Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 21-22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 sie mit seinen Armeü wetteifern, die merkwürdig -int - Laufe um sich fochten. Er ließ sich auch -den Preis im Weülauf nicht entgehen, obgleich das Kreisdoktorchen, die lebhafte schwarze Nucho und der inzwischen aus der Erstarrung wieder erstandene Wachtmeister ihm denselben schwer machten. Er hatte aber auch ein ganz vortreffliches Wundermittel, sich anzufeuern, er rief in einem fort: „Gott ist groß! — Gott, Du bist, gelobt! — Du bist unser Gott! — Du bist unser Helfer! —' Allmächtiger Gott, barmherziger Gott, großer Gott!" — find so ganz aufgelöst im Lobe Gottes, war es wunderbar, wie er dahinflog und richtig der erste war, der Mendel — nein, seine Knie umfaßte. . Nun kamen auch die andern Renner an. Die schwane Nucho'hatte das Kreisdoktorchen, aber der einmal in Bewegung gesetzte Wachtmeister die schwarze' Nucho um eine Kopflänge überholt. Und hinterher kam alles gerannt. Alle jubelten, alle schrien, alle fragten, alle antworteten, alle stürzten über alle; nur Mendel schritt wie ein Koloß langsam und sicher dahin und gcib in vereinzeltere Worten Auskunft. Vor Begeisterung dachte niemand daran, ihm die Last abzunehmen. Was er abgerissen'mitteilte, war auch interessant genug, um aller Aufmerksamkeit zu fesseln.^— Die zwei Koronower Räuber hättenim Wäldchen den Gensdarm überfallen, ihn vom Pferd gerissen, ihn am Kopfe verwundet'und wahrscheinlich das eine Bein zerbrochen. Das galoppierende Pferd, das Geschrei des Gensdarms rief Mendel herbei, der noch glücklich genug ankam, um dem Unter- Legenden das Lcken zu retten. Der eine Raubgeselle hatte von ihm einen Schlag erhalten, der ihn erst betäubt nickerstüiHen und dann, als er sich über den andern Hermächte, entfliehen ließ. Von jenem versicherte Mendel, er wecke nicht weit mit dem Schlag kommen, und von dem zweiten berichtete er, daß er ihn geknebelt im Wäldchen liegen ließ- Der Gensdarm war ohnmächtig, und er habe ihn deshalb „mitgenommen", wie er sich ausdrücktc. Von sich selber sagte er nur aus, daß er einen Schlag über den Kopf erhalten habe, und er meine auch, daß er hlute; aber, das habe nichts zu sagen. - Erst als sie auf dem Marktplatz angckommen waren, schrie der Wachtmeister: „Mendel, gib her, ich weck' ihn ttagen." „Das Stückchen!" sagte Mendel schlicht und ging ruhig weiter bis in den obrigkeitlichen Hausflur, wo er den Gcnsdarm, der noch immer von Ohnmacht befallen war, auf eine Bank nickcrlegte. und sich an das Kopfende derselben niederließ, um ein wenig aufzuatmen, den Schweiß von seinem Gesicht zu wischen und um beiläufig auch an seinen Hinterkopf zu fühlen, wo ■ er den Schlag erhallen habe. Die Wunde war nicht geringfügig; das Blut floß ihm. jn den Nacken; aber er sprach nicht davon. Erst als'die junge, gutmütige Frau Bürgermeisterin ihm die Hand vor wärmster Begeisterung drückte ünd das Blut an derselben bemerkte, gab er ihrem Drängen nach, in. der Amtsstube sich zu waschen und sodann sich die Wunde verbinden zu lassen. Während der Bürgermeister in Person das Gedränge in dem obrigkeitlichen Hausflur beseitigte, das Kreisdoktorchen mtt dem Apotheker den Gensdarmen regelrecht behandelte, der deutsche Prediger und die Bürgermeisterin in eigener Person Mendel in der Amtsstube mit frischem Wasser und Handtüchern aufwarteten, ihm das Blut ^stillten und zu Mendels Staunen inunerfort sein „christlich Tun" bewunderte», wimmelte es von Mein bis Groß draußen vor dem Hausflur auf dem Markte in freudigster Begeisterung, und inmitten, der Menge, die Gottes Weisheit wegen gar vieler Umstände pries, unter denen der hauptsächlichste der blieb, baß dieser Schandar, ioenn ihn uur Gott wird gesund werden lassen, „nit mehr die Jüden wird verfolgen", stellte der Wachtmeister, dieser unparteiische, gründliche Kenner beider Konfessionen, unumstößlich fest, daß der Mendel, „ein echt jüdisch Herz hat!" „Er hat ein jüdisch Herz!" rief Salme, die Hände faltend, „er hat ein jüdisch Herz, wie es gehabt haben Chaskel Gibbor und Meyer Gibbor, seine Voreltern!" * Der Strom der Beivcgung der Gemüter hält alle auf denr Marktplatz gefesselt; aber in Malkohs stillem Zimmer bereitet sich eine Szene vor, die noch tiefer in die Gemüter eingreisen viird. Mtt überströmender Seligkett hat die alte, herrliche Gencndel die überraschenden Neuigkeiten des Tages dahin, gebracht. Sie weint und preist Gott in ihrer Begeisterung und glaubt, heute dem Strom ihres Herzens keinen Zügel anlegen zu dürfen; aber gerade heute ist Malkoh feierlicher und Handele ernster als je, und kamn haben.sie vornommen, was geschehen, so werden beide MaArswHa gSrLeMscha FümWeME. von einem gemeinsamen Entschlüsse ersaßt, der Gencndel stauben und verstummen läßt. „Händele, mein Mud", ruft die Großmutter ans ünd erhebt sich kräftig von ihrem Lehnstuhl. „Nit ist die Zeit zu reden jetzund hier! Laß uns aittun unser best ' Gewand und gehü entgegen ihm mit Lust und Freudigkett, wie elttgegengcgangen sind die frommen Weiber von Israel einem Held, mit Singen und init Lobpreis, und mtt Tanzen vor dem ganzen Volk!" . Handele aber richtet sich hoch auf und erhebt die Arme zum Himmel: „Es erfasset mein Herz mit Stärke", ruft sie mit heller Stimme, „daß ich tun soll, Ivie getan hat unsre Aeltermutter, von der da herkommt unser stark Herz!" — Und mit einer Behendigkeit und Entschlossenheit, die Genendel, sprachlos anstaunt, legen beide Frauen ihre sabbatlichen Kleider an und treten Hand in Hand hinaus auf die Gasse," gefolgt von Gencndel, die die Hände faltet in stummer Bewunderung und in dunkler Ahnung dessen, was die „starken Herzen" bewegt. Das Erscheinen Malkohs auf der' Gasse und ihr eiliger Gang in der Richtung zum Markte hin ruft neue Begeisterung unter denen hervor, die von den Ereignissen des Tages erfüllt sind. — Aber noch ein zweiter unerwarteter Zug nimmt die Aufmerksamkeit in Anspruch, denn, die Nachricht von der Tat Mendels ist bis in das stille Gemach des greisen Rabbi gedrungen, und auch er, der seinen Fuß seit Jahren nicht über die Schwelle seines Hauses gesetzt hat, es sei denn zu einer frommen Handlung, hat die Schüler unr sich versammelt, und der kleine, vom Alter gebeugte ehrwürdige Mann bewegt sich mit einer für seine Jahre seltenen Hast, umgeben von seinen fünf Talmudschülern, hinunter zu dem Marktplatz. Die Ankunft der zwei vcrehrtcsten Personen der Gemeinde daselbst steigert die Freudigkeit aller Versammelten und ordnet sic unwillkürlich in zwei Gruppen vor dem obrigkeitlichen Hause. Die Männer in geringerer Zahl stehen um den alten Räbbi; die Frauen und die Mädchen umgeben Malkoh, die an der einen Sette auf Gencndel, an der andern auf Händelc gestützt dasteht. Der laute, tumultuarischc Enthusiasmus nimmt unvorberettet einen Charakter der Feierlichkeit an, von dem alle erfaßt werden, und dieser steigerte sich noch, als der brave Bürgermeister in die Amtsstube geht, Mendel an die Hand faßt und ihn, begleitet von dem deutschen Prediger und der gutmütigen Bürgermeisterin, bis vor die Stufe des obrigkeitlichen Hausflures führt, woselbst der Rabbi seiner harrt. Der Rabbi streckt ihm die Hand entgegen, und alle, die dieses sehen, fassen die Bedeutung dieses stunimcn Zeichens richtig auf. Mendel beugt sich tief erschüttert Über die fromme Hand, in welche er seinen Handschlag gelegt, und die ihn jetzt,, nach einer edlen Heldentat, jedes äußeren Zwanges frei erklärt. <— Ein fröhliches Murmeln geht durch die ganze Versammlung, und unter den Frauen gibt sich die Rührung schon in Schluchzen kund. Da richtet sich Mendel lvieder ans, und er erblickt eine andere Hand, die sich ihm entgegenstrcckt. Händelc hat mit dem linken Arm die Großnuitter umschlungen, ihre Rechte ist empor 'gehoben zu Mendel. Erfaßt von diesen! Anblick, steht er einen Augenblick'erstarrt, dann aber ruft er in einenn Tone den Namen „Händelc!" aus, daß cs allen, die den Ausruf hörten, wie ein plötzlicher Lichtstrahl durch die Seele fuhr, ein tiefes Herzcnsgeheiinnis vor aller Welt verratend. Staunen fesselt jeden Ai und, und Begeisterung strahlt in jedem Auge. Aber jetzt in der Stille und allgemeinen Spannung vernimmt man Händeles Stimme klar, hell, licht wie die Begeisterung und Ivcich und bittend >vie die Demut; und diese Stimme ruft: „Mendel Gibbor! Hör' zu, was gesagt habe» unsere Weisen: Steig nicker die Stufe und nimm ein Weib!" Die ttefste, atemloseste Stille folgte diesem 'Ausruf. Solche Handlungsweise erschreckte selbst in der enthusiastischen Stimmung des Tages die Gemüter, die auch die erhabensten Taten nach dem Maßstab des Herkömmlichen messen. Aber der greise Rabbi, der noch immer Mendels Hand gefaßt hielt, er verstand die tiefere und kannte auch die historische Bedeutung dieses Spruches. Er wendete sich lebhaft um nach Händelc und all den Versammelten imd mtt dem Ausspruch: „Das sind Reden aus dein Blut Händelc Reb Schont Wohls!" leitete er Mendel, der den Arm nach ihr ausgestrcckt hielt, die Stufe hinab, — und zwei Hände faßten sich da, um sich nimmermehr zu lassen. Ein Ruf höchster Begeisterung drängte sich bereits empor aus aller Herzen. Aber jetzt wendet sich Malkoh, die ihre Enkelin dem Arme Mendels überließ, mit ihrem Gesicht den Versammelten zu, und ihre Hände, hoch zum v , Nr. 21/22. Himmel empor gehoben, tun kund, daß sie spreche,! wolle, und halten für den Augenblick jeden Ausbruch der Be-" geistcrung zurück. Schnell bildete sich ein weiter Kreis um sie, der ihren Worten lauschte. Der alte Rabbi stand an ihrer Seite, das Haupt bei jedem ihrer Worte zustimmend schüttelnd; Gencndel an der andern Seite, Tränen im Auge und Anbetung im Antlitz; und hinter ihr, Hand in Hand, stand , der starke. Mendel demütig und die kühne Händelc schüchtern. Malkoh beginnt' mit lauter, klarer Stimme:' „Mein Gelöbnis zu Gott, dem Gepriesenen, will ich zahlen zugegen von all seinem Volk!" und sie fährt mit klarer Stimme fort zu erzählen, was wir bereits wissen: von" der Tat Meyer Gibbors, die allen ein Geheimnis war, von dem Tode Chäskels, den alle kannten. Aus dem Munde dieser Frau, deren Ahnenstolz allbekannt tvar, den Ruhm des Herkommens Mendels zu vernehmen, das schwellte die Herzen aller Hörer zur höchsten Begeisterung. Als aber der alte Rabbi zum Schluß noch ein paar Worte hinzufügte und in diesen Händelc und. Mendel als „die Guten in Israel" pries, in denen die Werke der Voreltern fortleben, da war den freudigen Ergüssen kein Halt niehr zu gebieten. Genendel lachte und. weinte zugleich und wendete sich plötzlich zum Himmel auf mit der Bitte: „Gepriesener Gott, laß mich das Glück erleben, bald zu tanzen auf der Hochzeit!" und sieh, sie hüpfte wirklich Ivie bei der Hochzeit in einem fort in die Höhe und lachte und weinte weiter, um sich, wie sie laut ausrics — einmal so recht satt zu weinen vor Freude. — Salme, —- ihm war cs nicht gegeben, sich vor Freuden in seinen Gefühlen zu Äußern, und heute hatte er sich bereits zu weit bei der Einholung Mendels aus seinem Wesen heraustrctcn lassen — er wußte nichts Besseres zu tun, als seinen alten Kopf zivischen die Hände zu nehmen, sich nach Osten wie zum Gebet hinzuwcndcn und sich tief zu bücken. — Als nun noch gar das besonnene Kreisdoktorchen und der Apotheker mit der Versicherung herauskamcn, daß der Gcnsdarm nicht lebensgefährlich verloundet sei, und der Bürgermeister, die Bürgermeisterin und der deutsche Prediger sich unter das Khillc- Gewühl mischten und in aller Harmlosigkeit unter den Juden'sich der „christlichen Tat" Mendels freuten, da war des Strömcns, Drängens, Rennens, Laufens, Löbens und Jubclns kein Ende. * Und wie der Tag bereits zur Hälfte in Aufregung und Bewegung hingegangcn war, so sollte er auch schließen. Um fünf Uhr nachmittags, als bereits unter, den: Schatten des obrigkeitlichen Hauses wieder alles in Bewegung ist, weil,, auf dringendes Bitten des Geusdarms, Mendel ihm einen Krankenbesuch abstattet und seinen aufrichtigsten Dank empfängt, da;st oben beim Herrn Bürgermeister gerade die Solo-Partie so weit arrangiert, daß das besonnene Kreisdoktorchen, das richtig die Karten gerettet, den schönsten Solo in der Hand hat; aber ein neues Ereignis setzt die Khille und die Behörde in Aufregung und Verlegenheit. Es bewegt sich ein tumultuarischer Zug von dem Sandweg her; cs bringen die Bauern die eingefangenen Koronower Verbrecher ein und stellen der städtischen Bevölkerung die unlösbare Aufgabe, diese zwei seltenen Gäste nicht bloß mit Begeisterung zu empfangen — das geschah freiwillig aufs Eklatanteste — sondern auch für eine Nacht sicher zu beherbergen. — Die Ratschläge lausen weit auseinander, und an den Debatten beteiligen sich nicht bloß der Bürgermeister, die Bürgermeisterin, die Solo-Partie und der Wachtmeister, sondern die ohne Sitz int Rat, aber mit viel Stimmen begabte gesammtc Bevölkerung, bis endlich Reb Abbeles Vorschlag unter allgemeinster Zustimmung den Sieg davon trägt, die Verbrecher in einen alten Postwagen des Postmeisters cinzuspcrren und diesen auf offenem, freien Markt, bewacht von allen, die das Herz treibt, der Menschheit einen Dienst zu leisten, übernachten zu lassen. Er selber erbot sich, durch gleiche Wörtchen die Wachthabenden munter zu halten, wenn man nur zehn von den Bauern dazu beivegen könne, auf allen möglichen Sitzen rings um den Wagen Platz zu nehmen, um das Ausreißen der Verbrecher zu verhüten. Schon war diese Angelegenheit erledigt, der Wagen auf den Marktplatz geschoben, die Banernbcschützung durch einen guten Trunk zum Nachtwachen überredet und, unter Billigung aller Stimmbegabten, auch der Hahn des Wachtmeisters' obenauf auf den Wagen gesetzt, als wiederum die Solo-Partie und die wiedergckchrte Ruhe in der Gemeinde durch ein neues Ereignis gestört wurde'.