Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 20 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Selten hat der Tod so grausam sich sein Opfer ausgesucht wie zu der Stunde, da er Scholaum-Aleichem dem Erdendascin entriß. Scholaum-Aleichem tot. Ich kenne wenig Dinge, die schwerer vorzustellen sind wie dieses. Es gibt Menschen, deren Sterben uns natürlich erscheint, weil wir empfinden, daß sie ihr Leben bereits abgelebt, ihr Werk vollbracht haben, deren Tod drum wie der letzte harmonische Ausklang ihres Daseins anmutet. Scholaum- Aleichem's Tod hingegen erscheint für unseren menschlichen beschränkten Verstand wie ein sinnloser Unglücksfall, wie das plötzliche Ertöten eines hoch in die Lüfte emporjauchzenden Tones, wie das unverständliche Ersticken einer schnell dahinsprudelndcn Quelle. Dieser unerschöpfliche Produzierende, dessen Lachen noch so stark, so hell, so hinreißend war, dieser unwiderstehliche Bringer und Verbreiter köstlichsten Humors, belebender Lustigkeit, verjüngender Lebenslust, dieser gottvoll Heitere tot? Man möchte mit dem Schicksal hadern, daß dem Gesellen Tod solch tyrannische Launen gestatttet, und schwer, sehr schwer nur gewöhnt man sich an die Vorstellung, daß Scholaum Aleichem tot sei. Die Kunde seines Todes trifft Millionen Juden wie ein tückischer Schlag, unter dessen Wucht sie alle zusammenzucken werden. Ich kenne keinen . anderen Juden unserer Zeit, dessen Scheiden von den großen jüdischen Bolksmassen in Rußland und Galizien, in Whitechapel und New-Pork so tief und schmerzlich beweint werden wird wie das Scholaum-Aleichem's. Denn ohne jegliche Uebertreibung darf man. sagen, daß er der populärste (im besten Sinne' dieses Wortes), der meistgeliebte jüdische Schriftsteller unserer Zeit war; und es gibt nur eine äußerliche Vorstellung von seiner Popularität, wenn man hört, daß seine Werke jährlich in größerer Zahl perlegt wurden als sämtliche anderen Erscheinungen der jiddischen und hebräischen Literatur zusammengenommen. An dieser Tatsache seiner Popularität muß; jede Darstellung und Beurteilung des Wesens und Schaffens Scholaum-Aleichems ansetzen. Denn diese seine Popularität ist wahrhaft einzig in ihrer Art. Es gibt in der gesamten deutschen Literatur keinen einzigen Schriftsteller, der auch nur entfernt gleiche Popularität im deutschen Volke besäße wie die, die Scholaum-Aleichem im jüdischen besaß. Er war der einzige jüdische Schriftsteller unserer Tage, dessen Werke in allen Schichten des Volkes zu finden waren: ..beim eifernden Chossid ebenso wie beim fanatischen Freidenker, beim assimilierten Polen prosaischer Konfession nicht minder wie beiin radikal--, sten jüdischen Nationalisten, bei der Intelligenz und bei der Masse, beim Akademiker und beim Proletarier. Alle lasen ihn, und alle liebten ihn; er war allen ein Tröster und Helfer. Wenn es je einem Dichter vergönnt war, wirklich Liebling und Stolz des gesamten Volkes zu sein, so hat Scholäum-Aleichem diesen höchsten Ruhm sich errungen. Woraus ist diese Popularität zu erklären? Daß seine Stoffe vopulär waren? Es war gewiß eines seiner größten Verdienste, daß er die Stoffe seiner Darstellung nur dem schlichten, alltäglichen Volksdasein entnahm, daß er endlich die kindisch unreife Manie überwand — die vor ihm in der jiddischen Literatr ebenso geherrscht hatte wie in allen anderen Literaturen in ihrem Anfangsstadium—, nur Barone, Lords und Prinzessinnen zu Helden des Romans zu wählen. Und gewiß hat die volkstümliche Wahl seiner Stoffe viel zu seiner Popularität beigetragen, aber entscheidend war dies doch nicht. Sehr oft kann man im Gegenteil wahrnehmen, daß die Massen gerade beit Schriftsteller bevorzugen, der ihnen romantisch-fremde Dinge erzählt, und daß sie nicht gern ihr Alltagsleben in der Literatur sich wieder vorführen lassen wollen. Es muß also die eigentümliche Art der Darstellung dieser Stoffe sein, die sie an seinen Werken so anzog und fesselte. Haben wir den Grund seiner Popularität aufgedeckt, wenn wir sagen, daß er ein großer Künstler war? Er war es zweifelsohne, ein Meister der Erzühlungs'kunst, eine unerschöpflich produzierende Kraft, frei und froh über den äußeren Widrigkeiten des Lebens stehend wie ein ganz großer Künstler; aber liebte ihn das Volk deswegen? Bildete das streng Künstlerische nicht vielmehr in erster Reihe das Entzücken der Litteraten, der Kenner und Kritiker? Wir nähern uns der Antwort, wenn wir sagen, daß er ein H u m o r i st war. Mn Humorist von Gottes Gnaden. Einer, dessen Humor ihm so leicht frei und natürlich entsprudelte wie das frische Wasser einer Gebirgsquelle, der nur in drei Sätzen etwas zu schildern brauchte, um alle laut auflachen zu lassen; vor dessen Humor es keinen Schutz .und keinen Widerstand gab. Alte Jungfern, boshafte Geizhälse, keifende Marktweiber, ausgemagertc, verbitterte Fanatiker, tragische Jambendichter und entschlossene Selbstmordkandidaten, vor Scholaum-Aleichems Humor kapitulierten sie alle. Es ist keine Frage: hier wenn irgendwo ruht der Grund seiner Popularität, ruht die Wurzel seiner Kraft und das Rätsel seiner Eigenart. Nur ist mit dem Worte Humorist fast garnichts noch gesagt. Humor ist eine elementare Grundqualität der Menschen, die ebensoviele Variationen und Ausdrucksformen haben kann, als es Menschen gibt. Auf die nähere Bestimmung und Charakterisierung dieses Humors kommt es an. Eins tritt da vor allem hervor: er hat nichts von Komik in sich. Man findet bei Scholaum-Aleichem eigentlich nie wirklich komische Situationen, denn alles Komische ist' irgendwie unnatürlich, zufällig und gewollt. Der Komiker schafft erst künstlich die komische Gestalt oder. Situation, er ist stets unnatürlich. Scholaum-Aleichems bedeutendste Eigenart ist aber seine Natürlichkeit. Er ist natürlich bis zur Alltäglichkeit, bis zur Banalität. Er sucht nie ein besonderes Thema. Er tritt auf die Gasse hinaus und schildert, was er sieht. Es gibt nichts, was er nicht als Thema akzeptierte. Es sei der gewöhnlichste oder seltsamste. Vorfall,' den er wahrnimmt, sie sind ihm als Darstellungsobjekte gleich lieb. Er geht darin so weit, daß er manchmal auf jegliche Formung und Gestaltung seiner Romane verzichtet. Jede - Gestaltung ist ja ein Ausscheiden unk» Abgrenzen: diese Vorgänge schildere ich und jene lasse ich unerwähnt. Scholaum-Aleichem aber erwähnt, alles. Seine Erzählungen haben oft weder Anfang noch Ende. Er erblickt jemand, er verfolgt ihn eine Weile, schildert ihn und läßt ihn weiterlaufen. Wenn er seine Erlebnisse in einer Stadt erzählt, beginnt er mit dem Aussteigen aus dem Eisenbahnwagen und endet mit dem letzten Abfahrtssignal. Er kennt nicht die Unterscheidung von humoristischen Objekten und nichthumoristischen; er gibt nicht zu, daß manches besonders komisch, anderes nüchtern, ernst und reizlos sei. Humoristisch wird ihm eine Sache nicht durch ihre Eigenart, sondern durch seine Auffassung. Indem er sie anschaut, wird sic ihm humoristisch. Sein Humor liegt nicht in den Dingen, sondern in seinem Auge. Hier liegt die bezeichnendste Eigenart seines Huinors. Er sitzt in ihm, nicht in den Dingen. Er tritt denr Leben in einer Weise gegenüber, daß ' - es ihm humoristisch erscheint. Sein Humor ist Standpunkt und Weltanschauung. Standpunkt und Weltanschauung! Darin sehe ich die Wurzel seiner Originalität und den Grund seiner Popularität. Denn diese Eigenschaft ist nicht eine ihm individuelle, spezifische, sondern er teilt sie mit seinem Volke, sie ist jüdisch. In jedem Juden, vor allem in jedem von aller Wcsenstrübung freien Ostjuden, steckt ein Scholaum-Aleichem. Diese Eigenart des Schauens, die die Dinge humoristisch sieht und nimmt, ist allgemein jüdisch. Nicht altjüdisch, nicht prophetenjüdisch, — es gibt wenig -ernstere Völker, als es das altjüdische war, es gibt wenig an Humor ärmere Literaturen als . diese ältjüdische, — aber dieser Humor ist eine der charakteristischsten und bedeutsamsten Eigenschaften, die wir im Golus uns erworben haben, weil er - .— wie alle spezifischen Goluseigenschaften — ein Weg war, das Golusleben erträglich, die Ahasverexistenz lebensmöglich werden zu lassen. Der Humor wurde ein Mittel, um den unerhörten Leiden . und Widrigkeiten des Goluslebens ihre Schwere zu nehmen, ein Mittel, sich nicht von ihnen erdrücken zu lassen, sondern, sich über sie erheben zu können- Etwas lächerlich machen heißt es schon halb überwinden, und ein seelischer Schlag wird nie tätlich treffen, wenn man es fertig bringt, über ihn zu lachen. So entstand unser jüdischer Golushumor als die List, nrit der toir die Tücke des Schicksals abwehrten, als der Weg zur Ueberwindung unserer Tragik. Daraus ergeben sich die besonderen Eigenarten dieses Huuiors; vor allem: er ist skeptisch, durchtränkt von Lebensverachtung. Was ist das I Leben? Ein Komödienspiel, ein lustiges Durcheinander von Glück und Unglück, ein bedeutungsloses- Schaukeln, bald oben, bald unten; beides darf nicht zu wichtig genomnien werden; am besten ist's: I man lacht über beides. '..J Und gallig ist dieser Humor, bitter und! spitz. Denn er ist nicht ftei errungenes letztes Ergebnis.eines hoch über dem Leben stehenden Wei-! sen, sondern Zuflucht vor drohendem Zusammenj bruch. Und so steckt in ihm etwas von der Bos-! heit gegen das Leben, das zu diesem Zusluchtsmittel gezwungen hat, etwas vom Hader gegen das Schicksal. Drum wird er leicht zur Satire und zur 'Ironie, die aber nie verwundet, weil sie doch stets Humor bleibt und nicht der verbitterten Seele des Verzweifelten, sondern dem lachenden Gemüte des Ueberwindenden entquillt.