Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite.L. Nr. 24 ifält nichts von der alten-Mnai--Religiüntrotzvem er sicherlich feinen Anspruch darauf erheben darf, sie näher zu kennen. Doch er steht da nicht allein; zu Tausenden zählen die ernsten, gebildeten Menschen unter uns Juden, die das Heiligste, die Religion ihrer Väter, mit einer Phrase abtun, ohne dieses schwere Unrecht auch nur im geringsten zu empfinden. Sie sind — gleich Luzatti nach seiner zweiten Aeußerung — mit noch in einer Hinsicht Juden, nämlich, wenn es gilt, gegen den Antisemitismus sich zu stemmen.' Der Antisemitismus -allein begründet ihnen ihre jüdische Daseinsberechtigung, und nachher wundern sie sich, daß auf einer solch' inhaltslosen Grundlage jede jüdische Arbeit sich als ergebnislos erweist und in ihren. Kreisen die Loslösung von der jüdischen Gemeinschaft epidemischen Charakter angenommen hat. Zwei leere Phrasen sind das jüdische Bekenntnis Luzattis und mit ihm vieler, die sich nicht scheuen, in der jüdischen Oesfentlichkeit ihre Stimme zu erheben. Diese Phraseologie ist es, die alles Gesunde, Aufkeimende in der Judenheit zurückzudrüngen sucht. Diese Phraseologie ist unser gefährlichster Feind. Alles Nichtverstehen zwischen den verschiedenen Strömungen, in der Judenheit hat hier ihre Ursache. Denn würde man die Pflicht in sich fühlen, statt über die jüd. Religion zu entscheiden, sie kennen zu lernen, — die Judenheit würde nicht immer mehr auseinanderstreben, sondern sich immer mehr nähern, — unsere jüdische Zukunft wäre gerettet! Verein zur Förderung des gesetzes'trenen Judentvms in der Schweiz. Auf dem Vereinstag, der in Olten stattfand und von zahlreichen Mitgliedern besucht war, erstattete Rabb. Dr. Cohn-Basel den Bericht. Wir entnehmen dem Bericht folgende Einzelheiten: Das „Erez-Jsrael-Koniitee" hatte gute Erfolge. — Die von Joses Brandeis in Zürich geleitete Schule „Machsike Emuno" ließ in 6 Klassen 77 Kinder von 2 Lehrern unterrichten. — Die „Kommission für den jüdischen Wanderlehrer in der Schweiz" gewährte zahlreichen Kindern Unterricht, die sonst ohne jede Kenntnis des Judentums aufgewachsen wären. — Die „Kommission zur Verbreitung jüdischen Wissens in der Schweiz" erhöhte bedeutend den Bücherstand der Bibliothek, deren Benutzung jedem Juden unentgeltlich zuzusteht. Im nächsten Winter wird .sie auch in kleinen Gemeinoen Vorträge halten lassen. — Die „Schomre-Schabbos"-Kommission brachte von 44 Bewerbern 16 unter. In der sich der Berichterstattung anschließenden Aussprache wünschte Isaak Erlanger, daß der Verein für mehr rituelle Speisehäuser sorgen möge und trat Isidor Bollag-Baden für die Gründung einer Jeschiwo ein. Für den letzteren Zweck wurden sogleich nanchaftc Beträge gezeichnet. DaS Mische Hilfskomitee in Petersburg. Das.jüdische Hilfskomitee in Petersburg hat in der Zeit von acht MoNaten auf dem Wege der Selbstbesteuerung mehr als eine halbe Million Rubel von rund 3000 Personen eingenommen. Die Summe ist bei der Masse der Unterstützungsbedürftigen natürlich zu gering. Da große Teile der Petersburger Judenheit noch keine Selbstbesteuerung auf sich genommen haben, so hat das Komitee beschlossen, bei allen Petersburger Juden sammeln zu lassen. . . Neue Besttmmuuge» Mer das Privatfchulweseu iu der Türkei. (Fortsetzung.) Zweiter Abschnitt. Gründlings- und Eröffnungsbedingun gen. ß 11. Die Gründung von Privatschulen hängt iu erster Linie von der Erlangung der Ermächtigung ab. Dieserhalb haben sich die Gründer in einem Gesuch: an folgende Personen zu wenden: * - a) an den Oberpräsid eilten (wali) oder den Prüsiden- , ten eines selbständigen Regierungsbezirkes (müteßarryf), wenn der Gründer eine osmanische Einzelperson oder eine der osmanischen Gemeinden, Vereine und Gesellschaften ist; in letzterem Falle ist dös Gesuch, von dem .Gemeindevorsitzenden oder - -von den -.verantwortlichen Vereins- und Gesell- / schaftsleitern einzürelchen; : p) an das Unterrichtsministerium, wenn der Gründer Ausländer ist. J . -l " In dem Gesuch ist änzugeben: , - 1. Vor- und Zuname des Gründers sowie seine sonstigen Standesmerkmäle, sein Wohnort, nnd, ist er Ausländer, die Staatsangehörigkeit. ', ■ 2. Der Grad der Schule. 3. In welchem Dorfe die Schäle eröffnet werden soll. 4. Auf welche Weise ihre ständigen Unterhältungs- . kosten beschafft werden sollen. 5. Ob die Schule für Knaben oder Mädchen bcstimnit ist. . 6. Ob die Schäle intern oder extern ist. Auch.sind die nachbezeichneten Papiere beizufügen. Beglaubigte Abschrift des osmanischen Staatsangehörigkeitsausweises (tezkerö-ji 'osmanijje) des Gründers und, ist er Ausländer, vom zugehörigen Konsulat beglaubigte Abschrift des Staatsangehörigkeitsauswciscs sowie Führungsattest. , Nach. Prüfung des Gesuches und der Anlagen seitens der Direktion des Unterrichtswesens und des Verwaltungsratcs wird, falls man sie für geeignet erachtet, die Ermächtigungsnrkunde von der Direktion des Unterrichtswesens ausgefüllt und gesiegelt, vom -Oberpräsidenten oder vom Regierungspräsidenten selbständiger Regierungsbezirke (ghajr-i mülhaq lewa) beglaubigt nnd dem Gründer übergeben. . t Gesuche betreffs Schulen, deren Gründer Ausländer sind, können vom erwähnten Ministerium, ohne daß es für nöttg erachtet wird, die Beweggründe anzugeben, zurückgcwiesen werden. Nach, Eingang der Antwort auf Erkundigungen bei den zuständigen Stellen über Gesuche, die im Grunde als annehmbar erachtet werden, werden die nötigen Nachprüfungen vorgenommen, und, falls es für geeignet erachtet wird, wird den zuständigen Stellen durch das erwähnte Ministerium die Erfüllung der Formalitäten betreffs der Ermächtigungsurkunde bekamitgegeben. § 12. Rach Erlangung der Ermächtiguiigsurknnde sollen die Gründer die Berechtigung zur Eröffnung der Schule und zur Erteilung des Unterrichts nachsuchen durch Abgabe einer an das Oberpräsidinm oder an das Regierungspräsidium selbständiger Regierungsbezirke gerichteten Erklärung des Inhalts, ob sie die Leitung der Schule persönlich übernehmen werden oder nicht, nnd, falls sie sie nicht übernehmen sollten, lven sie zum Verantwortlichen Leiter ernennen, nnd in welchem Gebäude sie die Schule eröffnen werden. Dieser Erklärung sind die nachbezeichneten Papiere beiznftlgen: 1. Der Bericht eines Arztes nnd. eines Baumeisters darüber, daß das als Schule benutzte Gebäude hierzu geeignet ist, die nötige Baufestigkcit und die sanitären Vorbedingungen besitzt, sowie darüber, welche Schülerzahl es zu> fassen verniag. 2. Eine Liste mit Angabe des Bor- und Zunamens, Wohnnnd Herkunftsortes des verantwortlichen Leiters nebst der als Lehrer ausersehenen Persönlichkeiten, sowie eine beglaubigte Abschrift eines Zeugnisses über den Grad ihrer.Studien oder des Befähigungsnachweises und je ein Führungsattest, das entweder von der Lokawehörde ihres Wohnortes oder von der Schälleitung, wo sie zuletzt angestellt waren, beglaubigt ist, und, wenn sie Ausländer sind, außer den erwähnten Urkunden nochs je ein von ihrem Konsulat beglaubigter Staatsangehörigkeitsausweis. 3. Die Schälordnung (ta'limat-h dachilijje) nnd das detaillierte Lehrprogramm über die Wissenschaften nnd Wissenzweige, die gelehrt werden sollen;' und zwar mit der Unterschrift des verantwortlichen Leiters versehen. 4. Bei Schiulen, wo der Unterricht in der offiziellen Sprache äbgehälten werden soll, eine ebenfalls Unterzeichnete Liste der Lehrbücher einer jeden Klasse unter Angabe der Verfasser, der Titel und Druckorte. (Bei Hochs- und Mittelschulen sind in dieser Liste auch die Stunden änzugeben, die laut Lehrplan in Form eines Diktats abgehalten werden.) - 5. Bei Schulen, wo der Unterricht in einer andern als der offiziellen Sprache abgehalten werden soll, eine Liste der Lehrbücher einer jeden Klasse unter Angabe der Verfasser, der Titel und Druckorte nebst je einem Exemplar der Bücher. Nach. Vollzug der.seitens der Lokaltzehördc und der Direktion des Unterrichtswcsens nach ihrer Gepflogenheit stattfindenden erforderlichen Prüfungen nnd Untersuchungen über die Materien, die zu einem jeden der fünf Punkte dieser Erklärung gehören, wirb, falls man es für geeignet erachtet, die Formalität der Haupteintragnng vollzogen, und dabei wird an der hierfür vorgesehenen Stelle in der Ermächttgnngsurkunde, die vorher auf den Namen des Gründers ansgestellt wurde, der folgende Text geschrieben: „Dem verantworllichen Leiter Herrn.ist unter dem. . . die Befugnis zum Beginn des Unterrichts im Hause' Nr. ... in.erteilt worden", und darunter wie bei der Ermächtigungsurkunde Siegel und Beglaubigung gesetzt. Die Prüfungs- und Untersuchungsakten der zuständigen Stellen Mer den Inhalt der Erklärung für Schulen, deren verantwortlicher Leiter ein Ausländer ist, müssen dem Unterrichtsministerium als Anlage znm Bericht, der die behördliche Meinungsäußerung hierüber enthält, zur Prüfung übersandt und nach Eingang der Antwort des genannten Ministeriums muß seitens der zuständigen Stellen die Formalität' der Befugniserteilung zu Ende geftlhrt werden. > 8 13. Die Ermächtigung wird zurückgezogen und widerrufen, wenn die Schule innerhalb' zweier Jahre vom Tage der Erlangung der Ünterrichtsbefugnis an, ohne Entschuldignngsgrnnd nicht eröffnet wird, und wenn der Schulbetrieb. nach.ihrer.Eröffnung ohne Entschnldigungsgrnnd »«» unterbrochen zwei Jahre lang ansgesctzt wird. - 8 14. Eine Person darf mehrere Schulen gründen, jedoch darf, niemand Verantwortlicher Leiter' von mehr als einer Schule sein. . 8 15. .Bei Schulen, die von osmanischen Gemcindc», Vereinen oder Gesellschaften eröffnet werden, besitzen die moralischen Personen die Eigenschaft von Gründern, und es ist für: eine jede Schalle ein verantwortlicher Leiteranznmelben. Die Ermächttgungsurkunde wird . aus den Namen dieses verantwortlichen Leiters ausgestellt und diesem ausgehändigt. (Fortsetzung folgt.) Lehren ans der Geschichte.*) Ein Wort znm Frieden im Zionismus. Heinrich Margnlis-Berlin. Die Fülle der philosophischen nnd äthetischcn Werte, ivelche das griechische Volk der Nachwelt überlieferte, hat viel zu einer historischen Verfälschung beigetragen, von welcher sich erst die Gegenwart ftei zu machen beginnt. Aehnlich wie bei dem jüdischen Volke alles nicht rein Religiöse in verblaßter oder gar geänderter Form aufbewahrt wurde und dem Blick späterer Generationen entzogen wurde, so ist auch hier über den schönen und schwungvollen Berichten Herodots, den pathedischen Reden der Volksvertreter und den klugen Aussprüchen der Philosophen alles das in den Hintergrund gedrängt worden, was nicht ganz zu dem Begriff des Volkes der Denker und Künstler paßte. Wer weiß heute, daß Griechenland in erster Reihe immer ein Handelsstaat war, und daß der Begrisf „Kornjude" in ganz anderem' Maße eigentlich dort zu suchen war. als in dem sittlich, und politisch ungleich höher stehenden Palästina jener Zeit? Und selbst die Tatsache, daß die Griechenin politischer Hinsicht das unfähigste aller Völker waren, ist über den pompösen Berichten von den Perserkricgen vergessen worden. In Wirklichkeit waren die Griechen zwar im Stande, ihre Unabhängigkcit nnd Freiheit zu verteidigen, aber sich zu der politisch höheren Stufe eines geschlossenen Einheitsstaates aufzuraffen, fehlte den von Bürgerkämpfen und persönlichen Leidenschaften zerrütteten Stadtstaaten die Kraft. Erst dem auswärtigen Feind, Philipp von Mazedonien, gelang es, nach-ein er in der Schlacht von Chäronca die Griechen unterworfen hätte, sie zu einem Staat zusammcnzuschweißen und seinem Sohn Alexander so das Instrument zu schmieden, mit dem er den (angeblich rein griechischen) Siegeszug durch Asien antreten konnte: Aus eigener Kraft hätten sie es nie versucht. „Unsere Auffassung der griechischen Geschichte ist eine andere.geworden", sagt Ed. Meyer, „die Erkenntnis hat sich durchgeseht, daß die griechischen Gemeinwesen aus eigener Kraft sich nie mehr zu einem auch nur erträglichen Zustand zu erheben oder gar die der Ration gestellten großen Aufgaben zu lösen vermocht hätten, daß speziell Athens tatsächliche Macht und politische Organisation mit seinen Aspirationen in krassem Widerspruch standen, daß Demosthenes Polttik daher ein positives Ziel niemals hätte erreichen können, auch wenn Philipp und die Makedoncn nicht gesiegt und Alexander die von seinem Vater gewonnene Stellung nicht kraftvoll festgehalten hätte." In der Tat waren die inneren Verhältnisse Griechen» lands so traurig wie «nur möglich Die gerühmte Freiheit in der Volksversammlung nützte lediglich der Demagogie, die Eitelkeit des einzelnen überwog, und was die Geschichte als den unbeugsamen Freiheitswillen des Griechen überlieferte, ist in Wirklichkeit argwöhnisches Rivalentum gewesen nnd die Furcht, einen anderen zu mächtig werden zu lassen. Das Ich stand durchaus im Vordergründe und suchte sich/ zur Geltting zu bringen, ein Vorgang, der sich auch in der geistigen Entwicklung wiederspiegeln -müßte und zu der sophistischen Denkart führte. Weder in politischer. noch in nationaler noch in religiöser Hinsicht konnte hier die Idee der Einheit entstehen und sich durchsetzen. Wenn wir nun fragen, wieso eine solche Zerrüttung und Zersplitterung möglich: war, so können wir an eineni Umstand nicht vorübergehen: Wir wissen, daß die Griechen als Handelsvolk Kolonien an allen Meeresküsten von den Säulen des Herkules bis znm Kaspischen Meer gründeten. Dies hatte zur Folge, daß in Zeiten wirtschaftlicher Dcpres- ' fioit sofort eine starke Abwanderung in diese Kolonien einsetzte. Die Mutterstadt wurde entlastet nnd dank diesem Regulativ vor wirtschaftlicher Not bewahrt. Der Begriff der Not, des Elends, des Unglücks konnte also dort nicht ins Große wachsen, genau so wie die territoriale Lage der Jnselstädten diese vor der polittschcn Unterdrückung durch die Perser, dem einzigen Machtfaktor damaliger Zeit, bewahrte. Ans Not und Unterdrückung aber ist bei den Völkern alles Kraftvolle entstanden. Was ferner mindestens ebenso ins Gewicht fiel, und was uns heutige Juden am meiste» angeht, war dies: das Fehle» des Zwanges znm Staat, die leichte Möglichkeit der Abwanderung. führte auch dazu, daß alle diejenigen begabten Kräften, die in ihrer Vaterstadt nicht die Rolle spielen konnten, die sie glaubten beanspruchen zu können, kiirzerhand auswanderten und eine Kolonie gründeten, wo sie natürlich ohne Schwierigkeit die Führung in Händen behielten. Der Vaterstadt wurden hierdurch wertvolle Kräfte entzogen, nnd nicht und' mehr wurden ihre Volksversammlungen zu Tummelplätzen wüster Demagogie und Parteikämpfe. *) Anm. d. Red.: Der gesch. Verfasser rührt mit diesem Aussatz an ein Problem, das für die innere Politik der Zionistischen Organisation und ihre künftige Entwicklung von allergrößter Bedeutung ist nnd daher in ruhigeren Zeiten noch eingehender Erörterung bedürfen wird. Dergegenw artige Augenblick erscheint uns jedoch nicht angebracht für eine nähere Behandlung dieses Probleins, und so begnügen wir uns mit der Bemerkung, daß wir den Schlußfolgerungen des Autors voll und ganz znznsttmmen.