Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 19 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 19 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Leite 5. Wien: Adolf Gelber, Redakteur des „Neuen Wiener Tagbl." und bekannt als Shakespeare-Forscher, feierte den 60. Geburtstag. Budapest. Nathan Heim selb und Engen K a h a n in H u s z t, Inhaber der bedeutenden und angesehenen Firma Jakob Kahans Erben, sowie die Kaufleute Moritz S e e l f r e u n d, M a x K a h a n und Josef Klein sind sechs Mo nate un schuldi g in Untersuchungshaft gehalten worden. Sie waren beschuldigt tvorden, dein Militär-Berpflegungsmagazin Blanko- Rechnuugcn ausgestellt und ihm so Gelegenheit gegeben zu haben, höhere Beträge als gezahlt auszuschreibcn. Dieser Tage fand die Verhandlung statt, die mit einem Freispruch endete. Odessa.^ Dr. Cb. Hochmann. Privatdozent für Mathematik an der Odessaer Universität, ist hochbetagt gestorben. Er war einer der ersten Gründer der jüdischen Mittelschulen in Rußland und war als Pädagoge in ganz Rußland hochgeschätzt. UhrEMoIdwarBnJrauriiigB jed. Art u. Preislage kauft man gut und preiswert im EcKJ Trauring - Eck Frankfurt a. M .Trierisohe Gasse 31. Eoke Törgesgasse,vis-a-vis d. Hasengasse. Pp PlatveAh Uhrmacher H iiCIMWI, und Goldarbeiter. Frankfurter Berichte. Zionistische Jugendgruppe. Der Vortrag des Herrn Benno Ko h n behandelte den Lebenslauf und bas Schaffen des jetzt SO jährigen Mendele Mo ch er S e fo r iin, des Großvaters der jüdischen Literatiir. Besonders eingehend besprach Redner Mendels Hauptwerk „Die Mähre", das in Gestalt einer stolzen Stute und jetzt verachteten, mißhandelten Mähre des jüdischen : Volkes Schicksal behandelt. Frl. Sara K o h n las eine charakteristische Probe aus Mendels Erzählungen vor. Redakteur Geis eröffnete die Aussprache, indem er die Frage nach der „jüdischen" Wirkung der jiddischen Literatur aufwarf. Die künstlerische Bedeutung mancher ihrer Schöpfungen stelle diese in die Weltliteratur. Auch als Milieuschilderung sei sie wertvoll. Anders aber stehe es mit ihrer jüdisch-erzieherischen Wirkung. Nach dieser Richtung.müsse der Leser häufig Enttäuschungen erleben. Denn, die meisten jiddischen Schriftsteller nehmen in jhrcr Seele eine Zwitterstelluug zwischen der traditionelle» jüdischen und der moderne» allgemeinen Kultur ein. Diese Ausführungen boten den Anlaß zu einer lebhaften Für- und Gegenrede. Cafe Kaisergarten am Opernplatz Erstklassiges Famillen-Cafö Jeden Nachmittag von 4 bis 7 Uhr. und Abend von 8V* Uhr ab ST- - WB feuilMon. Mendel Gibbor. Novelle von Aron David Bernstein (Fortsetzung.) „Ja, mein Kind", sagte Malkoh mit zärtlicher Stimme und zog die Enkelin näher an sich heran. „Großmutterlc", flüsterte Handele mit bebendem Mnnde, „hast Du nit geivollt ausrufen Ivie unsere Aeltermutter Händele mit dem starken Herzen: „Steig' herab, eine Stufe und nimm ein Weib!" Die alte Malkoh mit dem starken Herzen lvnrde nur auf einen Moment so tief bewegt, daß sie nicht antlvorten konnte; dann aber sprach sie lvieder ruhig mit sanfter Stimnic: „Hör' zu, mein Kind! Ich Hab' heut' geöffnet meine Lippen, um zu reden nnd nit soll nicdersteigen mein Leib in die Grub', eh' ich Dir ganz tu' offnen mein Herz. ■— Setz' Dich nieder zu mir, ich lvill reden." .Nach einer Pause, in lvelcher sich Händele auf den Stuhl vor dem Lager niederließ, sprach Malkoh: „Der Rabbi, mein 'Vater, hat seinen Handschlag gegeben, daß er nit wird sagen, was Meyer hat getan; aber mein Vater, ist krank gelvorden vor 'Schreck und vor Gram. Da hat er lassen Meyer zu sich kommen und hat gcred't mit ihm und hat ihm gesagt, er lvill ihm geben sein Kind zum Weib; nur soll er ihn entbinden von seinem Handschlag. — Da hat Meyer gesagt: Nit die Khille und auch nit Malkoh soll wissen, was da ist vorgefallen; will der Rabbi aber Malkoh sagen, daß sie mein Weib soll lverden und sie ist zufrieden, dann ist es gut; wo nit, dann sollt Ihr sie nit damit grämen. — Und darauf ist Meyer iveggegangen. — Da hat der Rabbi, mein Vater, gcred't mit mir; aber — .Händele, mein Kind — mein Herz ist gewesen nit stark, es ist gewesen hoffährtig. — Meyer Bauer, Hab' ich gesagt, soll nit aufhcben sein Aug' zu einer Tochter der Großen. — Da hat mein Vater, der Rabbi, mir Ermahnungen gcred't und hat gesagt, er weiß, daß Meyer's Verdienst sehr groß ist, nur darf er mir's nit sagen. Ich aber bin nit stark gewesen, ich bin gewesen hart. — Nach vierzehn;2ag' ist Meyer gekommen und ist hineingegangen zum Rabbi und ich Hab' in der Stub' gesessen und Hab' gestickt an deni großen Vorhang für die heilige Lade. — Da hat der Rabbi allein mit ihm gcred't und hat ihn wieder gebeten, er soll ihn frei lassen von seinem Handschlag, damit ich soll hören, was Meyer ist. Ta hat Mayer gesagt: Nein! — Da hat der Rabbi gesagt: Meyer, Du hast noch kein Wort gcred't mit Malkoh. Geh hinein und red' zu ihr ein sänftiglich Wort, und dann soll's geschehen, wie der allmächtige Gott es will." Malkoh machte eine kleine Pause, zog Händele wieder näher an sich heran und fuhr dann mit bewegter Stimme gort: : > „Meyer ist hereingekommen in diese Stub' und hat still gestanden. Da hat mein Herz gepocht; aber ich Hab' hastig weitergestickt und Hab' nit gewollt auf ihn sehen. Er Hat sich ganz still hinter mich gestellt, — doch ich Hab nit aufgehoben mein 'Antlitz. Das hat lang gedauert, ich weiß nit mehr wie lang." Malkoh hielt innc. Dann aber fuhr sie mit leiser Stimme fort: „Händele, mein Mud, da Hab' ich hinter mir gehört Meyer sagen, wie einer der red't mit sich allein: „Gott, Du Gelobter, wie gesegnet von Dir sind die Hand!" — Und er geht weg." „Großmutterlc!" schrie Händele erschrocken auf und ließ ihren Kopf auf das Lager der Großmutter sinken. Die- Hand der Großmutter strich beruhigend über den Nacken der Enkelin, und cs herrschte wieder tiefe Stille im Zimmer.. Nach einer Weile aber fuhr Malkoh erzählend fort, als ob sie nicht unterbrochen worden wäre: „Der Rabbi, mein Vater, ist zn mir hereingekommen. Er hat an meinem Angesicht gesehen, daß mein Herz sich wendet in mir. „Malkoh", hat er gesagt, „Meyers Verdienst im Himmel wird sehr groß sein; aber meine Lippen sind gebunden. Er will nit, daß Du früher sollst hören, was ich weiß, bis Du wirst gesagt haben: „Ich will werden sein Weib!" — „Rabbi und Vater!" Hab ich ausgerusen — denn mein Herz ist wieder geworden hoffährtig, wie ich vernommen Hab' den stolzen Willen von Meyer Bauer —, „ist denn ein Mann geglichen zu der heiligen Lehr der Offenbarung, daß wir Weiber sollen sagen: Wir wollen tun nnd hören!" — Da ist der Rabbi traurig iveggegangen, und ich Hab' traurig gesessen. — Meyer ist nit mehr gekommen. Er hat sich sein Weib gebracht vom Lande. Der Rabbi, mein Vater, aber hat erst später vor mir geöffnet seine Lippen in seiner letzten Stunde, wie er sich vorbereitete, zn sehen die Herrlichkeit Gottes." Die Großmutter schwieg, und das .Herz Händcles bebte. „Großmutterlc"! rief sie schmerzvoll und klammerte sich an den Arm der Großmutter. Es klang wie ein Schmerzensruf, doch auch wie ein Ruf tiefsten Mitleids aus teilnehmender Seele. 'Aber die Großmutter, die ihn verstand sprach: „Mein Kind, mein Herz ist gewesen hoffährtig; doch ich Hab' auf mich genommen Buse, — und es hat sich bekehrt und ist stark geivorde». — Gedenk, mein Kind, wir kommen her von den starken Herzen!" „Segne mich, Großmutterlc", bat Handele, leise weinend, „segne mich, daß ich mög' sein ein Kind von dem starken Herzen!" Die Großmutter legte ihre Hände auf das Haar der Enkelin und segnete sie. Mondstrahlen fließen durch das Zimmer. Sie umweben die Hände, die Du einst, mannesstolzer, unbeugsamer Meyer Bauer, so gebenscht sähest vor Gott dem Gelobten, und auch zwei gefaltete, ans Herz gepreßte Hände, die Du, Mendel, sein milderes Ebenbild,, in gleicher Weise priesest. * Deni guten Sabbat Nachmu folgte ein rüstiger und lustiger Sonntag. Rüstig war er, denn alles, ivas zum starken Geschlecht im Hause Israels zählte, war frühe schon gerüstet zum Auszug, um, Packen geschnürt, die Lenden gegürtet, den Stecken in der Hand, die Gebetriemen in der Tasche und Gott, den Gelobten, im Herzen, hinauszugehen ins Dorf, ins Gehöft und aufs Gut, um zu sehen, was Christoph einem gönnt und der Prophet Elia einem beschert. Lustig war er. Denn heute zog mit dem packenbelasteten Israel auch ein leichtbeschwingter Jüd aus der Khille.- Die drei Wochen sind zu Ende, Jankelc - Klesmcr entwindet sich der verlockenden Ruhe an der Seite des Freundes im obrigkeitlichen Hausflur und wirft sich der fröhlichen Bewegtheit der Muse' an den Hals, die ihn in alle Khillaus leitet, ivo eine Hochzeit in Aussicht steht. Sein Ränzelchcn hat er genial über die Schulter geworfen; den Stock läßt er sorglos am Knopf seiner Reisejacke baumeln; seine Mütze liegt auf dem einen, -seine Fidel unter dem anderen Ohr. Tann — zum Abschied aus der guten Khille, seiner Heimat, greift er ins Saitenspiel und läßt, durch die Gasse schreitend, seinen Pferdeschwanz auf den Türmen tanzen, daß'allen Jungen das Herz und alten „Maden" die Seele lacht. Tenn was die einen auch zögern, die andern sich zieren, Jankele Klesmcr wünschen sic doch alle anheimzufallen; — Hochzeit wollen sic doch alle machen. Nicht umsonst ivar er mit zwei verschiedenen Beinen bedacht worden. Es ist weltbekannt, daß sein kurzes Bein das elegische, das lange das lustige ist. Vor der Chuppoh versteht er's, ans dem kurzen aus der Tiefe herauf ins wehmütige, nach der Ehuppoh vom gehobenen Standpunkt hernieder das lustige Israel in Tönen zu verherrlichen. Jetzt aber steigt er bald auf bald nieder so recht wie zum wohlgemeinten Abschied in wechselnder Lust und Wehmut, — und so geht er durch die Gasse in Begleitung des Wachtmeisters, der noch schläfrig und des Hahns, der schon sehr munter ist. An jedem Hause, wo der Mann voni Weibe Abschied ninnnt, die Jungen mit den Mädchen kosen und die Kinder zu seiner Begrüßung lustig in den Hemdchen aus die Gasse springen, hält er an. ,Fortsetzung folgt.) Cigarren-MQlIan, gr. Esehenheimerstr.31. ■ Uebfraaenatr. 1/3. Taunuaatr. 47. Ci m garetten Partien! _erstklassigen Ursprungs. W Map« ein Borliinfer des Zionismus. K. D a n g i l a i ck y. II. Nachdem wir die Biographie Mapus in allen ihren wichtigsten Punkten wiedergegeben haben, wollen wir jetzt betrachten, wie die einzelnen Ereignisse und Uinstände seines Lebens auf sein Schaffen cingewirkt haben. Wir sind von der Frage ausgegangen: Wie kam Mapu zum Zionismus? und wollen nun versuchen, eine Antwort aus diese Frage zu geben. Doch vorher eine andere Frage: Was ist Zionismus? Nun, der Zionismus ist in seiner Hauptsache eine Sehnsucht, die Sehnsucht nach Zion. Eine Sehnsucht aber wird im einzelnen wie auch im völkischen Leben in den weitaus meisten Fällen durch die N o t hervorgerufen. Wir müssen also jetzt untersuchen, welcher Natur Mapus Not war, nnd wir haben dann den Schlüssel zu seinen Gedankengängen. Eingangs habe ich bereits erwähnt, daß die pekuniären Verhältnisse seines Vaters und seiner ganzen Umgebung sehr schlecht waren. Seine Geburtsstadt war ein kleiner finsterer Flecken, dessen Straßen eng und schmal und so voll Dreck waren, daß man kaum durchwaten konnte. Die Häuser waren unansehnlich, klein und baufällig, und die Fenster des Hauses, in dem unser Dichter das Licht der Welt erblickte, hatten keine Glasscheiben, sondern waren zum größten Teile mit Papier, verklebt. Die Luft im Hause war feucht und erstickend. Dazu kam noch die schlechte Ernährung, die dauernde Krankheit seiner Mutter und später, als Mapu verheiratet war, das traurige Verhältnis zu seiner Frau. Zu dieser persönlichen Not kam ferner noch die allgemeine. In Rußland regierte damals der Zar Nikolaus I., ein despotischer Herrscher in des Wortes vollster Bedeutung. Die Unterdrückung, die die Juden aus allen Gebieten von seiner Seite zu erdulden hatten, war unbeschreiblich groß. Der Militärdienst z. B. dauerte damals 25 jJahre, nnd das benutzte Nikolaus, um die Juden ihrem Glauben zu entfremden. Er schickte Regierungsspitzel in alle Städte und Städtchen und ließ die kleinen jüdischen Kinder im zarten 'Alter von 6 bis 10 Jahren entführen und zum Militärdienst abtransportieren. Unbeschreiblich war die Trauer, wenn ein Wagen solcher Entrissenen die Stadt verließ! Weinend und schreiend gingen die Mütter hinterher, und das Gewimmer der Kinder war herzzerreißend. Und wenn diese Entführten nach 25 Jahren zurückkehrten, so wußten sie manchmal kaum noch, daß sie Juden sind. Das war aber nur eine Folge der Mkolausschen Tespotie. Etwas, was auch sehr großes Unheil in den jüdischen Gemeinden anrichtete, war, daß die Gemeindevorsteher es deni Zaren Nikolaus im kleinen nachahmtcn. Mit der Zerstörung des geistigen jüdischen Zentrums in Polen trat nämlich gleichzeitig auch eine