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Neue jüdische Presse · 1916-06-16 · Heft 23 (16.6.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 23 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Rr 23 Frankfurter Israelitisches FamilienKatt. Leite 5. Mapu, der eine so reiche Phantasie, ein so feines historisches Gefühl besaß — ihm reichten auch die kleinen und jwenigei^'Andeutungcn pus, die in der Dibel enthalten sind, um die Zeit von vor 2500 Jahren dichterich zu erschauen und lebendig vor unseren Angen zu führen. Und jenes Zeitalter Ivar reich an großen Persönlichkeiten und Ereignissen. Schon die Person des Königs Chiskijahu war eine ausgezeichnete in ihrer Art. Ein barmherziger Fürst, der bemüht ist, den Armen und Leidenden zu helfen, dessen Beamte sich aber zwischen ihn und sein Volk gestellt haben und die Unglücklichen Wider seinen Willen unterdrückten. Ein Recht und Gerechtigkeit liebender Fürst, der aber von Betrügern und Schmeichlern umgeben war. Der einzige, auf den Chiskijahu sich verlassen und dessen Rat er folgen konnte, war der Prophet Jesaijas. Auch Jesaijas stammte von königlichem Hause — er war Vetter von Chiskijahu —, aber trotzdeni verkehrte er niit den Armen und Leidenden wie mit Brüdern, und sein ganzes Bestreben ging darauf hinaus, ihnen zu helfen. Und dieser Arinenbcschützcr war der größte Prophet, der je gelebt und war dazu ein großer Staatsmann. Aber nicht die Persönlichkeiten, sondern die Verhältnisse reizten unseren Dichter. Ein Bild vom gesellschaftlichen Leben jener Zeit zu geben, das war sein Ziel. Zunächst ist cs die Liebe, die jüdische Liebe, die er uns schildern will. Jene reine, natürliche und deshalb heilige Liebe, die — wie es im Hohenliede heißt — „stärker ist als der' Tod, und die viele Wasser nicht verlöschen können". Eine solche Liebe konnte nur ein so jüdischer Dichter wie Mapu verstehen und schildern. Aber diese reine, nicht auf Sinnlichkeit beruhende Liebe, war ihm so heilig, daß er sie nyr in die Seelen der Guten und Ehrlichen.verpflanzte. Die Betrüger, Heuchler und Schnieichler in den Werken Mapus können nicht lieben. Allein — so lebendig und naturgetreu uns Mapu die jüdische Liebe schildert, so getreu, daß man sagen muß: so und nicht anders mußten die Söhne und Töchter Zions geliebt haben — seine Kraft versagt doch ein wenig beim Schildern des Großstadtlebens Jerusalems; denn ihm, dem Schüchternen und Zurückgezogenen, ivar das Großstadtleben völlig unbekannt. Und so konunt cs, daß nur wenige Bilder davon im „Ahawath Zion" enthalten sind; und auch diese sino meistens fahl und farblose Mit umsomehr Naturgetreue hat dafür der Dichter das Dorf- und Hirtcnlebcn des alten Hebräers zu schildern getvußt. Seine Bilder vom ländlichen Leben unserer Ahnen sind unübertroffen, und man glaubt, Berichte von Zeitgenossen vor sich zu haben, ivenn man sie liest. Und man muß sie lesen, ivill inan ein Bild gewinnen von der schöpferischen Kraft unseres Dichters, von seiner großen Erzählergabe und von seinem historischen Verständnis. Besonders die Schiloerungen des Dorflebens waren es, die die Jugend begeisterten und in vielen Herzen die Sehnsucht nach deni Dorf- und Hirtenleben weckten und auch die Sehnsucht und Liebe zu Zion und unserer Vergangenheit. Darin eben beruht die Bedeutung dieses Buches für den Zionismus, und auch heute noch ist es >vohl geeignet, für die zionistische Sache Anhänger zu gewinnen.*) Ein Seitenstück 311 diesem Werke ist „Aschmath- Schomron (Die Schuld Samarias)" auch ein historischer Roman, der mehrere Jahre später als' Ahawath Zion erschien. Das jüdische Volk war, wie bekannt, in zwei Teile gespalten: in Juda und Israel. Diese Zweiteilung des Volkes zog auch nach sich eine Zweiteilung des Judentums. Während Juda die Verkörperung des jüdischen Nationalgcdankens und der jüdischen Sittlichkeit war, ist Israel immer der Träger des Assimilationsgedankens gewesen. Mapu, der Maim des starken Willens zum Judentum und der tiefen Liebe für alles Jüdische mußte natürlich in Israel den Keim des Verfalls und der Abtrünnigkeit, in Juda dagegen die Verkörperung alles Edclen erblicken. Dieses kommt in „Aschmath Schomron" zum Ausdruck. Alles Gute rührt aus Juda, alles Vöse — aus Israel. Obgleich die Schilderung dieses Gegensatzes von Judentum zu Judentum den größten Raum in diesem -Buche einnimmt, so sind doch auch - viele wunderbare Naturschilderungen darin enthalten, und an manchen Stellen atmen wir förmlich die Luft des Libanon und des Hermon. Auch ist es wieder die jüdische *) „Ahawath Zion" ist auch! ins Deutsche übersetzt und führt den Namen „Tamar". Die Uebersetzung stammt von Dr. Mandelkern, der das Büch unter seinem eigenen Namen und nur mit einer Widmung an Mapu herausgab. „Tamar" ist in einem wunderbaren Stil geschrieben, so das; man das Buch nur empfehlen kann. Jungfrau, die der Dichter in der ganzen Pracht ihrer Naivität und Reinheit noch einmal schildert. Auch „Aschmath Schomron" wurde beifällig ausgenommen, machte -aber lange nicht den Eindruck, den „Ahawath Zion" hcrvorrief.. Während diese beiden Romane das alte Judentum verherrlichen, gibt uns Mapu im „Ajit Zawua" ein Bild seiner Zeit. Er schildert uns die „Haskalah" (Aufklärung) in den prächtigsten Farben. Doch um dieses richtig zu verstehen, muß etwas vorausgeschickt werden. Es hatte sich in Rußland eine Aenderung vollzogen. Der Despot Nikolai I. ivar gestorben oder hatte, Selbstmord begangen jnqch den, -katastrophalen .-Ausgang des Krimkrieges, und sein Nachfolger Alexander II. war ein Mann von liberalen Aspirationen, von denk nian große Umwälzungen, ja sogar eine Modernisierung Rußlands im Sinne Europas erhoffte. Besonders setzten die Juden als unverwüstliche Optimisten große Hoffnungen auf ihn. In der Tat führte er auch Erleichterungen in die jüdische Gemeinde ein und machte der .Herrschaft der Gemeindedespoten ein Ende, an Stelle der -Orthodoxie zogen die „Mascilim" (Gebildeten) in die Gcmeindestube. Selbstredend dachte nun auch Mapu, daß die „Haskalah" die Erlösung bringen werde, und so ist es zn erklären, daß der Hauptinhalt seines „Ajit Zawua" die Verherrlichung der „Haskalah" bildet. In diesem Buche ist jeder Maskil ein halber Gott, während jeder Fromme — mit nur geringen Ausnahmen — als ein zu allem Bösen fähiger Mensch geschildert wird. Tie Hauptpersondes Buches ist eben ein solcher Heuchler, Betrüger, ja sogar mehrfacher Mörder, der aber die Maske eines Frommen trägt. Diese Entstellung und Uebertreibung kommt daher, daß Mapu in seiner Begeisterung für die „Haskalah" ihre Gegner als Unmenschen ansah. Außerdem hat das Buch noch einen Zweck. Es will ein Bild vo>l den Reichen und Armen geben. Doch so treffend und lebensvoll Mapu die Armen und Unglücklichen zn zeichnen verstand, so u n wahr hat er z. T. die Reichen geschildert. Der Grund ist leicht zn 'finden: Die Armen, und ihre Armut hatte Mapu zur .Genüge gekannt. Er war mit ihnen ausgewachsen, hatte mit ihnen gelitten, hatte gefühlt, was sie -fühlten und konnte deshalb ein treues, sympathisches Bild von ihnen entwerfen. Die Reichen aber hatte Mapu nie gekannt. Nur niit einem von ihnen war er in Berührung getreten, und dieser eine ivar A P a t 0 w. Daß aber das Zusammentreffen mit diesem Despoten nicht gut geeignet war, die Reichen bei Mapu in ein gutes Licht zu stellen, ist verständlich, — und so ist jeder Reiche, der im „Ajit Zawua" vorkommt, ein mehr oder »linder vollkommenes Scheusal. Trotzalledem gibt es aber auch im „Ajit Zaioua" Schilderungen, denen wir vollste Bewunderung zollen müssen. Da ist z. B. eine alte fromme Frau, die ihr ganzes Leben für die Armen und Unglücklichen sorgt und zwar derart, daß sic sich dabei selbst völlig vergißt. Wenn sie durch die Straßen geht, verteilt sie unter den Kindern allerlei Leckerbissen, damit sie laut und schön die „Brochoh" darauf machen. Aber nicht nur den Lebenden, sondern auch bei den Toten ist sic bekannt. Wird jemand in der Stadt krank, so ist sie es, die zu den Gräbern lauft und weinend und schluchzend die heiligen Väter aufsordert, ben Himmel für den Kranken um. Gnade zu bitten. Bezeichnend für sie sind mich ihre Plaudereien von der guteir alten Zeit, in der die Menschen noch ganz anders, viel besser, viel frommer waren als jetzt. Viele Dichter haben es schon seitdem versucht, diese Alte zur Heldin ihrer Erzählungen zu machen, aber cs ist bis jetzt noch keinem gelungen, die Schilderung Mapus zu erreichen, geschweige denn zu übertreffen; denn sie ist mit echtem Genie geschrieben. — Noch ein größerer Roman von 10 Bänden „Chause Chesiaunaus (Der Schwärruer)" in dem die Epoche des Sabbatei Zwi geschildert wurde, ist aus Betreiben der C h a s s i-d i m, die davon Kenntnis erhalten hatten, dem Zensor abhanden gekommen. Nur einige Kapitel sind erhalten worden und diese zeigen, daß das Buch ein Kunstwerk, nach Mapus eigenen Worten das bedeutendste seiner Werke gewesen war. Wir können diesen Verlust nur bedauern. Es bleibt mir jetzt nur noch übrig, einige Worte über Mapus Stil und Sprache zu sagen. Schon vorher habe ich wiederholt ertvähnt, daß er tief in den Geist der hebräischen Sprache cingedrungcn und der beste -Bibelkenner war. Dadurch bekam sein Stil einen prophetischen Charakter, dadurch war es ihm möglich, jeder Person die für sie passende Redeweise in den Mund zu legen. Dazu kommt noch seine erstaunliche Erzählergabe und seine reiche Phantasie — so daß wir mit Recht sagen können: Mapu war einer unserer bedeutendsten Dichter. Trotzdem Mapu durch seine Werke die Zionsliebe bei der Jugend geweckt hatte, war doch auf ihn nicht gleich der Zionismus gefolgt. Tenn die „Haskalah" und die Reformsucht hatten mit aller Kraft eingesetzt, so daß die Losung nicht „Aufbanen", sondern „Niederreißen" Ivar, und dieses Niederrcißen machte sogar bei den Propheten keinen Halt. In diesem Reformtaumel war kein Platz für den nationalen Gedanken. Erst als der Haskalahrausch sich einigermaßen gelegt hatte und die Befrciungsträume in die Brüche gegangen waren — erst als man zur Besinnung kam, da hörte man die Stimme der alten Sehnsuchtgefühle, die die Romane Mapus in die Herzen der „Haskalah"-Männer verpflanzt hatten. Dann traten Smolenskin und Lilienblum auf, Männer, die — wie selbst sagten — alles nur Mapu zu verdanken hatten. Erst dann sah man die Bedeutung Mapus für die nationale Beivegung ein, und wenn wir heute ein gut Stück Arbeit auf dem Wege unser nationalen Wiedergeburt geleistet haben, so haben nnr es unserem großen Klassiker Mapu mit zu verdanken. G Kr die lügend. 10 Was wird am Ende aus mir werde«'! Bon Scholaum Zlleichem. Uebertragen yon A. Oisfebach. (Schluß.) VII Schade, das: solch ein Garten von einer so schlechten Frau, wie ihresgleichen es sicherlich nicht wieder gibt, beherrscht wird. Fällt der kleinste Apfel herunter, der dazu noch verfault ist, so erlaubt sie nicht, sich zu bücken und den Apfel in die Schürze zu tun. Wohin legt sie denn diese Zlepfel? Wie es scheint ans die Mansarde. Es ist .auch möglich, daß. sie sie in den Keller legt, denn ich hörte sagen, daß ini vorigen Jahr ein Keller voll Aepscl bei ihr verfaulte. Ist cs also nicht gerecht, wenn man ihr ein paar Zlepfel entwendet? Aber wie kann man sie denn entwenden? Sich in den Garten, wenn alle schlafen, einschleichen, und die Taschen mit Zlepfel füllen! Gewiß, dieser Rat ist sehr gut. Aber, was wird er, das heißt der Hund, dazu sagen? Und zum Zlerger sind die Aepfel in diesem Jahr sehr gut und groß. Die Zlepfel bitten und flehen, sich ihrer zu erbarmen und sie abzupflücken. Was ist da zn tun? Wenn ich nur eine Hexenfornrel, oder einen Zauberspruch wüßte, dann würde ich die Aepfel beschwören, sich zu mir zn bemühen. Ich versuchte verschiedene Mittel. Am Ende fand ich eins: man entwendet Aepfel nicht mit Hexen- und Zanberspriichen, sondern mit einem langen Stock, dessen Ende mit einem Nagel versehen ist. Stößt man dann den Nagel in den Apfel, zieht recht behutsam, und der Apfel ist Euer. Hütet Euch nur, daß kein Apfel herrrnterfiele. Doch-, wem? es geschieht, ist es nicht so schlimm. Sie, das heißt die Aerztin, wird denken, daß der Wind den Apfel heruntergeweht habe. Mer i ch zum, Beispiel habe noch nie einen Apfel heruntergeworsen. Ich verstehe die Sache von Grund aus. Die Hauptsache ist, daß ihr Euch nicht .eilt. Wozu ist denn auch Eile nötig? Ihr pflückt einen.Apfel, eßt ihn im verborgenen ans. Pflückt, wenn ihr wollt, noch einen ab. Ich wette, daß, dies niemand merken wird. VIII. ' Wer ist Prophet, und wer könnte Voraussagen, daß diese Hexe die Zahl der Aepfel kennt, während sie noch grün sind? Wie es scheint, bemerkte sie es? Sicherlich war es so. Denn als ich ein paar Zlepfel entwendet hatte, scheint sie darauf gekommen zu sein. Und was tat sie?. Sie verbarg sich iaitf ihrer Mansarde, und von dort ans sah sic meinem Tun zu. Wenn sie ohne Zeugen mich ertappt hätte, würde ich sie um Gnade angefleht habe», sie hätte vielleicht Erbarmen mit mir gehabt, denn am Ende bin ich doch nur ein Waise. Aber sie führte, nachdem sie mich allein beobachtet hatte, meine Akntter, unsere Nachbarin Pesit und die Metzgerin die Mansarde hinauf. Zille drei konnten jetzt das sehen, was die Hexe schul gesehen hatte. „Nun siehst Du jetzt Deinen Bengel? Glaubst Du mir jetzt?"; Daß diese Worte die Aerztin sagte, erkannte ich an der Mäimerstinrme. Ich wendete 'meinen Kopf um und sah alle vier Frauen. Den Stock und den Zlpfel warf ich nicht herunter, sondern er fiel mir von selbst a»ls der Hand. Ich wäre ihnen am liebsten vor Schande nachgestürzt. Ich konnte einfach meinen Kopf nicht erheben. Wenn der Hund nicht im Garten gewesen wäre, würde ich mich jam liebsten heruntergesrürzt und vor Schamgefühl getötet haben. Am schwersten waren mir die Tränen meiner Mutter. Sie hörte nicht auf zu weinen und zn klagen:. ,Mehe mir und wehe meiner Seele! Wie habe ich das verdient? Wehe mir, daß ich düs so sah! Ich dachte, meiit Junge geht zur Synagoge um des KaddischGebet 'zn verrichten, — Und jetzt! Wehe mir! Er liegt auf dem Dach und entwendet Zlepfel ails fremden Gärten!" Die -Hexe stand sind fügte mit Behagen und Bosheit hinzu: „Verhauen.muß er werden! Einen solchen zweiten

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