Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 21-22 (2.6.1916)
- Date
- 1916-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Infolge der Feiertage ist die diesmalige Ansgabe eine Doppel,rnmmer. Die nächste Rnmmer erscheint am Freitag, den 16. Jnui. Rabbiner und Gemeindeführer. Die Haltung der Rabbiner innerhalb der deutschen Juvenheit ist schon seit längerer Zeit ein Poblem von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das jüdische Leben in Deutschland. Es hängt als solches mit der ganzen Struktur und Entwickelung des jüdischen Lebens zusammen und ist symptomatisch für die Stärke und Eigenart desselben. In früheren Zeiten, durch all die Jahrhunderte der Diaspora hindurchwar der Rabbiner der unbestrittene anerkannte Führer der Gemeinde, nicht nur in den sogenannten „geistlichen" sondern auch in allen „weltlichen" Dingen. Denn die Unterscheidung von „Geistlichem" und „Weltlichem", die Abgrenzung der religiösen Sphäre auf ganz bestimmte ihr zugewiesene Angelegenheiten ist etwas dein Judentum Fremdes und Widersprechendes. Der Rabbiner, der das Wort Gottes lehrte, war der natürliche Führer in allen Fragen und Angelegenheiten, da das Wort Gottes für sie alle galt. .All das änderte sich jedoch,^ als das eigenständige jüdische Leben des Ghettos aufhörte und das Judentum emanzipiert wurde. Die notwendige Folge dieser Emanzipation, die immer steigende Anpassung an die nichtjüdischen Wirtsvölker, setzte ein, und diese Assimilierung begann, sich auch in der Auffassung vom Wesen und von der Stellung des Rabbiners geltend zu machen: der Rabbiner wurde immer mehr zum „Geistlichen", der lediglich für die religiösen Interessen seiner Gemeinde Sorge tragen sollte. Damit verlor er naturgemäß die zentrale Stellung eines unbestrittenen Führers in allen Fragen des jüdischen Lebens, und die Führung ging auf Gemeindevorstände und „Notabeln" über, die häufig in ziemlich selbstherrlicher und eigenwilliger Weise diese Führung übernahmen,- da die große Masse den jüdischen Dingen fast gleichgültig gegenüberstand. Und so ward der Rabbiner, der nunmehr bezahlter Beamter war, auch immer abhängiger von dem Willen der Gemeindevorstände, und es begann damit eine Entwicklung, die, wenn sie ungehemmt fortschreiten dürfte, dem Rabbinerstande noch die letzten Rechte seiner Autorität und seines Einflusses rauben würde. Es gewinnt jedoch den Anschein, als ob die Rabbiner diese Gefahren erkannt und — was das wichtigste ist — den Entschluß gefaßt haben, ihnen entgegenzutreten. Auf der letzten Tagung des Rabb inerv erb and es, der vom 8.—10. Mai iir Berlin stattfandfanden lange und erregte Debatten über oje Stellung der Rabbiner statt, und vor allem wurde über die Haltung, die der „Verband der dentschen Juden" denRabbinen gegenüber einnahm, lebhaft Klage geftihrt. Der Verband der deutschen Juden, wurde geklagt, nehme gegenüber der Negierung und den Behörden für sich ' die Rolle einer den Rabbinern übergeordneten Jn-; stanz in Anspruch und verhandle selbständig über religiöse Fragen und suche dabei die Rabbiner auszuschalten. Der Wortführer der Kritik, Rabbiner Dr. Jakob (Dortmund) hob hervor, daß die Haltung des Kriegsulinisterinms sowie der Militäroberkomm arrdostellen meist verständnisvoller und entgegenkommender sei als diejenige des „Verbandes der deutschen Juden". Noch schärfer und entschiedener sprach Herr Rabbiner Dr. Jacob ns (Magdeburg), dessen Ausführungen uns so bedeutsam und bezeichnend erscheinen, daß ivir sie nach einem Berichte der „Jüdischen Presse" hier wiedergeben: Redner zeigte an der Hand eines umfangreichen Akten-, Materials in eingehender chronologischer Darstellung, wie der Verband der Deutschen Juden die allgemeine Regelung der Militärseelsorge in der Monarchie dazu benutzen wolle, mn die Rabbiner bezw. Seelsorger einer nichtrabbinischen Disziplinarbehörde — den Synagogengemeindeverbänden — zn unterstelle», und so sich selber zur Zentral- und Kontrollinstanz für alle Angelegenheiten der Militärseelsorge zn machen. Angesichts dieses Versuches des Verbandes, sich als eine Oberkirchenbehörde einzunisten, kommt der Redner zn scharfen.Schlußfolgerungen. Gegenüber der Ein-, heit der deutschen Jndenheit, die der Verb mW d. D. I. verkörpern solle, gcwe es eine andere Einheit, die innerhalb des Deutschen Judentunis leider nicht bestehe, aber erstrebt werden müsse: Die Einheit der religiösen Richtung. Die ^Aufgaben der Gegenwart und noch mehr der Zu-, kauft seien groß und schwer, und forderten gebieterisch die Einigung und Zusammenarbeit aller positiv-religiösen Kräfte. Es habe sich bisher als verhängnisvoll genug erwiesen, daß das Laienelement in den jüdischen Gemeinden Deutschlands die alleinherrschende Macht in den Händen habe. Das deutsche Judentum habe 100 Jahre Emanzipation hinter sich/ während das große religiöse Problem der Ostjudenheit noch feiner Lösung harre. Umsomehr sei es Pflicht, den östlichen Brüdern die trüben und erfreulichen Erfahrungen der Emanzipationszeit zur Lösung des schiveren Problems zur Verfügung zu stellen. Als Konsequenz seiner Ausführungen legt daher der Redner der Räbbinerversammlung. die Frage vor, ob nicht angesichts der durch Umwälzungen aller Art gekennzeichneten Gegenwart der Räbbinerverband mit dem Verbände der Deutschen Juden brechen müsse, und statt dessen eine Einigung mit den gesetzestrenen Verbänden herbeizusühren suchen solle. Das sind. scharfe, aber sehr beachtenswerte Worte, die Dr. Iacobus da gesprochen hat. In solcher Weise wurde .schon lange sticht in den deutschen Rabbinerversammlnngen gesprochen, ulid die Tatsache, daß diese Worte gesagt werdelr konnten, ja, daß die ganze Debatte überhaupt stattfinden mußte, zeugt von dem Erstehen eines neuen Geistes innerhalb des deutschen Rabbinerstandes, den wir aufs freudigste begrüßen. Denn es kann keine Frage sein, daß ein kraftvolles Auftreten der Rabbiner ftir die Wahrung ihrer Rechte gegenüber der eigenmächtigen Selbst- Herrlichkeit der jüdischen Gemeinde- und'Organisationsgewaltigen geeignet ist, ihre Stellung zn stärken und ihrem Wirken mehr Autorität und Einfluß zu verleihen. Allerdings wird das nur zn erreichen.sein, wenn die-Rabbiner mit furchtloser Energie auftreten und auch vor irgendwelchen Drohungen und Kämpfen stich/ zurückschrecken. Noch hat die diesjährige Versammlung sich nicht zu scharfen Mitteln entschließen können, sondern hat den Vorstand beauftragt, nnter^entschiedener Wahrung der Rechte und Würde des Rabbinerverbandes einen Weg zu einem friedlichen Zusammenarbeiten mit dem Verband der deutschen Juden zn finden, und wir können, da uns.sticht alle dem Konflikt zugrunde liegenden Tatsachen bekannt sind, nicht beurteilen, ob dieser Verständigungsweg richtiger - und nutzbringender ist, als es der Abbruch der Beziehungen zum Verband des deutschen Juden gewesen wäre. Wie dem aber auch fei, darüber muß sich der Rabbinerverband klar sein, daß nur ein entschlossenes Auftreten Erfolg haben kann. Und die Rabbiner dürfen sich, falls es zn einem Konflikt kommen sollte, dessen bewußt - sein, daß die Majorität der deutschen Jndenheit, alle die, denen eine Erstarkung des jüdischen Lebens am Herzen liegt, auf ihrer Seite stehen werden. So hoffen wir denn, die Beschlüsse des Rabbinerverbandes als den Beginn.einer neuen, auf größere Selbständigkeit und Wirkungsfreiheit hinzielenden Entwicklung des deutschen Rabbinertums ansehen zu dürfen. Möge der gute Anfang auch zu dem erwünschten Ende führen, mögen die deutschen Rabbiner für die Zukunft eine freiere, unabhängige Stellung sich erringen und nötigenfalls erkämpfen. Die national-kulturelle Autonomie für die Otzjudeu. Von S. Hirschhorn-Warschau. III. Die Frage der. jüdischen nationalen Rechte tauchte dann wiederum in der ersten Periode des Krieges! (d. h. noch zu der Russenzeit) in Warschau auf. Die russischen Fortschrittler hatten anfänglich an die Beteuerungen der Koalition geglaubt, daß sie fiir die Rechte der kleinen und schwachen Nationalitäten kämpfe und wollten die Fremdvölkerfrage in Rußland wenigstens theoretisch unverzüglich lösen. Unter anderen trat der Kadettenführer Miliukow für die bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden in Polen ein. In der polnischen maßgebenden Gesellschaft fand er jedoch keinen Anklang, weil man dort auch die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Abrede stellte. Interessant ist dabei, daß die polnischjüdischen Assimilanten die Berücksichtigung der jüdischen nationalen Rechte grundsätzlich, gutgeheißen haben; sie verlangten nur (etwa durch ein Referendum), festzustellen, „ob die Juden als Ganzes die Vorrechte und das . . . Odium einer nationalen Minorität genießen wollen". (Nowa Gazeta.) Sehr schnell erwies sich aber, daß in Rußland nicht die Fortschrittler, sondern die Schwarzhundertler und in Polen ihre getreuen Mitläufer, die National-Demokraten, die Oberhand haben. Im Handumdrehen wechselten die Assimilanten ihre Ansicht; aus den ihnen seitens der polnischen Boykottisten gestellten Wunsch, „den Standpunkt zu äußern", antwortete die „Nowa Gazeta" unverschämt: „Gesetzt, es gäbe unter den Juden Bruchteile, die nationalistische (verächtlich, anstatt nationale) Gewährleistungen fordern, so hat die polnische Gemeinschaft volles Recht, sich ihn^en rücksichtslos zu widerfetzen." Dennoch fanden sich in Polen unter den radikalen (sogar bürgerlichen) Kreisen einzelne, die in dieser finsteren Zeit genug Mut chatten, die nationalen Rechte der - Juden zu befürworten. In einer Umfrage der assimilatorischen Wochenschrift „Jzraelita" trat der hervorragende polnische Statistiker und Oekonomist Zekrzewski für eine Verständigung der Polen mit den nationalen Juden ein. Der noch berühmtere polnische Gelehrte Lndwik Krzywicki äußerte sich dahin, daß die jüdische nationale Bewegung „am kräftigsten eben das altertümliche Ghetto untergräbt und unter die Juden geistige Strömungen der Neuzeit trägt". Ferner beteiligten sich manche radikalen Polen in der russischen Zeitschrift „Nationalnyja Problemy" (Nationale Probleme), die den Standpunkt vertritt, alle „Fremdvölker" in Rußland müßten politisch und national gleichgestellt werden. IV. Nach der Besetzung Warschaus durch die deutschen Truppen. kam die Judenfrage wiederum auf die Tagesordnung. Die polnische Presse in War- ' schau hielt es zwar für bequemer, Stillschweigen