Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1916-05-19 · Heft 19 (19.5.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 19 (19.5.1916)
Date
1916-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692975-2692994--09453-2704673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erscheint wöchentlich am Freitag. Menlospreis pr» Kiertrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. I frei :n» HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei in» HanS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Ruhland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— -» Einzel - Nummern kosten 10 Pf» Redaktion und Grpedition: Frankfurt «. M. » Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 29V3. Herausgeber: Kaks cheis. JnsrrtiansPrr» für die fünfgespaltene Petitzeile SS Pfg., für die Reklamezeile Mk. l.—. Set Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, Wohnungiinserate, Heirat».Annoncen 15 Pfg. die sechSgespaltme Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exp cd. und in a.Annoncrn-Bureau»., Konto bei dem Postscheckamt in Franksurt a. M. unter Rr. 4004. 14. Jahrgang. Freitag. Sen 16. IZsr 5676 (19. Mai 1916) Rr. 19. Ei« Notschrei der russische» Fremdvölker. Eine der traurigsten Begleiterscheinungen, die der Krieg init sich gebracht hat, ist die schrankenlose Herrschaft der heuchlerischen Phrase, der Lüge und Verstellung. Vor allem die Ententcländer waren es, „bie, bestrebt, ihre Schuld ain Kriege zu verbergen und zugleich auch die Sympathien der Neutralen für sich zu gewinnen, von Anbeginn des Krieges ihre wahren dlbsichtcn und Motive durch schöne Phrasen und heuchlerische Ideale und Prinzipien zu umhüllen suchten. Und so geschickt, laut und schreierisch war ihre Propaganda, daß sie in der Tat viele Neutrale betören konnten und demgegenüber die Sünde und Schuld, die sie durch die Herbeiführung des Krieges auf sich geladen hatten, von vielen vergessen ward. Eine der .Hauptphrasen und Schlagworte war hierbei .das Wort von dem Schutz der kleinen Nationen. Seit 22 Monaten gebärden sich die Ententestaaten als die Vorkämpfer und Stützen aller kleinen Nationen der Welt gegenüber. der deutschen Eroberungssucht und dem preußischen Militarismus. Und sie scheuten sich nicht, diese Pose einzunehmen, während "Rußland die militärische Hauptmacht der Entente ist, dasselbe Rußland, das mehr kleine Nationen beherrscht als jeder andere Staat und sie in unmenschlicher Weise vergewaltigt und tyrannisiert. Wie ein Hohn, mehr wie ein niederträchtiger Zynismus mußte eserscheinen, wenn die Entente mit Rußland an der Spitze ihr Lied von dem Kampf für die kleinen Nationen anstimmte, und cs ist ein trauriger Beweis für die Macht der Phrase und Lüge in der Welt, daß die zivilisierte Menschheit dieses Schlagwort bisher geduldig hinnahm, ohne energisch gegen dieses Spiel mit den heiligsten Dingen.zu protestieren, ja, daß Millionen dieser Phrase Glauben schenkten. Niemand aber mußte diese Phrase tiefer empören als uns Juden; denn kein Volk empfindet die Lüge dieser Phrase schmerzlicher und blutiger als wir. Millionen unserer Brüder ertrugen' in Rußland ein Schicksal, ivic cs schlimmer nicht ersonnen werden konnte, Hundcrttausende von ihnen sind in diesem Kriege bereits unschuldige Opfer der russischen Barbarei geworden; statt aber die Verbündeten Rußlands auch nur das geringste getan hätten zur Besserung der Lage der russischen Judenheit begnügtten sie sich mit der billigen lügnerischen Phrase vom Kampf gegen die kleinen Nationen. Und schlinnncr als dies war die Tatsache, daß alle Welt daran glaubte, ja, daß viele unseres Volkes selbst in kindischer Hoffnung und naiver Selbsttäuschung ihr Vertrauen auf England und Frankreich setzten und von ihnen die Erlösung für unsere Brüder in Rußland erwarteten. Demgegenüber bedeutet cs. eine Tat von bleibender historischer Bedeutung, daß Vertreteraller unterdrückten Fremdvölker in Rußland sich jetzt zusammengefnnden haben und von Stockholm aus einen Notschrei, ein e n erschütternden Appell in die Welt sandten. Gerichtet ist dieser Appell an Präsident Wilson, aber bestimmt ist er für die gesamte gesittete Welt. 9 Fremdvölker sprechen in diesem Manifest, und ein jedes erzählt in einfachen, aber um so eindrucksvolleren Worten von seinen Leiden und' Qualen, die es unter der russischen Herrschaft zu erdulden hat, von dem unerhörten Maße von jtnrecht und Verbrechen, das Rußland ihm gegenüber schon begangen hat. Ein großer Teil des Werdegangs und der Entwicklung des Zarenreiches liegt in diesem Aufruf beschlossen, und das innerste Wesen russischer Staatskunst - ist in der Aufzählung all der Wortbrüche, Verrätereien und lügnerischen Versprechungen charakterisiert, die das Manifest bringt. Finnländer, Balten, Letten, Litauer, Polen, Juden, Ukrainer, Muselmanen und Georgier sprechen in diesem Aufrufe, und was jede einzelne dieser Nationen erzählt, genügt, um das Maß der historischen Schuld Rußlands voll zu machen. Und es entspricht nur der wirkliche:: Sachlage und. zeugt stärker als alles andere von dem furchtbaren Schicksal der russischen Juden, wenn ihre Anklage im Aufruf erschütternder und gewaltiger ist als die jeder anderen der nenn Fremdvölker. „Wir Juden Rußlands" —heißt cs da — „sind geknechtet wie kein anderes Volk der Erde. Wir.werden geistig und körperlich dem Siechtum überlassen. Wir werden am Besuch per Schulen und Universitäten gehindert. Zusammengepfercht in Ansiedlungsrayons, gab man uns steigender Verarmung und Verelendung preis. In barbarischen Pogroms ließ man den Pöbel seine bestialischen Instinkte blutig an uns austoben. Durch den Krieg sind Hunderttausendc von uns in die Fremde gehetzt worden, und vele Tausende sind dabei elend umgekommen. Unsere Wohnstätten, sind ausgeplündert, und täglich verkommen unsere Volksgenossen in. entsetzlichem Elend." Welches Wort in dieser furchtbaren Klage und Anklage wäre unwahr oder auch nur übertrieben? Cs hieße zuviel Vertrauen in die heutige Kultur und Sittlichkeit setzen, wollte man glauben, dieser Notschrei der russischen Fremdvölker werde irgendwelche praktische Wirkung ausüben. Präsident Wilson, an den er unmittelbar gerich^- tet ist, wird weiterhin all seine Fürsoge für Menschlichkeit und Kultur darauf konzentrieren, daß Amerikaner auf englischen Munitionsschiffcn reisen dürfen und im übrigen sich un: seine Wiederwahl kümmern, die Rußland verbündeten Westmächte werden den Abdruck des Aufrufs in ihren Ländern verbieten, die Neutralen werden ihn höchstens lesen und ebenso schnell vergessen; alles wird bleiben, wie bisher, und schon hat Sir Edward Grey wieder einmal verkündet, daß die Entente nur ft'ir den Schutz der kleinen Nationen kämpfe. Und dennoch bleibt der Ausruf ein historisches Dokument. Früher oder später tritt die Strafe der historischen Gerechtigkeit ein, und wenn später die Geschichte ihr Urteil über die Verbrechen Rußlands fällen wird, wird sie in diesem erschütternden Notschrei einen ihrer Hauptbeweise haben. Vielleicht aber hat der Aufruf doch noch die unmittelbarepraktische Wirkung, so manchen der nicht ganz durch deu Phrasenduuft geblendeten Neutralen über das wahre Wesen Rußlands und die wahren Ziele dieses unersättlichen Barbarenreiches und seiner Verbündeten aufzuklären, und vielleicht auch hat dieser Notschrei, der auch aus den Herzen unserer Brüder in Rußland komnit, die für uns Juden erfreuliche Wirkung, so manche unserer Schwärmer und „Politiker", die all ihre Hoffnung aus die Entente setzen, zur Vernunft kommen und sie erkennen zu lassen, daß es für die russische Judenheit nur eine Möglichkeit der Erlösung gibt: die Niederlage der Entente und der Zusammenbruch des russischen Reiches. Ei« Musterbeispiel. Das Musterbeispiel, das wir vorführen wollen, ist keine Ausnahme. Es scheint, daß in den an- - deren Ländern Westeuropas die Dinge nicht viel anders liegen. Auch in anderen Ländern als in Oesterreich sind die jüdischen Gesamtheitsinteressen meist einem Kreise von Auserwählten anvertraut, dessen Auserwähltheit nicht seine jüdische, sondern seine soziale Bewertung darstellt. Doch, daß wir einen Fall aus Oesterreich vorführen, geschieht, da er gerade zeitgemäß ist und des weiteren, da sich an anderen objektiver — die eigenen Schwächen zeigen lassen. Das Musterbeispiel muß das jetzt gegründete „Oesterr. Zcntralkonritee zur Wahrung der Rechte der Juden im nördlichen Kricgsgebiet" abgeben. Die nördlichen Kriegsgebiete sind Galizien und Bukowina, und das nächste und selbstverständlichste sollte da wohl sein, daß die Juden dieser Länder in dem Zentralkomitee entsprechend vertreten sind. Ebenso sollte matt annehmen, daß in einer Körperschaft, die jüdischen Interessen dient, auch der Rabbinerstand wenigstens einen aus seiner Mitte sitzen sieht. Doch weit gefehlt! Nicht ein einziger Jude aus Galizien und Bukowina, nicht ein einziger Rabbiner ist der Ehre teilhaftig geworden, in die erlauchte Gesellschaft ausgenommen zu werden. Tie erlauchte Gesellschaft besteht mindestens zur Hälfte aus — Bankdirektoren, in ihrer Gesamtheit aber wohl ausschließlich aus einem gesellschaftlich gleichartigen Kreis. Denn das scheint heute in den leitenden Körperschaften jüdischer Organisationen das wesentlichste zu sein, daß die Herren hübsch unter sich sind. Einst suchte man nach Männern, die als Juden etwas bedeuteten, von denen man wußte, daß sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit im I udent u m w u r z e l u. Doch heute ist das eher ein Nachteil als eine Empfehlung, denn ein jüdischer Fond muß als recht peinlich bei Leuten empfunden werden, deren positives Judentum doch recht armselig ist. So bleibt man sorgsam unter sich und begnügt sich, die jüdischen Angelegenheiten als eine finanziell e A u s g a b e zu betrachten, weshalb auch am besten Leute in entsprechendem Bermögensstande mit ihrer Obhut betraut werden. Es scheint ein Scherz, was bittere Wahrheit und unser Unglück ist. Denn es 'kann nur ein Unglück genannt werden, wenn es heute eine selbstverständtiche Erscheinung geworden ist, daß die Annahme eines jüdischen Ehrenamtes meist nicht-als eine jüdische, sondern als eine soziale. Verpflichtung betrachtet wird und diese Annahme daher gar keine Folgen für die Betätigung als Jude nach sich zieht. So wird nicht das Streben erweckt, sich selber jüdisches Wissen vom Judentum zu erwerben und tiefer in der jüdischen Sphäre Wurzel zu greifen. Das Vorbild der Maßgebenden wirkt lähmend auf den ganzen Kreis,, in dem sie maßgebend sind, — und wer wirklich etwas zu sagen weiß, wird soweit möglich ferngchalten. Das schlägt seine Wellen bis zu dem Stand, der der Träger des jüdischen Wissens ist, und dem deshalb die Führung einst ivar, als iwch das jüdische Wissen als die schönste Krone des jüdischen FamilienadclS galt. Die heutigen Leiter jüdischer Körperschaften können bei ihrer Außerachtsetzung des jüdischei: Wissens und wirllicher jüd. Lebens- _ betätigung in dem Rabbiner nur den Ge m ei n- ’ debeamten sehen; für sein Gehalt hat er ge-- wisse Leistungen zu vollführen, und man bedient sich Ji ■i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.