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Neue jüdische Presse · 1916-05-12 · Heft 18 (12.5.1916) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 18 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Frankfurter Mraelttisches FamMenolatt. L>eüe ö. der mittelalterlichen deutschen Possen, und die deutsche «Sprache hatte 'damals eben nur in dieser Hinsicht einen eigenen Stil. Zur weiteren Entwickelung braucht sie in eigenem Lande nur noch einige hundert Jahre und solcher Männer wie Luther, Lessing, Schiller, Goethe usw. All das wünschen wir von ganzem Herzen auch dem Jiddisch. Nur wird in eigenem Lande „Jiddisch" Wohl überflüssig sein! Die jiddische .Sprache schmiegt sich der Eigenart des im ganzen kleinbürgerlichen und religiösen Milieus an, und dieses Milieu , hat dann den eigenartigen Stil des Jiddisch hervorgebracht. Ebenso wie man am besten Reuter und Klaus Groth plattdeutsch liest, kann man auch Scholem Aleichem und Mendel Moicher Seforini mit vollem Genuß nur jiddisch lesen. Ich glaube jedoch, daß man noch eher manches aus denk Jiddischen ins Hochdeutsche übertragen kann, als einen großen Teil von, niederdeutschen Dichtungen Hier wie -dort ist also der Stil nicht so sehr eigenartig wegen des Dialekts, sondern, weil der Gegenstand der Darstellung fast immer einer Sphäre entnommen ist, in der die betreffenden Dialekte heimisch sind; also etwas wie Heimatkunst. Viele der Dichtungen in der jiddischen Literatur sind in der Ichform abgefaßt oder enthalten Dialoge. Das hat ebenfalls auf die literarische Form eingewirkt. Calvary versucht nun, an verschiedenen Proben nachzuweisen, daß das Jiddisch eine eigene Kunstform aus sich heraus, geschaffen hat. Seine Nachweise sind aber gefühlsmäßige und sind darum durchaus subjektiv. Er druckt die schöne Uebersetzung Perez's von Frug's Gedicht: „Der Becher" ab und behauptet,. das wäre eigener jüdischer Stil. Als einzige Begründung auch hier sein eigenes Empfinden. Ist die Uebersetzung nicht gerade darum eigenartig, weil sie sich an das hebräische Original anschließt? Ich glaube, diese neue Theorie vom eigenen Stil des Jiddisch ist nur in ganz beschränktem Sinne wahr. Sie ist in der Tat auch belanglos für die Frage, die jetzt in Polen die Gemüter bewegt, ob Jiddisch Unterrichtssprache sein soll. Dafür kann es nur eine ernsthafte Begründung geben: eine politische. Wer diese als einzige Begründung anführt, mitdem soll man nicht streiten. Er hat "von seinem Standpunkt aus recht. Alle anderen Begründungen aber halten nicht stand. Man kann Jiddisch in der Tat wie irgend einen deutschen Dialekt schätzen und seine Literatur fördern. Und ebenso mit manchen Niederdeutschen bedauern, daß der Dialekt nicht Schulsprache ist. Man kann auch Wege finden, innerhalb der Schule den Dialekt zu pflegen. Aber niemals wird man die Beibehaltung von Jiddisch mit pädagogischen Gründen ernsthaft verteidigen können. Wer nicht bloß aus der Studierstube und durch ein hin und wieder Zusammenkommen mit Ostjudcn das Jiddisch . kennt, wird bei der Beurteilung der ganzen Jiddischfrage etwas vorsichtig sein. Ich würde, all den Herren in Deutschland Vorschlägen, mal unsere Soldaten zu fragen, wie sie über Jiddisch denken. Ich habe überall gemerkt, daß sich unsere Soldaten, nachdem sich ihr Ohr an die eigentümliche Aussprache gewöhnt hat, mit den Juden durch ihr Jiddisch verständigt haben. Für beide Teile ist es gewiß zweifellos, daß Jiddisch ein.deutscher Dialekt ist. Sollte übrigens jemand Untersuchungen über Jiddisch anstellen »vollen, so würde ich ihm auch empfehlen, darauf zu achten, wie gekünstelt in Wirklichkeit in vielen Fällen bereits das Schriftjiddisch ist. Zlvischen der Diktion und dem Wortschatz der ganz einfachen Sprache des Volkes und des Schriftjiddisch besteht bereits eine große Spannung, auf deren innere Gründe ich hier nicht weiter eingehe. Auch mit den Verfechtern des politischen Standpunktes Jiddisch gegenüber kann ich mich hier nicht auseinandersetzen.' Ich würdige jedoch ihren Standpunkt und begreife ihn, obwohl es mir, abgesehen von meinen grundsätzlich anderen Anschauungen, sehr bedenklich erscheint, das jiddische Volk dauernd mit noch einer wahren Gvlussprache zu belasten. Der Jude im Osten ist sprachlich. — das deckt sich beim Juden nicht mit Volkstum und Staatszugehörigkeit — svergl. ähnliche Verhältnisse bei Schweizer Bürgern) zlvischen zwei Sprachgemeinschaften gestellt. Gerade loer wie ich von - außerhalb nach Polen gekommen ist und in gewisser Hinsicht unparteiisch ist, macht sich Gedanken darüber, welches die Sprache der Juden Polens in der Zukunft sein wird. Doch ichwill nicht prophezeien und möchte nur sagen, daß ich wünsche, daß diese so wichtige Sprachcnfrage zun: besten der Juden des Ostens selbst gelöst - werden möge. Weil er die Sprachenfrage von einem ganz bestimmte» Gesichtspunkt zu beleuchten versucht, ist uns darum auch der Aufsatz CalvaryS willkommen, lvenn wir seine Anschauungen auch ablehnen müssen. M a i 1916. Hamisrachi. -77-77-. Annoncen, 7= Familien - Anzeige •, Chiffre - Anzeigen speziell für die Frankfurter Zeitung besorgt prompt and diskret H. Oppenheim, Inh. BernD&rd Rubinstein. 1 Börsenplatz 1. Fernsprecher: Hnnxa V005 Das öffentliche jüdische Leben in Ungarn. Die „Makkabäer" veranstalteten iin F-estsaale der Bndapcster isr. Kultnsgemeinde eine große Versammlung mit dem Thema „Das öffentliche Leben in Ungarn". Dr. Nikolaus Haydn, Redakteur der Tageszeitirng „A Nap", befaßte sich zunächst mit dem „Egyenlöseg", dem offiziellen jüdischen Blatte. Sein Bestreben sei, die ungarische Presse nach judenfeindlichen Bemerkungen durchzuschnüffeln und diese dann Woche für Woche zu verteidigen: — doch die inneren Angelegenheiten der ungarischen Judenhcit und die allgemeinen jüdischen Fragen werden übergangen. Nicht einmal der Sache der galizischen Flüchtlinge hatte man sich angenommen. Die Tagespresse Ungarns sträube sich überhaupt, jüdische Nachrichten zu bringen. Das öffentliche jüdische Leben in Ungarn werde sich erst bessern, wenn die ungarische Judenheit über eine große, selbstlose, lediglich dem öffentlichen Interesse dienende Presse verflige. Advokat Dr. I o s e f S ch ö n f e l d, Mitglied des Zion. Landeskomitees, ergriff sodanir das Wort. Er sieht die Ursache für die Mißstände im jüdischen Leben darin, daß die führenden Persönlichkeiten ihr Amt nur als äußere Zierde betrachten und sich von ihren Untergeordneten leiten lassen. Die führenden Persönlichkeiten weisen weder jüdisches Wissen noch .jüdische Begeisterung auf und vermögen daher nicht, mit entsprechender Sachkenntnis und Energie ihres Amtes ztt walten. Ein weiteres Uebel in der nngarischeil Judenheit sei die Spaltung in zwei Judentümcr, Ui ein neologes und in ein orthodoxes Judentum. Auf der einen Seite heißt es: „Alles Jüdische bleibe mir fern", ans der anderen Seite: „Wes Nichtjüdische bleibe inir fern". So können sich Kultur und Judentum nicht vereinen. Wenn es sich um die Interessen des Judentums handelt und man sich an die Kanzlei der neologen oder an die der orthodoxen nligarischen Judenheit wendet, dann antworte'jede: „Bin ich der Hüter meines Bruders? Nicht ich vertrete das Judentum, Landern die andere!" Handle es sichjedoch darum, wer als Vertreter des Judentums zum Magnatenhausmitglied oder wer zum königlichen Rat ernannt lverdcn möge, beanspruchen beide Parteien die Alleinvertretung des Judentums. für sich Im lveiteren Verlaufe seiner Rede kritisierte Dr. Schöufeld die völlig veralteten Statuten der Pestcr isr. Knltusgemeinöe. Bon 40 060 Steuerzahlern besitzen bloß 15 000 das Wahlrecht Das Interesse für die Knltuswahlen sei gleich lmll. Bei den letzten Wahlen seien 280 Wähler erschienen. In das Bertreterkolleginm entsenden die politische» Klubs diejenigen Wahlmacher, denen die Würde eines Kultusvorstehers noch imponiere. Es sei wunderlich, daß die Jliüen, die die Fahnenträger aller radikalen lind progressiven Ideen sind, für eine demokratische und moderne Verfassung der firdischen Gemeinden sich nicht begeisteril können. Die Pester „Chewrah Kädischa", die Heller eine Mchreinnahme von einer halben Million aufiveist, spendete für die galizischen Flüchtlinge 500 Kronen. So hoch schätzte sie ihre eigene jüdische Gcmeinbürgschaft, ihre eigene Stellung im Kreise der jüdischen Organisationen der Welt. Bei diesen Zuständen setze er einzig seine Hoffnung noch auf die zionistische Beloegung, die eine gesunde und gesundende jüdische Strömung sei. Sie möge in den Gemeinden den Kampf gegen die Korruption aufnehmcn. nicht nur mir, sondern auch Ihnen Herr Präsident, und der ganzen Verwaltung der Gemeinde. Ich bin keine Kampfnatur, sondern bin empfindlicher, als es einem zukommt, der bereits seit zwanzig Jahren in öffentlicher Stellung steht. Aus all diesen Gründen bitte ich ergebenst, von meiner Berufung nach Wien abzusehen und mich auf dem friedlichen und bedeutenden Posten zu belassen, den mir die Vorsehung angewiesen hat." Der Präsident knüpfte an die Verlesung dieses Briefes den Ausdruck lebhaftesten Bedauerns, daß Rabb. Dr. Nobel sich zu dieser Absage veranlaßt fand. Wien. Das zion Exekutivkomitee nahm unter dem Vorsitz seines Präsidenten Adolf S tand einstimmig folgende bedeutsame Entschließung an: „Das Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs als die derzeitige Repräsentanz der österreichischen zionistischen Gesamtorganisation erklärt es für eine bindende Verpflichtung aller organisierte» Zionisten Oesterreichs und deren Vereinigungen, während der Kriegsdauer keine wie immer geartete Unternehmung politischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder auch nur charitativen Charakters ohne vorherige Fühlungnahme mit dem Exekutivkomitee in Wien zu inaugurieren, mit Vertretern anderer politischer Parteien, staatlicher, Landes- oder Gemeindebehörden zu ver» eiicharen oder in der Presse oder in öffentlichen Versammlungen zu propagieren. Ausgenommen von dieser Bestiimnung sind ausgesprochen lokale Unternehmungen, deren unpolitischer Charakter außer jedem Zweifel steht- Ebenso spricht das Exekutivkomitee de» Wtlnsch aus, daß die Ergebnisse der Sammeltätigkeit der beiden Nationalfonds-Landeskommissionen auch weiterhin als einheitlicher Ausweis für Gesamtösterreich zur Verlautbarung gelangen." Pole«. Warschau. Eben hat man in Polen unter Beteiligung der Juden den 3. Mai gefeiert als Tag der Erklärung der Bürgerrechte für alle Einwohner des Landes. Aber noch nach 125 Jahren herrscht wenigstens bei den niederen Beamten der Bürgermiliz Intoleranz, ganz so als ob noch die Russen im Lande wären. In Warschau und Lodz soll man Juden wieder den Eintritt in die öffentlichen Anlagen (Sächsischen Garten usw.) verweigert haben, wenn sie den langen Rock tragen. Die Polen sollten aus Klugheit solche Versehen — dafür wollen wir es halten — unmöglich machen. Das kann ihnen, wenn das wirklich so ist und bleibt, nirgends außer in Rußland Synrpathien verschaffen. Die Polen sollten jetzt vor allem zeigen, daß. sie ihre neue Freiheit z>t gebrauchen wissen. Warschau. Hier fand die feierliche Eröffnung der höheren hebräischen Kurse statt. Sch. L. Gordon, Hillel Zeitlin, F. Lachower, Agronom Einhorn und Sch. Zemach dozieren. Bibel, jüdische Geschichte, Geschichte der jüdischen Literatur und der jüd. Philosophie, Naturwissenschaft, Botanik werden in hebräischer Sprache gelehrt. Die Kurse beabsichtigen als erstes die Heranbildung guter hebräischer. Lehrer. Amerika. Rew-Pork. Jacob Schiff bat aui der 7 I a h r es» verßammlung der jüdischen Landwirte die Festrede gehalten. Er sprach darin als seine Ansicht aus, daß die künftigen jüdischen Einwanderer^ sich der Landwirtschaft zuwenden müssen. Die erste Aufgabe sei, sie zu guten Amerikanern zu machen, cmd das ist in den überfüllten. Hafenstädten sehr schwer. Deshalb müssen sie sich der Landwirtschaft zuwenden. Auch sei anzunehmen, daß wenn sich der Jude wieder dem Ackerbau, der ursprünglichen Beschäftigung des jüdischen Volkes, widmen würde, ihm dann auch die Religion, des Volkes größter Schatz, ein O.uell der Begeisterung und des Jdecuismus sein werde. H. Wiere, Optiker, Lieb‘Vauensfrr 1. Brillen, Pincencz, Operngläser, Feldstecherl in jeder opt.-mechan. Splelwaren I Preislage Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Laterna-Magica, Kinematoeraption etc. Aus aller Welt. O esterr-,ich-Ungar rr Wieu In d-r öffentlichen S'tzung des Kultusvorstandes brachte der Präsident Dr. Alfred Stern, ein Schreiben des Herrn Rabbiner Dr. Nobel, Frankfurt a. M. zlcr Verlesung, in dem es heißt: „Sogleich nach meiner Rückkehr aus Wien wurde mir hier eine Adresse überreicht, die von den liberalen und konservativen Führern der Gemeinde, vom gesamten Vorstande und Repräscntantenkollegium, von der gesamten „B'nc B'rith"-Loge unterzeichnet und außerdeni von 1300 Unterschriften bedeckt war. Die Gemeinde bietet mir Garantien dafür, daß ich wie bisher schon de facto, so fortan de jtire ein Obcrrabbinat bekleiden werde, ohne den Titel eines Oberrabbiners zu führen. Die einmütige Erklärung meiner Gemeinde gipfelt darin, daß sie in meinem Weggange einen unersetzlichen Berlnst sehen würde nicht nur für Frankftlrt m M-, sondern fiir die Sache der Einheit des deutschen Judentums gegenüber den Separationsbestrebungen von rechts und links. Dies habe ich mit göttlicher Hilfe durch eine friedliche, im Sinne der Milde und Versöhnlichkeit geübte fünffährige Tätigkeit erreicht. ■ . Demgegenüber stehen die schweren Kämpfe, die fiir mich in Wien zweifellos in Aussicht sein würden. Und EcK Trauring - Eck fr'ranlKfEU’S a. 91 »Tri arische Gasse 3t Boke Tö r gesgasse,vls< ä-vls d, Hasengasse. Pf» Plnfteeh XJhrmaeher " riOlMt/Hjund GoMarbelter. Der Krieg und die Jude«. Frankfurt a. M. Stud. Adler. Sohn des Direktors Dr. Adler, ist zum Leutnant befördert worden. Der vom Kaiser zum Offizier beförderte Flugzeugführer Frankl ist Frankfurter. Ter erst im 22. Lebensjahre stehende Flieger besitzt bereits das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Nürnberg. Feldlazarettinspektor Rechtsanw. Dr. Gu stad Kahn.hat nach dem bayr. Militärverdienstkreuz 2. Kl. nun auch das Eiserne Kreuz erhalten. Breslau R>ch>>rd R>ng-Beuthen, stud. Leo Cohn, Alfred Nothmann-Kattowitz, Hugo H e Y m a n n und Referendar Fritz R o se n t h a l erhielten das Eiserne Kreuz. Wien. Bloch- „Oeste r Wochenschrift" verzeichnet in ihrer Nr. 18 folgende Auszeichnungen an Juden: 5 Ritterkreuze des Franz Josef-Ordens, 1 Militärverdienst-- kreuz 3. Klasse, 4 silberne Signum laudis, 49 bronzene Signum laudis, 16 goldene Verdienstkreuze mit der Krone, 12 goldene Bcrdienstkreuze, 53 silberne Berdienstkreuze mit der Krone, 14 silberne Verdienstkreuze, "IS silberne Tapferkeitsmedaillen. 1. Kl., 15 silberne Tapferkeitsmedaillen 2. Kl., 49 bronzene Tapferkeitsmedaillen, zusammen 237 Auszeichnungen; hiervon 61 an Offiziere des Soldatenstandes, 43 an Militärärzte und Militärbcanxte, 132 an Personen des Mannschaftsstandes.

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