Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1916-06-16 · Heft 23 (16.6.1916) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 23 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692975-2692997--09485-2704708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nicht bloß der Landrat und die Ländrätin, sondern auch der Bürgermeister und die Bürgermeisterin, das besonnene Kreisdoktorchen, das klug wieder die Karten vor Schaden bewahrte, und der gerührte deutsche Prünger zogen mit, und hinterher schloß sich auch der Postmeister und Apotheker an, die Honoration vervollstÄüngend und die Ehre Israels vollendend. Inzwischen hatten sich in der Wohnung Malkohs eine Reihe von Szenen zugetrage», die dem Wohlwollen des Landrats eine ganz neue Wendung gaben. Die gestern in den Bücherstube versammelt waren, befanden sich auch heute daselbst; nur anders gruppiert ruck in anderer Stimmung. Die unnahbare Malkoh saß im Lehnstuhl, Mendel an der einen. Handele an der anderen Hand; und so überwiegend zärtlich und in so hingebcnder Bewegung hielt sie die kräftige Hand Mendels, daß der' starke Mensch nicht aufhörte, Tränen zu vergießen. Während er sich an den Stuhl der Großmutter lehnte und deren Hand wiederholt ans Herz drückte, stand heute Händele aufrecht und in gehobener Stimmung da und aus ihren Blicken und Worten leuchtete eine Glückseligkeit hervor, jbit davon Kunde gab, welch mächtige Umwandlung in jenem Augenblicke vor sich geht, wo die stumme Schüchternheit der Jungfrau zur hingebenden Züchtigkeit der beglückten Braut-wich. Mit welcher Lebendigkeit Genendel und mit welchem Antlitz sie fortwährend von der einen Stube in die andere lief, das schildern Worte nicht. Wesen solcher Art muß man in ihren ewigen Liebesdiensten .in Freud und Leid selbst gesehen haben, mn dieses Aufgehen in dem Glücke anderer fassen zu können, das sich heute in allem ausprägte, das sie in ihrer Glückseligkeit vornahm. Salme aber drückte sich fortwährend sein Sammetkäppchen bis in die Augenbrauen und stellte sich, die Hände gefaltet, in jede Ecke und jedes Winkelchen der beiden Stuben hin, und sein frommes Auge rief Jütte und Elke, Chäskel und Meyer Bauer und Gott den Gelobten und alle lichtigen Engel herbei, um Zeugen seines Glückes zu sein, und sein Mund lächelte alle an, wenn er daran dachte, wie Malkoh heute gar nicht den Kopf schüttelte und seine „schwache Red" mit anhörte und begütigend ihm zunicktc. Wer auch ernste Lebenspläne kamen heute zur Sprache. ' Mendel tat kund, wie er heute auf dem Wege zum Grabe seines Vaters einen Entschluß gefaßt. Er habe auf den Feldern die Bauern in der Ernte-Arbeit gesehen und dabei an die Vorliebe seiner Väter für diese Art der Tätigkeit gedacht. Es sei ihm klar geworden, daß er mit Lust ein Mendel Bauer werden möchte, wie Meyer Bauer, der leider in einer Zeit gelebt, wo es den Juden nicht gestattet war, ein Stückchen Land anzubaucn. Er fragte Händele nach ihrer Ansicht, und sie sagte, sie sehe noch sein Antlitz vor sich, wie er am Pfingst-Vorabcnd aus dem Walde herein kam in die heilige liebe Schul und höre noch die Worte der Großmutter, daß oies sei: ' „Wie der Düst des Feldes, das Gott gesegnet." „Wie soll ich rü>en gegen Deinen Willen", rief sie, „wenn Du leben willst im Feld, das Gott, der Allgütige segnet!" Die Großmutter aber sprach: „Mein Sohn, ich sitz' in meiner Blindheit und höre Deine Stimme so süß und lieb und fromm und fühl Deine Hand so stark und mächtig, daß Mirs einfällt, wie Isaak in seiner Blindheit hat gesagt: „Die Stimme ist Jakobs und die Hände sind Esaus", und ich kann Dich nur segnen, wie er den Sohn hat gesegnet: „Es soll Dir geben Gott, der Gelobte, von dem Tau vom Himmel und Fettigkeit von der Erde, daß Du sollst dienen der Welt mst Deiner Hand und dem ewigen Gott mst Deinem guten Herzen!" Genendel war des Außerordentlichen von dieser Frau so sehr gewohnt, daß sie sich schnell mst diesem Plane befreundete; aber ihre und Salmes vollste Zustimmung erhielt er erst, als Malkoh beide Hände ausstreckte und zu ihnen, die sie mit Begeisterung ergriffen, sagte: „Wenn Mendel mir mein Händele nimmt aus dem Haus, dann bleibt Ihr mir doch, bis Gott, gelobt sei Er, mich zu sich rüst!" In dieser Sstuation fand der als Herold herein« stürmende Wachtmeister die Versammelten, um ihnen den hohen Besuch zu verkündigen. Der Besuch folgte auch bald darauf. Der Landrat, in seiner Weise, alle Dinge aufs Kürzeste abzumachen, wollte auch hier sein Geschäft militärisch und stehenden Fußes abfcrttgen. Wer Malkoh, die sich aufgerichtet hatte, imponierte durch das leise Schütteln ihres Hauptes der Ländrätin außerordentlich, und da sie den Landrat zur Höflichkeit gegen die ehrwürdige Frau mahnte, begnügte IleaBfftP&x. Wr»rMfch«r FaMMenNM. er sich, tuest er gerade den lebenslänglichen Hausierschein in der Hand hatte, seiner Gustcl mit dem Ellenbogen aus die Schulter die Zustimmung zu erteilen, und bat nicht nur Malkoh mit seiner Soldatcn-Galantcrie, ihren Platz einzunehmen, sondern ließ sich auf einen Stuhl nieder, den der vor ihm zitternde Saline ihm hinschob. So aus dem Text seiner Humanität geworfen zu werden, das hatte sich der gute Landrat nicht vorgestellt. Als er seine Gnade mit dem lebenslänglichen Hausierschein kund gab und Malkoh den Kopf schüttelte, blieb, er mitten im Satze stecken und griff sich mit einem „Donner-Wetter!" ganz martialisch an seinen Blücher- Schnurrbart. Ms aber Malkoh in ihrer vollsten Ruhe und Gelassenheit ihm Mendels Entschluß, sich dem Feldbau zu widmen, kund gab und hinzufügte, daß sie so viel Vermögen besitze, um ihn, sobald er die Landwirtschaft inne habe, zum Pächter auszustatten, da sprang der brave 'Landrat hoch auf vor Freude. „Brav!" schrie er, „brav, altes Weibchen, brav, Bursch! brav Mütterchen, sehr brav, Großmütterchen!" Das stimmte so recht zu feiner Matur, seinen Ansichten und seinem wackern Herzen. „Weiß Gott, Gustcl", rief er und ließ wirklich seine Hand so schallend auf ihren Nacken nieder, daß alle erschraken, — aber ohne auf die ihm ganz bekannte Entgegnung der Landrätin zu -achten, fuhr er fort: „Das ist der gescheideste Plan von Dir, Gustcl, daß wir den Burschen zu unserm Pächter herausarbeiten. Meiner Seel, er gefällt mir! Herr Bürgermeister, der wiids lernen!" Und mit diesen Worten faßte er sogleich Mendel an die Schulter und stellte ihn wie einen Soldaten vor sich hin. Es liegt etwas Eignes in dem Gegenüberstchen zweier von Natur kräftig gebauter Menschen von gleich grader Herzensbeschaffenheit. Sie gewinnen einander lieb, ehe man sich's versieht. Mendel sprach kein Wort; jedoch in seinem festen guten Blick lag dies Zugeständnis ganz deutlich. Der Landrat aber war mst sich fertig: „.He Bursch", rief er, „was? Ein Jahr Lehrzeit bei mir, was? Das wird brav! Hand her! eingeschlagen! abgemacht! Ei, was drückt Er denn meine Hand, als ob ich ein Weibsbild wäre! faß Er zu!" Und Mendel tat ihm den Gefallen: er faßte zu, viel gelassener zwar als der Landrat, aber auch viel fester, gerade fest genug, unl eine schwächere Hand, als die des Landrats, in allen Gelenken knacken zu lassen. Und der Landrat rief: „Gut, gut! wir werden uns verständigen!" Während alle Anwesenden ihrer Freude über diese neue Wendung der Ereignisse in herzlichen Glückwünschen - freien Lauf ließen, war die Landrättn zur alten Malkoh geestt, um ihr die Hand zu drücken. „Großmutterchen", sagte sie herzlich: „ich bin die Landrättn. Ihr Sohn wird cs gut bei uns haben!" Malkoh neigte freundlich das Haupt: „Gnädige Frau", sagte sie, „ich hör' an der Stimm' von dem gnädigen Herrn, daß er ist ein starker Mann!" „Wohl! wohl! ist er's!" sagte die Landrätin im Tone eines beglückten Weibes. — . „Nun, Händele, mein Kind", sagte Malkoh, nach der Hand der Enkelin fassend, „weißt Du, was ein Weib beglückt? Ein Mann, deß Tun ist stark und dessen Herz! ist säfttglich! Und willst Du wissen, wie da sein mußdas Weib? — Stark von Herzen und gar sänftiglich im Tun!" . Händele küßte entzückt die Hand der Großmutter und— der Wachtmeister unser Zeuge! auch die Landrättn tat desgleichen. — Und hinaus stürzte der Wachtmeister, um es der Welt zu verkünden, und sie vernahm es und des Jubelns war kein Ende! — . Und von Lustbarkeit zu Lustbarkeit kam's noch in dieser Nacht! Kaum hätte Reb Abbele seine „gleichen Wörtchen" erschöpft, so erschienen die fünf lustigen Bachurim auf' dem Markt und führten einen neu ausgesonncnen Disput über den alten Hahnen-Kampf auf, der unvergleichlich reich an Witz und gelehrtem Mutwillen war. Um Mitternacht arrangierte das rote Bachurchen, das allen „Männern" den Kopf warm machte, einen Mädcn-Chäzoß um den jüdischen Scharrenklotz, der an Schalkhafttgkeit ohne Gleichen blieb in den Analen der guten frommen K'hille. Aber mitten darin flog alles vor Staunen und Jauchzen hoch auf. Denn in der Nachbargemeindc hatte Jankele ein dunkles Gerücht von den großen Ereignissen der Heimat vernommen; er hätte sich aufgemacht.und stand bald unbemerkt mitten auf dem Markte. Nr. 23. Und wie er nun die Fidel strich und mit einein Male die Bauern zu jauchzen, die Mädchen zu tanzen, die Bachurim zu singen, der Wachtmeister zu lachen, der Hahn tzukrähcn.Hie schwarze Nncho zu schreien anfing, — das Alles darzutun in schöner Ordnung, wie sich's ' gebührt, das müssen wir auf bessere Gelegenhest verspüren — d. h.: wenn uns Gott das Leben läßt. Denn viel, sehr viel, Ihr lieben Leser mit guten jüdischen Heiden, haben wir noch zu erzählen von dieser Nacht und all' den folgenden Tagen, Wochen und Monden. Wir haben zu erzählen, wie der christlich germanische Gersd'arm ein Stück jüdische Seele mit dem ersten: „Es gesegn' Euch!" bekam, das er mit dem Wachtmeister beim jüdischen Schnäpschen studierte, und wie er unverlierbar dem Judentum gewonnen ward nach dem ersten. Bissen — Kugel! Wir haben zu erzählen, welch' ein frommer Sinn sogar in sein boshaftes Pferd hinein-' fuhr, als cs an dem Heu roch, das nach der langen Nacht aus der Schul' ausgefegt wurde. Wir haben zu erzählen, >vas sich tat, als Mendel Bauer zum ersten Mal in die Gasse geritten kam, Händele sein Pferd ani Zügel halten ließ, und die alte Malkoh dazu lächelte. Wir haben viel ,viel zu erzählen, ehe wir an das liebste Ende kommen, >vo Mendel Pächter mit dem schwarzen Blücher-Schnurrbart mit -Händele Malkoh's in ihrem frommen Geschleier, unter den Trauhimmel ging! Wie da Genedel tanzte! — wie da die unerschütterliche Malkoh weinte! und wie Salme Mennist aussah, als ihm Jankele vorspielte und er erst auf einem und dann auf dem andern Bein hüpfte und dabei in die Hände paschte und mit lauter Stimme die üblichen fromnien Lieder sang zum Lobpreis dessen, deß Name gelobt und gepriesen sei von nun an bis in Ewigkeit: Amen! — F. SAINT-DENIS, rSTSSES* ALLE REPARATUREN an UHREN Gold und Silberwaren, Brillen und Zwicker. Map« ein Vorläufer des Zionismus. K. Daugilaicky. (Schluß). Mapus Lebenswerk! Das erste und bedeutendste Werk, das Mapu geschaffen hat, ist der Roman „Ahawath Zion", Zionsliebe. Zweiuildzwanzig Jahre hat der Dichter an diesem Werke gearbeitet, und immer und immer wieder hat er geändert und gebessert, und zwar nahm er nicht nur Kapitel- und Satzänderungen vor, sondern auch Ausdrucke, ja sogar einzelne Worte wurden verbessert, und das Buch war auch wirklich danach — cs war ein Meisterwerk. „Ahawath Zion" machte ungeheuren Eindruck auf die Zettgenossen. Jeder Maskil las das Buch mit Begeisterung und Bewunderung, und oie Jugend versuchte es, den Helden des Romans nachzuahmen. Der Liebenoe nannte seine Geliebte: Tamar und diese ihren Geliebten: Amnon. Das sind nämlich die Namen der beiden Hauptpersonen des Romans. Und auch heute noch, wenn >vir das Buch lesen, kommen wir aus der Bewunderung nicht heraus. Es ist ein Kunstwerk ersten Ranges auch in der Weltliteratur, die, wie bekannt, an historischen Ro- ' manen von. künstlerischem Wert nicht allzu reich ist. Was aber das Buch für uns noch ganz besonders bedeutend macht, ist, daß es den ersten Versuch darstellt, unsere Vergangenheit, die Zeit die 2500 Jahre hinter uns liegt, zu vergegenwärtigen. Für die hebräische Literatur bedeutete dieses Buch den Anfang einer neuen Epoche. Der Stand der hebr. Literatur vor Mapu war nicht sonderlich hoch. Die meisten Schriftsteller begnügten sich mit mangelhaften Uebersetzungen, mit Erklärungen von Bibelstellen, mit inhaltslosen und phrasenhaften Gedichten. Mapu war einer der ersten, die etwas Originelles schufen. Seinen ersten Roman „Ahäwath Zion" schrieb er ' in freier Natur auf demselben Berge, wo er einst seine kabbalistischen Experimente gemacht hatte. Der Ort lag ja sehr romantisch und war wohl, geeignet, einen Dichter zu inspirieren. Die Zeit, die uns, Mapu vorführt, ist das sogenannte goldene Zeitalter der Könige aus dem Hause "Davids. EBs regierte damals der König Chiskijahu, ein gerechter Herrscher, der in seinem Tun und Lassen viel von dem damals lebenden großen Propheten Jesaijas beeinflußt war. Mr besitzen nur wenig Quellen für jenes Zeitalter, und diese reichten einem trockenen. Forscher nicht aus, um ein genaues und echtes Bild jener Zeit zu-entwerfen. Aber für einen-Dichter wie-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.