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Neue jüdische Presse · 1916-05-19 · Heft 19 (19.5.1916) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 19 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. gegebenenfalls seiner Information, verweigert ihmjedoch bestimmenden Einfluß. Wie die Dinge heute liegen, ist an ihre bessernde Aenderung nur dann zu denken, wenn die jüdischen Massen, die sich sonst um ihre Rechte auf anderen Gebieten lebhaft kümmern, dagegen aus dem Gebiete des Judentums keinerlei Rechte verlangen und so jedem, der führen will, die Herrschaft überlassen, endlich sich auch um ihre Rechte im jüdischen Gemeindcleben zu kümmern beginnen. ^Schoümm^eichem^I Aus New-Iork kommt die erschütternde Nachricht, das; Scholaum Aleichcm verschieden i st. In ihn; verliert die hebräische und jiddische Literatur einen. ihrer größten Erzähler, verliert Das jüdische Volk eine seiner originellsten Persönlichkeiten und eigenartigsten Gestalten. Scholaum Aleichems genialer Humor war unserem Volke ein Born des Trostes und der Stärkung in seinem tragischen Schicksal; so war er innerhalb des osteuropäischen und amerikanischen Judentums. gewiß der populärste und beliebteste aller jüdischen Erzähler. Einzigartig in seiner Kunst, bedeutet sein Tov einen Verlust, der unersetzlich ist. Mit ihm sank ein großer Tröster und helfender Genius unseres Volkes ins Grab. Wir werden in der nächsten Nummer eine eingehende Würdigung seines Wesens und Schaffens bringen. Botschafter Morgeuthau über Palästina. New Jork, Anfang Mai. Botschafter Morgeuthau sprach sich gelegentlich seines hiesigen Aufenthaltes verschiedentlich über Palästina aus. Nach seiner Ansicht werde die türkische Regierung der jüdischen Ansiedlung in der Zukunft keinerlei Schwierigkeiten mehr in den Weg legen. Neben der Kolonisierung müsse die Schaffung einer großen Industrie betrieben werden, denn die Kolonisierung allein gehe-zu langsam vorwärts. Erst dann könne sich eine kraftvolle national-jüdische Sphäre entwickeln, in der jüdische Literatur und Kunst ausblühen, und die ihre Wirkungen auf die Juden der ganzen Welt ausstrahlt. Die uatioval-kulturelle Autonomie für die Ostjude«. Von S. Hirschhorn-Warschau. I Die Idee der jüdischen national-kulturellen Autonomie ist in Polen nicht neu. In der ehemaligen polnischen Revolution hatten sich die polnisch-jüdischen Beziehungen auf dieser Grundlage gestaltet. Die Juden - besaßen national-religiöse Selbständigkeit in Form des Kahals mit eigener Gerichtsbarkeit, entbehrtenfreilich' politische und bürgerliche Rechte. Nach Polens Verfall schlugen einzelne ^bessere" Polen vor, die Juden zu „emanzipieren"; d. h. ihnen ihre nationalen Rechte zu entziehen und sie dafür mit bürgerlichen Rechten zu beschenken. Damit wurde die Assimilation angebahnt, die jedoch nicht gelingen konnte. Das nationale Wesen war im polnischen Lande damals noch wenig entwickelt, und das. Polentum hing eng mit dem Katholizismus zusammen. Unter Assimilation verstand man Annäherung der Juden an die christliche Bevölkerung; gleichviel, ob sie Polen, Russen oder Deutsche sind. Eben das Deutschtum war damals in Polen stark vertreten und übte auf die jüdische Intelligenz.eine große Wirkung aus. Wir beobachten deshalb unter der ' damaligen jüdischen Intelligenz eine seltsame Erscheinung: die wenigen assimilierten jüdischen Intellektuellen hatten - sich sprachlich und kulturell germanisiert und ließen sich letzten Endes taufen Begreiflicherweise waren cs nur vereinzelte Personen; die breite Masse wurde von der Assimi- *) Scholaum Weichem (Schälom Rabinowitsch), ge- - Boten 1859 in Perjaslaw (Rußland), war von 1880—82 Kronrabbiner in Lubny, dann Kaufmann in Kiew. Seit * 1909 mußte er infolge Lungenleidens im. Ausland weilen. Bei Ausbruch des Krieges ging er von seinem Kurort Nervi (Italien) nach New Aork. lation nicht berührt. Die eigentliche Pdlouisierung derJuden trat erst viel später zutage; namentlich in den. Jahren; des polnischen Aufstandes 1861 —1863, als der polnische Patriotismus einen großen Aufschwung erfahren hatte. Mit der Unterdrückung des Aufstandes ging aber zugleich die Polonisierung zugrunde. Der immer - andauernde Antisemitismus der polnischen .Mehrheit, unterbrochen in der Sturm- und Drangperiode des Aufstandes, tauchte. wiederum auf und 'verstärkte sich sogar. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre bestand schon eine. mächtige antisemitische Richtung, die nach dem: Warschauer Pogrom von 1881 noch stärker wurde; und von nun an bald mehr bald weniger das. ganze polnisch-jüdische Zusammenleben beeinflußte. Die fortschrittlichen Polen haben zwar in der Regel die Gleichberechtigung der Juden unter Bedingung der Assimilation gepredigt, aber. in ihre Reihe tvurde bereits eine Bresche geschlagen. 'Es wurden Stimmen laut, die dafür eintraten, den Juden auch nationale Gleichberechtigung angedeihen zu lassen. 'Die Möglichkeit, sich in politischen Angelegenheitten zu äußern, war jedoch damals sehr gering, denn die Bevölkerung in Polen war in dieser Hinsicht durch die russische Reaktion bcbeschränkt. II. Das Aufblühen des politischen Lebens begann erst mit Ausbruch der russischen Revolution 1905— 1906. Die Fremdvölker in Rußland hegten große Hoffnungen, ihre politischen und nationalen Forderungen berücksichtigt zu sehen. Damals zeigte es sich, daß die erdrückende Mehrheit der'polnischen Juden nicht nur. bürgerliche, sondern auch nationale Rechte beansprucht, und daß dieigesamte fortschrittliche öffentliche Meinung in Rußland ihnen diese Rechte zuerkennt. Dieser Tatsache fügten sich die polnischen Fortschrittler und mit ihnen zusammen auch die polnisch-jüdischen Assimilanten. Man stellte die Frage ganz richtig, die Assimilation der Juden ist berechtigt, insofern sie sich ganz freiwillig bewerkstelligt, eine Zwangspolonisierung, d. h. eine solche, die ihre Gegner mit Entrechtung bedroht, ist keineswegs zulässig. Maßgebende Fortschrittler äußerten sich sogar dahin, daß den polnischen Juden Voiles Recht zust,ye ihre national-kulturellen Bedürfnisse ungestört zu befriedigen. Der Anführer der polnischen Fortschrittler — der berühmte Schriftsteller Alexander Swiento.chowski — führte in einem Vortrage aus, 'den. nicht assimilierten Juden müßten dieselben Rechte zuerkannt werden, die die Polen für sich in Litauen und Rutienien fordern, nämlich ' das Recht auf ihre Spräche, eigenes Schulwesen, entsprechende Vertretung in allen Organen der Selbstverwaltung, kurzum ReM.auf national-kulturelle Autonomie. Den Juden solche Rechte zu verweigern, würde bedeuten, daß die Polen ihnen gegenüber eine Unterdrückungspolitik betreiben wollen. Gleichzeitig schrieb der Anführer der Warschauer Assimilationsjuden Stanislaus Kempner in der von ihm redigirten Zeitung: „Die Entwicklungs-Strömungen unter den Juden haben sich n.ack> einer ganz anderen Richtung gewendet als. die Ideale und Wünschender sogenannten (sic!) Assimilanten. Vor der Wirklich,reit mnß die.Theörie schweigen, daß Die JudeÄ' keine Nation wären. Die weiten Massen des. jüdischen Volkes besitzen jetzt einen starken Instinkt des Selbstschutzes und der Abgesondertheit. Man muß mit der Stimmung der jüdischen Massen, , welche eine starke Stimme der Geschichte ist> rechnen, („Nowa Gazeta" Nr. 156 1906).. Auch ein Vertreter der polnischen konservativen Richtung, ,Subontir Grendyszynski, bekannte sich in einem Gespräch mit einem Mitarbeiter der polnischen. zionistischen Wochenschrift „Glos Zydowski" zu den jüdischen nationalen Rechten. Schließlich forderte der jetzt auch in der deutschen Öffentlichkeit bekannte polnische Politiker und Publizist Wladyslaw Studnicki für die Juden nationale Rechte in Litauen und Weißrußland, indem er sagte, dies, sei im Interesse der Polen selber, denn auf diese Weise werden dort die Juden vor der Rüssifizierung gerettet. Mit anderen Worten, er erkannte die jüdische Nationalität grundsätzlich an, wollte sie aber lediglich auf fremde Rechnung (der Litauer und Weißrussen) gelten lassen. , ’ _Nr. 19 .Inzwischen aber siegte in Rußland^vie Reaktion, und. all die schönen Worte de^pölnischen bürgerlichen 'Parteien, gerieten' wieder in'Vergessenheit. Alle polnischen Richtungen wurden antisemitisch, der Fortschritt zusammen mit dem Rückschritt. Gleichzeitig mit den nationalen Rechten der Juden wurden die bürgerlichen Rechte ängcfeindet. Als Ende 1912 bei den. Wahlen in die vierte Duma es-sich erwies, daß die Juden in Warschau zufällig über ' eine Stimmehrheit berfügen, und daß sie dennoch einen polnischen Abgeordneten wählen wollen mit der Bedingung daß er Anhänger der bürgerlichen Gleichberechtigkeit sei, fand sichunter den polnischen bürgerlichen Richtungen kein einziger Mann, der dieser. Förderung der elementaren Gerechtigkeit entsprechen wollte. Die Juden mußten deshalb den Vertreter der. polnischen sozialistischen Partei (P. P. S.) Eugenius Jagiello. wählen, der sich in Bezug auf die Judenfrage dem Programm vom jüdischen „Bund" - angeschlossen hatte, und sich verpflichtete, sowohl für die bürgerlichen wie auch für die n a t i o n a l e n Rechte der Juden zu kämpfen. Flavius Josephus und seine Zeit. Von Ahron Marcus. (Fortsetzung.) Vor dieser durch besondere Fügung der Vorsehung ermöglichten Festsetzung für die Diaspora bis zum Jahre 6000 (die Gunst des edlen Kaisers Julianus hatte für die Zeit von 20 Monaten die blutdürstigen Verfolgungen der christlichen Kaiser unterbrochen) war dem Patriarchen die Wahl des Schaltjahres innerhalb' des CyÜus freigestellt, wenn er nur das Gebot befolgte: „Schamor et chodesch haabib". Hüte den Monat der Reife (Nissan mit dem.Solstitium der Tagnick Nachtgleiche), so daß er auf Witterungs-, Ernte- oder sonstige Verhältnisse Rücksicht nehmen konnte. Diese Berechnung war uralte Moscstradition, sie findet sich schpn bei Ehiskija, wie die talmndische Tradition die betr. Stelle erklärt, unterstützt von Zahlen der Regierungsjahre, die lvon dem durch assyrische Entdeckungen festgestellten Datum der" Vertreibung der Zehnstämme bis zu dem babylonischen der Zerstörung Jerusalems 134 Sonnenjahrc ergaben, während bei Mondjahren 138 herausgekommen wären. Der Sod h a i b b u r war daher ein kostbarer Schatz in den Händen berufener Hüter. Ich kehre nun. zu der Rücknahme der Controverse im Traktate Erachin durchs die Gaonim zurück. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß diesen die richtige Chronologie der Perserzeit wohlbekannt war. Nachdem nun aber die des Seder Olam allgemein verbreitet war, trotzdem die Mischnah des Partriarchen ihr keinen Platz angewiesen und sie in der Boraita (d. h. draußen) gelassen hat, so ließ man sie schweigend gewähren. Josephus hätte also zu Gunsten Maimomdes entschieden. Nun hat aber die Sache einen gewaltigen Haken. Die Kontrolle der Daten der Olympiade einerseits, der Seleucidenaera anderseits ist uns nur durch die arische Zeitrechnung möglich, und da hapert >es wiederum um 1 Jahr, ob die Seleucidenaera (chaschbon schtarot) um 312 oder 311 und ob die Schlacht bei Actium auf 30 oder 31 anzusetzen ist, d. h. ob das Datum der christlichen Aera -3760 oder 3761 der jüdischen ist. Diese schwerfällige Rechnungsweise vor und nach einem Zeitpunkte anstatt der grade fortlaufenden sist nämlich erst. ,800 Jahre später von dem Abte Dionysius eingeführt und zwar — wie allgemein erkannt ist — falsch eingeführt worden. Der jüdischen Tradition, wie sie der Historiker Rabed. von Toledo in seinem Geschichtswerke Seder häkabalah mitteilt, widerspricht sie so sehr, daß dieselbe den Tod. des...Stifters per christlichen Religion auf das Jahr '152 vor der Zerstörung des Tempels, also, usn. mindestens 82 Jahre ffrüher ansetzt als Dionysius,, was auch-'dem talmudischen Berichte seines Verkehres "mit R. Josua Heu Perachja entspricht. Und schließlich ist ja der Talmud heuzutage, wo seine Existenz von arischen Gelehrten, wissenschaftlichen wie antisemitrschen, überhaupt geleugnet wird, ihr einziger Zeuge. Denn alles, was in Tacitus und Josephus über ihn gesagt worden sein soll, hat sich« als mönchische Interpolation herauseflellt, was übrigens Origines contra Celsum 1, 47 selbst estätigt. Der berühmte Semitologe und übel berüchtigte Bibelkritiker Paul Haupt- Baltimore hat sich auf dem Orientalistenköngresse zu Kopenhagen 1909 nur so weit herbeigelassen, anzuerkennen, daß er als Sohn eines germanischen Soldaten Panthero keineswegs jüdischer, sondern rein arischer Abstammung gewesen sei. Man vergleiche noch Reimarus, Bruno Bauer der Ursprung des Christentums aus dem römischen . Griechentum 1877. Chämberlain Grundlage des 19- Jahrhunderts. Hackel Welträtsel. Bosque la vie esoterique; Wellhausen, Prof. Darn und last not least Claude Montefiore u. a. m. Bon jüdischen Schriften ist das berühmte Werk Chisuk Emunah eine Hauptqnelle und schließlich die neue hebr. Encyklopädie — New Aork, die alles Einschlägige unter den betreffenden Artikeln gesammelt hat. Wir erfahren daraus, daß die christlichen Urkunden (mit über 122 000 Varianten) erst in der Hälfte des achten Jahrhunderts zu einem Kanon gesammelt wurden, daß die 4 Ältesten frühestens zwischen 80 und 150 vom Hörensagen niedergeschrieben sind, wie dies Lukas 1, 1/3 selbst bezeugt. Bis zum Jahre 85 wurden in. ihren religiösen Versammlungen die Abschnitte des Pentateuch nach jüdi-

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