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Neue jüdische Presse · 1916-05-12 · Heft 18 (12.5.1916) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 18 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. khmckstMer MrüelittfchsS FaMlieuMM. Krieges, ihrer Treue und Loyalität der Türkei gegenüber Ausdruck gegeben. Und daß die deutsche Regierung und ein großer Teil der öffentlichen Meinung die Bedeutung unserer Palästinabestrcbungeu für Deutschland erkannt hat und bestrebt ist, sie zu sördern und zu unterstützen, wissen wir aus vielen Tatsachen und Aeußerungen. Und so dürieu wir die beginnende Regeneration der Türkei und die friedliche Besiegelung ihres politischen Anschlusses an Deutschland aufs freudigste begrüßen und der Zukunftsentwickluirg, die diese Politik herbeiführen wird, auch vom Standpunkt unserer^ Hoffnungen und Ideale voll Hoffnung und Vertrauen entgegenblicken. Die Mtsck-Sevtsche Sprache.) Von Max Blatt, Frankfurt a. M. (Schluß.) X V Aus der indogermanischen Sprachfamilie Habens sich die Juden in der Diaspora dloß zwei Sprachen^ herausgesucht, mit denen sie sozusagen eine engere Verschwägerung eingingen. Das sind: im germanischen Sprachzweig das Deutsche und im romanischen das Spanische. Allerdings haben sich! die Juden in diesen Ländern länger aufgehalten und in größeren Massen gelebt. Es wäre jedoch falsch, die Sprachenassinnlierung hierauf zurückzuführen. Die Tatsache, daß die Juden die slavischen Sprachen verpönten und letztere ohne jeden Einfluß auf ihre Umgangssprache blieben, trotzdem auf Polen und Rußland die genannten Begünstigungsumstände ebenfalls angewendet werden können, spricht dagegen. Es'muß also sozusagen eine Wahlverwandtschaft ausschlaggebend gewesen sein. Das hebräische Alpha-Beth besitzt nur sehr wenige weiche Konsonanten und noch weniger Zischlaute. Schon allein diese seine Haupteigenschaften, von vielen anderen, ganz abgesehen, verleihen der hebräischen Sprache ein ganz eigenartiges Gepräge und Gefüge sowie einen besonderen charakteristischen Klang und machen cs ihr unmöglich, andersgeartete und besonders an weichen und Zischlauten reiche Sprachen mit ihren Schriftzeichen wiederzugeben. Sie hat eben zu wenig Lautbezeichnungen und ist nicht geschmeidig genug, um alle Sprünge und Lautvariationen der verschiedenen Sprachen zum Ausdruck bringen zu können. Wenn wir nun die europäischen Hauptsprachen auf ihre äußerliche Form und Lautbeschaffenheit untersuchen, fo finden wir tatsächlich, daß keine einzige unter ihnen außer der deutsch ey und in einem etwas schwächeren Maße auck) die spanische so geartet ist, um rnit den hebräischen Schriftzeichen ausgedrückt werden zu können^ Von dem slavischen Sprachen kommen hauptsächlich die polnische, russische und böhmische in Betracht. Was die polnische Sprache anbctrifft, so besitzt sie eine große Anzahl weicher Konsonanten (weühes c, 1, (lj), n, s, z, z,), viele Konsonantenzusammensetzungen (cz, drz, prz, rz) sowie mehrere andere Abweichungen, die unmöglich durch die hebräischen Schriftzeichen zum Ausdruck gebracht werden können. So enden z. B. fast , alle polnischen Zeitwörter mit dem weichen c (brac, byc, kochac, miec). Mit dem Böhmischen verhält es sich ebenfalls so, da diese zwei Sprachen einander ziemlich ähnlich sind. Die russische Sprache ist noch mehr wesensfremd als ihre genannten Schwestern. Außer den vielen Zischlauten (sh, tsch, schtsch) besitzt sic mehrere j-Ausspracheformen (ja, je, ju) und einen besonderen Weichheitslaut, die durch ihre Nachstellung dem vorangehenden harten Konsonanten eine weiche, von einem gewöhnlichen Klang meistenteils völlig abweichende Aussprache verleihen (rasdjewatj, ssjessija, Tschernj, Papenjka). Rur mit großer Anstrengung gelingt es, solche russischen Wörter mit lateinischen Buchstaben darzustellen. Das Wiedergeben derselben durch hebr. Schristzeichen ist jedoch fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wie äußerst fremd diese Sprache dem Ohre eines, Hebräers klingt, kann man sich nun .leicht denken. Was den romanischen Sprachzweig anbetrifft, so hat die altspanische Sprache, wie erwähnt, ja die Fähigkeit bewiesen, sich durch die Hebräischen Schriftzeichen ausdrücken zu lassen, weil sie ebenfalls.-im Verhältnis zu den anderen romanischen Sprachen nicht' viele weiche Konsonanten hat ) und sonst in. der Silben- und Wortbildung" det hebräischen analog ist.. Nur der Klang ist ein wesentlichanderer, weshalb auch der spauiolische Jargon, den die spanischen Juden aus der alrspanischcn Sprache äusgcbildet haben, bei weitem nicht in dem Maße das jüdische Leben beherrschte, wie es beim Jüdischdeutschen der Fall ist. Hat sich doch bei den spaniolischen Juden neben ihrem spaniolischcn Jargon das Hebräische inimer noch ganz gut selbst als. Umgangssprache behaupten können. Das Spaniolische konnte auch nur gegen die slavischen Sprachen in den Balkanländcrn sowie gegen das Türkische bestehen, niemals aber gegen das Deutsche; unter deutschsprechenden Völkern muß es immer früher oder später verschwinden. Das Italienische dagegen weistschon die vom Hebräischen abweichenden gi, ci etc. und auch sonst die dem Hebräischen fremden Endungen wie zione, tio, io sotvie die Schleiflaute gn, gl auf. Noch viel weniger, ist die französische Sprache mit ihrem Reichtum an Vokalen, weichen Konsonanten-Aussprachen, feinen Nuancen und Variationen sotvie Hinüberbindunge», Auslassungen, Nasalen etc. durch die hebräischen Schriftzeichen darstellbar. Sic besitzt ebensowenig Anpassungsfähigkeit an das Hebräische >vie an das Deutsche, sie ist also dem Hebräer irr demselben Maße wcsens f r e m d wie ihm andererseits das Deutsche Wesens verwandt ist. Daß die englische Sprache mit ihrer regellosen und wilden Silben- und Wortbildung, mit ihren Zisch-, dy, th-Lauten etc. kein Betätigungsgebiet für Experimente mit den hebräischen Schriftlichen ist, bedarf nicht weiterer Ausführungen. Anders die deutsche Sprache, Sie läßt sich ohne die geringste Schwierigkeit, wenn inan von den Diphtongcu absicht, mit hebräischen Buchstaben iviedergebcn. Sie hat nicht nrehr weiche Konsonanten als die hebr., besitzt ebenfalls keine vielseitigen und vielbesaiteten Laute, folgt einem nüchternen System bezügliche der Silben- und Wortbildung sowie deren Aussprache, sie ist ebenso wie die hebräische eine kernige, gradgliederige, harte Sprache ohne bunte Schattierungen- und Schnörkel, sie hat den -gleichen Tonfall und Klang und besitzt wie keine andere fast alle Eigenarten der hebr. Sprache. Von der deutschen sowie von der hebräischen Sprache gilt in gewissem Sinne der Satz: „Sprich, wie du schreibst," Es siel daher den Juden recht leicht, sie zu adoptieren, und heute iss dieser alte hochdeutsche Dialekt den Ostjuden derart ins Blut übergcgangen, daß die breite Masse ihn ohne weiters für die National-, Ur- und Muttersprache der Judenheit hält. Es mag in diesem Zusammenhänge auch darauf hingewiesen werden, daß die Abweichungen der Aussprache des Jüdisch-deutschen von der deutschen Muttersprache und sogar vom alten hochdeutschen Dialekt, von dem es ja eigentlich direkt abstammt, entgegen anderen Behauptungen lediglich auf den Umstand, zurückzuführen ist, daßdie hebräische Sprache, wie erwähnt, keine eigenen Vokale zum Bilden der Silben und Worte besitzt und die Juden daher seinerzeit bei der Vorbereitung des hebr. Alpha-Beths zur Ausnahme der deutschen Sprache sich notgedrungen mit Ersatzbuchstaben behalfen, wie das Alpha für a, o, etc. und dabei die Diphtong völlig unberücksicht lasseil mußten. Das hat dann hauptsächlich zu der Verstümmelung und Entstellung der Ursprungssprache geführt. Im Laufe, der Zeit, besonders als die Juden Deutschland perlassen mußten und nun ohne jede Verbindung nrit ihrem früheren Vaterlandc blieben, wurden die im hebr. Mpha-Beth an und für sich nicht feststeheicöen und.nur willkürlich gewählten Vokalbczcichnungen verwechselt und durcheinandergewürfelt. Dieser ganze Entwicklungsprozeß dürfte jedoch sicherlich, wie ich eben ausgeftihrt habe, seine tieferen Gründe in der organischen Beschaffenheit der zwei in Betracht kommenden Sprachen haben. Neben der geistigen Verwandtschaft, die möglicherweise zwischen dein Judentum und Deutschtum hinsichtlich ihrer graden, nüchternen und .tiefen Denkweise besteht, ist es meiner Meinung'nach dieser Umstaird, der auch die große Sympathie und Liebe erklärt, die die, Juden der deutschen Eigenart und Kultur trotz der oft erfahrenen unsanften Zurückweisungen stets entgegenbrachten und entgegenbringen. Nr. 18 Interessant ist es auch, daß die Ostjudcn von denslavischen und romanischen Sprachen, sowie auch von der englischen nur jene Wörter in ihre „jüdische" Sprache anfgenommen haben, die sich mit Leichtigkeit durch deutsche oder hebräische Buchstaben wiedergeben lassen; andererseits haben sie fremdartige. Eigennamen entsprechend geändert und sie dem Ausdrucksvermögen ihrer hebr. Schriftzcichen angcpäßt, sie sozusagen sich mundgerecht gemacht. . So heißen z. B. die Städtenamen Przemysl, Rzcszow ungefähr (Pschemysl, Rscheschow) in der hebräischen Schrift Premisle, Reis che. Man kann es überhauptals festen Grundsatz ausstcllen, daß jede Sprache, die'durch hebr. Schristzeichen darstellbar ist, auch mit deutschen ausgedrückt werden kann und umgekehrt. Als Laie will ich keineswegs behaupten, mit meinen Ausführungen unumstößliche Wahrheiten verkündet zu haben. Mir lag nur an der Anregung.*) - —- /\ Etwas ganz Neues über Jiddisch. /? Das Ostjudenproblein kann auch ' einem wahren Freunde der Ostjuden recht verleioet werden, wenn er 'dtwa aus irgend welchen Gründen gezwungen ist, alles zu lesen, was mehr oder weniger berufene Politiker und Tagesschriftstcller schon jetzt darüber zusammengeschrieben haben. Die armen Ostjuden können sich nicht dagegen wehren. Könnten sie cs, so würden sie sich vielleicht zu allererst gegen, die Bezeichnung Ostjuden wenden. Recht viel Interesse bringt man der Spräche der Ostjuden entgegen, dem sogenannten Jiddisch. Man darf jetzt beileibe nicht Jargon sagen und muß, wenn man sich verspricht, zur Strafe sich schnell auf die Zunge beißen, sonst bekommt man das gleich in mehrspaltigen Artikeln in den Warschauer Zeitungen „Tageblatt" oder „Haint" vorgehalten. Will man Gnade vor den gestrengen Herren in Warschau finden, dann muß man entweder eine kleine Broschüre schreiben, in der ohne vielen wissenschaftlichen Ballast die Behauptung aufgestellt wird, daß Jiddisch eine ganz eigene Sprache ist, zu mindestens eine solche wie Holländisch oder Englisch, (das sind ja auch Mischsprachen), oder man muß ein ganz dickes wissenschaftliches Werk schreiben und wird wahrscheinlich die ihre Sache sehr sicheren Jiddischisten auch daun nur für sich einnehmen, wenn man zu den von ihnen gewünschten Resultaten kommt. Der arme Heinrich Löwe, nun hat er sich in einem wirklich brauchbaren Schriftchen und in dem Ostjudenheft der Süddeutschen Monatshefte so .abgemüht, dem deutschen Lesepubliküm etwas über Jiddisch mitzuteilen. Natürlich waren diese Mitteilungen nicht für die jiddischen Philologen in Warschau, überhaupt nicht für solche bestimmt, die Jiddisch und das jiddische Schrifttum kennen, sondern nur für das allgemeine deutsche Leserpublikum, das .in angenehmer Form darüber unterrichtet werden sollte. Das hinderte Herrn Noah Prilucki nicht, unseren verdienten Mitstreiter im „Moment" recht tüchtig vorzunehmen. Der Aufsatz „Jiddisch" von Moses Calvary im ersten Heft:. „Der Jude" wird wahrscheinlich schon mehr Beifall in Warschau finden. Wir wollen uns diesen Aufsatz darum ein klein toenig näher ansehen. Calvary sagte am Schluß seiner Ausführungen: „Erschöpft ist die Frage damit (nämlich mit seinen Ausführungen) sicherlich nicht." Ich brauche darum hier in einem. Wochenblatt (das ist nicht eine Monatsschrift) diese Frage erst recht nicht ausznschöpfen und kann ebenso obenhin, oder wenn man will, so weit es mir möglich ist, geistreich dagegen plaudern. Calvary hat also bemerkt, daß das Jiddisch einen „eigen-gewachsenen Stil .hat", das ist „das Kennzeichen eines selbständigen Schrifttums". Dagegen lehnte er. die Theorie Birnbaums ab, daß Jiddisch eine Mischsprache ist. Als Sprache sec Jiddisch allerdings deutsch. Daß Jiddisch einen eigenen Stil hat, wird wohl keiner ableugnen. Aber der Stil ist in - der Hauptsache nicht direkt begründet durch die Eigenart des Ostjudentums und der jiddischen Spräche, sondern ist be^ dingt durch die im ganzen volkstümliche Art. der Literatur. Das heutige Jiddisch steht z. B. in bezug auf seine. .Theaterkunst sehr oft noch auf der Stufe *) Der Standpunkt des Verfassers ist -einseitig. .Er gibt eine rein mechanische Erklärung, ohne die sozialen Einflüsse, zu berücksichtigen.. Dann setzt er Schrift- Sprache, während die Schrift nur ein Hilfsmittel der Verständigung an Stelle' der .Spracht ist und daher ganz von der Sprache abhängig ist, sonach keinen Einfluß, auf sie hat. Die Rehäkt.

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