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Neue jüdische Presse · 1916-05-26 · Heft 20 (26.5.1916) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 20 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 Seite 2. Und resignatorisch ist dieser Hunwr, Verzicht leistend auf die hundert kleinen Schönheiten des Lebens, .über die der Golusjudc lacht, weil er sie nie gewinnen kann. Und durch dieses Lerchen überwindet er den Neid auf die glücklichen Besitzer und den Hast gegen das Schicksal, das ihn von solchem Besitze ausschließt. In seinem Humor wird er Herr seines Schicksals; cs steckt eine Unsumme von Heroismus in diesem golusjüdischen Hunwr. Dieser Humor ist der Scholaum-Aleichems. Genialer, schöpferischer, abgeklärter als der der Massen, aber inr tiefsten Grunde eben derselbe. Der Lebcnsgang Scholaum-Aleichems ist schon ein Abbild des jüdischen Volksschicksals. Einer armen Familie entstammend, erbte er später ein großes Vernrögen, verlor cs über schnell bis zum letzten Pfennig, lebte jahrelang in 9tot und Drangsal, bis ihn seine schriftstellerischen Erfolge auch von seinen materiellen Nöten befreiten. In seinem Lebcnsgang, mit seinem jähen Absturz von großem Reichtum in ärgste Not, errang er seinen Hunwr als Mittel zur Ueberwiudung seiner Schicksalsschläge. Seitdem predigt er ihn als Lebensanschauung; und jedes seiner Werke mahnt von neuem, den Geschehnissen des Lebens doch nicht zu große Bedeutung beizumessen, denn letzten Endes sind sic alle nichtig und gut genug, belacht zu werden. * Und darum ist er so populär. Weil ihn das Volk ganz als cjnen der Seinen empfand; weil e.in jeder in chm die vollkommenste Verkörperung seiner Eigenschaft fühlte, die er selbst besaß, weil seine Auffassung und Betrachtung der Welt nicht individuell und eigentümlich, sondern typisch und repräsentativ war. Und darum liebte das Volk seine Werke. Sie waren chm ein Born der Kraft. Jndeni es Scholaum-Aleichem las, befreite, es sich von der Last seines schweren Schicksals, und seine Mißgeschicke erschienen ihm im Spiegel dieses Weltanschauungshuuwrs als bedeutungslose Zufälle und harmlose Schicksals.ncckerei. Darum auch ist sein Humor so ganz durchtränkt von Tragik; denn er ist ja letzten Endes nur das Produkt unerhörter Tragik, und sein Objekt ist fortdauernde Tragik. Man.braucht nur einen Augenblick die Augen zu schließen und dann dieses selbe Objekt, über das man eben noch so gelacht hat, nochnials anzuschauen, und man wird aufschluchzen mögen über die Tragik, die sich enthüllt. Aus den meisten der humoristischen Erzählungen Scholaum-Aleichems würde ein anderer, mit tragischem Blick begabter Dickster erschütternde Tragödien machen können. Gerade dies verleiht diesem Humor seine Weche und Innigkeit: man empfindet immer wieder, welche Abgründe von Tragik er überdeckt, und etwas von ihrer Größe und Tiefe überstrahlt und durchzittert ihn. Es gibt Stellen in Scholaum-Aleichems Werken, in denen die Eigenart -unseres Goulusdaseins, das im Tragikomischen viel-, leicht seinen tiefsten Charakter widcrspiegelt, einen Ausdruck gesunden hat, der in dieser Treue und Vollkommenheit einzigartig ist im gesamten Umkreis unserer Golusliteratur. Und in einem bestimmten Sinne darf man sagen, daß von allen Dichtern unserer zweitausendjährigen Golusliteratur Scholaum-Aleichem der golusjüdischste ist. Darum war er so einzigartig populär, und darum reißt sein Tod eine unausfüllbare Lücke Sein Scheiden bedeutet weit, mehr 'als der Verlust eines großen Schriftstellers: er bedeutet den Verlust eines Volksführers, eines Trösters und Helfers der Natur. In ihm versiegt uns ein Born innerer Energie, und mit seinem Lachen verlieren wir ein wunderwcckendes Heilmittel unserer Wunden. Und so gesehen: Wann war er uns notwendiger als jetzt? Wann gab es mehr Wuirden an unserem Volksorganismus zu heilen als jetzt, wann tat uns Trost und Stärkung' mehr not als in diesen Monaten? Vielleicht aber sind die Wunden, dieser Zeit so tief, die Leiden dieser Tage so stark, daß dieses Vcrzweislungsmittel des Golus, der Humor, nicht mehr ausreicht?- Vielleicht ist die Not dieser Monate so groß, daß selbst Scholaum-Aleichem nicht mehr lachen konnte? Vielleicht hat auch/ er aufgcschluchzt, als er davon las, daß Tausende jüdischer Familien bei Nacht und Nebel aus ihren Heimstätten gejagt, daß Tausende wie Vieh in zugesiegelten Waggons transportiert wurden? Vielleicht hat selbst er in diesen Monaten sein Lachen vergranymier Israelitisches FamilieMaü. loren? Dann allerdings erhielte sein Tod inneren Sinn, und sein Scheideil gewönne tiefere Bedeutung. Dann wäre in einenr tieferen Sinne auch er ein Opfer des furchtbaren Unglücks, das unser Volk betroffen hat, und sein Scheiden würde so etwas wie das Ende unseres Golushumors bedeuten, würde bedeuten, daß dieses Mittel nicht mehr helfen kann, und daß die letzte «Epoche unserer Golusgeschichte naht, in der es nur ein Entweder-Oder gibt: den Golus überwinden oder sein Opfer werden. Die Zukunft wird lehren, wie Scholaum- Aleichem's Tod zu deuten ist, wird zeigen; ob sein .Werk in der Tat der Schwanensang des jüdischen Golushumors ist. Wie dem^auch sei, gewiß ist, daß er die vollkommenste Verkörperung dieses Humors jst. Und dies' sichert ihm die Unvergänglichkcit in der Geschichte unseres Volkes: als genialen Reprälisentanten unseres Golustvesens, als den typischsten ^Dichter unseres Golusschicksals. Weltkulturelle Bedeutung. Wir leben in einer Zeit solcher Beziehungen der Völker zu einander, daß mair fast daran verzweifeln könnte, ob es auch einmal wieder friedliche Verhältnisse zwischen.ihnen geben könnte. Mit einer solchen Wucht sind die Völker des kultivierten Erdkreises auf einander geprallt, daß für friedliche Arbeit nichts übrig bleibt, und daß diejenigen, die es gewagt hatten, einen Völkerfrieden zu erhoffen, ihre Hoffnung in weiter Ferne entschwinden sahen. Scheint es doch, daß aus der blutigen Saat dieses unseligen Krieges auch in Zukunft nur neue Bluternten hervorsprießcn können. Allerhöchstens könnten die Millionen von Leichen und Krüppeln, die es nach dem Kriege in der Welt geben wird, durch ihre Entsetzlichkeit von weiteren Kriegen abschrecken. Aber die Abschrcckungstheorie ist. in der weltgeschichtlichen Betrachtung der Menschheit ebenso verfehlt, wie sie es an ihrer eigentlichen Stelle, in der Jurisprudenz, ist. Es gehört deshalb Mut dazu, in diesen wilden Kriegslärm hinein Worte von Frieden und Menschcnkultur Hinzurusen und noch dazu dabei nicht weltfremd und wirklichkeitsfern zu werden. Dieses Lob, "fern von aller nebelhaften Träumerei, in der Realität gegebener Dinge bleibend, in voller Würdigung der kriegerischen Ereignisse der Gegenwart doch ans Zukunftswerte auf weltkr^turellem Gebiete uns zu weisen, gebührt einer Schrift von Nach um Gold m a n n, der uns trotz seiner Jugend schon eine ganze Reihe zciferer Schriften beschert hat. In seinem neuesten Heft „Von der weltkult u r c l l e n Bedeutung und Aufgabe des Judentum s", das als achtes Heft der von Ernst Iäckh herausgcgebenen Schristenfolge „Wcltkultu r u n d W e l t P o l i t i k" erscheint, hat N a ch u m Goldmann von neuem gezeigt, daß er den Aufstieg zur Meisterschaft begonnen hat. Wenn man bedenkt, daß er mit der Schwierigkeit kämpft, ein offenbar gestelltes Thema in einein bestimmten Rahmen behandeln zu müssen, wobei der Rahmen eng, das Thema aber von weltumspannender Weite ist, so muß man zugeben, daß ihm der Wurf glänzend gelungen ist. Natürlich kann man nicht die Kulturgeschichte Israels und ihre leitenden Gedanken in eine Tagesbroschüre bannen, und hieran muß die Darstellung durchaus leiden. Aber innerhalb dieses, gegebenen, scharf begrenzten Rahmens ist von ihm gegeben worden, was möglich war, dabei mit großer Sachkenntnis auf historischem Gebiete, mit intimer Einsicht in das Judentum und heißem Gefühle für die Zukunft unseres seit Jahrtausenden unterdrückten Volkes, Das alte Hebräertum war es, das zuerst eine weltkulturelle Bedeutung hatte, weil es das erste aller Völker war, das den Begriff einer allgemeinen Menschheit gegenüber der Beschränkung eigenen Volkstums ausstellte. Dabei blieb es in der Wirklichkeit gegebener Realitäten. Es; löste nicht seine Geschichte in einein absoluten Menschheitsbegriff auf. Es. wies dem Judentum seine weltkulturelle Aufgabe als Priester, und heiliges Volk unter den Völkern zu, es gab ihm die Weisung, innerhalb der Menschheit für eine einheitliche' Menschheit zu wirken und sah in Assur und Aegypten ebenso Völker Gottes wie im eigenen . Stamme. Es erhoffte die Zeit, in der alle Völker einig fein würden, und wo die Schwerter zu Sicheln und die Lanzen zu Pflugscharen umgeschmiedet würden. Dabei blieb es innerhalb dieses umfassenden Kosmopolitismus durchaus national und erwartete die herrlichste Zukunft des eigenen Volkes von dieser Zeit allgemeiner Menschcnvcrbrüderung. Das jüdische war das erste Volk, das sein eigenes Wesen national zum vollen Ausdrück brachte, ohne darum in der Vernichtung anderer Völker das Wesen seiner eigenen Größe zu sehen. Vielmehr erblickte es gerade die Eigenheit feines nationalen Selbst in der weltkulturellen Aufgabe, die ihm sein Lehrer yivb Meister gestellt hatte. Aber auch als das Judentum in die ganze Welt zerstreut worden war, hat es sich/ niemals diesen weltkulturellen Aufgaben entzogen oder auf solche weit ausgreifenden Ansprüche verzichtet. Vielmehr zieht sich dieses Gefühl einer nationalen Pflicht an der Meuschheitskultur wie ein roter Faden ebenso durch das mittelalterliche Judentum, wenn es auch etwas ganz' anderes ist als die von einem asfinrilationslüsternen Reformjudentum substituiertc jüdische Mission. Das moderne Judentum, da's in die europäische Freiheit allmählich hineinwächst, fühlt daher mit der Erstarkung innerer Schwungkraft wieder' etwas von der innigen Vereinigung nationalen Eigemvescns und seiner weltkulturellen Pflichten. Der Jude, der mitkämpfend den Weltenkampf beobachtet, forscht natürlich nach/ etwas, was seinem Wesen verwandt ist. Und wenn auch sonst jüdischer und deutscher Volkscharakter gewiß ganz grundverschieden sind, wenn der stahlhärte Preuße und der nervenfeinc Jude an und für sich wenig Aehnlichkcit mit einander haben, in ihrer Auffassung von der weltkulturellen Bedeutung ihrer Nation haben sie viel, sehr viel Aehnlich leiten. .Stammt doch ein großer Teil jener Angriffe auf das Judentum, das sich als düs „auserwählte" Volk ansähe, daher, daß der Deutsche in ähnlicher Weise für sein eigenes Volkstum eine solche Auserwähltheit beansprucht. Daß der Jude von Uranfang an glaubte, daß fein ' Volk die bestimmte Aufgabe habe, für die Menschheit kulturelle Pionierdienste zu leisten, das war der Gedanke, der seinem Volkstüme den hohen Schwung gab, der die unverwüstliche Hoffnung in ihm aufkommen ließ, daß seine Nation mit so hohen Gaben und Aufgaben nicht zugrunde gehen könnte. Zu einem großeir Teile verdanken wir die Erhaltung unseres Volkes diesem weltkulturellen Gedanken und Ansprüche. Auch darin begegnen sich Deutschtum und Judentum, daß beide in Vorderasien ihre nächste Aufgabe für eine weite Zukunft suchen, und daß beide dort an denselben Aufgaben, der Wiederbelebung' des Orients, arbeiten müssen. Die Deutschen suchen dort ein weites und neu urbar zu 'machendes Feld vor allem wirtschaftlicher Betätigung, die Juden sind die geborenen Vermittler zwischen europäischer Kultur und vorderasiatischem Geiste. Sie suchen im Orient zugleich in der alten Heimat ihrer Väter eine Zufluchtsstätte ihrer Söhne und in der Wiege ihrer nationalen Kultur die neue Stätte jüdischen Kulturwirkens. Damit begegnen sich aber deutsche Weltkulturbestrebungen mit. den parallelen Anschauungen und Willensregungen, die jüdischnationale sind und — seit Nathan Birnbaum das Wort geprägt hat — zionistische genannt werden. Indem Nach um Goldmann uns in solche Äedankengänge in seiner Weise cinführt, schreibt er ein Büchlein, das fern von dem verschwommenen Mysticismüs unklarer Denker dem zionistischen Gedanken in weite Kreise nichtjüdischer Oeffentlichkeit den Weg weist. Und das ist von um so größerer Bedeutung, als die Gefahr vorliegt, daß unklare Köpfe in der nationaljüdischen Jugend ansteckend wirken können. Klar und durchsichtig war das Judentum. Kämen unklare Gefühlsduseleien hinein, so führte das, wie zur Zeit des Sabbathai Zwi, der Frankisten und ähnlicher Bewegungen, zur Sektenbildüng und hinaus zum Judentum, auch wenn diese Sekten zuerst vielleicht sogar zionistisch aussahen. . Kristallklar waren zu allen Zeiten die Gedanken des Judentums. So ist der Talmudismus, so ist der Chassidismus, der Chabad. Unklarer und verschwommener war dagegen die Gefühlswelt wundergläubiger Chassidim Wolhyniens und Galiziens. Deshalb ging die nationale Erneuerung des Judentums von talmudistischen und chabad-chässidischen Kreisen aus. Zu dieser Erneuerung nationaler Kräfte trägt auch 'die kleine Schrift Nachüm Goldmanns.

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