Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Aus ocnt uiiier österreichischer Verwaltung stehenoeu Teile des eroberten Polen gelangen schon seit einiger Zeit Nachrichten, Die für die Haltung der Behörden der jüdischen Bevölkerung gegenüber mit Sorge erfüllen müssen. Es gewinnt immer mehr den Anschein, — was nian von vornherein schon hat befürchten inüssen —, daß in den okkupierten Gebieten die Zustände, die bisher in Galizien geherrscht haben, eine Wiederholung erfahren, ha-' heißt, daß die Politik der österreichischen Regierung ganz unter den Einfluß der Polen gerät. Welche Folgen dieser Zustand in Galizien für die gesamte-österreichische Monarchie gehabt hat, weiß, jeder Kenner der Verhältnisse sehr wohl, und nach dem Kriege wird es noch notwendig sein, darüber — vor allem auch unter Berücksichtigung der Kriegscrfahrungcn — in aller Deutlichkeit zu sprechen. Jedenfalls sieht cs so aus, als ob man in Oestereich aus alledem noch nicht die nötigen Lehren gezogen habe und bereit sei, für die eroberten Teile Polens wieder in die alten Fehler zu verfallen,. deren wesentlicher darin bestand, in der Verwaltung des Landes einzig und allein den Wünschen oer Polen unter völliger Nichtberücksichtigung der anderen Nationalitäten Rechnung zu tragen. Vor einiger Zeit bereits erfuhr man von einem Interview mit dem Chef der Zivilvermal tuug in Lublin — £em Sitz der österreichischen Verwaltung für die okkupierten Gebiete Polens —, in dem dieser erklärte, das Jiddische könne als Volks- und Unterrichtss p r a ch e nicht a n c r k a n n t und m ü s s e d u r ch das Polnische ersetzt werden. Man durfte sich, als inan von diesem eigenartigen Standpunkt des österreichischen Verwaltungschefs erfuhr, noch der Hoffnung hingcbcn, er habe im Interview lediglich seine persönliche Ansicht zum Ausdruck gebracht und werde — vor allem während der Kriegszeit — nicht daran denken, diesen Standpunkt durch Zwangsmaßnahmen durchzusetzen. Leider gewinnt es jedoch den Anschein, als ob dies tatsächlich der Fall lväre. Wie verschiedene Meldungen berichten, soll nämlich der Schn lins petto r des Bezi rks komm andos in Radom die Schließung aller C h e d a r i m ° verfügt haben, „da dieselben in sanitärer und pädagogischer Beziehung ihren Aufgaben nicht entsprechen"; an deren Stelle soll ein neuer Typus von Schulen treten, „die in ihrem Programm den Konfessionsschule» mit polnischer Unterrichtssprach e ähnlich sein sollen". Sollte sich diese Nachricht bestätigen, so bedeutet das den Versuch einer zwangsweisen P o l o n i s i e r u n g der jüdischen Schulen von Seiten der österreichischen Verwaltung, ein Vorgehen, das besonders in der Kriegszeit, in der jeder Widerstand der jüdischen Bevölkerung unmöglich ist, doppelt gewaltsam und rücksichtslos erscheint. Daß der Grund, durch den der Herr Schulinspektor seine seltsame Anordnung rechtfertigen will, nur einen Scheingrund darstellt, versteht jedermann. Wir sind gewiß keine begeisterte Anhänger der Chedarim, und wissen sehr wohl, daß sie in hygienischer und pädagogischer Hinsicht sehr viele Mängel besitzen und dringend einer gründlichen Reform an Haupt und Gliedern bedürfen. Aber zunächst einmal darf man sich wohl fragen, ob gerade die Kriegsbeil mit ihrem provisorischen Zustand der militärischen Okkupation die geeignetste Zeit für eine solche Reform darstellt; sodann aber ist cs auch mehr als fraglich, ob gerade die österreichische Verwaltung und der Herr Schulinspektor in Radom, der vordem wohl zeitlebens nichts vom polnischen Judentum und dem Jiddischen gewußt hat, die geeignetsten Faktoren sind, um eine solche Reform vorzunehmen; und drittens — und das ist das Entscheidende — welchen Zusammenhang hat wohl die Abschaffung des Jiddischen als Schulsprache und seine Ersetzung durch das Polnische mit einer solchen hygienischen und pädagogischen Reform? ' Man hat schon sehr viele Argumente aller Art gegen das Jiddische vernommen, aber daß es gerade vonc hygienischen Standpunkt aus so gefährlich und verderblich wäre, auf diesen Einfall zu kommen, blieb dem K. u. K. Schulininspektor in Radom Vorbehalten. Gegenüber dieser Methode der Reformierung der Chedarim möchten tvir doch die österreich. Schulinspektion in Polen auf die so ganz andere Haltung der deutschen Zivilverwaltung in Warschau. Hinweisen. Man wird gewiß nicht bezweifeln, vaß diese ebensolches Verständnis für die - hygienischen Zustände der Chedarim hat wie die österreichische Schulinspektion, und dennoch hat sie es nicht für nötig befunden, das Jiddische irgendwie zu verbieten und gewaltsam durch das Polnische zu ersetzen. Vielmehr hat sie bekanntlich in einer Erwiderung auf eine Eingabe des Vorstandes der Warschauer jüdischen Gemeinde, die um die Einführung des Polnischen als Schulsprache ersuchte, ausdrücklich erwidert, daß 'das Iiddis ch e beibehalten werden müsse, da es die Muttersprache des größten Teiles der jüd. Kinder sei, unv jeder Versuch einer gewaltsamen Polonisierung desselben verhindert werden müsse. Und die gewiß notwendige Reform der Chedarim hat sie demgemäß denn auch nicht irgendwelchen Schulinspektoren übertragen, sondern zwei orthodoxe Rabbiner aus Deutschland, die das Vertrauen der polnischen Judenheit genießen, damit betraut. Dieses ebenso gerechte wiepolitisch kluge Verhalten der deutschen Zivilverwaltung zeigt, daß die Begründung, die der österreichische Schulinspektor dem Verbot des Jiddischen gegeben hat, durchaus hinfällig ist und hier in Wahrheit der Versuch einer gewaltsamen Polouisierung vorliegt. Es bedeutet pies den verhängnisvollen Anfang einer Politik, die wie in Galizien einseitig die Wünsche der Polen berücksichtigt und dadurch die Rechte ^der anderen Nationalitäten aufs gröblichste verletzt. Daß diese Politik ebenso ungerecht wie auch den wahren Interessen der österreichischen Monarchie ' widersprechend ist, brauchen wir hier nicht erst zu beweisen. Wir zweifeln denn auch nicht, daß man — wie manche Auzeichen'beweisen — an den entscheidenden Stellen der Zentralregierung dies schon seit geraumer Zeit sehr wohl erkannt hat und nehmen daher an, daß die eigenartige Anordnung des Schulinspektors in Radom weniger eine prinzipielle Entscheidung der Zentralregierung als vielmehr das übereifrige und ungeschickte Vorgehen eines einzelnen Beamten darstellt. Gerade dies aber zeigt, wie schwer es noch sein wird, die überstarken Einflüsse der Polen auf die Politik der österreichischen Behörden in Polen — und in Galizien — zurückzudrängen und den Grundsatz einer gleichmäßigen, gerechten Berücksichtigung und Anerkennung aller Nationalitäten auch praktisch durchzusetzen. Hier mitzumachen wäre vor allem die Aufgabe der österreichischen Judenheit. Leider hat diese sich der Situation in dieser Nr. 24. Hinsicht bisher wenig gewachsen gezeigt und den Interessen der polnischen Judenheit eigentlich mehr geschadet als genützt. Allein.dieses Kapitel bedarf noch einer besonderen.Besprechung, und wir werden demnächst noch eingehend darauf zurückkommen. Für jetzt kam es uns darauf an, auf die eigenartige Anordnung des Schulinspektors in Radom hinzuwcisen und die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf das hier vorliegende Symptom einer Politik zu lenken, die geeignet ist, die heiligsten Rechte und Interessen der im österreichischen Verwaltungsgebiet Polen lebenden jüd. Bevölkerung ernstlich zu gefährden. Daß 'sie auch den österreichischen Interessen zuwiderläuft, ist gleichfalls einleuchtend. Von allem anderen abgesehen, welchen Eindruck müssen solche Anordnungen auf Dit? amerikanische Judenheit machen, die bekanntlich mit ihren Sympathien überwiegend auf der Seite der Zentralmächte steht. Schon dieser Gesichtspunkt allein sollte die österreichische Zentralregierung veranlassen, hier Remedur zu schaffen uns dafür Sorge zu tragen, daß die Rechte der jüdischen Bevölkerung in Polen in gleicher Weise neben jenen der polnischen anerkannt und berücksichtigt werden. Phraseologie. Es ist eine.allgemeine Erscheinung bei uns Menschen, daß wir häufig die wichtigsten Fragen mit einem geschickten Gedankensprung erledigen und darüber noch sehr selbstzufrieden sind. Der Leichtsinn unserer Handlungsweise und ihre etwaigen Folgen für uns kommen uns garnicht zum Bewußtsein. Ein recht anschauliches Beispiel, wie sich selbst geistig hochstehende Persönlichkeiten dieser Versündigung gegen ihr bestes Ich schuldig machen, gibt ein Artikel, den der italienische Minister Luzatti, sonst ein bedeutender Gelehrter und ein Mann, der ein ausgeprägtes jüdisches Ehrgefühl besitzt, im „Corriere della Sera" üjber die Konfessionen in Italien hat erscheinen lassen und in dem er sich über die Juden Italiens wie folgt äußert: «/ „Die Protestanten nehmen zu, die Juden nicht; sie nehmen sogar ab, denn sie sind von 3ö 617 im Jahre 1901 auf 34324 im Jahre 1911 gesunken. Ein Teil ist sicher zu den Religionslosen gewandert, ein Teil hat vielleicht seinen Glauben nicht angegeben. Aber es muß doch mehr Juden in Italien geben. Warum verstecken sie sich? Es gibt Juden, die sich schämen, Juden zu sein. Um Belästigungen zu vermeiden? In Italien würde diese Feigheit nicht gerechtfertigt werden können. Unv ich hoffe, nicht der einzige zu sein, der, obwohl durch tiefe Ueberzeugung dem väterlichen Glauben entfremdet, wieder Jude wird, wenn es sich darum handelt, sich kleinen Gefahren oder der Geringschätzung, die nie fehlt, entgegenzustellen oder an die Seite der Bedrückten zu treten. Dieses unsterbliche Volk hat sich durch die Versolgungen selbst gerettet; aus diesen schöpfte es die Macht der Erhaltung und der ewigen Jugend." Da sind gleich zwei Aeußerungen von schwerwiegender Bedeutung, hinter deren Wortgepränge in Wirklichkeit garnichts steckt, und die wahrlich bei näherem Zusehen recht gedankenlos in die Welt hinausgesprochen morden sind, in eine Welt, in her man gern gedankenlos nachspricht, was man ohne Mühe in sich aufnehmen und bequem vertreten kann. Luzatti behauptet, „durch tiefe Ueberzeugung" dem väterlichen Glauben entfremdet zu sein. Er