Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 21-22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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» . Seite 2. zu Lcivahren,. anders aber in Galizien. Das amtliche Organ des polnischen „Oberen Nationalkomitecs" „Polen" sprach sich nicht nur für bürgerliche Gleichstellung der Inden in Polen ans, sondern druckte noch einen Artikel von AndrzejBol e s k i ab, der den Juden in Polen nationale Rechte zuerkennt. Die Warschauer Assimilanten verloren gänzlich den Kopf und gingen ihrer Gepflogenheit gemäß nach der Linie des geringsten Widerstands, das heißt mit den polnischen Chauvinisten. Ms das polnische Bürgcrkomitee Bemühungen eingeleitet hatte, den Juden die polnische Sprache als Vortragssprache in der Schule aufzuzwingen, uutcr- .stützte die assimilatorische „mosaische Kultusgcmcindc" das judenfeindlichc Konnten Glücklicherweise sind die polnischen chauvinistischen Bestrebungen in Nichts zerronnen. Die jüdisch-deutsche Sprache wurde in den jüd. Schulen anerkannt; überdies wurde aus den allgemeinen Stadtmitteln ein jüdisches Lehrerseminar gegründet, in denen die deutsche Schulverwaltung sich der deutschen, jüdischen und hebräischen Sprachen bedient. Die Stimmen in der deutschen Presse und Publizistik, die Rücksprachen mit deutschen Juden, kurzum die ganze Stellungnahme in Deutschland zu der Judenfrage mußten die Warschauer Ässimilanteir überzeugen, daß die nationale Unterdrückung der Juden nicht mehr zugelassen wird. Der Standpunkt der Assimilanten erfuhr so wieder eine Umwandlung: Die „Nowa Gazeta" wurde aufs neue eine Anhängerin von nationalen Rechten, indem sie schriebe „Unser Standpunkt ist genau bekannt. . . Der Assimilationsprozeß muß sich! auf dem Wege der Evolution vollziehen, es darf keine zwangsmäßige Assimllation angewendet werden. EZ taucht mithin die Frage auf, wie in dieser sonderbaren Judenfragc der Grundsatz der Assimilation in Uebereinstimmung zu bringen mit den Rechten von verschiedenen Sprachgruppen, über ihre Methoden der Bildungscntwicklung zu entscheiden. Dieser Gegensatz tritt in der Angelegenheit der Aufklärung der Jugend auf im Zusammenhang mit der Tatsache, daß die Massen pädagogische Methoden genießen müssen, die ihrem innerlichen Wesen angepaß sind. Aus diesen Gründen ist man auf die Idee Lekommen, autonome (für verschiedene Sprachengruppen angcpaßte) Aufklärungsorganc cinzurichtcn. Ein derartiges Organ, für die jüdische Bevölkerung geschaffen, müßte den Unterricht und die kulturelle Erziehung der jüdischen Jugend auf den Grundlagen nationaler Selbstbestimmung und auf entsprechender Registration der jüdischen Bevölkerung stützen. Dieser Gedanke ist ebenfalls von unserem Standpunkt aus annehmbar. Es ist selbstverständlich, daß die Juden in Polen, abgesehen ' von der sprachlichen Selbstbestimmung, volle und entsprechend gewährleistete Gleichberechtigung genießen müssen." (N. G. Nr. 70, 13. 2. 1916.) In einem zweiten Artikel: „Das Assimilations-Programm" fügt die „Nowa Gazeta" in derselben Frage noch Folgendes zu: „Das .freie und demokratische Polen würde den Sprachcnzwang im pflichtmäßigen Volksunterricht garnicht anwendcn können. Damit haben sich ernsthafte polnische politische Organisationen einverstanden erklärt, namentlich: »die Vertreter des Polcnklubs in Wien, die Vertreter des „Oberen Nationalkomitecs" wie auch hiesige demokratische Gruppen. . . Es wurde anerkannt, . . . daß diejenigen Kreise der Judenschaft, welche in betreffenden! Kataster als ihre Muttersprache den Jargon (?) bezeichnen sollten, im konstitutionellen Polenlande, in seiner obligatorischen Schule den Unterricht im Jargon (!) genießen werden." Wie die Leser sehen, schreiben die polnischen Assimilanten nicht allzu . . . populär. Man muß aber den äußerst verwickelten Stil diesen arnrcn Leuten verzeihen, da sic sich manchmal innerhalb einer Woche dreimal vorwärts und dreimal rückwärts bewegen müssen. Jedoch trotz aller stilistischen Kunststücke zeigt sich genügend deutlich, daß im gegenwärtigen Augenblick die polnischen Assimilantcn wenigstens in der Sprachfrage die jüdischen nationalen Forderungen billigen. * Aus obiger streng sachlichen Darstellung erhellt, wie cs mit der jüdischen, nationalen Frage Frankfurter Israelitischer FanrllieMasi. Nr. 21/22 in Polen bestellt ist. Zudem muß man iwch bemerken, daß.manche polnische Politiker jetzt nach-, weisbar aussührcn, die Polenfrage ließe sich an und für sich nicht anders lösen als auf Grund des Personalitätsprinzips, d. h. durch Verleihung von nationalen Rechten an jede Nationalität, unabhängig von ihrem historischen und ethnographischen Boden.*) Im Lichte obiger Tatsachen sehen die Ausführungen mancher katholischen und mosaischen Polen, die in Deutschland zu den Judenfragc in Polen das Wort ergreifen, geradezu lächerlich ans. Diese guten Leute polemisieren in Berlin leidenschaftlich mit dem, was ihre eigenen Landsleute in Warschau seit lange zugeben. Besonders ergötzlich ist einer von ihnen, der die Kühnheit hat, etwa zu behaupten, die national-kulturelle Autonomie für die polnischen Juden hätte Wladimir K a p l u n - K o g ä n ausgedacht. Es ist wahrlich schwer zu sagen, ob man hier mit Unwissenheit oder Mit Heuchelei zu tun hat. Es. würde für sie beleidigend sein, wenn man annehmen sollte, sie wären in der polnisch-jüdischen Frage derart stockfinster, daß sie nicht wissen, tvas in Warschau in allgemeinen Umrissen jedem Waisenknaben bekannt ist. Es bliebe daher die zweite Vermutung, daß sie darauf spekulieren, das deutsch lesende Publikum tverde nicht erfahren, wie man sich zu dieser Frage in Polen stellt. Das ist aber ein entschieden verfehltes und gar kein vernünftiges Mittel. Polnisch ist ja nicht chaldäisch, und Warschau liegt ja nicht hinter den „finsteren Bergen." Der hebräische Sprachunterricht. Im „Jeschurun" beschäftigt sich Prof. Dr. I. C a r o - Frankfurt a. M. mit dem Unterricht in der hebräischen Grammatik und stellt als Ziel für die Schüler auf, eine grammatische Form zu erkennen und bewußt zu übersetzen, was sie früher mechanisch ihrem Gedächtnis einprägten. Prof. Dr. C. verwirft sowohl die „antediluvianische" Methode des nur mechanischen Uebersetzens als auch die neueste Art des Unterrichts, die die Schüler befähigen will, .hebräisch zu schreiben und zu sprechen, da im letzteren Falle bei den heute zur. Verfügung stehenden wenigen Stunden der Zweck doch nicht erreicht werde und die höhere Absicht des Unterrichts im Hebräischen, nämlich die jüdische Erziehung, leide. Er bleibt bei der mittleren Linie, von dem Aufbau der hebräischen Sprache so viel zu geben, als nötig istum den hebräischen Text mit Verständnis übersetzen zu können. So beachtenswert uns die Ansichten des bewährten Pädagogen und beliebten Lehrers sind, so können wir sie doch nicht ohne weiteres hinnehmen. Denn nach unseren Erfahrungen stehen nicht nur die Ergebnisse des nur mechanischen, sondern auch die des verständnisvollen Uebersetzens in gar keinem Verhältnis zu der aufgewandten Zeit. Nirgends in Deutschland liegen die Verhältnisse, was die Zahl der hebräischen Unterrichtsstunden und der jüdische Ernst der Eltern und der Lehrer anbctrifft, so günstig als in der Schule, in der Professor Dr. C. Untexricht erteilt. Sechs bis acht Stunden wöchentlich beanspruchen in dieser Schule die hebräischen Fächer und zwar für einen Zeitraum von neun Jahren; — doch wenn die Schüler die Schule verlassen, dann sind sie in der Hauptsache nur so weit, dem Gottesdienst mit Verständnis folgen zu können. Es bedarf dann erst des eifrigsten Lernens in der Thora-Lehranstalt, um die Schüler zu befähigen, aus eigener Kraft weiterzustudieren und zu den Büchern greifen zu können, die das Verständnis vom Judentum erwecken und vertiefen. Fast alle schließen aber mit der Erlangung des Eiujährigcu-Zeugnisses ab, nur ganz vereinzelte sind cs, deren Eltern die Einsicht haben, ihre Söhne ausschließlich für ein Jahr dem Streben nach jüdischem Wissen zu weihen. Sollte cs da nicht der Untersuchung wert sein, ob in die Unterrichtsmethode bessernd eingegriffcn werden kann? Würde Pros. C. es fiir richtig halten, im französischen Unterricht bestimmte Bücher * Darüber hat Verfasser dieses in Nr. 18 der Breslauer „Jüdischen Volkszeitnng" unter dem Titel ^/Dcr Nationalitätenstaat jn der polnischen Presse" ausführlich geschrieben. der französischen Literatur übersetzen -zu lassen und nebenbei grammatikalische Regeln zu geben, die . sachgemäße Erlernung des französischen Sprechens und Schreibens aber zu verwerfen? Sind diese nicht vielmehr die Grundlagen, die erst berechtigen, mit der Einführung jn die Literatur zu beginnen? Wir hören schon die Einwendung: Im französischen Unterricht ist das Sprechen und Schreiben das wesentliche, im hebräischen sind diese aber nebensächlich, und nur die jüdische Erziehung ist im Auge zu behalten. Doch wir fragen: Werden denn nicht die höheren Absichten des hebräischen Unterrichtes ganz empfindlich durch die bleierne Schwere des hebräischen Textes gestört? Sollte man nicht eine Methode erstreben, - die dem Schüler den Text leicht macht? Lassen sich nicht auch in den: hebräischen Unterricht, wenn er das Sprechen und Schreiben als Grundlage nimmt, Hand in Hand damit die höheren Absichten verfolgen, indem man den Uebungsstofs aus der Bibel und aus den Gebeten nimmt? Unsere traditionstreue Judenheit hat die schwere Aufgabe zu lösen, sich endlich einmal wieder normal weiterzuentwickeln, d. h. in gewissen Zeitabständcn auf dem Wege der natürlichen Vermehrung ihren Bestand zu verdoppeln, statt wie bisher froh zu sein, wenn cs ihr gelingt, ihre Zahl nicht zu vermindern. Heute liegen die Dinge so, daß nur die religiös veranlagten Kinder der Tradition ihrer Väter treu bleiben, die anderen aber verloren gehen, — und die anderen sind die Mehrzahl. Deshalb muß mit größtem Ernst jede Möglichkeit erforscht werden, die die Ergebnisse der traditionellen jüdischen Erziehung bessert, — und wir glauben: eine solche Möglichkeit liegt auf dem Gebiete einer durchgehenden Reform der bisherigen Unterrichtsmethoden.*) Aus einem Briefe. Wir, die wir keine Scheuklappenpolitik kennen, erkennen gerade jetzt besonders deutlich die äußerst kritisch^ Lage der Judenheit. Was kann diese Lage schärfer beleuchten, als die Tatsache, daß im ersten Kriegsjahre in Berlin neben 325 rein jüdischen Ehen 347 jüdisch-christliche Ehen geschlossen wurden, womit bewiesen ist, daß im Westen Europas große Teile der Judenheit sich unaufhaltsam und in immer größerem Umfange ihrer Auflösung nähern. .Ist doch! der Bevölkcrungsanteil der Juden in Deutschland von 1871 bis 1910 von 1,25 auf 0,95 zurückgegaugcn. Aber auch im Osten Europas sieht es nicht hosfnungsfreudig aus. Nur in ' der traditionstreuen und in der zionistischen Judenheit gibt es heute noch ein Erfolg verheißendes Streben für die Erhaltung und Kräftigung des Judentums; dies Streben ist aber zu schwach, zu wenig wirkungsvoll, — weil eben sich nicht tradionelles und zionistisches Judentum verbinden. In der Scheu der Tradionellen vor!d em Zionismus und der Zionisten vor d c r T r a d i t io n liegt das Unglück. Und so kommt es, daß man sich in einer Zeit mit Vorträgen, Debatten und mäßigen Geldspenden beqnüat, in der >es sich um das kraftvollste Einsetzen der ganzen Persönlichkeit handelt. Andere Völker, bei heuen weit weniger auf dem Spiele steht, haben jetzt opferfreudig ihr Letztes Legebcn, — doch wir .... Wir brauchen deshalb eine Verbindung traditionellen und zionistischen Judentums gemäß dem Gedanken ches Zählens von Pessachden Erinnerungstagen, an das nationale Sein der jüdischen Gesamtheit, bis Schewuaus, den Erinnerungstagen an unser geistig-traditionelles Sein. Der Misrachi, die Vereinigung der traditionell und zionistisch gesinnten Judenheit, ist heute die bedeutungsvollste Organisation in der Judenheit. Seine Kraft hängt aber von dem bewußten Verständnis ab, das inan seinem Seelischen entgegeubringt. Möge die Zahl dieser bewußten Anhänger wachsen und sich vereinigen, denn es geht ums Gairze. *) Wir werden die Frage des hebräischen Sprachunterrichts demnächst eingehend behandeln. Die 'Redaktion.;