sie in Gips gießen und dann in Bronze und sie Ihnen als Geschenk anbieten." „Ach so! Das ist eine ganz andere Sache", sage ich und rufe meine Tochter, die Mutter des kleinen Geschöpfes in meinen Armen: „Da, nimm- Deine „koschere Mezioh"; — hier ist ein Mensch, ein Bildhauer, der mich kneten wlll." Das Enkelchen protestierte zwar erst heftig, nicht gegen die Bildhauerei und den Bildhauer, sondern weil man "seine Ruhe beim Singen und Umhertanzen im Zimmer gestört hatte. Allein, diese Kleinen haben einen Vorzug: sie vergessen rasch die ihnen widerfahrene Unbill, sobald man ihnen den Mund stopft. Ich nahm den Bildhauer mit mir ins Zimmer, und wir begannen uns zu unterhalten: „Wie heißen Sie?" „Benjamin Patlaschan". ^Woher sind Sie, junger Mann?" „Aus Paris, das heißt aus Kischinew." „Paris ist nicht Kischinew, Kischinew ist nicht Paris, obwohl Kischinew nicht weniger in der Welt berühmt ist als Paris, vielleicht sogar noch mehr, durch seine Pogrome." „Dann wissen Sie auch", rief der junge Mann mit bitterem Lächeln, „daß mir vom Kischinewer Pogrom zwei gute Erinnerungen geblieben sind. Erstens habe ich, vielleicht dank dem Pogrom, das Diplom der Pariser Akademie. Und zweitens würde mein Vater ohne den Pogrom nicht sein Augenlicht verloren haben." Dieser Gast begann mich immer mehr und mehr zu interessieren, aber da er die Gewohnheit hatte, immer rasch und sich überstürzend zu sprechen, so mußte ich ihm bemerken, daß wir nicht zur Eisenbahn zu eilen haben, und daß es über uns nicht tropft, weshalb ich ihn bitte, mir seine Geschichte zu erzählen, wenn möglich aber nicht zu rasch. Meine Bitte wurde erfüllt, und er erzählte mir die Geschichte eines jüdischen Bildhauers. Wieviel Künstler gehcil bei uns alltäglich verloren, well niemand auf sie achtet, wie wir auf die Sterne nicht ächten, die vor unseren Augen erlöschen. Und Talente gehen bei uns zu Grunde, nicht — behüte Gott — wegen Herzensleidcn oder Seclentragödien, sondern einfach wegen eines Stückchens Brot, wegen unserer großen Armut, deren es in der Welt keine ähnliche gibt. Der junge Patlaschan erfuhr ein Glück und ein Unglück zur selben Zeit. Das Unglück war: unser gemeinsames Volksunglück, der große, historische jüdische Pogrom, der sich dann an allen jüdischen Wohnstätten wiederholte, der aber in Kischinew besonders gut ausgefallen war. Der Vater dieses Patlaschan — ein Kischinewer Jude, der mit Zement handelte — hatte dabei beide Augen verloren, das heißt, der alte Patlaschan blieb, gottlob, am Leben, war aber gänzlich blind geworden. Selbstredend hat dieser Umstand die ganze Familie zu Grunde gerichtet. Der ältere Sohn — jetzt (Student der Pariser Universität —wollte sich vor Kummer.erschießen, junb iunfer jBenjamin, der von jJugend auf eine Neigung zur Bildhauerei zeigte, bedachte sich und modellierte ans Wachs „eine Episode aus einem jüdischen Pogrom". Das Bild stellt einen, kräftigen Kerl dar, einen Schurken mit blutdürstigen Augen; in einer Hand hält er einen Stein und in der anderen — den Kopf eines armen Juden mit. halbgeöffneten Augen. Die Augen schmeicheln gleichsam dem Schurken, als Nr. 24. wollten sie ihm sagen: „Nur zu! Mehr als das Leben kannst Du mir doch nicht nehmen." Diese wunderbare Sache sahen Leute, gossen sie in Gips, sandten sie nach Petersburg, nahmen Photographien davon auf Postkarten. und unterschrieben sic: „Eine Episode aus einem jüdischen Pogrom." Die Postkarten verbreiten sich über ganz Europa und Amerika in Tausenden von Exemplaren, wofür der Künstler allerdings nichts erhalten hat. Aber für seinen Namen gewann man Interesse. Gute Menschen erbaten für ihn beim Baron David Ginzburg eine kleine Pension für zwei Jahre, die übrigen zwei Jahre nahm ein bessarabischer Gutsbesitzer Kasimir auf sich, und den jungen Patlaschan schickte man nach Paris und unterstützte ihn dort, bis er die Akademie, wie es sich gehört, absolviert hätte. Das heißt, er litt und hungerte zur Genüge und ertrug viele Widerwärtigkeiten. Hier beginnt das zweite Kapitel dieser Geschichte. Künstler, darunter auch Bildhauer, gibt es in Paris nicht wenig, man zählt ihrer dort etwa vierzigtausend. Unter ihnen sind drei Viertel bemerkenswerte Pechvögel, die Kälte und Hunger leiden, und nur ein kleiner Teil erreicht nach schweren und langen Widerwärtigkeiten das erwünschte Ziel und „lebt". Es ist lvahr, ein Künstler muß, unr sich einen besonderen Namen zu schaffen, Talent und noch ein besonderes Glück haben. Ich weiß nicht, was für einen jungen Bildhauer wichtiger ist: Talent oder ein glückliches Los. Unserem Patlaschan lachte das Glück. Nach Vollendung der Akademie in Paris wurde er mit einer reichen amerikanischen Familie Jankins bekannt, für die er einige Büsten mit solch' feinem Verständnis modellierte, das heißt, die Arbeit gelang ihm so, daß die Fannlie Jankins ihn verschiedenen französischen, englischen und amerikanischen Millionären empfahl, die ihm Bestellungen gaben, ihn gut bezahlten und sich an den entzückenden Arbeiten des jungen Künstlers nicht sattsehen konnten. Wo steckt denn hier das Geheimnis? Das Geheimnis liegt,^ wie ich mich später überzeugt habe, nicht in der photographischen Aehnlichkcit der Arbeit versteckt. Nein, Aehnlichkcit an sich ist keine Kunst; das gibt auch eine Photographie. Ein wirklicher Künstler, der von der Natur mit einem heiligen Funken gesegnet ist, weiß, wie die Seele seiner Arbeit zu fassen und scharf zuni Ausdruck zu bringen ist. Ich bin selbst kein Künstler, aber die Sache erscheint mir so: Jedes lebende Geschöpf hat.sein /Gesicht, ,und jede Physiognomie hat ihre Besonderheiten, die in verschiedenen Augenblicken des Lebens ihre unterschiedlichen Schattierungen haben. Das Charakteristische dieses oder jenes Gesichtes zu fassen, heißt die Seele dieses oder jenes Menschen fassen, und dieses auf Papier zu 'übertragen oder aus Ton zu modellieren, heißt einer toten Sache Seele einhauchcn, ihr das Leben geben. Und darin ist der junge Patlaschan ein großer Meister. Und nur wollen wir auf unsere Unterhaltung zurückkommen. Nachdem ich seine knappe, aber ziemlich genaue Bio- , graphie zu Ende gehört hatte, wandte ich mich an meinen Besucher: . „Was nluß ich denn tun, damit Sie mich mo- . dellieren?" „Nichts. Sie müssen nur sitzen und schweigen, und ich werde Sie betrachten. Zehn bis zwölf, oder höchstens 15 Sitzungen, jeden Tag eine Sitzung, jede Sitzung eine Stunde." „Na", sage ich, „meinetwegen, warum denn nicht, wenn es Ihnen nicht langweilig wird. Aber was dann? Ich möchte sehen . . . das heißt, nicht sehen, sondern wissen, was das ist." Mein Besucher verstand augenblicklich, daß ich seiner Arbeit wenig zuörauc, und er war dadurch gar nicht beleidigt. Er schlug mir vor, ihm, wenn cs mir nicht schwer falle, eine Zeit zu bestimmen; er würde mich dann zu sich nehmen, das heißt zu den amerikanischen Jankins, die hier in einer eigenen Billa wohnen, und dort wurde er mir seine Arbeit zeigen. Wenn sie mir gefalle, dann gut; wenn nicht — auch gut. Zur bestimmten Zeit war mein Bildhauer da. Nachdem wir in dem Wagen der Drahtseilbiahn Platz genommen hatten, der in der wundervollen, göttlichen Schweiz die höchsten Berge erklimmt, gelangten wir ziemlich hoch auf „Montfleury" und kamen zur Villa „Maryland", wo mein Begleiter bei seinen Millionären wohnt- und arbeitet. Auf die herrliche Glasveranda tretend, fanden wir schon den uns erwartenden jüngsten Jankins vor. Er empfing uns sehr freundlich und zeigte uns nicht nur die Büste, die Patlaschan von ihm gemacht hatte, sondern stellte, sich auch neben die Statue, — und ich