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Neue jüdische Presse · 1916-06-02 · Heft 21-22 (2.6.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 21-22 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. »c 21/22 Es bewegte sich eine Kutsche auf das Städtchen zu,, und — der Landrat in eigener Person erschien, um von den Ereignissen des Tages Kenntnis zu nehmen. Der Landrat >var ein hochstämmiger, . kräftiger, guter, braver alter Herr. Er hatte in einem Alter von einigen vierzig Jahren wie ein wackeres preußisches Herz finit Mnglingsmut mnd /Aufopferung die Befreiungskriege mitgemacht. Er war ein Zögling des humanen Rationalismus mit jener Portion gutmütiger, gewalttätiger .Borniertheit, die aus purer Menschenliebe alle Polen zu Deutschen, alle Juden zu Christen und alle Christen zu Nationalisten machen wollte. ..Er brachte auch seine runde Landrätin mit dem breiten Nacken mit, auf den er in den Momenten der höchsten Begeisterung, vor lauter Menschenliebe seine breite Hand recht gewichtig fallen ließ, worauf sic regelniäßig zehn Schritte davonlief und ihn einen „groben Menschen" schalt, er aber aus aller Polterei in ein helles Lachen verfiel und dann immer gerade das tat, was sie haben wollte und wogegen er sich eben erst ereifert hatte. Stehenden Fußes ließ er sich nun von dem Herrn Bürgermeister Bericht erstatten; der gerührte deutsche Prediger ergänzte, dazwischen redend, alle Lücken. Was er zu hören bekam, war gar nicht zum Poltern eingerichtet, and deshalb riß er eben nur um so ungeduldiger herum an seinem Blücher-Schnurrbart. - Aber als der Bericht zu Ende war, faßte ihn die ^Begeisterung, und obwohl die Landrätin wirklich kein Wort geredet, entging ihr doch der Tribut der Bewunderung von seiner breiten Hand nicht, und nachdem sie richtig zehn Schritte weit von ihnr geflohen war und ihn einen „groben Menschen" gescholten hatte, lachte er hell auf und rief mit lauter Stimme: (Fortsetzung folgt.) Der Brief. Skizze von Heinrich Bach rach. „Wie liegt so traurig die Stadt" — — — „Stadt" ist zuviel gesagt. Ein Trümmerhaufen ist es, ein wüstes'Durcheinander von Mauersteinen, Mörtel, verkohltem Holz und allerlei unbrauchbar gewordenem Hausgerät. Nur die Schornsteine, aus rötlich-gelben Backsteinen gebaut, ragen aus dem Chaos hervor, bereit, bei dem ersten stärkeren Windstoß zusammenzusinken. Es ist ein furchtbares Gefühl, über diese Trümmer zu schreiten. So viel Leben, so viel Glück und so viele Hoffnungen liegen darunter begraben: Der Hauch des Todes streift noch darüber hin, und tausenderlei Gegenstände erinnern, an das erst vor kurzem erlvschenenc Leben der Kleinstadt. Etwas abseits vom Städtchenstehen einige Häuser noch unversehrt. Ich gehe auf das größte zu, eines jener typischen polnifchen Blockhäuser, ivie wir sie zuweilen auch 'noch in -Ostpreußen finden. Bon Holz sind die Wände, das Dach, die Türschivellen — alles. Die Sonne hat das Holz ausgesogen, es ist rauh und rissig geworden und hat eine stumpfe grauschwarze Farbe angenommen. Nur am Türpfosten zeigt ein kleiner, heller Fleck die Grundfarbe des Holzes. Dort hat einst die Mesussah gesessen! Und während ich das Innere des Hauses betrete, ergreift mich die Tatsache, daß'die Bewohner des Hauses Vor ihrer eiligen Flucht zuerst die Mesussah entfernt und jedenfalls mitgenomnlen haben, doppelt stark. Die Zimmer sind noch alle vollständig eingerichtet, in einem kleinen Kontor liegen aufgeschlagene Geschäftsbücher, die Betten im Schlafzimmer, sind sauber und unberührt; alles mußte man stehen und liegen lassen, wie es war, — nur die Mesussah abzumachcn hatte man sich die Zeit genommen! Vielleicht lvird sie den: neuen Heim der Flüchtigen die Weihe geben, vielleicht wird sie auch eines Tages den alten Platz wieder einnehmen; — vielleicht aber auch ruht sic schon mit ihrem Besitzer tief unter der Erde, — wer weiß? — Die Möbel in den Zimmern sind gut - erhaltenalles ist nett und geschmackvoll. An den Wänden hängen Photographien. Eine alte Matrone mit dünnen, gescheitelten Haaren und faltenreichem, freundlichem Gesicht. Dann ein Familienbild. Der große, starke Mann mit dem langen Barte ist wahrscheinlich der Besitzer des Hauses. Daneben seine Frau, klein und rund, mit vollem, nichtssagendem Gesicht. Daun zwei Kinder. Das Mädchen, vielleicht achtzehn Jahre, eine Schönheit. Haare und Aiige>l tiefschwarz, das ganze Köpfchen anmutig und lieblich, zwei kleine Grübchen sitzerl in den Wangen. Und dann der Knabe. Zehn Jahre mag er wohl alt feilt. Er läßt die Züge des Vaters erkennen, nur ungewöhnlich ernst ist er für sein Alter. . Eine gewisse Wohlhabenheit und der Schimmer zufriedene» Glücks liegt auf allen Gesichtern: Frarckfurtzr Israelitisches' FamilienKatt. Ans eineiil Ecktisch liegen Bücher, meistens hebräische, auch einige Jarganzcitschriften und russische Zeitungen. Dazwischen fällt mir ein Brief in die Hände. Eine feste Männcrhand schrieb da in hebräischen Lettern: Wien,. Meine Braut, geliebte Mirjam! Ich bin so weit von. Dir, und dennoch dünkt es mich, als ob ich Deine lieben Augen vor mir sähe und in meinen Ohren Deine Stimme hörte. Dein Brief, den ich heute erhalten habe, hat mir vorgctäuscht, daß ich bei Dir wäre, und ich habe . das Glück innigen Zusammenseins empfunden. So liebe Worte hast Du zu mir geredet, Worte, die nur Deinem goldenen Herzen entspringen können. Tausendmal danke ich Dir' für Deine Liebe, und ich bitte den Allmächtigen, daß er Dich behüten und beschirmen möge. Mit seiner Hilfe habe ich nun meine Geschäfte bald alle erledigt, und dann werde ich zurückkommen. So ist, Geliebte, der Tag nicht niehr fern, an welchem nian uns zusammengebcn wird als.Weib und Mann, — es wird der glücklichste meines Lebens sein. Meine Königin sollst Du werden, meine Königin, ' die ich anbete und verehre. — Ich habe Dir von nieinen kostbarsten Fellen einen Pelz machen lassen, vom Hofkürschnermeister, der für den Kaiser von Oesterreich arbeitet. Herrlich ist der Pelz, Mirjani, ein Meisterstück. Der Kürschner hat ihn in seinem Schaufenster ausgestellt, und die Leute bleiben davor stehen und bestaunen ihn. Ich aber denke mir, wie würden sie erst Augen niachen, wenn sie meine Mirjam in dem Pelze sehen würden —! Bis hierher lese ich, als ich das Gefühl habe, daß jemand hinter mir steht. Ich drehe mich um und erblicke einen russischen Kriegsgefangenen in seiner lehmgelben Uniform. Es ist ein schöner, großer, breitschulteriger Mensch mit schwarzen Haaren und ebensolchem Schnurrbart. Mit ängstlichen Angen sieht er bald mich an, bald den Brief, und ich lese in seinen Mienen große innere Erregung. Plötzlich deutet er ans den Brief: „Der ist von mir", sagt er in gutem Deutsch. „Der Brief?" Er nickte. Ich fange an, zu verstehen. Schnell suche ich nach der Unterschrift. „Sind Sie der — — —" „Ja, ja", unterbricht er mich, „der Brief ist von mir, ich bin cs, ich habe ihn geschrieben. Ich — habe habe sie so lieb gehabt." Und plötzlich fließen ihm die hellen Tränen aus den Augen. Große dicke Tropfen fallen ans das Papier. Und dann erzählt er: „Sehen Sie das Bild dort an der Wand", cr dcutcte auf das Familienblld, „das junge Mädchen ist Mirjam. Wie sie in ihrer äußeren Erscheinung ein Engel ist, so hat sie auch das Herz eines Engels. So schön, so lieb und so gut ist sie. Wir sind zusammen ausgewachsen. Schon als Kinder ivaren wir cinander gut, und als wir erwachsen waren, liebten wir uns um so niehr. Unsere Eltern segneten unsere Liebe. Jetzt wären wir längst Weib und Mann, tvenn dieser unglückselige Krieg nicht -gekommen wäre. — Ich hatte auf der Messe in Nischni-Nowgvrod einen großen Posten Felle billig gekauft. Ich reiste damit nach Wien und verkaufte sie mit gutem Nutzen weiter. Das war, als ich den Brief hier schrieb. Nach, meiner Rückkunft wollten wir heiraten. Doch ich mußte meine Reise abkürzen. Man sprach plötzlich von Krieg — überall, aus den Straßen, in den Kaffees, an der Börse. Eine nervöse Unruhe war über alle gekommen. Da packte ich meine Sachen und fuhr ab. Als ich die russische Grenze überschritten hatte, las ich schon den Mobilmachungsbefehl. - Kaum zii Hause, mußte ich einrücken. Mirjam iveinte, ich lveintc, — alle ivcinten. Es ivar so unfaßbar, daß ich in den Krieg mußte und vielleicht sterben sollte, Ivo ich so glücklich hätte sein können! Ich hatte das Gefühl, als ob Ulan mich mit Geivalt in einen tiefen. Abgrund stürze. Und je länger ich mit der Abreise zögerte, um die Minnten ansznkosten, um so mehr übermannte Mirjam der Schmerz. Sic klammerte sich an mich, weinte und schrie und war nicht zu beruhigen. Schließlich wurde sie ohnmächtig vor Erschöpfung. Wir legten sie aufs Bett, und sie siel in einen tiefen Schlaf. Da stahl ich mich fort. — Ich habe schwere Zeiten mitgcmacht, Herr! Viel, viel Blut habe ich stießen sehen. Meine Pflicht habe ich getan, wie 'ich es geschworen hatte. Bei Kiclmy wurde ich gefangen, — ich nicht allein, ein ganzer Zug'von meiner Kompagnie. Mir war es gleichgültig. Weder Freude noch Schmerz empfand ich. Ich hatte in dem Schrecken der Schlachten alle Gemütsbeivegungen - verlernt. An gar nichts dachte ich, nicht 'mal an Mirjam. Stumpfsinnig tappte ich neben den anderen her. Aber in den nächsten Tagen wurde mir doch anders zu Mute. Ich empfand es als Erlösung, nicht mehr kämpfen zu müssen, Und meine Gedanken weilten nun oft loieder zu Hause. Wie würde sich Mirjam freuen, wenn sic wüßte, daß ich dem Tode glücklich entronnen bin! Ich habe in jenen Tagen viel gebetet, mehr als in der Zeit, wo ich im Gefechte stand. — Erst wurden wir in das Innere Oesterreichs abgeschoben, dann kamen wir in eine andere Gegend des Kriegsschauplatzes hinter die Front, um Aufränmungsarbeiten 'vorzunehmen. Das war hier, vielmehr in der Nähe von hier. Was in mir vorging, meine Gedanken, Hoffnungen und Befürchtungen vermag ich nicht zu schildern. Die Truppen gingen jeden Tag vor, wir hinterher, löschten die Brännde, machten die Straßen « frei, entfernten Hindernisse, halfen den Kolonnen, wenn sie im Dreck stecken geblieben waren- Um das Städtchen hier tobte ein wütender Kanipf. An einem. Morgen, als ich anfwachtc, hieß es, es sei genonunen. Man gab mir Erlaubnis, hierher zu gehen. Ich lief — nein, ich raste die Straße entlang, lind das Herz klopfte nrir zum Zerspringen. Die Häuser brannten noch lichterloh, ein Flammenmeer schlug zum Himmel. Ich weiß nicht, wie ich hindurchgekommen bin, auf einmal stand ich vor dem Hanse. Es stand leer. Alle waren geflüchtet. Jedenfalls haben die Russen auch hier ihre bekannte Methode angewandt: wenn cs rückwärts geht. Werden die hinter der Front gelegenen Ortschaften ge- , räumt, und den armen Bewohnern bleibt meistens kaum . Zeit, das Nötigste zusammenzupacken. Ich kenne diese Flüchtlingszügc, Herr. Gott sei es geklagt, ich habe sie oft genug gesehen. Mir war's, als ob eine kalte Hand nach meinem Herzen griffe und es abdrücken wollte. Wo niag Mirjam sein? — Vielleicht muß sie Hunger leiden? Vielleicht friert sie, vielleicht sind ihre Kleider zerrissen und ihre Füße wundgelaufen? Was kann ich tun? — Ich siuäle |itücf) und härme Mich ab, was kann ich tun? — Jeden Tag komme ich hierher. Ich bin ein Träumer geworden. Erst sehe ich lange ihr Bild an, dann schließe ich die Augen, und die Vergangenheit ersteht mir wieder. Unser ganzes 'Glück koste ich wieder durch; ich sehe sie leibhaftig vor mir, höre ihre Stimme, ihr Lachen, spüre den Hauch ihres Mundes. Und auch alle die Zukunftsbilder, die wir uns zusammen ausgemalt, erscheinen mir wieder. Vielleicht schelten mich manche Menschen einen Narren. Ich kann nichts dafür. Ich sagte es schon, ich bin ein Träuncer geworden. — — —" I frankfurter Sdelmetallverviertang Gerlach Sk Weias Go ld-a ilberschefdeaaatalt.Metallurff.laboratoriimi Taunus*tr. 28. Frankfurt a. J*. Tel. Römer 6713. Ankauf aller Edelmetall-Rückstände, Bruchgold u. Silber. Barren — Fellung: — Gekrätzen — Abfällen. I |0| Kr die lugenl |0 Was wird am Ende ans mir werdend - Bon Scholaum Aleichem. Uebertrageu von 5k. Oiffebach. (Fortsetzung.) ' IV. Keimt Ihr Mendel den Metzger oder nicht? Falls ja, so kennt Ihr auch seine Wohnung, die mit der Wohnung des Arztes Mannsse benachbart ist und auch.die Aussicht nach dem Garten Manasfes hat. Wenn man auf dem Dache von Mendels Hcncs sitzt, kann man alles sehen, was im Garten vorgeht. Jetzt ist doch die Frage, wie man auf das Dach heraufklettert? In meinen-Auge» ist es gar nichts. Wißt Ihr warum? Weil das Haus Mendels auch init denc unserigen benachbart ist. Schlüpft Ihr dann, durch unser kleines Mansardenfensterche», so steht Ihr schon auf dem Dach. Dort könnt Ihr solange liegen, wie cs Euch behagt. Mt de»l Gesicht nach oben oder nach unten. Aber liegen müßt Ihr, falls Ihr nicht wollt, 'daß man Euch sehen soll. Ich habe ncir immer eine Stunde in der Dämmerung ausgewählt. So zwischen dein Mincha- und Abendgebet, bevor ich 'in die Synagoge ging, um das Kaddifch-Gebet zu verrichten. Dies ist die rechte Stunde, denn dann ist es weder Tag noch Nacht. Vom Dach ans sehe ich in den Gartcir hinab. Bei ineineui Leben' DaS ist das schönste aller Paradiese. Im Frühling, wenn die Bäume blühen, könnt Ihr hoffen, wenn nicht heute, so doch morgen, daß die Stachelbeere» .grünen. Das ist die erste Frucht, die mich zu versuchen gelüstet. Es gibt Menschenkinder, die gewohnt sind, die Stachelbeere erst dann zu esseil, loeini sie rot sind. So dumm! Schmecken Stachelbeeren nicht tausendmal besser, wenn sie grün sind? Ihr Iverdet vielleicht sagen, daß sie sauer find und die Zähne stunips werden? Was ist

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